“Wenn Sie nächsten Freitag kommen würden, würde ich mich sehr freuen, Giti Khanum (Frau Giti)”, sage ich mit freundlicher Stimme, obwohl ich innerlich vor Wut am platzen bin.
“Nächste Woche ist schlecht, da sind wir schon eingeladen”, tönt es zuckersüß aus dem Hörer gerade heraus in mein genervtes Ohr. Gutgläubig – und der rhetorischen Feinheiten der persischen Konversation nicht wirklich habhaftig (sie waren mir einfach zu kompliziert) – schaue ich gehetzt in meinen Notizkalender, um einen anderen freien Tag für diese “Pflichtveranstaltung” zu suchen.
Warum ich mir das überhaupt antue, werde ich mich erst später fragen, doch die Antwort kenne ich schon: Ehre, Pflicht, das Wahren des Gesichtes. Es ziemt sich für eine Iranerin einfach nicht, der Pflicht auszuweichen, nur weil der potenzielle Gast mir nicht sonderlich wohl gesonnen ist und vor ein paar Monaten noch versucht hat, Unruhe in meiner Familie zu stiften, weil sie sich durch irgendein falsches Wort im falschen Moment beleidigt gefühlt hat und daraus eine unendliche Geschichte geflochten hat.
“Und am Samstag?”, höre ich mich selbstverständlich fragen. “Wir würden uns sehr freuen, wenn Sie uns am Samstag zum Abendessen die Ehre Ihrer Anwesenheit erweisen würden.” – und verdrehe dabei meine Augen über meine eigene, unerträgliche Verlogenheit.
Schon sehe ich in meinem geistigen Auge Großmutters Augenbraue zuckend hochgehen und ein vehementes “Naaa, Azizam…” (Nein, mein Liebling) sagen. “Yadet bashe, Mehmun habibe khodast!” (“Vergiss nicht, der Gast ist Gottes Liebling.”) “Du musst Deine Pflicht erfüllen, egal, was vorgefallen ist. Sie sollen sehen, dass wir uns von soetwas nicht verändern lassen und Gesicht und Höflichkeit wahren, weil wir ehrenwerte Menschen sind.”
Ich seufze. Hat Oma nun Recht oder nicht? Was ist wichtiger: Ehrlichkeit und Offenheit oder die Erfüllung traditioneller Pflichten? Während ich noch grübele, fällt mir ein, dass ich immer noch auf die Antwort Giti Khanum warte.
“Samstag? Hm. Das weiß ich noch gar nicht. Ich werde meinen Mann fragen, ob wir da nichts vorhaben, ich werde Sie anrufen und Bescheid geben.”
“In Ordnung, so machen wir das.”, antworte ich einverstanden, als hätten wir soeben eine verbindliche Vereinbarung getroffen. Und während ich tatsächlich über eine Woche auf ihren Anruf warte, “übersetzt” mir meine Oma in einem Gespräch ganz nebenbei, dass die Antwort, die ich am Telefon erhalten hatte, eigentlich eine klare Absage ist. Schockiert, aber doch nicht wirklich überrascht über meine Unfähigkeit, soetwas richtig zu deuten, stelle ich wie so oft fest, dass ich in einer rein iranischen Gesellschaft ohne “Übersetzer” vermutlich gegen sämtliche Wände laufen würde.
Wie kann es sein, dass persisch zwar meine Muttersprache ist, aber ich Vieles nicht verstehe? Ich habe keine Antwort darauf und zerstreue diese Frage recht schnell.
Zwei Wochen später. Das Telefon klingelt und ich werde – als Zeichen der Großzügigkeit von Giti Khanum – unschuldig, freundlich, selbstlos und herzlich eingeladen. Diese Einladung ist keineswegs eine freundliche Geste – habe ich gelernt – sondern dient eher dazu, mir zu zeigen, dass sie “nach allem, was ich ihr angetan habe”, trotzdem ein so “großes und reines Herz” hat, dass sie mich einlädt. Würde ich hingehen, sie würde gerade mich besonders aufopferungsvoll bedienen und verwöhnen wollen und ihren Bekannten zuzwinkern, die sie raunend bewundern würden ob ihres reinen, guten Herzens, da sie alle schon von dem, “was ich ihr alles schon angetan habe”, wüssten – wahrscheinlich in allen dramatischen, abenteuerlichen Ausführungen die es gibt. “Nein, danke!”, denke ich. Oh nein, sage ich.
“Bitte?”, fragt sie nach.
“Nein, danke.”, wiederhole ich mich und versuche mich aus dem konventionell falschen Verhalten rauszumanövrieren. Mein Gehirn läuft auf Hochtouren, meine Wangen werden rot, ich überlege, wie ich das noch retten kann und was meine Oma wohl tun würde… Doch dann werde ich wütend und werfe das Handtuch.
