Ich habe Zeit, meine Gedanken schweifen zu lassen – und lande wieder bei der Psychophysik, dem Versuch, Wahrnehmung zu messen und zu formalisieren – und wie es sein kann, dass es immer mehr gelingt, um dann bei jedem Erfolg zehntausend neue Fragen aufzuwerfen. In den Prüfungsphasen denkt man nur an sein Fach, weil man ständig Wissen am verdauen ist – und wir scheinen ständig in einer zu sein. Meine Gedanken springen zur ROC-Kurve, Signalentdeckungstheorie, Retina, Fovea, Corpus geniculatum lateralis… Meine Augen werden müde. Im Schlaf sortiert es sich besser, weiß man. Ich muss lächeln, denn ich sterbe zwar wegen des Stress und des Leistungsdrucks, aber ich liebe es auch. Alles, was ich lese und lerne, erstaunt mich jedesmal auf’s Neue. Und ich bin sicher, dass das niemals enden wird. Niemals.

Die Musik holt mich ein, ich lande in einer angenehmen, warmen Gefühlsdunkelheit und fange an, in Gedanken mit dem Schlagzeuger um die Wette zu rennen. Augen zu, Klappe auf – die Farben kommen:

Zwischen dem 15. und 19. Lebensjahr muss ich meine mutigste, kopfloseste und draufgängerischste Phase gehabt haben. Ich hantierte erstmals mit 16 Jahren mit den Schminkutensilien meiner kleinen Schwester rum, die wohlgemerkt 8 Jahre jünger ist als ich. Sie war von Anfang an kreativer an sich selbst. Kein Wunder. Bei der Schönheit, die sie damals schon besaß, handelte es sich zwar nur noch um Nuancen, die es heimlich außerhalb von Papas Sichtweise zu verschönern galt, aber diese Nuancen ließen einen damals schon erahnen, wie atemberaubend ihr Porzellangesicht heute sein würde. Und es kam, wie es alle erahnten.

Ungeschickt zeichnete ich mir Linien auf mein Augenlid. “Wie macht Nadja das immer?”, fragte ich mich und versuchte, es ihr gleich zu tun.

Nadja. Sie war damals in meiner Parallelklasse. Eine Deutsche, die absolut Undeutsch aussah, weil sie ungarische Vorfahren hatte. Sie war eine erst unscheinbare, dann immer scheinbarere besondere Persönlichkeit, die jedoch dazu neigte, durch ihren Hang zum Wahnsinn, dem Wunsch nach ordinärer Normalität nachzukommen. Normalität hieß damals, dass sie rumlief, wie eine überaus knackige, prallbusige Tussi mit einem leichten Asislang und einer Goldkette, die den Blick der anderen direkt in ihr Dekolleté führte.

Wie wir uns kennenlernten? Ich wurde von meiner Lehrerin – mal wieder – aufgrund eines nicht mehr zu kontrollierenden Lachanfalls aus der Klasse gebeten. Als ich rauskam, sah ich, wie Nadja gegen die Tür ihrer eigenen Klasse trat und “FICK DICH” brüllte. Ohne je wirklich miteinander geredet zu haben, gingen wir aus unerklärlichen Gründen im schnellen Schritt aufeinander zu, sahen uns an und sie fing an, zu reden. Sie erzählte mir, wie ihr Klassenkamerad… ich weiß es nicht mehr genau. Aber ich erinnere mich daran, dass sie ihm die Eier abreißen wollte, wenn die Stunde vorbei war. Ich lachte lauthals und musste mich erst einmal auf den Boden setzen und mich ausruhen. Sie bäumte sich stehend vor mir auf und sah mich mit wütendem Gesicht von oben herab an und fauchte bedrohlich:

“Was gibt es denn da zu lachen, Sherry? Nimmst Du mich nicht ernst?”

Mir gingen tausend Gedanken durch den Kopf. Ich fühlte mich plötzlich in meiner Kämpferinnen-Ehre verletzt. Keine Mädchen wagte es, mir so die Stirn zu bieten – sogar die Jungs überlegten sich soetwas zehn Mal. Ich saß wie angewurzelt da und erwiderte ihren harten Blick, stand dabei langsam auf, ohne meine Augen von ihren abzuwenden und horchte ihrem Atem. Alles war still um uns herum. Ihr Blick hatte etwas von Wahnsinn. Mein Körper zerriss vor Verspannung, weil er vorbereitet war für den Fall, dass sie plötzlich zuschlagen wollte. Ihre Kiefermuskeln zuckten.

