Kategorie "Belletristik"
30.11.2011, 08:58
Und Eichendorff weinte

Der perfekte Satz. Rund soll er sein, von der Klangfarbe her weich und dennoch gut abgegrenzbar. Raumfordernd, aber nicht zu groß. Sichtbar soll er sein, und dennoch distanziert genug – vor allem zu dir, vor allem zu ihnen, die sie lesen und schwimmen wollen, ohne nass zu werden. Definierte Sätze, präzise aufeinander bezogen wie die Gleichheitszeichen zwischen Gleichungen und Ergebnissen. Ja, bis Zirkelkreise entstehen und wir weder Anfang noch Ende finden; und die Sätze am Ende trotzdem verstehen. Die Ästhetik darf nicht übersprudelnd sein, überhaupt ist “über” etwas, das sollt’ vermieden sein. Eher in Maßen, gut gewürfelt, fein portioniert, standhaft wie eine Kiste, die der Leser Körper hält und alles, was bedrohlich ist, leicht pariert. So dass auch das um Beherrschung balancierende Gemüt sich nicht von Wellen geschüttelt fühlt, um dann verloren zu ertrinken in all dem Schnulz. Stopp hier, das war schon zuviel. Das Letzte, das Ertrinken, das gibt es nicht – nein, das will man heute nicht. Halt’ deine Worte also gut im Zaum – und öfter noch hinter Mauern, die sind blickdichter, sicherer und noch viel mehr menschenscheu. Lass nur spinksend, huschend, sich versteckend deine kleinfüßigen Gefühle flüstern. Und vergiss nicht, nur die Leisen, nur die Leisen! Bloß nicht die, die andere aus ihrem Eiszeitkoma wecken, das sind Elefanten und entsprechen nicht dem biederen Mann, der lieber Sätze seziert, als ihre Bedeutung zu entdecken. Schreib’ lieber mit der disziplinierten Kontrolle deines Kopfes, denn Kunst ist heute, wenn du jeden Strich vorher planst. Das nennt man gut, solide, eichenfest, zynisch, unkitschig, frühreif, altklug und frisch. Weiterlesen… »

31.10.2011, 18:29
Anti-Ausuferungs-Strategien

In der letzten Zeit kaufe ich mehr Bücher als ich lesen kann. Die Intervalle zwischen Kauf zu Kauf werden nämlich immer kürzer. Das ist mir heute bewusst geworden, nachdem meine Freundin mir das Buch “Little Bee” empfohlen hat. Mein erster Impuls war: “Kauf’ ich. Kauf’ ich sofort.” Also bin ich zu meinem Bücherregal gehopst und habe geschaut, was noch alles ungelesen ist – ganz in der Hoffnung, es sei nicht soviel. Das hätte mir erlaubt, das Buch doch noch zu holen. Aber wie es nun einmal so ist, wenn man hofft, kommt es genau anders. Der Bücherberg war nicht von schlechten Eltern. Ich entschied dennoch, zuzugreifen. Wie das? Ganz einfach eigentlich. Ein Buch mehr oder weniger würde auch nicht mehr viel ändern. Ob ich mir das nun jetzt hole oder erst, wenn ich den ganzen Berg lesend abgebaut habe, ist doch gleich, oder? Wobei, nein, nicht gleich – mir bleibt sogar ein Vorteil, wenn ich es jetzt kaufe. Ich habe mehr Auswahlmöglichkeiten, wenn ich zum nächsten Buch greifen möchte. Buch x, y oder z? Ach nein, ich nehme Buch k. Das ist doch vernünftig, finde ich. Immer das Selbe. Ich will mich davon abhalten, auszuufern und finde nach einer Anti-Ausuferungs-Strategie erst recht einen guten Grund, doch auszuufern. Das ist wie mit dem Essen. Willst du zunehmen? Dann diäte.

Ich habe oft Menschen getroffen, die mir sagten, sie seien Schriftsteller. Ob sie ein Buch veröffentlicht haben?, fragte ich sie. Nein, noch nicht, antworteten sie – aber sie würden schreiben. Leidenschaftlich gerne schreiben. Ob sie gut schrieben und der Welt wirklich etwas zu sagen hatten, das sie berühren und wachrütteln würde, konnte ich dann nicht mehr erfahren.

“Hm”, dachte ich mir. “Ich schreibe doch auch viel und ja – je nach Stimmung – auch sehr leidenschaftlich. Bin ich jetzt auch eine Schriftstellerin?” Instinktiv schüttelte ich bei der Beantwortung dieser Frage immer wieder den Kopf. Ich bin noch lange keine Schriftstellerin. Für mich ist nämlich nicht einmal jemand einer, der etwas veröffentlicht hat. Würdet Ihr Dieter Bohlen einen Schriftsteller nennen? Nein? – Er hat aber etwas veröffentlicht. Sogar selbst getippt. Ihr versteht sicher, was ich meine, oder?

