19.05.2009, 23:24
Belangloses
Es würde viel zu berichten geben, wenn ich zum berichten käme. Deshalb berichte ich jetzt einfach, dass zwar theoretisch viel News-Stoff vorhanden ist (zumal ich ja seit Ewigkeiten nicht mehr wirklich schreibe, zumindest nicht hier), aber ich zu nichts mehr komme. Deshalb erzähle ich mal Belangloses.
Peyman hat mir jetzt ein winziges, hübsches, schneeweißes Diktiergerätchen gekauft, weil ich inzwischen in den Vorlesungen sitze und Hausaufgaben erledige oder für anstehende Prüfungen lerne, anstatt zuzuhören, aber wegen der Anwesenheitspflicht eben anwesend sein muss. Um die Vorlesung dann doch irgendwann zwischen der Pforte der Wachheit hin zum süßen Schlaf hören zu können, habe ich jetzt Madame Noghli mit Stöpsel und MP3 Player Specials an meiner Seite. Als er damit ankam, die Hübsche aus ihrer Packung holte, strahlte ich über beide Ohren aber zeigte ihm auch gleichzeitig den Vogel mit der bedeutenden Frage: “Wie bitte soll das winzige, hübsche Ding in einem stinkenden, lauten Vorlesungssaal die dünne, piepsige Stimme der Dozentin aufnehmen?” “Das geht schon. Wart’s ab. Versuch’s gleich morgen.”
Gesagt, getan. Es klappt. Ich glaube, ich habe sogar den schleichenden Furz eines Kommilitonen drauf. Man hört regelrecht, wie er sich Mühe gegeben hat, den lauten Furz in einer komplexen Muskelentspannungsakrobatik (immer nur ein bisschen, aber bloß nicht zuviel loslassen) sanft rausgleiten zu lassen und nicht mit vollster Durchschlagkraft wie es sonst Männer gerne tun. Soll ich weiter erzählen? Nicht? Na gut. Weiterlesen… »
08.05.2009, 10:27
Persönliche Mythen
In einer kleinen Nische unseres zahlen-, formel- und experimentenlastigen Psychologiestudiums mit all den steril-wissenschaftlichen Lehrbuchabbildungen von sämtlichen Gehirnen, Augen, Ohren, Synapsen und Neuronenfeuern, gibt es ein winziges, kleines Seminar mit einem wohl großen Professor, der uns wieder zu den eigentlichen Anfängen der Psychologie bringt – nämlich der Geburt aus der Philosophie – und uns das gestresste Studium versüßt. Ich durfte dieses Seminar noch nicht besuchen, doch gehört habe ich viel davon. Und so, wie es das Glück wollte, suchte ein Kommilitone eine dringende Tauschmöglichkeit mit meinem “Gedächtnispsychologie”-Seminar – und voilá: Ich stand da, bereit, glücklich und interessiert an diesem Geschäft und schlug sofort zu.
Gleich werde ich das erste Mal hingehen. Mein Referatsthema weiß ich jetzt schon: “Persönliche Mythen”.
“Jeder Mensch ist ein Geschichtenerzähler.” Wir erzählen unsere Geschichte, um Erlebtes in Worte zu fassen – niederschmetternde sowie großartige Geschehnisse in eine Art selbstgebastelte Geschichte zu fügen, damit diese komplexe Welt und die vielleicht sinnlosen Fügungen des Lebens einen schicksalhaften Sinn ergeben. Der Mensch will sich verstehen, seinen Werdegang in Relation zu den Gesetzen der Welt als großartig oder auch sinnvoll betrachten. Der Mensch will sich nicht als statistisches Zufallsereignis betrachten, der “dieses und jenes” erlebt hat, weil die Statistik nun einmal sagt, dass irgendwer es erleben musste und er eben zufällig (d.h. ohne Sinn und Zweck) an der Reihe war.
Wir wollen uns festigen, unseren Platz im Weltgeschehen als unersätzlich und sinnerfüllt betrachten. Uns selbst eine wichtige Aufgabe zuschreiben, uns eingestehen, dass wir individuell, besonders und bedeutungsvoll sind in unserem Dasein. Weiterlesen… »
“Wenn Sie nächsten Freitag kommen würden, würde ich mich sehr freuen, Giti Khanum (Frau Giti)”, sage ich mit freundlicher Stimme, obwohl ich innerlich vor Wut am platzen bin.
“Nächste Woche ist schlecht, da sind wir schon eingeladen”, tönt es zuckersüß aus dem Hörer gerade heraus in mein genervtes Ohr. Gutgläubig – und der rhetorischen Feinheiten der persischen Konversation nicht wirklich habhaftig (sie waren mir einfach zu kompliziert) – schaue ich gehetzt in meinen Notizkalender, um einen anderen freien Tag für diese “Pflichtveranstaltung” zu suchen.
Warum ich mir das überhaupt antue, werde ich mich erst später fragen, doch die Antwort kenne ich schon: Ehre, Pflicht, das Wahren des Gesichtes. Es ziemt sich für eine Iranerin einfach nicht, der Pflicht auszuweichen, nur weil der potenzielle Gast mir nicht sonderlich wohl gesonnen ist und vor ein paar Monaten noch versucht hat, Unruhe in meiner Familie zu stiften, weil sie sich durch irgendein falsches Wort im falschen Moment beleidigt gefühlt hat und daraus eine unendliche Geschichte geflochten hat.
“Und am Samstag?”, höre ich mich selbstverständlich fragen. “Wir würden uns sehr freuen, wenn Sie uns am Samstag zum Abendessen die Ehre Ihrer Anwesenheit erweisen würden.” – und verdrehe dabei meine Augen über meine eigene, unerträgliche Verlogenheit.
Schon sehe ich in meinem geistigen Auge Großmutters Augenbraue zuckend hochgehen und ein vehementes “Naaa, Azizam…” (Nein, mein Liebling) sagen. “Yadet bashe, Mehmun habibe khodast!” (“Vergiss nicht, der Gast ist Gottes Liebling.”) “Du musst Deine Pflicht erfüllen, egal, was vorgefallen ist. Sie sollen sehen, dass wir uns von soetwas nicht verändern lassen und Gesicht und Höflichkeit wahren, weil wir ehrenwerte Menschen sind.” Weiterlesen… »
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