Archiv für März, 2010
17.03.2010, 03:29
Wie er ist

Er ist mein Geliebter. Und manchmal entziehe ich mich ihm aus Angst, ihn zu verlieren, wenn ich ihm ohne kurze Atempause ganz gehöre – immerzu ganz gehöre. Wenn ich dann von ihm weiche, schaut er irritiert um sich, als habe ihn jemand aus seinem ruhigen Schlaf geweckt. Er dreht sich um sich und versucht, sich den plötzlich kalten Wind in seinem Rücken zu erklären. Und schon bin ich da und halte ihn fest. Fester dennje. Voller Scham. Schweigend. Voll von ihm, nur von ihm und seinem festen Griff um mein ängstliches Herz.

Er ist mein bester Freund. Und wenn er ernst und konzentriert seine Brauen in die verspannte Stirn legt, weiß ich, dass er nach einem Weg sucht, mir das Leben zu erleichtern. Und wenn ich ihn frage, woran er denn gerade denkt, obwohl ich es doch weiß, will er nicht antworten, bis er seine Lösung für mich in seinen Händen hält und sie mir als Blume überreicht. Bis dahin lächelt er müde und antwortet zerstreut “Nichts, Liebste, nichts. Geh’ Du schlafen, ich bin gleich bei Dir.”

Er ist mein Mann. Und wenn man ihn nicht kennt, hält man ihn oft für unnahbar. Doch das ist er nicht. Er ist sich nur dessen bewusst, was echte Nähe wirklich ist und was man einander zu sein hat, wenn man sich nahe ist. Deshalb horcht er auf jede Gestik und Mimik, auf jede Stimmwandlung hinter jedem gesagten Satz seiner Umgebung, bevor er erlaubt, dass Menschen sich uns nähern. “Denn die Nähe zu Dir, Liebste, ist gefährlich. Dein Herz ist immer offen und Du suchst sogar im Teufel noch die Liebe Gottes.”, sagt er dann und hält seine Hände schützend auf mein Herz.

Er ist mein Held. Denn wenn ich weine, weint er mit. So ist er. So, wie er ist.

Es ist der Mittwoch irgendeines Monats, irgendeines Jahres. Ich habe Semesterferien und erinnere mich daran, einer ehemaligen Lehrerin von mir versprochen zu haben, das nächste Mal keine acht Jahre verstreichen zu lassen, bevor ich sie besuche. Die Luft ist kalt, die Sonne scheint. Tautropfen sind während der Nacht zu gemeißelten Kristallen verwandelt worden. Der Weg zur alten Schule führt durch einen großen Park, über den viele Stadtmenschen, die nach Ruhe suchen, spazieren und in einem Dialog mit ihrer inneren Stimme oder ihren Hunden einige philosophische Fragestellungen erörtern. Auch ich verspüre diese Lust und entschließe mich, das Zugeständnis an meine alte Lehrerin heute einzulösen. Die Aufregung darüber, sie wieder zu sehen, lässt mich den Weg durch den Park unwahrgenommen passieren. Ich marschiere, anstatt zu spazieren.

Ich betrete das Schulgebäude, das ich in meiner Kindheit bis zum Jugendalter fast täglich besuchte. Wunderbare Erinnerungen überfluten mich. Irre Aktionen von uns bringen mich zum schmunzeln. Ich hatte gute Lehrer. Eigenartige Lehrer, aber welche, die uns zugewandt waren und uns nicht nur mit ihrem neurotischen Korrekturstift belästigten, sondern mehr in uns sahen.

Die Wände der Schule sind bunt. Bunter als einst. Überall wird hervorgehoben, dass die Schule multikulturell ausgerichtet ist und ein Zuhause für jeden sei. Dass Migranten und Deutsche Hand in Hand gehen und gemeinschaftlich ihren Alltag bewältigen. Schwarzhaarige, blonde, dunkelhäutige, asiatische Kinder, die vorher mit großen Pinseln und großzügiger Farbsättigung an die Wände gemalt worden sind, halten sich lachend die Hände. „Bestimmt ist die Wand in einer lustigen Projektwoche unter Anleitung einer freundlichen Lehrerin entstanden“, denke ich fröhlich. Die obligatorische Fatma trägt ihr Kopftuch und hält in einem Spielkreis Michaels Hand und lacht über ihre eigene Freude. „Hier hat sich viel getan“, freue ich mich. Ich habe den Eindruck, unsere damals schon außergewöhnlich freundschaftliche Schule sei noch toleranter geworden. Die Lehrer hier müssen besonders sensibilisiert worden sein für ihre Schüler, vor allem für jene mit Migrationshintergrund. Ich spüre, wie die Vorfreude, meine alte Lehrerin zu sehen, immer mehr in mir aufsteigt. Trotz, dass es so viel neues hier zu sehen gibt, werden meine Schritte Richtung Schulsekretariat immer schneller. Ich möchte herausfinden, wo sie gerade Unterricht hat und sie überraschen. Weiterlesen… »