Deshalb frage ich mich: Was genau ist ein Schriftsteller? Ab wann ist man einer? Wie muss die Message geartet sein, die er mitzuteilen hat, dass man ihn als Schriftsteller respektieren könnte? Worauf kommt es an?

Ich suche nach einem Buch, das ich lesen könnte, ohne dass es mich langweilt und ohne, dass ich vorher schon weiß, wie die Geschichte weitergeht. Ich suche eines, das zwar nicht über-sentimental ist, aber von kühl-sarkastischen Tönen mit dem Ausrufezeichen “Ich bin sachlich, cool, sarkastisch und neige nicht zu emotionalen Ausuferungen, weil ich dem gemeinen Menschen überlegen bin” verschont ist. Ich möchte überbewertete Genossen wie Paulo Coelho, Khalil Gibran und Saint Exupery vermeiden, obwohl sie sich in jungen Jahren doch warm um mein Herz herum schlossen und Erkenntnisse über die Realität noch lange hinauszögerten. (Danke dafür). Doch noch mehr möchte ich solche gefeierten Untalente wie Daniel Kehlmann ausschließen, die aus einer wunderbaren Geschichte wie die von Gauß und anderen Wissenschaftlern eine Art “Kratzt-mich-irgendwie-gar-nicht”-Erzählung machen, in der man die ganze Zeit über auf einen Höhepunkt wartet und die Identifikation mit den Figuren gar nicht gelingen will, weil er meint, die indirekte Rede durchgehend als “geniales, stilistisches Mittel” nutzen zu müssen und für dieses absolute Unfähigkeit, einen mitzureißen, auch noch in den Schrifstellerhimmel gelobt wird. Ich suche etwas – etwas anderes. Etwas, das mich Dinge lehrt.

Dostojewski traue ich mich nicht zu lesen. Ich möchte immer noch zwei bis drei Bücher vom Meister ungelesen im Regal stehen lassen, für wirklich schwere Zeiten, in denen ich etwas brauche, auf das ich mich freuen kann. Aber was, wenn ich sie irgendwann alle gelesen habe? Was dann? Wer weiß jetzt Rat?

Es ist aber auch nicht einfach mit mir. Nachdem ich “Die durch das Feuer gehen” von Raj Kamal Jha gelesen habe und währenddessen tausend Höllentode gestorben bin, habe ich kein anderes Buch mehr angefasst. Nichts erschien mir mehr ebenbürtig. Weder vom Schreibstil her, noch von der Geschichte, noch von der Höllenfahrt der Emotionen, noch von der Fantasie und der Kreativität. Die Ernsthaftigkeit dieses Buches, die Detailverliebtheit des Schrifstellers gerade in der Sektion des Um- und Beschreibens von tiefem Leid, hat mich gekillt. Ich habe das Buch immer versteckt, damit ich nicht weiterlesen muss, doch es ging nicht. Es krallte sich in mich, meinen Kopf, meinen Gedanken ein und zwang mich, die Augen nicht zu schließen, nicht wegzuschauen. In einem zähen Kampf las ich es. Es wegzulegen kostete Kraft, es wieder zu ergreifen auch, es zu lesen, zehrte an mir, es nicht zu lesen, brannte. Und nun? Was soll ich danach lesen? Es sollte seichtere Kost sein, mir keine Gefühle des Erbrechenwollens bringen, aber es soll mich dennoch packen. Wenn ich lese, will ich neue Menschen kennenlernen. Kann mir also jemand etwas empfehlen? Weiterlesen… »

24.07.2008, 15:41
Die Eleganz des Igels

» Wie verläuft also das Leben? Tapfer bemühen wir uns Tag für Tag, unsere Rolle in dieser Schattenkomödie zu spielen. Primaten, die wir sind, besteht der Hauptteil unserer Aktivität darin, unser Territorium zu erhalten und zu unterhalten, auf dass es uns Schutz gewähre und unser Selbstgefühl hebe, auf der hierarchischen Leiter der Sippe aufzusteigen oder nicht abzusteigen und, sowohl zum Vergnügen als auch der verheißenden Nachkommenschaft willen, auf alle möglichen Arten Unzucht zu treiben – und sei es in der Fantasie. So setzen wir einen nicht unbedeutenden Teil unserer Energie dazu ein, den anderen einzuschüchtern oder zu verführen, da diese beiden Strategien allein das territoriale, hierarchische und sexuelle Streben sichern, das unseren conatus anregt. Doch nichts von alledem gelangt in unser Bewusstsein. Wir sprechen von Liebe, von Gut und Böse, von Philosophie und Kultur, und wir haken uns an diesen ehrenwerten Ikonen fest wie die durstige Zecke an einem großen warmen Hund. Doch bisweilen erscheint uns das Leben als eine Schattenkomödie. Wie aus einem Traum gerissen, sehen wir uns beim Handeln zu, und fassungslos darüber, wieviel Energie die Wahrung unserer primitiven Bedürfnisse verlangt, fragen wir uns verblüfft, wo die Kunst geblieben ist. Unser besessenes Fratzenreißen und Augenzwinkern erscheint uns plötzlich als der Gipfel der Belanglosigkeit, unser behagliches Nest, Frucht einer zwanzigjährigen Verschuldung, als eine sinnlose barbarische Sitte, und unsere so hart errungene und so ewig prekäre Position auf der gesellschaftlichen Leiter als plumpe Eitelkeit. Was unsere Nachkommenschaft anbelangt, so betrachten wir sie mit einem neuen und entsetzten Auge, denn ohne die Fassade des Altruismus erscheint der Akt des “Sich-Fortpflanzens” zutiefst unangebracht. Bleiben nur die sexuellen Freuden: doch mitgerissen vom Strom der Urnöte gehen sie unter, denn die Gymnastik ohne die Liebe passt nicht in den Rahmen dessen, was man uns gelehrt hat.

