Ich sitze in der Bahn und schaue in den grauen Himmel. Mir wird bewusst, dass die meisten Menschen in diesem Land das Grau verfluchen. Fast in jedem Gespräch hört man einmal den Satz: “Der Sommer ist nun endgültig vorbei.” Beide nicken verständnisvoll für den anderen und begraben ihren Versuch, diesen Sommer besonders auszukosten, alles besser zu machen, wieder die/der Alte zu sein und ihre Lebensfreude zurückzuerkämpfen.
Es fängt an zu regnen. Das Dunkel-Grau im belichteten Silber kämpft im Himmel um die Vorherrschaft. Das Dunkelgrau gewinnt und dröhnt seinen Siegesknall durch die Stadt – durch unser Mark und Herz. Eine ältere Dame stöhnt “Oh nein.” bei dem Gedanken, gleich ohne Regenschirm aussteigen zu müssen. Ich schaue unauffällig in meine Tasche, bereit, ihr meinen kleinen, rosa Regenschirm einfach in die Hand zu drücken, weil ich mich auf nichts mehr freue, als darauf, dass ich gleich im dunklen Sommerregen nass werden kann – befreit und gereinigt werden kann von meiner Wut und meinem Unverständnis über die Regeln dieser Welt. Doch den Schirm habe ich nicht dabei, also seufze ich und schaue wieder raus in erregter Erwartung auf den Regen.
Die Bahn hält an der nächsten Haltestelle an. Eine Frau – ungefähr 60 – steigt ein. Schlank und groß. Größer als ich. Eher vital gekleidet, aber innerlich müde und irgendwie erloschen. Sie trägt einen Koffer mit sich und zwei große Reisetaschen, hält sich müde an der Stange vor mir fest und will ihren Kopf während der Fahrt schon ausknipsen, als ich störe und leise sage: “Wollen Sie sich vielleicht setzen?” – Sie lächelt müde und belächelt mich zugleich, als würde ich sie gerade an ihre kleine, pausbackige Tochter erinnern. Ich lege den Kopf schief, weil ich in ihrem Gesicht etwas Unbestimmtes entdecke, das mich nicht mehr loslässt.
“Nein, danke.” sagt sie. “Es geht schon, auch wenn die Koffer etwas größer und schwerer wirken, als sie sind.”
“Kommen Sie aus dem Urlaub?”, frage ich sie, obwohl eine innere Stimme mir sagt, dass diese müden, erloschenen Augen niemals aus dem Urlaub kommen. Aber irgendetwas an ihr fesselt mich.
“Aus dem Urlaub…” lächelt sie abwesend. “Nein, nicht aus dem Urlaub. Wissen Sie… Ich komme gerade aus dem Pflegeheim. Das sind die Sachen meines Vaters, ich habe sie eingepackt, er ist gerade gestorben, wissen Sie…”
Sie sieht meinen schmerzerfüllten Gesichtsausdruck, den Kloß im Hals, den ich gerade runterschlucke und will sich selber halten, indem sie sagt:
“Er war schon sehr alt.”
Ich nicke. Mein Gesicht wird ganz heiß, ich schaue schnell aus dem Fenster, um mich vom dunklen Grau kühlen zu lassen. Dann schaue ich sie direkt an und frage zaghaft:
“Sind Sie gerade im Schock oder sind Sie wirklich so gefasst?”
“Ach, wissen Sie. Er war doch schon alt. Und seit meine Mutter vor 1.5 Jahren… (sie spricht den Satz nicht zu Ende), hat mein Vater einfach abgebaut, die Hoffnung verloren. Er hatte das Essen und Trinken aufgegeben, man musste ihn dazu zwingen.”
Ich suche mit den Augen nach ihrer Hand. Ich weiß nicht, ob ich sie halten will, um ihr Kraft zu spenden oder um aus meiner eigenen Schwäche rauszukommen. Aber es bleibt nur bei der Suche, sie ist immerhin eine Fremde und ich bin ihr schon viel zu nahe getreten.
“Aber das darf man sich jetzt nicht als große Liebe vorstellen”, sagt sie beschwichtigend. “Die Beiden führten Jahrelang einen Rosenkrieg. Es war eine ständige Hass-Liebe. Ein Hin- und Her. Wir Kinder waren froh, als wir aus dem Haus waren. Aber irgendwie…” – sie sucht nach Worten. “Aber irgendwie…”
“Aber irgendwie ist auch eine Hass-Liebe sehr intensiv.”, nicke ich sie mit großen Augen an.
“Ja…”
Ich schaue wieder aus dem Fenster. Es regnet in Strömen – und mehr als vorher sehne ich mich nach dem Streicheln und Peitschen des Regens. Nach seiner Befreiung und seiner Bestrafung.
“Ich muss jetzt aussteigen”, sage ich. “Bitte setzen Sie sich doch kurz hin. Sie wirken müde.”
“Danke”, lächelt sie. “Nicht nur für den Sitzplatz.”
Sie drückt meine Hand. Der Kloß in meinem Hals überwältigt mich, doch ich halte ihm Stand, bis ich aus der Bahn rausschieße und im Regen den Kloß endlich platzen lasse. Jetzt bin ich frei…


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*dicke Tränen in den Augen hab*
Ach Momoli… *umarm*
schön, du passt dein schreiben der jahreszeit an.
Aber wir haben noch 13 Tage.
schaust du auch den Menschen ins Gesicht, wenn du in der Bahn sitzt? Ich mach das immer, dann stell ich mir ihr Leben vor. Und bin doch froh das ich mein eigenes hab.
*feuchte augen* *seufz*
so passend……. bin ich jetzt im Schock oder bin ich so gefasst……ich hoffe heute regnet es ….
Hallo Sherry!
Trotz mehrmaligen lesen von „Nähe“ und „Grau in Silbergrau“, entstehen immer wieder beim Lesen Deiner beiden Beiträge in mir für mich unbeschreibliche Gefühle.
Harri
@Araz,
ja, deshalb auch “Sommerregen”. Es wird ja gerade wieder etwas wärmer. Man kann das Wetter gar nicht mehr einschätzen. Ja, ich schaue Menschen sehr gerne ins Gesicht, versuche es aber so unauffällig wie möglich zu tun, weil ich weiß, dass sich manche vielleicht zu sehr beobachtet fühlen könnte…
@Arzu,
*flausch*
@Patryk,
machst Du im Moment Erfahrungen mit dem Tod? Kommt mir so vor…
@Harri,
dankeschön… Sind die Gefühle eher negativ oder positiv?
ja….oh ja……
PS:
Die Gefühle sind positiv.