“Ich möchte nicht kommen. Immerhin sind Sie auch nicht zu uns gekommen. Sie haben noch nicht einmal angerufen wie verabredet, um mir bescheid zu sagen, ob Sie nun kommen und wann Sie nun kommen. Ich mag keine Ungenauigkeiten. Ich finde klare Fragen und Antworten angenehmer. Und ich finde es viel besser, wenn wir uns streiten würden, anstatt uns freundlich anzulächeln und Tarofs (Höflichkeitsfloskeln) zu verteilen, aber trotzdem zu verachten. Wollen Sie denn wirklich, dass ich zu Ihnen komme?”
“Wie können Sie soetwas sagen? Was habe ich Ihnen denn getan, außer Ihnen Liebenswürdigkeit entgegen zu bringen? Ich lade Sie doch ein – aus tiefstem Herzen – natürlich möchte ich Sie hier haben, sonst würde ich Sie doch nicht einladen. Ich bin kein Tarof-Mensch, müssen Sie wissen.”
Ich verdrehe die Augen. Ich glaube, sie hört das sogar, denn ich höre ihr Entsetzen. Ich atme tief durch und antworte mit ruhiger und nicht unfreundlicher Stimme:
“Ich komme nicht. Ich sage hiermit offiziell ab.” – Ich höre meine Oma empört aufschreien “Azizam! Liebling! Sag’ ihr wenigstens, Du seiest krank, Du hättest die Grippe, einen Unfall gehabt, einen Pickel oder sonst etwas, aber doch nicht die Wahrheit! Das gleicht einer Beleidigung!” Ich stottere innerlich, entscheide mich dennoch wieder für meinen Weg und füge hinzu:
“Ich sage ab, weil ich möchte, dass wir uns vorher einmal richtig aussprechen. Warum sollen wir einander etwas vormachen? Es sind doch gewisse Dinge zwischen uns passiert, jeder redet darüber! Wäre es nicht besser, einander irgendwann einzuladen, ohne mit den Zähnen zu knirschen?”
Sie stellt sich dumm: “Was soll denn zwischen uns passiert sein? Wer erzählt denn etwas? Ich hab’ Sie sehr gern. Sehr, sehr gern und ich möchte, dass Sie uns die Ehre erweisen.” Ich überlege kurz und entscheide mich bei der Sinnlosigkeit dieses Gesprächs einfach für Omas Version:
“Sie haben ja Recht, man sollte nicht jedem, der redet, glauben. Ich würde sehr gerne kommen, aber ehrlich gesagt, ich habe eine Magen-Darm-Grippe, die noch mindestens eine Woche ansteckend ist. Das möchte ich Ihnen und Ihren Gästen vorenthalten.”, lächle ich gequält.
Mit dieser Lüge scheint mein Gegenüber nun endlich glücklich zu sein. Sie sagt, wie sehr sie das bedaure, wünscht mir gute Besserung und spricht ihre Hoffnung aus, mich bald – nach meiner Genesung – wiedersehen zu dürfen. Ich bestätige ihr, dass es so sein wird und verabschiede mich freundlich. Ich lege auf und merke, wie anstrengend und kräftezehrend dieses Gespräch für mich war. “Es ist zwecklos”, denke ich. Ob es mir passt oder nicht, die persische Sprache allein reicht nicht aus, um all diese Feinheiten immer richtig zu verstehen. Vor allem die ältere Generation – die, in der all die alten gesellschaftlichen Konventionen fest verankert sind – gibt mir manchmal Rätsel auf.
Doch auch diese Generation ist es, die besonders liebenswert und weise ist. Die stolz und bescheiden zugleich sein kann. Die, die die besten und spannendsten Geschichten erzählt und uns mit ihren festen Wurzeln wieder zurückbringt. Vielleicht missverstehe ich Tarof – wie viele unserer jüngeren Generation auch – indem ich ihm einfach nur die Eigenschaft der Unehrlichkeit zuweise. Vielleicht ist Tarof aber viel mehr, vielleicht hat sie ihren Ursprung aus der edlen Absicht, auch seinen “Feinden” Respekt und Gastfreundschaft erweisen zu wollen, damit niemals alle Brücken zurück zu einem möglichen Frieden in Zukunft abgerissen werden. Vielleicht halten diese festen Konventionen Menschen zusammen, die im ersten Anflug von Wut und Hass, schon längst auseinandergerissen wären und nie wieder einen Weg zurück zueinander gefunden hätten, gäbe es da nicht Tarof. Vielleicht ist Tarof für eine so vielschichtige und vielseitige Gesellschaft wie die von Iran wichtig, um auf einer Ebene miteinander reden zu können, die uns verbietet, trotz so verschiedener Meinungen und Interessen, trotz des zu groß geratenen Stolzes und der Rechthaberei, Grenzen des Anstands zu wahren. Tarof ist viel mehr als eine Höflichkeitsfloskel. Richtig angewandt, rettet sie nicht nur das eigene Gesicht, sondern das Gesicht aller Beteiligten. Falsch angewandt, dient sie zur Unklarheit, Lüge, Verwirrung und noch mehr Abneigung.
