Mensch 1:

Er hat keine Haare auf dem Kopf. Auf dem ersten Blick erkenne ich nicht, ob sie ihm alle ausgefallen sind oder ob er sie wegrasiert hat. Er ist dunkel, hat einen französischen Akzent, spricht weich und klingt energisch. Er redet in einem unaufhörlichen Fluss mit seiner Frau – oder ist sie seine Freundin? Er gestikuliert wild mit seinen Händen, als würde er flehen, als würde er betteln, als wolle er schreien. Er ringt nach Worten. Auf Französisch, auf Arabisch, auf Deutsch – und auf Seelisch; bis er den Atem anhält, seinen verbalen Fluss stoppt und kurz darauf anfängt zu weinen. Er wird lauter. Er schluchzt. Er hört nicht mehr auf. Er setzt sich auf den Boden – und die Worte, die er sich abringt, sind unverständlich. Sind es überhaupt Worte oder doch die Ur-Laute, die Neugeborene von sich geben, wenn sie nach der Brust und der Geborgenheit der Mutter rufen? Seine Frau wiegt seinen Kopf an ihre Brust und weint mit. Er wird ruhiger. Wie ein Neugeborenes an der Brust seiner Mutter.

Ein anderer Tag – der selbe Ort. Er spricht mich an:

„Woher kommen Sie?“
„Ich bin Iranerin. Sie?“

„Ich bin Algerier… Ich schlafe nicht mehr, wissen Sie? Ich kann einfach nicht mehr schlafen. Ganz plötzlich. Ich kriege sogar starke Schlaftabletten. Aber nur mein Kopf wird komisch und durcheinander, mein Körper wird müde, ich atme schlecht, aber ich kann nicht schlafen.“

Er schaut mich fragend an – ich schaue fragend zurück. Meine Gedanken verpurzeln sich von der Gegenwart in die Vergangenheit und wieder zurück zu ihm. Ich sehe ihn in meinem inneren Auge, seine absolute Unwissenheit über sein Zustand berührt mich so sehr, dass ich innerlich sinke. Mein Mund bewegt sich und sagt etwas – irgendetwas. Ich weiß in jenem Moment nicht, was – aber er spricht:

„Sie haben eine schwere Depression, nicht wahr?“

„Nein, ich bin überhaupt nicht depressiv! Ich habe keine Gedanken, gar keine. Ich fühle auch keine Trauer. Ich fühle nichts. Ich vermisse meine Tochter. Es gibt keine Hoffnung mehr für mich. Für mein Leben. Verstehen Sie?“

Ich nicke und höre mich sagen, dass ich eine Wette mit ihm eingehe. Nämlich, dass es ihm in genau zwei Wochen besser gehen wird. Er glaubt mir nicht und lacht:

„Sie sind komisch… Oder heißt das witzig? Witzig, oder?“, er wirkt etwas amüsiert, fast als würde er über meine Naivität spotten.

„Komisch passt auch!“, lache ich, verabschiede mich und gehe.

Mensch 2:

„Ich heiße Dilara! Und Du?“, mustert mich die Frau, dessen Alter ich nicht einschätzen kann, neugierig.

„Ich heiße Sherry“, antworte ich.

„Sherry? Woher kommt der Name?“, ihre Augen glänzen. Ich versuche, ihr Alter zu schätzen. Ihr Gesicht ist noch recht jung, die Furchten sind flach und ihre Augen glänzen. Aber ihre Haare sind komplett ergraut und spröde; das Bild ist unstimmig. Ich bin irritiert, bis ich sie hüsteln höre. Sie wartet noch immer auf eine Antwort.

„Der Name… Ach, das ist ein Spitzname. Ich habe einen sehr schwierigen, persischen Namen, den kann niemand aussprechen! Deshalb Sherry!“, versuche ich das Thema zu wechseln.

„Perserin? Ihr seid Schi’iten, oder? Wir sind Sunniten. Ich bin Türkin. Aber das ist egal. Moslem ist Moslem“, sagt sie aufgeregt.

„Mensch ist Mensch“, erweitere ich ihre Erkenntnis und stoße auf große Zustimmung.