Ich weiß nicht, wie lange dieser Augenblick anhielt. Aber sie atmete plötzlich auf und fing an, zu lächeln. Schüchtern zu lächeln, und setzte damit eine so tiefe Melancholie in ihr Gesicht und in die Luft, die ich atmete, frei, dass ich mich augenblicklich freundschaftlich in sie verliebte. Erschrocken darüber, dass ich die Regung ihrer Seele sofort aufgefangen hatte, wich sie einen Schritt zurück. Ich tat es ihr gleich, doch dann machte ich einen Satz zu ihr und umarmte sie. Fest. Innig. Bindend. Einfachso.

Ob wir redeten, weiß ich nicht mehr. Eine von uns wurde von der Lehrerin reingerufen. Später erfuhr ich von ihr, dass sie danach die ganze Stunde lang ruhig in der Klasse saß und sogar diesem Idioten, der in ihrer Fantasie schon seine Eier verloren hatte, verziehen hatte.

Wir wurden Freundinnen. Wir hingen nicht den ganzen Tag miteinander ab, sondern nur sehr selten. Aber diese seltenen Treffen hatten die Magie unserer ersten Begegnung. Jedesmal. Nadja war ein sehr tiefer Mensch, der so liebte, dass es sie selbst zerfleischte. Doch sie hatte auch immer, solange ich denken kann, mit ihren grausamen Seiten zu kämpfen, die sie unterdrücken oder anders kanalisieren musste. Doch niemals war sie grausam gegen mich. Schwor sie Loyalität, so war sie es auch. Bis zur letzten Konsequenz.

Kopfloser als sie ging es nicht. Sie schmiss sich von einer Leidenschaft in die Nächste, von einer Enttäuschung in die andere, wog je nach Laune zwischen fünfzig und fünf-und-achtzig Kilo und ging sehr schamlos damit um. Sie ist die Einzige, die sich nie daran hielt, wenn ich sagte, ich mag keine spontanen Besuche. Sie klingelte Sturm, kam rein und machte sich in meinem Leben breit – egal, womit ich gerade beschäftigt war. Ob mit fluchen, aufräumen, weinen oder scheißen.

Ich erinnere mich noch, als wir BH’s anprobierten. Sie kam auf mich zu, packte in meine Brüste und sagte: “Ich will auch solche.” – Ich lachte, denn sie hatte eine herrliche Figur. Sie legte auf mein Lachen nur ihren Kopf schief und nickte mir zu.

Bei ihrem nächsten Besuch hatte sie größere Brüste und zeigte sie mir samt der kleinen OP-Narben.

Nadja liebte Kinder, wollte aber nie welche haben. “Meine Beziehungen sind zu krank”, sagte sie immer. “Außerdem wäre ich keine gute Mutter.” In dem Satz lag eine unüberwindbare, subjektive Wahrheit, die niemand zerütten konnte und die uns beide bedrückte.

Sie heiratete einen Türken, den sie vielleicht zwei Monate kannte. Diesmal kämpfte niemand um sie, wie es sonst der Fall war, sondern sie um jemanden. Deshalb wollte sie ihren neuen Besitz gleich mit dem Trauschein besiegeln – und er, verzaubert von ihr, sagte Ja. Damals war sie 19 Jahre alt, ich war ihre Trauzeugin. Neun Monate später kamen Zwillinge auf die Welt – die wohl Hübschesten, die ich jemals gesehen hatte. Ich wollte immer glauben, alles sei in Ordnung, doch so war es nicht. Nach ein paar Monaten trennten sich die Zwei “für einige Zeit”, hieß es am Anfang. Bis ich eine SMS bekam: “Ich glaube, er hat bemerkt, dass ich jemand anderen habe. Er hat die Kinder mitgenommen, ich glaube, er kommt jetzt hierhin, Sherry und bringt mich um.”

Ich rannte los, wie immer ohne Orientierungssinn und Auto, und versuchte ihre Wohnung zu erreichen. Angekommen, klingelte ich Sturm, schrie panisch, man solle die Tür aufmachen oder ich würde die Bullen rufen. Ich rannte ihre Treppen hoch, stieß die offene Türe auf, hechtete rein, sah Nadja im Schlafzimmer, sah ihren Mann vor mir – sah wieder Nadja und realisierte, dass sie auf dem Boden lag und aus irgendeiner Stelle blutete. Ich schubste ihn heftig weg und lief zu ihr hin. Sie war völlig niedergeschlagen, aber beschimpfte die Familie ihres Mannes, ohne jegliche Regung der Angst zu zeigen. Er kam bedrohlich schnell auf uns zu schlug auf sie ein. Ich sprang auf, packte ihn von hinten und wollte ihn zurückziehen – doch ich war nicht stark genug. Also packte ich ihn mit beiden Händen an seinen langen Haaren hoch und er zog mit dem Kopf mit in meine Richtung. Ich stieß ihn zu Boden, schrie ihn an, schrie schrie und schrie, er solle aufstehen, die feige Ratte solle aufstehen und kämpfen, wenn er kämpfen will!