Ich sehe meine Oma zufrieden nicken. “Diese Regeln sind wichtig, Azizam. Sie wahren das Gesicht, indem sie bewirken, dass wir nicht zuerst aus Wut und Hass handeln, sondern diese Gefühle unter der Höflichkeit brodeln lassen, bis sie durch unseren eigenen Anstand besänftigt werden. Diese Regeln sind wichtig, mein Liebling. So sind Iraner, musst Du wissen.”


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Hallo Sherry!
Dein Kommentar zu Deinen Beitrag „Was mir die Tage versüßt“ bestätigte mir mein Gefühl. Wunderschön.
Deine heutigen Worte erinnern mich an meine eigene Oma. Es sind weise Frauen.
Harri
Hallo Harri,
danke.
Ich habe das Glück, dass meine Oma tatsächlich noch da ist und ihre Weisheiten und Erinnerungen ihren 13 Enkelkindern und 3 Urenkelkindern weitergeben kann.
als ich den artikel auf der startseite von INN gelesen hab, wusste ich, dass er von dir ist :)
toll geschrieben (mesle hamishe).
Vielen Dank.
Ich muss dazu sagen, dass es zwecks Artikel umgeschrieben worden ist, als hätte ich das selbst am eigenen Leibe erlebt. Ich habe die Dinge aber nur indirekt mitbekommen und habe einfach in der Ich-Perspektive geschrieben.
Weissu Schatz was ich gemerkt hab was das wirkliche Problem mit dem is? Du tust das Tarof dann auch in ehrliche Menschen projizieren & niemand mehr irgend was glauben.
Als ich damals von Japan zurück gekommen bin bin ich total paranoid gewesen & hab mich ersma wieder gewöhnen gemusst dass Leuts die “ja” sagen nich in der Wirklichkeit “nein” meinen
Sehr schön geschrieben, und das ist keine Höflichkeitsfloskel.
Ich finde es erstrebenswert offen zu sagen was man denkt, auch wenn es für den Anderen nicht schmeichelhaft ist, doch ich schaffe das nie, bin echt zu feige.
Tarof hat natürlich auch den Sinn, dass man niemand vor den Kopf stoßen muss, sondern tut als würde man die Ausreden glauben. Aber ich möchte gar nichts dazu sagen, weil Du das schon sehr gut dargestellt hast.
Da ich viel gereist bin, weiß ich wie wichtig es ist, nicht nur die Landessprache zu verstehen – bin oft genug ins Fettnäpfchen getreten… besonders die Thaimentalität ist mir trotz jahrelangem Aufenthalt immer fremd geblieben, während ich mir einbilde die Inder besser zu verstehen als die Deutschen. Es ist ja eigentlich etwas vermessen, bei so einem riesigen Kontinent von „den Indern“ zu reden – die Mentalität ist natürlich von Region zu Region verschieden, und ich kann das mit Sicherheit nicht richtig beurteilen sondern nur dort wo ich Freunde gefunden habe.
Übrigens liebe ich persisch: In Indien trifft man ja alle Nationalitäten und obwohl ich kein Wort persisch verstehe, konnte ich immer sofort erkennen, wenn jemand persisch gesprochen hat, hört sich für mich wunderschön an.
@Schatz,
Tarof ist nicht die Art von Unehrlichkeit, die wir hier als unehrlich bezeichnen würden. Es ist etwas anderes, wenn man es richtig dosiert und nicht sein Leben aufgrund von Eitelkeiten danach richtet. Das lässt sich aber auch nicht einfachso erklären. Manche Dinge kann man nur “wissen”, wenn man selber in der Kultur lebt. Es ist wie Sprache. Man kann sie zwar lernen, aber viele subtile Eigenheiten wird man nie erfassen können, wenn man nicht als Mutterspracher und in der jeweiligen Kultur aufgewachsen ist. Trotzdem bin ich froh, dass wir weniger Tarof nutzen als die anderen Iraner, die ich kenne. Mir ist das zu anstrengend. Dir ja auch, wie man sieht.
Übrigens finde ich die Amis auch sehr tarofi.