Die Ewigkeit entzieht sich uns.

An jenen Tagen, da auf dem Altar unserer innersten Natur alle romantischen, politischen, intellektuellen, metaphysischen und moralischen Überzeugungen, die man uns in Jahren der Unterweisung und Erziehung einzuprägen versucht hat, ins Wanken geraten, versinkt die Gesellschaft, ein von großen hierarchischen Wellen durchflutetes territoriales Gebiet, im Nichts des Sinns. Keine Reichen und Armen mehr, keine Denker, Forscher, Entscheidungsträger, Sklaven, keine Guten und Bösen, keine Erfinderischen und Gewissenhaften, Gewerkschafter und Individualisten, Progressisten und Konservativen; es gibt nur noch primitive Hominiden, deren Fratzen und Lächeln, Gangart und Putz, Sprache und Kode, eingetragen auf der genetischen Karte des Durchschnittsprimaten, nichts anderes bedeuten als: Die Rangstufe halten oder sterben.

An diesen Tagen haben sie ein verzweifeltes Bedürfnis nach Kunst. Sie verspüren das brennende Verlangen, an ihre geistigen Illusionen anzuknüpfen. Sie haben den glühenden Wunsch, etwas möge sie vom biologischen Schicksal erretten, damit Poesie und Größe nicht ganz aus dieser Welt verbannt seien.

Dann trinken sie eine Tasse Tee oder sehen sich einen Film von Ozu an, um sich aus dem Reigen der Gefechte und Schlachten zurückzuziehen, die zu den unserem herrschsüchtigen Geschlecht vorbehaltenen Bräuchen gehören, und um diesem leidenschaftlichen Theater den Stempel der Kunst und ihrer wichtigsten Werke aufzuprägen. «

18.08.2007, 15:44
Paul Auster & Co.

Er wird oft hochgelobt von intellektuellen Lesern, doch egal, mit welchem seiner Bücher ich es versucht habe, begeistern konnte er mich nie. Sein Schreibstil ist völliger Durchschnitt und seine Gedankengänge gerade mal “deep” genug, um sie nicht als durchschnittlich zu empfinden, aber andererseits auch viel zu flach, um ihn z.B. mit einem H. Hesse oder – oder noch größer – einem Meister Dostojewski zu vergleichen. Vielleicht bin ich aber auch einfach nur intellektuell zu minderbemittelt, um diesen Mann zu verstehen. Ich weiß nur, dass aus seinen Romanen keine tiefen Einsichten in mir durchdringen und meine Seele einfach nicht auf seine Worte antwortet.

Ich schreibe schon lange keine Rezensionen mehr über Bücher, die ich in der letzten Zeit gelesen habe, weil sie nicht nennenswert waren. Die Letzten hießen aber:

- Das Buch der Illusionen (Paul Auster)
- Die Erfindung der Einsamkeit (Paul Auster)
- Unter’m Rad (Hermann Hesse)
- Handbuch des Kriegers des Lichts (Paulo Coelho)

Vorallem Coelho hat mich einwenig enttäuscht, weil ich mehr von ihm erwartet habe. Ich frage mich nun, ob es daran liegt, dass ich die anderen Bücher, die ich von ihm gelesen habe, schon weit zurückliegen und man mich damals mehr beeindrucken konnte – oder ob dieses “Handbuch” von ihm einfach diesmal schlechter ausgefallen ist. Aber da es ein Geschenk meiner lieben Freundin ist, kann ich es nicht weggeben. Allein deshalb mag ich das Buch, wenn auch nur das Liebevolle, das hinter diesem Geschenk steckt und weniger aufgrund des Inhaltes.

Wenn jemand von Euch eine Idee hat, was ich als Nächstes lesen könnte, so möge er es mir sagen. Tipp: Ich habe die ganze SZ Bibliothek in meinen Regalen. Also, falls in der Liste etwas vorhanden ist, was ich sofort anspringen sollte, dann gebt mir ein Zeichen.