Immer, wenn ich unterwegs bin, beobachte ich die Menschen sehr genau. Ich kann gar nicht anders, ich tu’s. Es gibt Dinge, die sehe ich – und sie machen mich nicht nur nachdenklich, sondern richtig wütend. Manchmal wünsche ich mir dann, ich sei eine Diktatorin – eine Wohlgesonnene – aber eben eine Diktatorin. Eine, die endlich mal richtige Erziehungsziele formuliert, damit die Pädagogen sich dann an die Arbeit machen können. Diese Gesellschaft, in der wir leben, braucht eine Umerziehung, ob man’s wahrhaben möchte oder nicht. Sie zersetzt sich und ihre Moral seit Jahren schon selbst – und alle nennen diesen Trend: Freiheit. Was für eine Freiheit?, frage ich mich. Die Freiheit, sich von dem, was uns als moralisch denkende Menschen ausmacht, zu entfernen?
Gestern an einer Bahnhaltestelle: Ich möchte in die Bahn einsteigen, Richtung Uni. Eine alte, etwas gebrechliche Frau steht vor mir und ein paar anderen jungen Menschen. Weder verringern sie ihr Tempo, noch signalisieren sie ihr, sie solle sich Zeit lassen. Eher stöhnt und guckt man genervt, drängt nervös und tippelt mit den Füßen, manche zeigen ihre omnipotente Präsenz auch, indem sie in dem Gedränge etwas Druck mit ihrem Körper ausüben. Die alte, gebrechliche Frau – die plötzlich so klein wirkt, dass sie hätte als Mäuschen durchgehen können – übernimmt diese aggressive Nervösität, wird hektisch, versucht ihr Bestes, aus ihren alten Gliedern noch Schnelligkeit herauszupressen – aber es gelingt ihr nicht. Fast verliert sie ihr Gleichgewicht. Fast. Ich lege ihr meine Hand auf den Rücken, sie schaut gehetzt und panisch zurück, hat Angst, ich wolle sie berauben, ihr schaden, sie in die Bahn stopfen oder werfen, aber ich lächle sie an. Ich sage mit ruhiger Stimme: “Lassen Sie sich Zeit.” Sie lächelt schüchtern zurück und gibt weiterhin ihr Bestes, so schnell wie möglich ohne ernsthafte Verletzungen hoch in die Bahn zu kommen. Ich helfe ihr.
Gestern an der großen Kreuzung. Die Ampel zeigt grün: Die Massen bewegen sich zur anderen Straßenseite. Ruhe-, bedenken- und sorglos bewegen sie sich in einem für Schwache bedrohlichen Strom mit starken, pochenden Impulsen nach vorn’. Ich sehe wieder eine alte Frau. Sie wirkt zwar nicht so gebrechlich wie die Erste, aber sie bewegt sich langsam, behutsam, bedächtig. Sie ist mit allen anderen losgegangen und wollte sich diesem schützenden Strom anschließen. Als sie aber von ihm überholt worden ist, zweifelt sie auf halbem Wege. Sie fragt sich, ob sie es noch schafft, rechtzeitig über die Straße zu kommen. Da es sich um eine breite und viel befahrene Kreuzung handelt, bekommt sie Angst. Der Strom, der sie hätte in irgendeinerweise mitnehmen müssen, ist schon längst fortgeflossen. Sie steht da allein in einer kahlen Straße und zum Losfahren bereiten Autos, die ungeduldig mit dem Gaspedal spielen. Sie überlegt hektisch: “Zurück oder den Weg zu Ende gehen? Zurück oder…” – Ihre Entscheidungsdiffusion bringt sie zum Erliegen. Sie bleibt einfach stehen.
Auf der anderen Straßenseite angekommen, genauso unbedacht und blind wie die anderen, sehe ich die Situation noch, gehe behutsam auf sie zu, lächle, als sei alles in Ordnung und biete ihr meinen Unterarm an, bei dem sie sich auch glücklich einhakt. Ich sage ihr ganz sorglos, dass diese Autos da warten müssen, egal, was die Ampel sagt. Und dass niemand Lust hat, ein Menschenleben auf dem Gewissen zu haben. Sie lacht herzhaft und sagt “Danke Kind. Sie sind so nett!” Am sicheren Ufer angekommen, lasse ich sie langsam los und gehe weiter.
