In den letzten Tagen habe ich mich durch den Roman “Die Ballade vom traurigen Café” von Carson McCullers durchgekämpft. Die erwartete Poesie der Geschichte wich einer lakonischen, wenn auch etwas weicheren Sprache, auf die ich nicht vorbereitet war. Die Perspektive des beobachtenden Ich-Erzählers stellte zwar eine interessante Hinführung der LeserInnen dar, doch die Essenz der Akteuere fehlte einfach. Da stellt sich mir wieder die Frage: Wer bestimmt, was gute und schlechte Literatur ist? Wenn Namen ganz ausgeschrieben werden, aber Charaktere nicht wirklich angetastet, geschweige geschält werden, dann neige ich oft dazu, Bücher wütend in die Ecke schmeißen zu wollen. Doch ich bin keine Sechzehnjährige mehr, ich habe mich die letzten Jahre diszipliniert, Dinge zu Ende zu bringen. So auch dieses Buch.
Die Beschreibung der sehr ruhigen, ja fast kargen Umgebung war trotz fehlender Abwechslung detailreicher als die sich ständig wiederholenden Wesenszüge von Miss Amelia und Vetter Lymon. Die einzig echte und greifbare Gefühlsregung, die ich beim Lesen der Geschichte verspürte, war mein Widerwille und der spätere Ekel gegen die Dreistigkeit des buckligen Vetter Lymons, in den sich die starke, grobe Miss Amelia verliebt hatte. Nicht einmal die Brutalität ihres Ex-Mannes wollte richtig bei mir ankommen. Die Stimmungen waren einfach zu leicht, als dass sie sich hätten festsetzen können. Das Ende war sinnlos. Die Unabhängigkeit und Wehrhaftigkeit einer starken Frau wurde massiv durch die Treulosigkeit eines fiesen, buckligen Zweges unrealistisch verletzt. Die Brutalität ihres Ex-Mannes hätte sich nicht klischeehafter durch seine Verliebtheit in Miss Amelia verflüchtigen können. Die Zwielichtigkeit des Vetter Lymons hätte nicht lauter angekündigt werden können. Weiterlesen… »
15.04.2012, 03:21
Die Sanfte
Ich habe gerade “Die Sanfte” von Dostojewski zu Ende gelesen. Diese Erzählung war nicht so verdichtet wie seine Aufzählungen aus dem Kellerloch; und trotzdem, wie kann jemand die Verzweiflung so wunderbar greifbar machen wie er es tut? Aus jedem Satz platzt er aus den Nähten, der Protagonist. Er ruft in seiner Wortlosigkeit mit fast stierender Fokussiertheit: “Hör zu, hör zu, hör mir bitte zu, schau’, wie soll ich nur sagen, wo gibt es Worte, wie kann ich dir klarmachen, wie, dass, wie? Was jetzt? Sag’s mir!” Und ich bin geschüttelt von dem, der mir sagt, ich solle doch zuhören, und ich starre wie gebannt auf tonlose Schreie. Wie macht er das? Wie macht er das nur? Manchmal bin ich davon überzeugt, er schreibt im Fieber, im Delirium. Anders kann man so doch nicht schreiben. Er ist ein Meister des Packens und Würgens. Ich glaube, das will er auch. Die Zerrissenheit will er uns zeigen, in jedem Satz. Die Lächerlichkeit des kleinlichen Mannes will er entblößen und das Vakuum zwischen Menschen, die vom Nichtgesagten voneinander weggestmmt werden wie antagonistische Magneten. Und wie all seine Figuren aus ihren Verhaltensmustern nicht raus können, wie aus ihnen Verhaltensstrangulationen werden, das ist unsagbar fantastisch und bedrückend in einem. Ich bewundere Dostojewski, das wird sich nie ändern. Ich bewundere ihn so sehr.

