In einer kleinen Nische unseres zahlen-, formel- und experimentenlastigen Psychologiestudiums mit all den steril-wissenschaftlichen Lehrbuchabbildungen von sämtlichen Gehirnen, Augen, Ohren, Synapsen und Neuronenfeuern, gibt es ein winziges, kleines Seminar mit einem wohl großen Professor, der uns wieder zu den eigentlichen Anfängen der Psychologie bringt – nämlich der Geburt aus der Philosophie – und uns das gestresste Studium versüßt. Ich durfte dieses Seminar noch nicht besuchen, doch gehört habe ich viel davon. Und so, wie es das Glück wollte, suchte ein Kommilitone eine dringende Tauschmöglichkeit mit meinem “Gedächtnispsychologie”-Seminar – und voilá: Ich stand da, bereit, glücklich und interessiert an diesem Geschäft und schlug sofort zu.

Gleich werde ich das erste Mal hingehen. Mein Referatsthema weiß ich jetzt schon: “Persönliche Mythen”.

“Jeder Mensch ist ein Geschichtenerzähler.” Wir erzählen unsere Geschichte, um Erlebtes in Worte zu fassen – niederschmetternde sowie großartige Geschehnisse in eine Art selbstgebastelte Geschichte zu fügen, damit diese komplexe Welt und die vielleicht sinnlosen Fügungen des Lebens einen schicksalhaften Sinn ergeben. Der Mensch will sich verstehen, seinen Werdegang in Relation zu den Gesetzen der Welt als großartig oder auch sinnvoll betrachten. Der Mensch will sich nicht als statistisches Zufallsereignis betrachten, der “dieses und jenes” erlebt hat, weil die Statistik nun einmal sagt, dass irgendwer es erleben musste und er eben zufällig (d.h. ohne Sinn und Zweck) an der Reihe war.

Wir wollen uns festigen, unseren Platz im Weltgeschehen als unersätzlich und sinnerfüllt betrachten. Uns selbst eine wichtige Aufgabe zuschreiben, uns eingestehen, dass wir individuell, besonders und bedeutungsvoll sind in unserem Dasein.

Aufgrund all dieser Wünsche, entstehen in einem vorbewussten Zustand unsere persönlichen Mythen. Sie leiten sich her über Vorbilder in der Kultur (oder kulturelle Mythen) und individuelle Vorbilder (meine waren z.B. Xena, Wonderwoman und andere Superheldinnen). Persönliche Mythen werden gewürzt mit einem Lebensmotto. Sie werden angepasst an neue Handlungs- und Verhaltensweisen oder diese werden an das eigene Mythos angepasst (auf Kosten der Wahrheit natürlich), damit wir weiterhin ein Gefühl von Konformität mit uns und unserem Identitätsgefühl haben. Und vor allem: Mythen sind der Soundtrack zu unserem leben und bestimmen den Weg, den wir gehen in einem hohen Maße, ohne dass wir es merken.

Als damalige Xena-Bewundererin hätte ich es niemals geschafft, einer Person, die gerade in Schwierigkeiten war und sich einigen körperlich aggressiven Gegnern ausgeliefert sah, einfach weiterzugehen. Nein, “todesmutig”, wie Xena es war, ging auch ich mit leicht schnaufender Nase und schnellem Schritt ins Geschehen rein und zeigte eine unerschütterliche Selbstsicherheit mehreren, männlichen – wenn auch pubertären – Gegnern gegenüber und ging nicht aus der Situation raus, bevor das “Opfer” nicht gerettet war. So einfach ging es. Ich war glücklich und völlig konform mit meinem Mythos, also mit mir selbst und meinem Weltbild und dem Konstrukt dessen, was gut war und böse war – und konnte ruhig schlafen.

Heute, zehn Jahre später, als verheiratete Frau, scheine ich nun andere Leitfiguren in mir zu tragen (oder zusätzliche). Ich habe sogar innerhalb kürzester Zeit das Kochen gelernt, und das nicht nur so halbwegs gut, sondern so, dass ich meine Großmutter noch nie stolzer gesehen habe. Einige Mythen sind zerstört, einige leben weiter (Xena lässt grüßen), auch wenn nur in seltenen Situationen. Schränke und Möbel bin ich z.B. nicht mehr bereit, zu tragen, nur um es mit den männlichen Parts trotzig aufzunehmen. Ich lasse sie hilflos und augenklimpernd die Arbeit machen. Doch die Füße jucken noch immer, sobald ich einen Fußball sehe, also spiele ich noch immer mit dem Ball, jongliere, sofern es meine inzwischen rudimentären, aber trotzdem noch ausreichenden fußballerischen Fähigkeiten zulassen, mit dem Ball und schüchtere Jungs ein. (Haha)

Persönliche Mythen verändern sich, denn gerade in unserer Zeit verändern sich auch ständig und in schwindelerregender Dynamik die Anforderungen. Das Thema ist wundervoll, vielschichtig und weniger wissenschaftlich, aber gerade deshalb ein Nährboden für viele, kreative Gedanken und vor allem für Selbstreflexion und Neubewertung aller Aspekte unseres Selbstbildes.

Ich muss jetzt los und den großen Professor besuchen, der es irgendwie hingekriegt hat, sein Seminar in den Bereich Kognitive Neurowissenschaften/Wahrnehmung/Psychophysik reinzuschleusen. Das muss man erstmal schaffen. Alle Achtung.

Heute werde ich ihn nach seinem persönlichen Mythos fragen.