Das ist allein gestern geschehen. An anderen Tagen sehe ich ältere Menschen, die respektlos die genervten Gesichter und Reaktionen über sich ergehen lassen müssen und sich täglich darüber bewusst werden, dass sie eine Last für diese Gesellschaft sind. Dass sie – obwohl die meisten von ihnen viele Kinder auf die Welt gebracht, großgezogen und hart geschuftet haben – einfach nicht mehr gebraucht werden. Wenn man irgendwo etwas kürzen will, um die Kosten des Staates zu verringern, fängt man erst bei diesen “Hinterbliebenen”, diesen nutzlosen Resten der Gesellschaft an: Den alten Menschen. Was auch immer sie geleistet haben, was auch immer es war, das ihre damals jungen Händen hat zu alten, müden, orthopädisch verrenkten Gliedmaßen werden lassen, das hat für die schnelllebige, Jugend-liebende, leistungsorientierte Gesellschaft keinen Wert mehr. Auch, wenn sie aus dem Schoße solcher “Greise” kommt, es interessiert niemanden. Denn rein nach dem Taschenrechner ginge es ohne sie besser.
In der Schwerstpflege (Gesundheitswesen) werden alte, demente Menschen quasi “abgestellt” vom Pflegepersonal, weil man sich einredet, sie würden vom Leben und vom körperlichen Schmerz sowieso nichts mitbekommen. Untergewichtige, essensverweigernde Bewohner ohne die Fähigkeit, für sich und ihren Körper zu sprechen, werden trotz der körperlichen Überforderung den ganzen Tag auf den Rollstuhl gesetzt, damit sie im Bett nicht unruhig werden, nicht ins Bett machen, nicht schlafen, um dann zur gemütlichen Nachtschicht dann doch wieder wach zu sein. Einige Einrichtungen, die weniger Geld zur Verfügung haben und das etwas ändern wollen, raten den Angehörigen von Essensverweigerern (was einfach nur ein Zeichen dafür ist, dass der Körper sich zum Sterben vorbereitet) zur Magensonde. Damit kann ein Körper, der nichts anderes will, als endlich zu sterben und sich von seiner Gebrechlichkeit zu lösen, um weitere, künstliche Jahre aufrechterhalten werden. Das so schon schlechte Gewissen von Verwandten ist hier leicht zu manipulieren, sie willigen ein und denken, sie tun das Beste für ihre Eltern oder Großeltern.
Pflegepersonal, das nicht mitzieht und den Bewohnern Zuwendung und Wärme schenkt, wird versucht, “auf Linie” gebracht zu werden. Denn auf neue, bessere “Standards” will man nicht stoßen, das würde ja noch mehr Zeit kosten. Und das eigene, komatöse Gewissen soll durch liebevolle Pfleger nicht erweckt werden, sonst kann man nicht mehr ruhig schlafen. Und wieder: Wenn der Staat kürzt, dann im Gesundheitswesen und bei den alten Menschen. Pfleger sind unerbesetzt, überfordern sich, lassen es an den alten Menschen aus. Wie soll eine Gesellschaft ältere Menschen respektieren, wenn sie von links und rechts, von oben und von unten, mal subtil und mal offensichtlich als unnützer Ballast dargestellt werden? – Und wieder der Gedanke: “Hier möchte ich nicht alt werden. Ich muss hier weg.”
Dennoch frage ich mich, ob es woanders wirklich anders ist. Natürlich habe ich aus meiner Erfahrung zu berichten, dass alte Menschen in meiner Kultur respektiert werden und ihr Wissen und ihr Erfahrungsschatz hochgeschätzt wird. Ich habe auch erfahren, dass man sich bei uns die Entscheidung, die liebe Großmutter oder den gebrechlichen Großonkel in ein Heim zu schieben, noch schwerer macht und viel länger nicht in Frage kommen lässt als hier. Andererseits kenne ich den realistischen Alltag in meinem Herkunftsland. Der “Staat” dort interessiert sich noch viel weniger für ein Minimum an Lebenssicherung von jungen Menschen – geschweige denn von alten Menschen.
Aber wenigstens haben die meisten alten Menschen dort eine sicherere Einbettung in ihren Familien und sozialen Communities. Die Bindung ist stärker, das Verantwortungsgefühl für den anderen ist größer. Das ist keine Einbildung, das ist keine Arroganz gegenüber Deutschland und seinen gelebten Werten, das ist eine tiefe Traurigkeit von mir über das, was ich sehe, wenn ich alte Menschen sehe. Sie fangen selber schon an, daran zu glauben, dass sie nichts wert sind. Sie hetzen von den Straßen weg in der Angst, es sei ein Leichtes für Autofahrer, sie einfach zu überfahren und so ein paar “Probleme” und Staatsbelaster abzuschaffen. Sie werden belächelt, nicht ernst genommen und im Fußgängerverkehr als nervige Hindernisse angesehen, die man so schnell es geht, umgehen sollte. Sie sehen, sie sind überflüssig und sterben. Erst von Innen, dann ganz. Sterben so oft unbeachtet still und allein. Und das ist falsch. Denn sie sind es, die uns in schwierigeren Zeiten auf die Welt gebracht haben und uns trotz all der Hindernisse großgezogen haben. Wir müssen sie lieben und ehren, damit sie glücklich und mit einem guten Blick auf ihr Leben sterben können.
