Archiv für Oktober, 2008
30.10.2008, 21:37
Du vergisst

Denkst Du, ich vergesse all die Tage, an denen wir schweigend durch den Regen liefen und einander wortlos Fragen stellten, von denen wir wussten, dass keiner von uns sie je in Worte pressen, geschweige denn beantworten könnte? Hoffnungsvoll schautest Du mich dennoch bei jeder nicht ausgesprochenen Frage an – in der Hoffnung, ich sei wirklich so weise, wie Du immer dachtest. Doch ich bin nicht weise, sonst würde ich nicht fragen. Fragen, wie Du diese Tage nur vergessen konntest.

Deine wilden Locken passten sich immer Deiner Stimmung an. Wenn Du aus Nachdenklichkeit in Dir versunken warst, sanken Deine Locken mit und legten sich eng an Dein Haupt. Warst Du traurig, hingen sie matt, erschlafft und dennoch ruhelos Dein Gesicht herunter. In Deiner Freude wippten und glänzten sie wie Deine Augen – und in Deiner Wut brausten sie auf und schlugen wie wild um sich.

Denkst Du, ich vergesse all die Tage, in denen wir Stunden um Stunden Zukunftspläne schmiedeten, um unserer Gegenwart zu entkommen? Nein, das waren keine Pläne, das waren Kunstwerke, die wir malten. Wir klatschten Farben auf eine große Spielwiese, hockten uns rein, schmierten und gaben unseren Träumen Formen und wilde Farben, die wir lachend wieder verwischten, um neue zu malen. Am Ende lagen wir mittendrin, kurz der Illusion verfallen, schon morgen unser gemaltes Morgen haben zu dürfen. Wälzten wir uns nicht in den Farben rum, sogar dann noch, wenn wir erwachten und merkten, wie wir im dunklen Dreck lagen? – Doch lachend weinten wir. Denn lachend weinten wir…

Denkst Du, ich vergesse das Spiel unserer tanzenden Augen, wie sie miteinander spielten – selbst, wenn wir mürrisch und sauer aufeinander nebeneinander saßen und Deine kleinen Hände meine Sturheit rüttelten, “Sherryyy” riefen und forderten, ich solle wieder reden? Ich sah ich Dich nicht immer pseudo-genervt an und drückte müde lächelnd Deine Hand?

Denkst Du, ich denke nicht einen einzigen Tag daran, dass Du kurz nach dem Schwarz meines Lebens das Schwarz Deines Lebens erlebtest und wie auch ich heute noch davon geschlagen und getreten wirst? Denkst Du, ich vergesse?

Nein. Ich vergesse nicht. Aber Du. Du vergisst. Du drehst Dich um, gehst, verlierst kein Wort, schaust nicht zurück – und wenn, dann lässt Du es mich nicht sehen. Du vergisst, Du kehrst mir den Rücken und verlässt immer und immer wieder Deine kleinere Heimat. Du vergisst – Du vergisst einfach, wie wir unsere Hände miteinander verglichen und darüber lachten, wie klein sie sind und wie fordernd sie umher durch das Leben greifen (und sich immer wieder verbrennen) – nicht wie die Hände einer eitlen, herrschsüchtigen Frau, sondern wie die Hände eines Kindes. Du vergisst.

Doch ich, ich vergesse nicht. Weder all die gemeinsamen Fluchtversuche durch den Regen tief in unsere Farben hinein, noch Deinen Verrat. Noch Deinen Verrat. Ich vergesse nicht…

27.10.2008, 17:54
Lately…

Die Tage vergehen, die Sehsucht steigt – aber mit ihr – Gott sei Dank – auch die Gewissheit, dass am Ende alles gut wird. Denn alle Wege führen letztendlich zu… Und ich fange wieder an, dies mit jedem Atemzug zu glauben. Zu glauben und mehr.

