Kategorie "Belletristik"

Ich suche nach einem Buch, das ich lesen könnte, ohne dass es mich langweilt und ohne, dass ich vorher schon weiß, wie die Geschichte weitergeht. Ich suche eines, das zwar nicht über-sentimental ist, aber von kühl-sarkastischen Tönen mit dem Ausrufezeichen “Ich bin sachlich, cool, sarkastisch und neige nicht zu emotionalen Ausuferungen, weil ich dem gemeinen Menschen überlegen bin” verschont ist. Ich möchte überbewertete Genossen wie Paulo Coelho, Khalil Gibran und Saint Exupery vermeiden, obwohl sie sich in jungen Jahren doch warm um mein Herz herum schlossen und Erkenntnisse über die Realität noch lange hinauszögerten. (Danke dafür). Doch noch mehr möchte ich solche gefeierten Untalente wie Daniel Kehlmann ausschließen, die aus einer wunderbaren Geschichte wie die von Gauß und anderen Wissenschaftlern eine Art “Kratzt-mich-irgendwie-gar-nicht”-Erzählung machen, in der man die ganze Zeit über auf einen Höhepunkt wartet und die Identifikation mit den Figuren gar nicht gelingen will, weil er meint, die indirekte Rede durchgehend als “geniales, stilistisches Mittel” nutzen zu müssen und für dieses absolute Unfähigkeit, einen mitzureißen, auch noch in den Schrifstellerhimmel gelobt wird. Ich suche etwas – etwas anderes. Etwas, das mich Dinge lehrt.

Dostojewski traue ich mich nicht zu lesen. Ich möchte immer noch zwei bis drei Bücher vom Meister ungelesen im Regal stehen lassen, für wirklich schwere Zeiten, in denen ich etwas brauche, auf das ich mich freuen kann. Aber was, wenn ich sie irgendwann alle gelesen habe? Was dann? Wer weiß jetzt Rat?

Es ist aber auch nicht einfach mit mir. Nachdem ich “Die durch das Feuer gehen” von Raj Kamal Jha gelesen habe und währenddessen tausend Höllentode gestorben bin, habe ich kein anderes Buch mehr angefasst. Nichts erschien mir mehr ebenbürtig. Weder vom Schreibstil her, noch von der Geschichte, noch von der Höllenfahrt der Emotionen, noch von der Fantasie und der Kreativität. Die Ernsthaftigkeit dieses Buches, die Detailverliebtheit des Schrifstellers gerade in der Sektion des Um- und Beschreibens von tiefem Leid, hat mich gekillt. Ich habe das Buch immer versteckt, damit ich nicht weiterlesen muss, doch es ging nicht. Es krallte sich in mich, meinen Kopf, meinen Gedanken ein und zwang mich, die Augen nicht zu schließen, nicht wegzuschauen. In einem zähen Kampf las ich es. Es wegzulegen kostete Kraft, es wieder zu ergreifen auch, es zu lesen, zehrte an mir, es nicht zu lesen, brannte. Und nun? Was soll ich danach lesen? Es sollte seichtere Kost sein, mir keine Gefühle des Erbrechenwollens bringen, aber es soll mich dennoch packen. Wenn ich lese, will ich neue Menschen kennenlernen. Kann mir also jemand etwas empfehlen? Weiterlesen… »