Also achtet auf die nächste alte Frau und den nächsten alten Mann mit Hut und Gehstock, wenn Ihr sie seht. Lächelt sie einfach an, auch wenn sie erst einmal verwundert zurückschauen. Sagt ihnen mit Eurem Gesicht, dass Ihr froh seid, dass sie leben und dass es ihnen gut geht. Und dass sie ihren Enkeln viel von der Geschichte dieses Landes lehren können. Und ihren Kindern aus dem Strudel ihrer Alltagspflichten herausholen und sie wieder auf das Wesentliche im Leben aufmerksam machen können. Dankt ihnen in irgendeiner Form – eben mit diesem Lächeln. Seht sie, erkennt sie an, anerkennt sie. Sie sind noch nicht tot, also behandeln wir sie auch nicht wie Tote. Danke.


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Das beachte ich auch oft, obwohl man ja denkt die Kulturen sind ziemlich ähnlich. Ich bin immer der einzige in der Bahn der den älteren Menschen seinen Platz anbietet oder ihnen hilft, und manchmal 10 Minuten mehr laufen muss, weil er noch die Einkauftüten mitträgt.In Polen ist es total anders, den älteren Mitmenschen wird viel mehr Respekt entgegengebracht und es ist selbstverständlich ihnen Hilfe oder den Platz anzubieten…..und dann kommt da immer der Gedanke… DIE DEUTSCHEN sind komisch.
Das ist so komisch, dass Du gerade das thematisierst. Warst wieder schneller als ich
besser hätte ich nicht darüber berichten können, deswegen erzähle ich Dir mal, was mir auch gestern passiert ist.
Eine ältere Dame, ich sage bewusst, Dame (sie war so anmutig, trotz des fortgeschrittenen Alters) saß in der Bahn und hat mal eben so 4 türkische Jungs gebändigt und ihnen freundlich, aber so bestimmt Englisch beigebracht. Ich habe mich umgedreht und habe die Frau breit angegrinst, weil ich sie so super fand. Ihr Englisch war selber nicht das allerbeste, aber sie hat den vieren selbstbewusst eins auf den Weg gegeben.
“Ihr müsst LERNEN UND LERNEN, damit Euch die Leute hier akzeptieren. Kämpft gegen die Rassisten mit Bildung.” Und das auf dem Weg ins Ghetto. Ich war so fasziniert von ihr. Obwohl ich gerne mit ihr gesprochen hätte, habe ich nichts rausbekommen, habe sie einfach nur angegrinst und sie dann irgendwann zurück.
Alte Menschen sind für unsere Gesellschaft eine Bereicherung, wenn wir uns doch mal einfach die Mühe machen würden ihnen zu zu hören!!
Wir können von ihren lernen, wenn wir weise genug sind über gebrechlichen Körper hinweg zu sehen und ihren Worten zu lauschen…
@Pat:
Ich weiß, dass Polen anders ticken, Sie sind sehr familiengebunden und irgendwie habe ich sie tendenziell als viel emotionaler in Erinnerung. Ich habe selten deutsche Jugendliche aufstehen sehen, ich sehe immer ganz ganz böse, aggressive Kanackentürken aufstehen, wenn eine alte Dame in der Bahn ist. Ich hoffe wirklich, dass sich das irgendwann ändert. Es muss doch schrecklich sein, dass man sich nutzlos fühlt, nur weil die Gesellschaft einen auch so behandelt, als sei man nutzlos. Alte Menschen haben ihre Arbeit gemacht, manche gut, manche weniger gut, trotzdem darf man sie nicht einfachso auflaufen lassen.
@Imi:
Echt coole Story. Hätte ich die Dame gesehen, hätte ich bestimmt an ihrem Englischunterricht teilgenommen. Es wäre schön, wenn Bildung hier gegen Vorurteile helfen würde, so ist es leider einfach nicht. Gerade, wenn Du in akademischen Stellungen bist, erntest Du als “Schwarzkopf” ganz viel Missgunst. Bei niederen Arbeiten sind die Chancen gleichberechtigt, einen Job zu bekommen, bei akademischen Berufen nicht. Da wird immer erst der Deutsche eingestellt. Das ist eine Schande!
P.S.: Gerngeschehen…
Ich bin irgendwie mitteilungsfreudiger in der letzten Zeit.
Hallo Sherry,
ich bin so froh, dass es dich gibt!
Henry
Danke, Henry! Du bist so lieb!