Ich sitze hier mitten in meinen Vorlesungsunterlagen (bitte, wer kriegt das alles in seinen Kopf rein?) und überlege, wie ich die 4 WeightWatchers Punkte, die ich noch über habe, verwerte, obwohl ich keinen Hunger habe. Ein warmes Brötchen mit Honig wäre nicht schlecht, oder? Ich lasse den Ofen warm laufen.

Ach, wen interessiert das? Ich bin verliebt – verliebt in meinen Mann – und ich frage mich, ob es kitschig ist, wenn ich ihm das, da wir nun verheiratet sind, da wir nun schon so lange zusammen sind, überhaupt noch auf so pubertäre Weise zeigen sollte… Ach, was denke ich da überhaupt? Ich tu’s sowieso. Als ob ich je meinem Herzen irgendetwas dirigieren könnte. Es tut eh, was es will.

Ich schaue mir die Fotos an, die die anderen an dem Tag geschossen haben. Wie schön wir aussahen. Nicht, dass ich meinen würde, ich sei eine besonders schöne Braut gewesen – nein, es gibt weitaus pompösere und graziliere Frauen – doch wir waren so glücklich. So glücklich, dass ich, wenn ich mir die Bilder ansehe, fast denken könnte, dass die Menschen auf den Fotos dort in ihrer gedruckten Art der Existenz weiterfeiern. Und wir gehören dazu.

Mein Herz hüpft mal vor Glück und seufzt mal vor Traurigkeit. Die, die bei mir sind, wissen, wen ich vermisse… Wen so sehr vermisse.

Doch, da ich nun wieder weiß, dass alles am Ende gut wird und alle Wege dorthin führen – dorthin… finde ich Ruhe. Und Steve Wonder streichelt meine Seele dabei mit “Lately”.

Ich könnte ja mit ein paar Dingen anfangen. Vielleicht muss ich, bevor ich das positive Denken lerne, erst einmal positiv handeln – bzw. so tun, als würde ich positiv denken. Wie das gehen soll? In ganz winzigen Kleinigkeiten des Alltags. Ich führe jetzt aus, Achtung.

In den letzten Jahren sind einige Dinge passiert, die mir die “Rosa-Rote”-Brille vom Gesicht gerissen haben. Nennen wir sie “Dinge”, dabei meine ich vorwiegend “Menschen”. Ja, mir sind “Menschen” passiert, die mir die illusorische Brille niedergerissen haben – und noch mehr. Denn hätte ich einfach nur angefangen, die Dinge realistischer zu betrachten, so hätte ich diesen Personen sogar gedankt. Doch was geschah, war etwas völlig anderes: Statt rosa, sah ich schwarz. Und schwarz ist – in Bezug auf unsere Realität und unsere Welt – genauso unrealistisch wie rosa. Sind wir uns da einig?

Dieses Schwarzsichtige hat sich verändert. Langsam, schleichend, schmeichelnd. Das habe ich soeben vernommen, deshalb werde ich mich anpassen. So, nun ein paar kleine Veränderungen, die ich mir vorgenommen habe gerade. Ich werde ein paar “Neurosen” fallen lassen und durchatmen. Das heißt konkret:

1. Meinen Instinkten / meiner Intuition vertrauen. Nicht jeder Mensch wird von mir per se falsch eingeschätzt, nur weil ich ihn warmherzig und vertrauenswürdig finde. Ich werde meinem Gefühl trauen, wenn mich auch nicht direkt öffnen.

2. Meiner Fähigkeit, Dinge richtig zu erledigen, vertrauen. Wenn ich wichtige Formulare ausfülle, werde ich sie nicht mehr 10 Mal nachkontrollieren, sondern nur noch ein Mal. Meine Wahrnehmung muss nicht falsch sein, nur weil Chaos in meinem Kopf herrscht. Ich neige gar nicht ständig zu Fehlern, nur weil ich mir nicht das zutraue, was ich mir eigentlich zutrauen könnte.