„Weißt Du, warum es mir so schlecht geht? Vor fünfzehn Jahren ist mein Vater gestorben, seitdem bin ich nicht mehr Ich. Verstehst Du? Sherry, ich habe seitdem so viele Krankheiten, das kannst Du Dir gar nicht vorstellen. Ich kann ohne meinen Papa nicht leben! Schau mal meine Haare, ich bin erst 35 Jahre alt, seit zehn Jahren sind sie grau“, sagt sie mit gebrochener Stimme. Ihre Augen füllen sich mit Tränen. Ich weiß nicht, ob ich wegschauen soll, um ihr die Verlegenheit zu nehmen oder sie anschauen soll, damit sie weiß, dass ich sie fühle. Ich entscheide mich für Zweiteres und sie erzählt von ihrem Papa. Sie holt aus ihrer Tasche einen alten Walk-Man heraus und sagt:

„Er funktioniert nicht mehr, aber ich kann ihn einfach nicht weglegen. Mein Papa hat ihn mir damals geschenkt“, und schaut haltsuchend durch die Gegend.

„Ich verstehe…“, antworte ich. Sie drückt einfach meine Hand und sagt, dass sie wusste, ich würde sie verstehen. Gott habe ihr gesagt, ich würde sie verstehen. Ich höre ihr noch eine Weile zu und gehe.

Mensch 3:

Sie ist klein und sehr schlank. Ihre Haare sind weiß und wild und ihr Teint ist dunkel. Sie hat etwas sari-ähnliches an und kommt hektisch auf mich zu und setzt sich an den Tisch.

„Du hast schöne Haare, Kind“, sagt sie mit einem verschmitzten Lächeln und fasst sie an. Ich lächle verlegen und bedanke mich höflich. Sie mustert mich kurz und fängt an zu erzählen:

„Nein, ich bin keine Inderin! Das denkst Du doch, oder? Das mag ich nicht, wenn man mich Inderin nennt. Ich bin aus Sri Lanka. Also bitte nicht verwechseln, okay?“ Je aufgeregter sie klingt, desto stärker wird ihr für mich indisch klingender Akzent.

„Okay!“, antworte ich und nicke deutlich, damit sie auch sieht, dass ich diese wichtige Message niemals vergessen werde.

„Ich bin hier, weil mein Mann versucht hat, mich umzubringen! Ich habe so laut geschrien, Gott sei Dank haben mich die Nachbarn gehört und haben die Polizei gerufen. Die haben mich jetzt zur Sicherheit hierhingebracht, damit mir nichts mehr passieren kann, verstehst Du? Mein Mann ist völlig verrückt!“ – Ich nicke.

„Ich bin Künstlerin, Kind! Ich male, verstehst Du? Warte, ich zeige Dir mein Malbuch.“

Sie kramt in ihrer Tasche und holt ein Buch heraus, öffnet es – und tatsächlich – dort sind ein Künstlerportrait, ein Foto und ihre Biografie abgebildet. Sie reicht mir das Buch wie als würde sie einen geheimen Schatz in meine Hände legen. Gespannt blättere ich die Seiten durch und entdecke ihre Art des Sehens.

Die Bilder sind alle in Schwarz-Weiß. Kurz denke ich, das seien Fotos und keine selbstgemalten Bilder, weil sie so anfassbar, so lebensecht wirken. Doch jedes Bild ähnelt in einem ganz bestimmten Aspekt allen anderen, auch wenn die Kulissen sich unterscheiden: Die Menschen, Gegenstände, Tiere, Roboter liegen in jedem Bild alle aufeinander, versammelt, gestapelt, zerdrückt und zerstört auf einem Haufen. Als habe man sie weggeworfen. Liegengelassen auf einem Schrottplatz.

Manche Menschen und Tiere leben noch trotz amputierter Gliedmaßen, manche nicht. Manche haben ein geöffnetes Auge und schauen in den Himmel, manche sind bis ins Unerkenntliche zer-malt. Die Roboter sind verrostet, die Tiere sind Waisen. Auf einem Bild gibt es nur einen Haufen Autos; aber selbst die Autos leiden auf diesen Bildern. Sie sehen abgenutzt aus von diesen Menschen, die sie weggeworfen haben. Heimatlos warten sie auf ihr Ende. Alle ihre Bilder sprechen von Einsamkeit, Leid und Verstümmelung. Ich schließe das Buch, sage ihr kurz, wie bemerkenswert sie malen kann und verabschiede mich von ihr. Ich brauche frische Luft.