Literaturnobelpreisträger Günter Grass beschreibt in seinem Gedicht die Angst, Israel könne den Iran angreifen und “auslöschen”, und das mit Hilfe deutscher U-Boote. Dagegen hat er ein Prosagedicht verfasst und versucht, seine Ambivalenz und Angst zu beschreiben. Die historische Last, die ihn mit Israel verbindet und ihm und vielen Deutschen das Gefühl gibt, man müsse alles akzeptieren, was Israel für sein Überleben entscheidet, liegt schwer in seinen Zeilen. Und dennoch offenbart er uns hier ein lautes “Nein” zum Krieg. Mir ist bewusst, dass für die meisten von uns dieser Krieg noch immer sehr weit weg wirkt, so wie es der Krieg gegen Afghanistan und Irak war, aber er ist es nicht. Ein Krieg gegen Iran ist ein ganz anderes Niveau. Ein Krieg gegen einen nur minimal schwächeren Gegner nämlich; und das werden wir zu spüren bekommen, wenn wir nicht alles in unserer Macht stehende tun, um das zu verhindern. Ich bin froh, dass Grass damit angefangen hat. Ein Schriftsteller zu sein bedeutet, im richtigen Augenblick die Verantwortung seines kulturellen Einflusses wahrzunehmen und zu sprechen, damit wir lauschen und handeln können. {Hier nun sein Gedicht}: Weiterlesen… »
In der letzten Zeit kaufe ich mehr Bücher als ich lesen kann. Die Intervalle zwischen Kauf zu Kauf werden nämlich immer kürzer. Das ist mir heute bewusst geworden, nachdem meine Freundin mir das Buch “Little Bee” empfohlen hat. Mein erster Impuls war: “Kauf’ ich. Kauf’ ich sofort.” Also bin ich zu meinem Bücherregal gehopst und habe geschaut, was noch alles ungelesen ist – ganz in der Hoffnung, es sei nicht soviel. Das hätte mir erlaubt, das Buch doch noch zu holen. Aber wie es nun einmal so ist, wenn man hofft, kommt es genau anders. Der Bücherberg war nicht von schlechten Eltern. Ich entschied dennoch, zuzugreifen. Wie das? Ganz einfach eigentlich. Ein Buch mehr oder weniger würde auch nicht mehr viel ändern. Ob ich mir das nun jetzt hole oder erst, wenn ich den ganzen Berg lesend abgebaut habe, ist doch gleich, oder? Wobei, nein, nicht gleich – mir bleibt sogar ein Vorteil, wenn ich es jetzt kaufe. Ich habe mehr Auswahlmöglichkeiten, wenn ich zum nächsten Buch greifen möchte. Buch x, y oder z? Ach nein, ich nehme Buch k. Das ist doch vernünftig, finde ich. Immer das Selbe. Ich will mich davon abhalten, auszuufern und finde nach einer Anti-Ausuferungs-Strategie erst recht einen guten Grund, doch auszuufern. Das ist wie mit dem Essen. Willst du zunehmen? Dann diäte.

Ich habe oft Menschen getroffen, die mir sagten, sie seien Schriftsteller. Ob sie ein Buch veröffentlicht haben?, fragte ich sie. Nein, noch nicht, antworteten sie – aber sie würden schreiben. Leidenschaftlich gerne schreiben. Ob sie gut schrieben und der Welt wirklich etwas zu sagen hatten, das sie berühren und wachrütteln würde, konnte ich dann nicht mehr erfahren.
“Hm”, dachte ich mir. “Ich schreibe doch auch viel und ja – je nach Stimmung – auch sehr leidenschaftlich. Bin ich jetzt auch eine Schriftstellerin?” Instinktiv schüttelte ich bei der Beantwortung dieser Frage immer wieder den Kopf. Ich bin noch lange keine Schriftstellerin. Für mich ist nämlich nicht einmal jemand einer, der etwas veröffentlicht hat. Würdet Ihr Dieter Bohlen einen Schriftsteller nennen? Nein? – Er hat aber etwas veröffentlicht. Sogar selbst getippt. Ihr versteht sicher, was ich meine, oder?
Deshalb frage ich mich: Was genau ist ein Schriftsteller? Ab wann ist man einer? Wie muss die Message geartet sein, die er mitzuteilen hat, dass man ihn als Schriftsteller respektieren könnte? Worauf kommt es an?
Text, Design & Photos by Sherry Iranique. Copyright © 2010 Sherry Iranique. All rights reserved.
|
|
|