Wenn ich ehrlich bin: Manchmal würde ich auch gerne bei anderen fluchen und jammern. Heulen und die Welt beklagen und sagen, wie schlecht es mir geht und wie übel mir das Leben mitgespielt hat. Mich auf andere stürzen und stützen – egal, wie schwer ich mit meinen Lasten bin – mir helfen lassen, die anderen unter Druck setzen und sagen: “Du, hilf’ mal jetzt. Jetzt. Sofort.” Und ich fange an, jene andere zu beneiden. Die, die das können und das auch tun. Nicht einfach nur tun, sondern ausschöpfen bis zum Geht-nicht-mehr des Weltenendes. Zum Erbrechen genau jeden Tropfen Saft aus Deiner Leibeshülle saugen, bis sie sich dann wohl, wonnig, voll und zufrieden fühlen – von Dir, Deiner Hoffnung, Deiner eigenen Lebenskraft. Ja, manchmal würde ich das gerne. Manchmal. (Ihr seht, das Trauma “ungesunde Freundschaften” wird mich noch einwenig verfolgen)

Aber gerade gestern ist mir etwas unglaublich Kostbares klar geworden. Ich ertappte mich dabei, wie ich vor Erleichterung geseufzt habe, als ich erkannte, wie gut es ist, unabhängig zu sein. Niemanden anrufen zu müssen, wenn es mir schlecht geht. Von niemandem enttäuscht werden zu müssen, nachdem ich angerufen habe. Es irgendwie selbst schaffen zu können, ist ein wunderbares Gefühl, das mich mit der gestrigen Erkenntnis mit Stolz erfüllt. Es einfachso selbst schaffen. Erst aus einer Notwendigkeit heraus, dann aus purer Routine. Ich war plötzlich wirklich glücklich darüber, dass ich meine emotionale Abhängigkeit von anderen so stark reduziert habe, dass ich überhaupt nicht anders konnte, als zu lernen, wie man als Einzelkämpferin zu Höchstleistungen in der Bewältigung seiner Lebenssituation gelangen kann – und das, ohne kalt und herzlos zu werden. Soviel Ballast man auch zu tragen hat, wenn man ihn alleine zu tragen hat, baut man Stressmuskeln auf. Ich habe Stressmuskeln, ja. Große. Ich kann Stress tragen, mit nur einem kleinen Finger und mit der anderen Hand 24,6 bunte Bälle jonglieren. Es ist schon richtig so, wie ich bin, wie ich geworden bin. Das hat mich in den letzten Jahren sehr stark werden lassen. Stark und autark. Ja, ich glaube, das gefällt mir. Gute Nacht.