“WENIGSTENS STEHE ICH NOCH, DU FEIGE RATTE! ALSO LOS!”

Ich bekam eine Backpfeiffe, die mich in die Ecke des Zimmers torkeln ließ. Ich war unglaublich glücklich darüber, Blut zu schmecken, das mir aus der Oberlippe auf die Zunge fiel, denn jetzt hatte ich eine Berechtigung, ihn wie ein wildes Tier anzugreifen. Und ich tat es. Ich weiß nicht mehr genau, was ich tat. Ich weiß nur, dass ich irgendwann seinen Kragen in den Händen hielt und Knöpfe auf den Boden fielen. Ich weiß noch, dass ich ihn immer wieder gegen die Wand knallte. Den ganzen Weg zur Haustür knallte ich ihn gegen irgendeine Wand und schmiss ihn raus. Ich überragte ihn nicht durch meine Kraft, doch er schien geschockt gewesen zu sein, gelähmt von soviel kranker Wut, dass er irgendwann aufgehört haben muss, Widerworte oder Gegenwehr zu leisten. Er schützte sich nur noch. Nadja hörte ich auch leise sagen.

“Wenn Du sie anpackst, bringe ich Dich um. Hörst Du?”

Wir schmissen in aus der Wohnung. Sie mit ihrer ernstgemeinten Drohung, ich mit meiner ungebändigten Wut. Als er draußen war, knallte ich die Tür zu, ging auf Nadja zu und gab ihr eine Backpfeiffe:

“Du dämliche Nutte. Kaum trennt Ihr Euch, holst du Dir einen Neuen ins Haus? Was ist mit den Zwillingen? Schämst Du Dich gar nicht?”

Zum ersten Mal senkte sie ihr Haupt und weinte bitterlich. So bitterlich, wie ich bis heute selten jemanden hab’ weinen hören. Ich hielt ihre Reue nicht aus, denn Nadja bereute nie. Ich hielt sie fest und weinte mit. So saßen wir gemeinsam da auf dem Boden, vor ihrem Kleiderschrankspiegel und redeten über alles. Gott, den Teufel, die Welt. Von ihrer Ehe, ihrer Unfähigkeit, eine gute Mutter zu sein, obwohl sie die Kinder liebte, von ihrem Mann, der sie zwar gerade verprügelt hatte, den sie aber immer noch liebte, von ihrem Entschluss, sich trotzdem scheiden zu lassen und ihm die Kinder zu überlassen.

All das geschah auch in den folgenden Monaten. Eine Nadja. Ein Wort. Sie trieb sich noch Jahre in irgendwelchen Versuchen, Fuß zu fassen, ohne dabei ihre Jugend und Wildheit zu verlieren. Und immer wieder kam sie zu mir zurück, um zu berichten, was sie erlebt hatte. Jedesmal sah sie ausgelaugter, trauriger, hoffnungsloser aus – aber immer hatte sie diesen Wahnsinn und dieses neckische Lächeln in ihrem schönen Gesicht. Und noch immer war sie eine sehr attraktive Frau. Jede Kurve an ihr ließ nicht zu, dass man ihr lange genug in die melancholischen Augen schaute. Und das machte sie unglücklich. Und je unglücklicher sie war, desto mehr takelte sie sich auf.

Die letzte Geschichte, die ich von ihr hörte war, dass sie sich in einen Iraner verliebt hatte, den sie – egal, was sie tat – einfach nicht rumkriegte. Das war für sie eine neue Erfahrung, die sie verunsicherte. Ich sollte ihr persisch beibringen, was ich auch tat. Aber es wollte ihr nicht gelingen, ihn zu bezirzen. Drei Monate nach dem gescheiterten Versuch, rief sie mich an und sagte mir, sie sei jetzt in einer psychosomatischen Klinik. Sie müsse wieder zu sich kommen und würde sich lange nicht mehr melden, weil sie Kontakt zu den Menschen abbrechen müsse, die bei ihr extreme Gefühle auslösten. Und ich sei so einer. Wir legten beide auf. Ich weinte – und ich weiß, dass auch sie weinte.

Seitdem habe ich niewieder von ihr gehört.

Dieses Lied widme ich Dir, Nadja. Es sollte nicht “Gloria” heißen, sondern Nadja. Wochenlang höre ich es und frage mich, woran mich dieser Song erinnert. Heute Nacht bekam ich die Antwort. An Dich.

Bitte komm’ zu mir zurück – gerne auch unangemeldet. Ich bin heute etwas langweiliger als damals, vernünftiger, ängstlicher. Aber Du wirst mich wieder daran erinnern, wie ich damals war, als ich noch nicht über die Konsequenzen meines Verhaltens nachdachte. Lass uns wieder alles um uns herum ins Chaos stürzen, um dann wieder liebevoll Neues zu erschaffen, Nadja. Ich warte auf Dich.