Der Gegenstand meiner Überlegungen in der letzten Zeit waren einige Beobachtungen, die ich im Alltag gemacht habe. Besonders fielen mir einige Situationen auf, in denen immer die selben Personen einen Hang dazu aufwiesen, sich besonders oder in besonderem Maße selbst darzustellen. Fassen wir das Thema in ein grobes Wort zusammen: Die Profilneurose.

Was ist eine Profilneurose? – Diese Frage ist gar nicht so einfach zu beantworten für mich, bedenkt man, dass jeder Mensch nach der Aufwertung oder Beibehaltung seines Selbstkonzeptes (=Selbstbild) strebt und versucht, durch die Resonanz seines sozialen Umfeldes dieses Selbstkonzept kontinuierlich bestätigt zu bekommen. Wir suchen oft die Nähe von Menschen, die uns entweder in unseren Einstellungen ähneln oder auch phänotypisch gewisse Merkmale mit uns teilen. Dies gibt uns die Möglichkeit, jemanden sympathisch oder attraktiv zu finden, dem wir ähneln. Und tun wir das, fühlen wir uns selber insgeheim (oder auch nur unbewusst) in unserem eigenen Selbstbild eines positiven Wesens bestätigt.

Wir suchen also nach Bestätigung, nach Anerkennung, nach “innerer Ruhe” in Form von Abwesenheit kognitiver Dissonanzen, die unsere Ruhe stören könnten und uns dazu auffordern würden, zu erkennen, dass wir anders sind als das, was wir denken, zu sein oder auch tagtäglich darstellen, zu sein. Der Übergang zwischen einer Profilneurose und pathologischem Narzissmus kann fließend sein. Der Übergang zwischen unbewusster Selbstdarstellung und bewusster Selbstdarstellung auch.

Manche wissen, dass sie nicht das sind, was sie vorgeben zu sein – andere wiederum empfinden zwar ein gewisses Unbehagen, aber schaffen es, durch radikalere Selbstdarstellungsmaßnahmen und die damit einhergehenden positiven Feedbackreaktionen anderer auf “diese und jene bemerkenswerte Eigenschaft” zu verdrängen.

Jede Person, die ein gewisses “realistisches” und somit gesünderes Selbstbild von sich hat, wird sich in diesen Beschreibungen schmunzelnd wiederfinden und damit klar kommen. Sein Selbstwertgefühl wird durch diese kleinen Wahrheiten nichts ins Wanken geraten. Mindestens ein bis zwei Situationen sollte man hiermit assoziieren können (wenigstens, wirklich mindestens aus der Pubertätszeit!) – und man sollte darüber lachen können. Menschen mit einer Profilneurose jedoch werden sich das hier durchlesen und sagen: “Ich? Ich nicht. Mir ist es s-c-h-e-i-ß-e-g-a-l, was andere von mir denken, ich bin immer so, wie ich bin! Immer.” – Und die Selbstdarsteller, die noch zu retten sind, fühlen sich ganz bewusst angesprochen und fühlen eine ganz bewusste Angst, irgendwann enttarnt zu werden – dabei ist der erste Schritt zu weniger “sozialer Angst” und weniger Kraftaufwand auf Kosten der Selbstdarstellung der, dass man einfach sagt: “Ja, ich vertrete manchmal ostentativ Ideale, denen ich nicht gerecht werde! Und ja, ich will Anerkennung, ich will als etwas besonderes gelten!” (In welcher Form, ist immer individuell. Manche werten sich durch ihr Wider-dem-Strom-Dasein auf, was anfänglich als besondere Autentizität hinweisen könnte).

Und? Zu welchem Typ gehört Ihr? Zu welchem gehöre ich?

Selbstdarstellungen sind eine normale Sache. Es gibt auch keinen Menschen, der in jeder Situation und gegenüber jeder Person gleich ist. Es gibt auch keine Männer, die keine Frau mit dem Arsch anschauen, weil ihnen keine gut genug ist – und es gibt auch keine Frauen, die sich nicht beim Mann ihres Herzens oder Begehrens ihres ur-instinktiven Balzverhalten im (unbewusst) nonverbalen Bereich bedienen, um sich attraktiver zu machen.

Macht Euch frei davon. Es gibt immer jemanden, der intelligenter, schöner, begehrenswerter und talentierter ist als Ihr. Und es wird immer wieder Situationen geben, in denen Ihr Eigenschaften und Gedanken an Euch entdecken werdet, die sich so gar nicht mit Euren moralischen Vorstellungen und Eurem Bild von Euch selbst in Einklang bringen lassen. Und es kommt noch schlimmer: Ihr werdet im Laufe Eures Lebens immer wieder mal Dinge tun, die Ihr bei anderen verteufelt habt und sie als Reaktion oder Projektion vehementer bei anderen bekämpft und verteufelt dennje.

Bedient Euch nicht des Kompensationmechanismus, andere hinterrücks oder direkt zu “entwerten”, um Euch selber wieder aufzuwerten oder besser zu fühlen. Blendet Eure Umgebung und Euch selbst nicht, nur um so gesehen zu werden, wir Ihr gerne gesehen werden wollt. Lügen und Unehrlichkeit tun nicht nur Euch weh, sondern auch anderen – und noch schlimmer: Sie widersprechen sich mit Euren eigenen Idealen. Bestraft Eure Liebsten nicht mit Liebesentzug, wenn sie Euch nicht so sehen wollen, wie Ihr es verlangt, gesteht Euch ein, Menschen zu sein, die manchmal aggressiv, sauer, neidisch, verbissen, unfair, fies und auch unehrlich sind. Verwendet nicht soviel Kraft darauf, Euch Gedanken über den nächsten Schritt zu machen, der Euch dazu verhelfen soll a) Eurer Eitelkeit zu schmeicheln und b) nicht enttarnt zu werden. Je eher, desto besser. Für alle.

Wir sind und bleiben immer soziale Wesen, die unser Selbst durch andere reflektieren lassen – aber wenn wir eine Stufe erreicht haben, auf der das, was wir darstellen, nichts mehr mit dem, was wir sind gemein hat und wir in unserem Kampf, diesen Spagat zwischen Ist-Persönlichkeit und Wunsch-Persönlichkeit zu leisten, anfangen psychisch zu erkranken und andere zu belasten, dann sollten wir die Notbremse ziehen und die tonnenschweren Masken ausziehen.