Mensch 4:

Sie ist zwischen siebzehn und dreißig Jahre alt. Sie hat gebräunte Haut, stechend blau-grüne Augen – ohne dass sie kalt wirken – und welliges, naturblondes Haar. Die Haare sind unordentlich zusammengebunden. Auf ihrem Handrücken hat sie eine schwarz-gelbe Tätowierung. Ich kann nicht erkennen, was sie darstellt. Ein paar Menschen und ich sitzen dort an einem runden Tisch. Wir essen Plätzchen und unterhalten uns.

Mitten in einer Diskussion kommt sie geradewegs auf uns zu und fragt mit einer so zierlichen Stimme, ob sie sich zu uns setzen darf, dass alle plötzlich leise werden, um sie zu verstehen. Ich nicke und biete ihr den freien Stuhl an. Ich bemerke ihren Blick auf die Plätzchen und reiche sie ihr rüber. Sie versucht, sich zusammen zu reißen und nur eines zu nehmen. Es kostet sie Kraft. Ich bedeute ihr, dass wir alle genug gegessen haben, sie soll ruhig mehr nehmen. Sie nickt und lächelt, scheint sich zu genieren, aber sie isst alle Plätzchen auf.

Der Tisch leert sich, jeder geht seines Weges. Ich bleibe sitzen, denn ich möchte sie nicht alleine lassen. Ich möchte sie ergründen. Sie wirkt verloren und gefangen in einem. Sie redet über die Plätzchen und wie unglaublich lecker sie schmecken.

„Ich habe noch ein paar Mini-Snickers“, sage ich so laut, als wäre mir etwas sehr wertvolles eingefallen. Sie freut sich im ersten Augenblick, damit sie im zweiten schon wieder verlegen nach unten schauen kann und sagt, dass sie keinen Hunger mehr habe. Doch ihre Augen bitten um die neue Nahrung.

„Ich kann sie eh nicht essen. Ich darf nicht. Ich muss abnehmen“, beteuere ich. Sie lächelt schüchtern und zeigt ihre Freude über die Snickers, die gleich ihr gehören würden. Ich bringe ihr zwölf Stück und lege sie auf den Tisch, die sie – während wir in einer Unterhaltungs- und Schweigephase hin und herwechseln – allesamt isst. Immer wieder schämt sie sich für ihren „Appetit“. Aber es ist kein Appetit, denke ich, es ist viel eher eine erlernte Angst davor, nicht zu wissen, wann man je wieder zu Essen bekommt und deshalb alles in sich reinisst, was man in die Finger bekommt.

Mein Handy klingelt. Ich gehe ran. Es ist Peyman – und wir sprechen persisch. Als ich auflege, wird sie ganz lebhaft und fragt:

„Was ist das für eine Sprache? Das hört sich gar nicht wie türkisch an.“
„Das ist es auch nicht. Es persisch“, antworte ich.
„Persisch… Es hört sich so schön an. Ich möchte unbedingt persisch lernen.“

Kurz verläuft sie sich in ihre Träume und ich nutze die Chance, sie näher anzusehen. Ihre Augen sind glasklar, ihre Hände sind im Vergleich zu ihrem zierlichen, aber sportlichen Körper, groß und rauh. Auf ihrem Rücken hat sie einen großen Verband und ihre Kopfhaltung zeigt Scheu aber auch die Fähigkeit, aggressiv zu werden, wenn es sein muss.

Sie holt mich mit den Worten „Bitte sprich nochmal persisch“ aus meinen eigenen Gedanken heraus. Ich tu‘ ihr den Gefallen und sie zeigt sichtlich Freude daran, mir Wörter und Sätze nachzusprechen. Als ich mich verabschiede, sagt sie mir fest entschlossen, dass sie persisch lernen wolle und dass ich „wunderschön“ sei.

Herzensschöne Menschen trifft man immer wieder mal vereinzelt durch die Welt gestreut – wenn man Glück hat. Das kennen wir alle: Wir begegnen einem Menschen, der plötzlich diese eine Nuance länger in Deine Augen schaut, wenn Du redest, der dieses eine herausragende Mitfühlen Deiner Situation hat, der einen Blick von Dir tausendmal besser deuten kann als all die besten Freunde, die Du hast.

