Archiv für September, 2008
02.09.2008, 23:52
Nähe

Das Licht in der Bahn ist unangenehm gelb. Müde, resigniert, in Gedanken versunken sitze nicht nur ich und starre in die Schwärze des Himmels aus dem großen Bahnfenster, sondern alle anderen auch. Die Stille ist seltsam. Wir hören eine verirrte Wespe mitten in der Nacht summen und sich an dem künstlichen Licht zu Tode ergötzen.

Demonstrativ von allem abgewandt, was mit Spezies Mensch und unser aller beschissenem Alltag zu tun hat, schauen sich dennoch alle heimlich an. Unauffällig. Mit zitternder, weil fragiler Hoffnung. Geheim.

Ein betrunkener, älterer Mann ist der Einzige, der offen und unversteckt einen Blick in der stillen Menge sucht, der seinen erwidert. Verzweiflung zeichnet sich in seinen suchenden Augen. Ich lasse seine Suche an meinen Augen haften, indem ich ihn ansehe. Ich tu es einfach, um zu sagen… – irgendetwas zu sagen. Vielleicht soetwas wie “Hier ist jemand, der Dich gesehen hat.” Vielleicht reicht das. Er blinzelt einmal ins grelle Licht, denkt vermutlich, er habe sich meine kleine Zuwendung eingebildet, seufzt und schläft murmelnd ein.

Eine Frau steigt ein – mit einem heruntergekommenen Kinderwagen. Um diese Uhrzeit ist das ungewöhnlich, aber auch nicht mehr so ungewöhnlich. Die Kleine schläft und saugt an ihrem Schnuller. Die Mutter schaut müde und gedankenverloren raus ins Schwarze – wie wir alle. Ein junger Mann, vielleicht Türke oder Araber, der seinen Alltag darauf konzentriert, Muskeln aufzubauen und die Sonnenbänke Kölns abzutesten, blickt plötzlich auf das schlafende Baby. Vermutlich ist er versunken in das Schicksal der schlafenden Kleinen. Er lächelt in seinem Versuch, hoffnungsvoll in ihre Zukunft zu sehen. Ich lächle vor mich hin in dem Versuch, hoffnungsvoll in seine Zukunft zu sehen.

Dieser bittere Moment in der Bahn war trotz all der versuchten Abgewandtheit voneinander, einer der stillsten, intimsten Momente Fremden gegenüber, die ich seit langem erlebt habe. Das Gefühl, im selben Boot zu sitzen und nicht zu wissen, wo es stranden wird, war traurig und tröstlich zugleich. Ich bin mir sicher, sehr sicher, dass der betrunkene Mann, der junge Orientale, die Mutter des Kindes und ich alle gemeinsam einmal an Liebe, Hoffnung und den Tod gedacht haben.

Und wieder geht ein Augenblick vorbei, der – wenn er länger gedauert hätte – zu reich gewesen wäre, um wahr zu sein.

Es gibt Tage oder Phasen, in denen mir das Ordnunghalten schwer fällt. Es ist keine Gleichgültigkeit gegenüber der Unordnung – im Gegenteil – es zerkratzt meine Nerven, macht mich aggressiv, unleidlich, orientierungslos und wütend. Aber ich kriege mich einfach nicht dazu aufgerappelt, loszulegen. Irgendetwas kommt mir immer dazwischen und ist wichtiger – dabei sind es meistens nur meine chaotischen Gedanken und Gefühle.

Und jetzt kommt auch der Grund, warum ich Unordnung hasse: Oft sieht man an der Unordnung in meinem Zimmer, was bei mir im Kopf eigentlich so “herrscht” – und das ist an solchen Tagen oder in solchen Phasen eben das reinste Chaos. Ungeordnete, aus verdrängungstechnischen Gründen nicht einmal halb zu Ende gedachte Gedanken schwirren in der dumpfen Dunkelheit meiner Kopfwände umher und geistern vor sich hin. Machen “Huuuu huuuuu…”, um mich immerwieder zu erschrecken, aber weiterhin unerkannt zu bleiben. Irgendetwas in mir will einfach weder zu Ende denken, noch die Dinge dort einräumen, wo sie hingehören. Und so geben sich die Schlampigkeit in meinem Zimmer und die in meinem Kopf die Hand und ärgern mich innerlich und äußerlich von hier nach da – immer schön tretend und triezend von einer Ecke in die Andere und lachen mich aus.

Das lasse ich mir meistens nur drei Tage gefallen – und dann klatsche ich sie beide mit einer einzigen Schlag gegen die Wand und stutze sie – Chaos innen und Chaos außen – zurecht, verweise sie ihres Platzes, benenne und etikettiere sie mit einem hässlichen Stempel, der sagt: “Ich weiß, wer Du bist und was Du willst – welche Funktion Du hast und wo Du verdammtnochmal hingehörst! Punkt!”

Egal, ob die spukenden Gedanken/Gefühle oder die wirren Gegenstände in meinem Zimmer. Beiden ereilt das selbe Schicksal, wenn ich erst einmal mit dem Aufräumen beginne. Dabei ist es überhaupt nicht von Relevanz, ob ich mit meinem Kopf anfange oder mit meinem Zimmer – das Eine führt zum Untergang des Chaos im Anderen.

Heute fange ich glaube ich mit meinem Zimmer an…