24.07.2008, 15:41
Die Eleganz des Igels

» Wie verläuft also das Leben? Tapfer bemühen wir uns Tag für Tag, unsere Rolle in dieser Schattenkomödie zu spielen. Primaten, die wir sind, besteht der Hauptteil unserer Aktivität darin, unser Territorium zu erhalten und zu unterhalten, auf dass es uns Schutz gewähre und unser Selbstgefühl hebe, auf der hierarchischen Leiter der Sippe aufzusteigen oder nicht abzusteigen und, sowohl zum Vergnügen als auch der verheißenden Nachkommenschaft willen, auf alle möglichen Arten Unzucht zu treiben – und sei es in der Fantasie. So setzen wir einen nicht unbedeutenden Teil unserer Energie dazu ein, den anderen einzuschüchtern oder zu verführen, da diese beiden Strategien allein das territoriale, hierarchische und sexuelle Streben sichern, das unseren conatus anregt. Doch nichts von alledem gelangt in unser Bewusstsein. Wir sprechen von Liebe, von Gut und Böse, von Philosophie und Kultur, und wir haken uns an diesen ehrenwerten Ikonen fest wie die durstige Zecke an einem großen warmen Hund. Doch bisweilen erscheint uns das Leben als eine Schattenkomödie. Wie aus einem Traum gerissen, sehen wir uns beim Handeln zu, und fassungslos darüber, wieviel Energie die Wahrung unserer primitiven Bedürfnisse verlangt, fragen wir uns verblüfft, wo die Kunst geblieben ist. Unser besessenes Fratzenreißen und Augenzwinkern erscheint uns plötzlich als der Gipfel der Belanglosigkeit, unser behagliches Nest, Frucht einer zwanzigjährigen Verschuldung, als eine sinnlose barbarische Sitte, und unsere so hart errungene und so ewig prekäre Position auf der gesellschaftlichen Leiter als plumpe Eitelkeit. Was unsere Nachkommenschaft anbelangt, so betrachten wir sie mit einem neuen und entsetzten Auge, denn ohne die Fassade des Altruismus erscheint der Akt des “Sich-Fortpflanzens” zutiefst unangebracht. Bleiben nur die sexuellen Freuden: doch mitgerissen vom Strom der Urnöte gehen sie unter, denn die Gymnastik ohne die Liebe passt nicht in den Rahmen dessen, was man uns gelehrt hat.

Die Ewigkeit entzieht sich uns.

An jenen Tagen, da auf dem Altar unserer innersten Natur alle romantischen, politischen, intellektuellen, metaphysischen und moralischen Überzeugungen, die man uns in Jahren der Unterweisung und Erziehung einzuprägen versucht hat, ins Wanken geraten, versinkt die Gesellschaft, ein von großen hierarchischen Wellen durchflutetes territoriales Gebiet, im Nichts des Sinns. Keine Reichen und Armen mehr, keine Denker, Forscher, Entscheidungsträger, Sklaven, keine Guten und Bösen, keine Erfinderischen und Gewissenhaften, Gewerkschafter und Individualisten, Progressisten und Konservativen; es gibt nur noch primitive Hominiden, deren Fratzen und Lächeln, Gangart und Putz, Sprache und Kode, eingetragen auf der genetischen Karte des Durchschnittsprimaten, nichts anderes bedeuten als: Die Rangstufe halten oder sterben.

An diesen Tagen haben sie ein verzweifeltes Bedürfnis nach Kunst. Sie verspüren das brennende Verlangen, an ihre geistigen Illusionen anzuknüpfen. Sie haben den glühenden Wunsch, etwas möge sie vom biologischen Schicksal erretten, damit Poesie und Größe nicht ganz aus dieser Welt verbannt seien.

Dann trinken sie eine Tasse Tee oder sehen sich einen Film von Ozu an, um sich aus dem Reigen der Gefechte und Schlachten zurückzuziehen, die zu den unserem herrschsüchtigen Geschlecht vorbehaltenen Bräuchen gehören, und um diesem leidenschaftlichen Theater den Stempel der Kunst und ihrer wichtigsten Werke aufzuprägen. «

18.08.2007, 15:44
Paul Auster & Co.

Er wird oft hochgelobt von intellektuellen Lesern, doch egal, mit welchem seiner Bücher ich es versucht habe, begeistern konnte er mich nie. Sein Schreibstil ist völliger Durchschnitt und seine Gedankengänge gerade mal “deep” genug, um sie nicht als durchschnittlich zu empfinden, aber andererseits auch viel zu flach, um ihn z.B. mit einem H. Hesse oder – oder noch größer – einem Meister Dostojewski zu vergleichen. Vielleicht bin ich aber auch einfach nur intellektuell zu minderbemittelt, um diesen Mann zu verstehen. Ich weiß nur, dass aus seinen Romanen keine tiefen Einsichten in mir durchdringen und meine Seele einfach nicht auf seine Worte antwortet.

Ich schreibe schon lange keine Rezensionen mehr über Bücher, die ich in der letzten Zeit gelesen habe, weil sie nicht nennenswert waren. Die Letzten hießen aber:

- Das Buch der Illusionen (Paul Auster)
- Die Erfindung der Einsamkeit (Paul Auster)
- Unter’m Rad (Hermann Hesse)
- Handbuch des Kriegers des Lichts (Paulo Coelho)

Vorallem Coelho hat mich einwenig enttäuscht, weil ich mehr von ihm erwartet habe. Ich frage mich nun, ob es daran liegt, dass ich die anderen Bücher, die ich von ihm gelesen habe, schon weit zurückliegen und man mich damals mehr beeindrucken konnte – oder ob dieses “Handbuch” von ihm einfach diesmal schlechter ausgefallen ist. Aber da es ein Geschenk meiner lieben Freundin ist, kann ich es nicht weggeben. Allein deshalb mag ich das Buch, wenn auch nur das Liebevolle, das hinter diesem Geschenk steckt und weniger aufgrund des Inhaltes.