3. Ich will nicht mehr das “Schlimmste” erwarten, nur um mich vorzubereiten. Viele “Vorbereitungen” auf das Schlimmste haben mir nur geschadet und mir Stunden, Tage, Wochen voller panischer Sorge und Angst bereitet – und am Ende stelte sich alles als harmloser heraus, als vorher gedacht. Nicht jede Anomalität des Alltags weist auf eine Katastrophe hin. (Natürlich gab es auch Fälle, in denen ich Recht hatte. Genau diese Bestätigungen sind es, die mir diesen Punkt erschweren werden).

4. Nicht jeder Misston oder jede andersartige Gestik und Mimik mit einem Schuss weniger Wärme meines Gegenübers findet seine Begründung in mir und meinem Verhalten. Mein Gegenüber muss gar nicht sauer oder enttäuscht von mir sein. Vielleicht ist sie genauso schlecht drauf, wie ich es manchmal bin, wenn ich grimmig durch die Gegend schaue.

5. Das Vertrauen darauf, dass ich – wenn schon nicht mehr Glück als andere haben muss (was ich aber manchmal eben doch habe) – dann wenigstens nicht mehr Pech haben muss. Das Leben meint es nicht weniger oder mehr schlecht oder gut mit mir als mit anderen auch. Betrachtet man eine ganze Lebenszeitspanne, kommt dabei vielleicht ein ganz durchschnittlicher Wert raus, was die negativen und positiven Gegebenheiten angeht.

6. Ich werde ab heute mehr Gutes erwarten, als Schlechtes. Das Schlechte ist eine Seltenheit, die Basis in meinem Leben ist eigentlich immer gut gewesen.

7. Meine Verhaltensänderung zur Einstellung werden lassen.

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Dada hat ihr Handy wieder. Ihre Androhung per SMS lautet:

“Bin back im SMS-TERROR-BUSINESS :turban:

Gott o Gott…

13.10.2008, 00:09
Wenn der Oktober Gold regnet

Wie in einem Traum rannte mir Ayse in die Arme und schrie: “Oh Gott, Sherry… Sherry.” Sie weinte und rang nach Luft. “Oh Gott…” – drückte sie mich nochmal atemlos und gab mir einen chaotischen, aber wunderschönen Strauß von rosa Rosen in die Hand. “Ich bin in meiner Pause hierhingerannt! Ich wollte Dich sehen. Dich unbedingt sehen – so wie jetzt. In weiß…” – Wir weinten – und sie musste schon wieder losrennen zu ihrer tyrannischen Chefin. Parisa stand da und strahlte, als sie mich sah. Und schon kullerten bei ihr die Tränen, bevor die Trauung überhaupt angefangen hatte. Obwohl ich sie lange nicht gesehen hatte, war alles so vertraut…

Ich kann gar nicht viel schreiben, jeder sollte so einen Tag mal erleben. Es sind noch so unglaubliche Augenblicke geschehen, die mir all die Zweifel an der Menschheit, der Welt, an der Liebe und am Leben genommen haben – wenn auch diese Wirkung abklingen wird, sobald der Alltag wieder da ist und nicht jeder Schritt wie ein Traum erscheint, so sollte man ihn so lange genießen, wie nur möglich. Manchmal bleibt man stehen, wenn man ein drückendes, ziependes “Gestell” an seinem Ringfinger spürt und ihn mit großen Augen anstarrt, sich an den Kopf fasst und laut ausruft: “Oh Gott, Schatz!!! Ich bin Deine FRAU!” – Die Antwort ist ein ungläubiges, großäugiges: “Krass… Ja… Du bist meine Frau…”

Ach, was schreibe ich da. Jeder soll selber… Dahin, wo wir vor ein paar Tagen waren und niewieder aus dem Traum aufwachen. Und das Schönste ist: Alle geliebten Menschen aus der Familie und dem Freundeskreis laufen noch Tage danach grinsend und lächelnd durch die Gegend. Tatsächlich: Liebe macht unglaublich glücklich. Grenzenloser als man meinen könnte.