Viele deutsche Kinder scheinen entweder nicht in diesem Sinne erzogen zu werden oder sie vergessen ihre Erziwhung sobald sie auf der Straße sind? Ich denke das erste trifft häufiger zu: der Respekt vor einer älteren Generation ist in Deutschland nicht selbstverständlich.
Natürlich gab es auch bei mir in der Familie Auseinandersetzungen und Diskussionen zwischen Kindern und Eltern, aber niemals hätten wir unsere Eltern vor anderen angeschrien oder runtergemacht. Und ich habe eine “russlanddeutsche” Erziehung genossen (was das auch immer sein mag ;)
Und ich biete meine Hilfe und meinen Sitzplatz so oft es geht an und schäme mich für die Kinder und Jugendlichen und Erwachsenen, die den Älteren, die wacklig auf den Beinen stehen, kalt und sitzend zusehen :)
@Peelia:
Was auch immer russlanddeutsche Erziehung ist (ich werde mich mal informieren), sie war in dem Punkt wohl richtig.
In meinem früheren Leben war ich einmal Pädagogin. Ich habe in den Kindertagesstätten ein Verhalten bemerkt, das ich aus iranischen, türkischen, arabischen, spanischen, italienischen, sonstweißwasich für Familien nicht kenne: Oft kam es vor, dass wenn das Kind hingefallen ist oder furchtbar weinte, die Mutter das Kind “selber klarkommen” ließ. Im Sinne von: “Werd’ selbständig, komm’ damit klar, dass das Leben manchmal weh tut. Mitleid bringt nichts.”
Dieses Verhalten zeigt sich nun Jahre später in den sozialisierten Erwachsenen. Es muss etwas mehr passieren als ein gehetzter, ängstlicher Blick oder ein gebrechlicher Mensch in Trouble, damit soetwas wie Mitleid aktiviert wird. Und das ist so traurig…
Wie gut aber, dass es noch genug Menschen gibt, die nicht so desensibilisiert sind für ihre Mitmenschen.
Ich wünsch’ Dir einen schönen Sonntag, meine Liebe.
Mensch, wäre ich doch eine Diktatorin!
Sherry, die Diktatorin. Hm, wenn du überzeugend bist, wähle ich dich zur nächsten Landesdiktatorin ;)
So als würde es zu schwer für einen Menschen sein, zu sehen, dass er auch einmal dieser alte Mensch sein wird und alt sein keine Krankheit ist.
Das Gebot, die Alten zu Ehren, ist wahrscheinlich eines der besten Gebote, die die Religion mitbrachte.
Aber mal abgesehen davon, ich wunder mich immer, wie persisch du doch bist. Ich selbst sehe mich eher als Deutsche, und viel weniger als arabisch. Aber meist eh als etwas undefiniertes, als Weltenbürger. Da Sprache aber eines der wichtigsten Bezugspunkte ist, was Identität angeht, halt doch als Deutsche.
Liebe Grüße
Maryam
Woran merkst Du denn, dass ich noch so persisch bin? :D
Kann mich Henry nur anschliessen! :-)
»Das so schon schlechte Gewissen von Verwandten ist hier leicht zu manipulieren, sie willigen ein und denken, sie tun das Beste für ihre Eltern oder Großeltern.«
Und genau dehalb ist es unglaublich wichtig, beizeiten (was bedeutet: zu Lebzeiten und wenn es den Eltern/Verwandten noch gut geht) über solche Dinge zu sprechen, sie nicht wegzuschieben weil sie unangenehm sind. Sondern die Verwandten zu kennen, kennen zu lernen, um später in solchen Situationen in ihrem Sinne Entscheidungen treffen zu können. Auch wenn keine Patientenverfügung existieren sollte. Dazu gehört dann auch, die Entscheidung der Verwandten zu akzeptieren, selbst wenn es einem schwer fällt, jemand Geliebtes gehen zu lassen.
Zum Rest: Ja, diesen Verfall der als ‘gute Sitten’ zusammenzufassenden höflichen Verhaltensweisen stelle ich seit langer Zeit fest. Ich gehöre ja selbst zu einer Generation, wo das schon anfing, und es ist mir unverständlich, wie man die kleinsten Höflichkeitsgesten nicht einhalten kann. Ich beobachte das tagtäglich auf Arbeit. Mich zu ärgern habe ich aufgegeben, da wird man eben mit vollgepackten Händen vor der in meine Richtung aufgehenden Tür stehengelassen und muss sehen, wie man sie öffnen kann — drei Sekunden zu warten und die Tür mal eben aufzuhalten ist eben ‘uncool’. Aber ich beobachte auch das Gegenteil, dass junge Leute sogar extra hingehen und die Tür aufhalten. Es ist wohl noch nicht alles verloren.