Wenn jemand von Euch eine Idee hat, was ich als Nächstes lesen könnte, so möge er es mir sagen. Tipp: Ich habe die ganze SZ Bibliothek in meinen Regalen. Also, falls in der Liste etwas vorhanden ist, was ich sofort anspringen sollte, dann gebt mir ein Zeichen.

Dieser Roman hat mich enttäuscht. Ich hatte weitaus mehr erwartet durch das, was im Klappentext stand. Im historischen Roman “Väter und Söhne” geht es um den Konflikt zwichen den tradierten Werten der aristokratischen Vätergeneration und dem radikalen Nihilismus der Jugend – oder in dem Fall die von Basarow und seinem Freund Arkad. Sie reisen umher und verlieben sich beide in die edle Anna Odinzowa, bei der Basarow seine Ablehnung der Liebe und Romantik kurz entgleitet und sich “leidenschaftlich” verliebt.

Die Person Basarow ist in Turgenjew’s Roman “Väter und Söhne” anfangs noch interessant, lässt er sich doch kaum irgendetwas anmerken und verneint jede Moral, jede Kunst, sogar die Medizin respektiert er nicht, obwohl er Biologe und Arzt ist. Nichts scheint ihn zu berühren. Selbst seine Verbundenheitsgefühle zu seinen Eltern erklärt er sich selbst einwenig spöttelnd sehr distanziert und kausal, aber von seiner eigentlichen inneren Unruhe erzählt Turgenjew leider nichts, so dass es ein mäßiges Lesevergnügen bleibt.

Es gibt einige interessante Aspekte an diesem Roman. Zum Beispiel, dass das ständige Überlegenheitsgefühl der zwei Nihilisten subtil ins Lächerliche gezogen wird, indem sie – so sehr sie sich auch anstrengen – immerwieder den menschlichen Bedürfnissen nach moralischen Gerüsten und “Illusionen” hingeben und sich immer nur knapp davon befreien können. (Arkad unterliegt ihnen dann doch letztendlich und führt somit ein endlich glückliches Leben) Basarow hingegen hat nichts in seinem Leben außer dem gleichwohl illusionären Gedanken, er sei allem überlegen.

Der Nihilismus negiert sich hier selbst, weil er zum dogmatischen Prinzip wird und sich demnach als ein lediglicher Versuch darstellt, nichts und niemanden über das eigene Leben herrschen zu lassen und dabei jeder echten Freude und Nähe aus dem Leben geht, um dann noch sinnloser zu sterben, als die Anderen, weil er niemals richtig gelebt hat. Traurig.

Ich weiß nicht. Das ist das Erste, das ich von Gogol gelesen habe – und ich muss sagen, dass ich nicht begeistert bin. Gogol versucht hier tatsächlich den “Wahnsinn” eines Menschen darzustellen, indem er lediglich ein paar surrealistische und komische Kombinationen der Wahrnehmungswelt seines Protagonisten beschreibt – einem biederen Beamten. Dabei verhält es sich mit dem Wahnsinn doch etwas anders, fataler, kognitiv artistischer. Die Gedankengänge sind so ineinander verschachtelt und manchmal sprunghaft, dass es ihre wirre Tiefe ist, die einen wahnsinnig macht. Gogol’s Wahnsinniger jedoch wirkte total seicht, sein Wahnsinn kaum der Rede wert und eher harmlos. Er bestand darin, dass der Protagonist sich für den König Spaniens hielt. Mehr aber auch nicht.

In dieser Erzählung will er eigentlich die negativen Auswirkungen starren, kleinbürgerlichen und spießigen Unterwürfigkeiten des Beamtentums kritisieren – und inwiefern diese Striktheit, Unpersönlichkeit und Nicht-Anerkennung gerade bei den kleinen Beamten eine sensible Seele in den Wahnsinn treiben kann – aber es gelingt ihm nicht wirklich.

Seine gesellschaftskritische Aussage hätte Gogol in einem einzigen, längeren Satz eigentlich zusammenfassen können. Enttäuschendes Urteil, ich weiß. Absolut nicht zu vergleichen mit der subtilen Genialität Dostojewski’s. Warum er sich unter Gogol stellte, weiß ich nicht.