Doch warum – frage ich mich – findet man sie in so gehäufter, dichter Ansammlung ausgerechnet in einer geschlossenen, psychiatrischen Klinik? (Ja, das ist der Ort, an dem ich all diese Menschen getroffen habe. Ich hatte es nicht erwähnt, damit Ihr lieben Leser/innen unvoreingenommen bleibt.)

Ist das der Grund, warum ich mich zum Beruf des Klinischen Psychologin so hingezogen fühle? Weil ich intuitiv weiß, dass man dort Menschen „anderer Art“ findet? Menschen, die sich durch ihre höhere Verletzbarkeit, tiefere Emotionalität und ihrer größeren Aufopferungsbereitschaft in eine Situation gebracht haben, in der Körper und Seele versagt haben? Ich weiß es nicht. Ich kann nur sagen, dass ich mich – obwohl ich dort nur als Praktikantin tätig bin und mich mit ihnen aus einer „distanzierteren“ Position heraus beschäftige – ihnen sehr nahe fühle.

Mensch 1 – der Algerier – bekam tatsächlich die Diagnose „Schwere depressive Episode“ gestellt. Er hatte eine wundervolle Frau und eine vierzehnjährige Tochter, die ich kennenlernen durfte. Anfangs wollte er sie nicht sehen, denn er hatte Angst, er würde sie mit seiner Krankheit „anstecken“. Er hatte keinerlei Hoffnung, konnte nicht schlafen und stand allein deshalb ständig kurz vor einem Nervenzusammenbruch. Zwei Wochen später ging es ihm – wie vorausgesagt – viel besser und er konnte sich nicht erklären, wie er so sehr vom Leben hatte ablassen wollte. Heute will er leben, reden und gesund werden.

Mensch 2 ist gestern entlassen worden. Sie ist therapieresistent und kann nur noch medikamentös stimmungs-stabilisiert werden. Doch das reicht völlig aus, um sie alltagstauglich zu machen. Über das Trauma, das sie vor fünfzehn Jahren erlebt hat, wird sie wahrscheinlich nie hinwegkommen. Denn für sie heißt Verarbeitung und das Hinwegkommen über den Tod ihres geliebten Vaters nichts anderes als Verrat. Erst, wenn sie verstanden hat, dass Loslassen nicht mit Ent-Lieben gleichzusetzen ist, wird es Hoffnung für sie geben.

Mensch 3 ist durch einen übermäßigen Kokain-Konsum an einer paranoide Schizophrenie erkrankt. Sie wurde nicht „an diesen Ort“ gebracht, damit sie vor ihrem Mann geschützt wird, sondern weil ihr Mann niemals versucht hat, sie zu ermorden – aber sie völlig davon überzeugt gewesen ist, dass er gerade dabei war, es zu tun. Ihre Schreie waren so laut, dass die Nachbarn einfach die Polizei gerufen haben und der Ehemann den Krankenwagen. Sie ist Künstlerin. Ihr geht es heute besser. In ihrer paranoiden Welt war es völlig normal, fast Opfer eines Mordes geworden zu sein, aber den Fast-Mörder anzurufen und ihn darum zu bitten, sie doch bald endlich besuchen zu kommen. Den Sinn für die „Realität“ hat sie heute wiedergefunden.

Mensch 4 hat lange Zeit auf der Straße gelebt. Sie ist freiwillig in die Geschlossene gekommen und hätte auch jederzeit wieder gehen dürfen, hätte sie nicht diesen Fluchtversuch durch die Fensterscheibe gewagt, die sie selber zerschlagen hat. Ihre lange Narbe hat sie sich beim Versuch, durch die zerschlagene Scheibe zu klettern, zugezogen. Es müssen die Entzugserscheinungen gewesen sein, die sie dazu zwangen, auszubrechen. Die freiwillige Einweisung sollte der Anfang ihres neuen Lebens markieren.

Gestern kam sie auf mich zu und bat mich wieder darum, persisch mit ihr zu sprechen. Und wieder sagte sie voller Überzeugung, dass ich ein unglaublich schöner Mensch sei. Vermutlich verwechselt sie die Sprache mit meinem Gesicht.

Eine Welt – und so viele verschiedene Spuren in der Seele. Und noch immer frage ich mich, warum es ausgerechnet die schönsten Menschen sind, die eine so große Angriffsfläche der Realität zum Fraß vorwerfen. Aber vielleicht ist das die einzige Möglichkeit, sein Dasein offen zu zeigen, ohne unter Masken verbuddelt zu sein.