In der letzten Zeit habe ich wieder sehr seltsame Träume – und ich weiß nicht, was sie zu bedeuten haben. Was um alles in der Welt geht in mir vor, dass ich solche Dinge träume? Eine kurze Traumsequenz werde ich nun aufschreiben:

Ich gehe durch die Stadt und sehe Brigitte Nielson durch die Straße stolzieren. Sie ist so groß und eindrucksvoll, wie ich sie in aus meiner Jugend noch kenne. Ich mochte sie damals schon, weil ich in ihr trotz ihrer kühlen Erscheinung immer viel Wärme und Menschlichkeit gespürt habe.

Im Traum sehe ich sie in ihrer vollen Pracht, so wie sie in den achtzigern war. Ich weiß, dass sie jetzt weit übe 50 sein müsste und eigentlich nicht so makellos und jung sein dürfte – aber das ist mir egal, ich genieße ihren geraden Rücken, ihre hochgenickte Nasenspitze, ihren unnahbaren, kühlen Blick, ihren großen Busen, ihre markanten Kopf. Ich muss gelächelt haben – ich muss lächelnd geschaut haben, als sie plötzlich fällt. Mit voller Wucht fällt sie schrecklich auf ihr Gesicht. Ich schreie auf, aber kein Ton entlockt sich meiner Kehle.

Wie konnte das passieren? Wie konnte das nur…? Sicher ist ihr nichts passiert, sie wird gleich aufstehen und über den Schmutz in ihrem Gesicht und ihren teuren Klamotten fluchen und dann weiter durch die Straße stolzieren. Ganz bestimmt, sage ich mir.

Die Szenerie verdunkelt sich – schwarze Wolken brechen auf, große schwarze Vögel fliegen schreiend-alamierend fort – und Brigitte Nielson bleibt regungslos auf ihrem Gesicht liegen. Die Menschen gehen ignorant an ihr vorbei und gehen ihrer Arbeit nach, als hätten sie die atmosphärische Veränderung in der Luft, die sie atmen, nicht bemerkt.

Irgendwann rührt sie sich. Sie wirkt so roboterhaft in ihren Bewegungen, irgendetwas stimmt nicht mit ihr. Sie richtet sich auf und berührt ihr Gesicht, berührt es nochmal und nochmal – bis sie aus bebender Brust schreit. Sie schreit so laut, als sei ihr Kind gestorben, sie schreit, bis mir die Ohren zerbersten, aber die Passanten bemerken sie nicht. Sie dreht sich um, sie schaut sich um. Ich sehe ihr Gesicht. Es ist total entstellt, alles sitzt schief. In meiner krankhaften Fantasie meine ich sogar, gesehen zu haben, wie die Stellung ihrer Augen, ihrer Nase und ihres Mundes sich vertauscht hat, ihr Gesichtsskelett verformt ist und alles dreckverschmiert ist (Blut habe ich seltsamerweise nicht gesehen). Ich erschrecke innerlich und will weinen. Ihre Schönheit, nein, ihr Leben war dahin. Für mich sieht sie aus wie eine Sterbende. Sie schreit und spricht Passanten an, rüttelt an ihnen und brüllt: “Hör zu, sieh mich an! Ich bin immernoch schön! Es ist nichts passiert! NICHTS passiert, hört Ihr?” – So geht es einige Momente lang – und die ignoranten Passanten sind genau dann nicht mehr ignorant, als ich es mir von ganzem Herzen für Brigitte N. erhoffe. Sie reißen ihre Augen und ihren Mund auf, zeigen Ekel vor ihrem Gesicht, flüchten sich weg, während sie mit voller Kraft versucht, den Menschen die Illusion von noch währender Schönheit einzureden.

Irgendwann kommt sie auf mich zu. Inzwischen schwach und matt, hilfesuchend. “Ich bin noch schön, hörst Du?”, sagt sie zu mir mit brechender Stimme. Sie ist plötzlich um soviel kleiner geworden. Die Frau, die zwei Köpfe größer war als ich, schrumpft neben mir zu einer buckeligen Frau runter. Ich küsse ihr Gesicht und sage: “Ja, Du bist noch wunderschön. Mach’ Dir keine Sorgen.” – Sie stirbt.

Hat einer von Euch eine Idee, was dieser Traum zu bedeuten hat? Das Gefühl, das in mir am stärksten ausgeprägt war, war die Fassungslosigkeit über die Fragilität des Lebens. Über ihre Vergänglichkeit. Die Vergänglichkeit von Leben, Schönheit, Glück. Ich hatte ständig Angst, jemandes Glück mit einem Finger zerbrechen zu können – allein durch meine Anwesenheit, durch einen zu langanhaltenden, bewundernden Blick, durch den einfachen Versuch, einen schönen Augenblick festzuhalten.