@Bibbche,
ich weiß nicht, ob man das Feigheit nennen kann. Denn was geschieht letztendlich, wenn man jemandem die Meinung ins Gesicht sagt? Nichts, außer, dass er einen vielleicht nicht mehr so doll findet. Ist das Grund zur Angst? Was mir mehr Sorge bereitet bei dieser Direktheitssache ist, dass ich mein Gegenüber stark verletzen kann. Das will ich einfach nicht. Ich kriege dabei ein sehr starkes, schlechtes Gewissen.
Es gibt aber auch die andere Version. Z.B. bin ich wütend auf eine Person, aber ich rede nicht mit ihr darüber, weil ich denke, dass das den Stress, den man mit der Person dann haben könnte, einfach nicht wert ist. Ich hasse es, zu streiten. Aus einem sehr seltsamen Grund: Ich befürchte, die Kontrolle zu verlieren und einen Jähzornausbruch zu kriegen, bei dem ich dann Dinge sage und tu, die ich bereuen würde, obwohl es eigentlich die Person war, die den großen Mist gebaut hat.
Gibt es in Indien eigentlich viele Iraner? Dass die Parsen dort Iraner sind, weißt Du, oder? Das sind zarathrustrische Flüchtlinge aus der Zeit, als der Islam anfing, in unserem schönen Land zu regieren und alles bis hierhin geführt hat, wo wir heute stehen. Jenseits aller Schönheit.
Persisch ist eine schöne Sprache, da hast Du Recht. Der Klang ist es und die blumige, bildreiche Sprache dazu.
Dein Leben ist total spannend, Bibbche. Ich kann mir bei Dir überhaupt nicht vorstellen, dass Du vor irgendetwas Angst haben könntest.
Ja, Du sagst es genauer, man wird weniger gemocht, und Andere verletzen möchte ich auch nicht.
Ach ja, ich hasse es auch zu streiten, ich bin Waage und fast schon harmoniesüchtig. Du wirst es vielleicht nicht glauben, aber genau davor, nämlich die Kontrolle zu verlieren, habe auch ich Angst. Doch das passiert mir ausgerechnet immer bei den Menschen, die ich am meisten liebe. Wenn die mich verletzen, kann es passieren, dass ich sehr ausfallend werde, und ich dann plötzlich die Böse, Verletzende bin.
Natürlich die Parsen (Perser)!
Wir haben mehrere Monate in einem Ashram gelebt, streng nach den Regeln des Hinduismus. Zu der Zeit habe ich mich auch mit Zoroastrismus befasst, aber vieles vergessen. Danke, dass Du mich daran erinnert hast, kann ich mal wieder auffrischen.
Ich habe nicht so viele Iraner getroffen, zumindest keine Traveller. Mein Liebster war 1978 in Teheran, er war auf dem Weg nach Indien. Eine sehr lange Anfahrt: mit Bus und Bahn von Berlin nach Amritsar (Indien). Ich hab das leider nicht erlebt, später sind wir dann geflogen – ist weniger anstrengend, geht aber eigentlich viel zu schnell.
Als ich sehr jung war, war ich auch sehr ängstlich, doch ich habe festgestellt, dass das Leben spannender ist, wenn man die Angst überwindet, will sagen, es trotzdem tut. A meint immer, dass hätte etwas mit Mut zu tun: die Angst überwinden sei sehr mutig. Wenn man wirklich Angstlos wäre, bräuchte man ja keinen Mut.
schön dich wieder zu lesen schatz!
…
Danke, Schatz.

@Schatz
Ja Baby das hab ich dann auch gedacht mit den Amis. Nich so krass wie die Japaner gegen die sind sogar die Iraner offen & direkt… aber schon auch. Vor allem bei den Amis darf nie was negativ gesagt werden. Also die sagen nich “ich hab Kopf weh” sondern “mein Körper hat mir die super interessante Aufgabe gegeben zum nen besseres Schmerz Management entwickeln”.
LOL, echt? Depressive Menschen haben da wohl einfach keine Chance.
Um mal wieder einen aktuell politischen Bezug herzustellen:
http://ef-magazin.de/2009/06/23/1296-iran-zwei-cliquen-ringen-um-die-macht
Hallo,
ich bin keine Iranerin, habe aber iranische Freunde und war auf Besuch in Iran. Diese Geschichte ist wunderschön und sehr wahr. Leider kann ich zwar ein wenig Persisch lernen, aber um sich bei “Tarof” auszukennen…oh je.. und die Frage: wer sagt was wann ehrlich begleitet einen ..
Vielen lieben Dank für die Geschichte und die Wertschätzung, die darin zum Ausdruck kommt!