08.03.2010, 14:40
The Laserdance

Tatsache ist: Hätte man mich damals als Vierzehnjährige gefragt, was ich später gerne werden würde, hätte ich – wenn ich denn ehrlich gewesen wäre – geantwortet: “Ich möchte gerne kriminell werden. Ja. Ich möchte eine Meisterdiebin sein, die schön, beweglich und stark ist, und mit meiner Gang sämtliche reiche Museen oder Leute ausrauben und durch die Armenhäuser verteilen. Gerne behalte ich auch das eine oder andere schöne Schmuckstück für mich. Von irgend etwas müssen wir uns ja die High-Tech Utensilien für unsere kriminellen Wohltaten finanzieren, finden Sie denn nicht, lieber Interviewer?” – “Ja”, hätte er wohl geantwortet. “Gewiss, Frau Sherry. Was für ein guter Mensch Sie doch sind. Und so abenteuerlustig und idealistisch.” Was hätte er sonst antworten sollen? “Ist doch einfach nur edel mein Berufswunsch, oder?”, hätte ich damals gedacht. Ich war komplett davon überzeugt, dass das Geld von extrem reichen Menschen niemals in einer angemessenen Relation zu ihrer Arbeit stehen konnte. Soviel kann ein Mensch gar nicht arbeiten, als dass er als Milliardär ein Existenzrecht hätte. Schon gar nicht, wenn andere neben ihm hungern und verzweifelt nach den 10$ suchen, die sie und ihre Kinder satt machen. Arbeitete dieser Mensch denn soviel weniger? Die geschwielten Hände sprachen meist eine andere Sprache. Weiterlesen… »

04.03.2010, 04:40
Die Zeichnung

Sie nahm ihr Tagebuch wie so oft mit raus und ging ziellos durch den Lärm der Großstadt. Sie liebte das Treiben der Menschen und die Gesprächsfetzen, die sie mit ihren scharfen Sinnen aufnahm. Jede Belanglosigkeit ihrer Gespräche war wie ein kleiner Hauch auf ihren müden Wangen, die lange nicht mehr gelächelt hatten. Vernahm sie in der Geräuschkulisse Einzigartiges oder auch nur Rares, verfolgte sie die Fährte der Stimmen, näherte sich ihrer Quelle, hielt die Luft an, machte sich unsichtbar und horchte. So lief das immer. Es war ihre scheue Art, mit anderen Menschen zusammen zu sein.

Sie hatte einige Tage in ihrem Schlafzimmer verbracht. Die Fenster waren abgedunkelt, ihr Kopf schmerzte und ihre Erinnerungen ließen nicht von ihr ab. An vielen Tagen war sie sich ihrer selbst so überdrüssig, dass nicht einmal ihre geplante Weltreise ihr genug Zuflucht bot. Sie wusste, egal wohin sie auch gehen würde, ihrer Selbst würde sie sich niemals entledigen können. Doch genau das brauchte sie: Nicht mehr sie selbst sein. Einfach nicht mehr sie selbst sein. Also stürmte sie kopfüber raus aus ihrer Einzimmerwohnung und suchte – ja was eigentlich? Sie wusste es nicht.

Draußen vernahm sie diesmal nichts Besonderes. Vielleicht lag es am Wetter. Es war zu sonnig, die Menschen zu sorglos und die Gespräche zu oberflächlich. Man diskutierte über Bier und in welcher Temperatur es am besten schmeckte. Die jungen Frauen kokettierten mit ihren bunten, kurzen Kleidern und ihren gebräunten Beinen. Eine wohlige Faulheit übergoss sich über ihre Köpfe, man genoss wort- und sorglos, lust- und genussvoll den Tag – und alle dachten, das Leben würde von nun an immer so sein. Weiterlesen… »