Denkst Du, ich vergesse all die Tage, an denen wir schweigend durch den Regen liefen und einander wortlos Fragen stellten, von denen wir wussten, dass keiner von uns sie je in Worte pressen, geschweige denn beantworten könnte? Hoffnungsvoll schautest Du mich dennoch bei jeder nicht ausgesprochenen Frage an – in der Hoffnung, ich sei wirklich so weise, wie Du immer dachtest. Doch ich bin nicht weise, sonst würde ich nicht fragen. Fragen, wie Du diese Tage nur vergessen konntest.

Deine wilden Locken passten sich immer Deiner Stimmung an. Wenn Du aus Nachdenklichkeit in Dir versunken warst, sanken Deine Locken mit und legten sich eng an Dein Haupt. Warst Du traurig, hingen sie matt, erschlafft und dennoch ruhelos Dein Gesicht herunter. In Deiner Freude wippten und glänzten sie wie Deine Augen – und in Deiner Wut brausten sie auf und schlugen wie wild um sich.

Denkst Du, ich vergesse all die Tage, in denen wir Stunden um Stunden Zukunftspläne schmiedeten, um unserer Gegenwart zu entkommen? Nein, das waren keine Pläne, das waren Kunstwerke, die wir malten. Wir klatschten Farben auf eine große Spielwiese, hockten uns rein, schmierten und gaben unseren Träumen Formen und wilde Farben, die wir lachend wieder verwischten, um neue zu malen. Am Ende lagen wir mittendrin, kurz der Illusion verfallen, schon morgen unser gemaltes Morgen haben zu dürfen. Wälzten wir uns nicht in den Farben rum, sogar dann noch, wenn wir erwachten und merkten, wie wir im dunklen Dreck lagen? – Doch lachend weinten wir. Denn lachend weinten wir…

Denkst Du, ich vergesse das Spiel unserer tanzenden Augen, wie sie miteinander spielten – selbst, wenn wir mürrisch und sauer aufeinander nebeneinander saßen und Deine kleinen Hände meine Sturheit rüttelten, “Sherryyy” riefen und forderten, ich solle wieder reden? Ich sah ich Dich nicht immer pseudo-genervt an und drückte müde lächelnd Deine Hand?

Denkst Du, ich denke nicht einen einzigen Tag daran, dass Du kurz nach dem Schwarz meines Lebens das Schwarz Deines Lebens erlebtest und wie auch ich heute noch davon geschlagen und getreten wirst? Denkst Du, ich vergesse?

Nein. Ich vergesse nicht. Aber Du. Du vergisst. Du drehst Dich um, gehst, verlierst kein Wort, schaust nicht zurück – und wenn, dann lässt Du es mich nicht sehen. Du vergisst, Du kehrst mir den Rücken und verlässt immer und immer wieder Deine kleinere Heimat. Du vergisst – Du vergisst einfach, wie wir unsere Hände miteinander verglichen und darüber lachten, wie klein sie sind und wie fordernd sie umher durch das Leben greifen (und sich immer wieder verbrennen) – nicht wie die Hände einer eitlen, herrschsüchtigen Frau, sondern wie die Hände eines Kindes. Du vergisst.

Doch ich, ich vergesse nicht. Weder all die gemeinsamen Fluchtversuche durch den Regen tief in unsere Farben hinein, noch Deinen Verrat. Noch Deinen Verrat. Ich vergesse nicht…