Grass hat ein Gedicht gegen den Krieg geschrieben, gegen Israels drohenden Erstschlag, gegen den Maulhelden Ahmadinejad, gegen seinen Populismus und gegen das deutsche Schweigen – gegen das immerwährende, deutsche Schweigen. Stellen Sie sich nur eine Sekunde lang vor, dieses Gedicht sei nicht an Israel adressiert gewesen, sondern an die Islamische Republik Iran. Wie hätten die Medien reagiert? Wie viele kritische Artikel wären gegen dieses Gedicht entstanden, wie viele Sendungen aufgezeichnet, wo doch Israel den Drohgebärden nach eine Bedrohung für das Land Iran darstellte? Wenn Sie ehrlich sind: Gar keine, denn die IRI wird schon seit zehn Jahren zur Achse des Bösen gezählt und zur globaler Gefahr heraufstilisiert, obwohl sie die größte Gefahr einzig und allein für das eigene Volk darstellt. Und noch immer warten wir auf die große „Bombe“ die platzen wird.
Doch stellen Sie sich vor, dieses Mahngedicht gegen die Islamische Republik Iran wäre doch von vergleichbarem Interesse gewesen. Die Reaktion, die daraufhin von den Medien erfolgt wäre, wäre ein simultaner Applaus aus allen Ecken. Herr Grass hätte vermutlich einen weiteren Nobelpreis bekommen, der Stil und die Eleganz seiner Sprache wären hochgelobt worden {auch, wenn sie einfacher nicht hätte sein können}, man hätte ihm stolz auf die Schulter geklopft und ihm mitgeteilt, dass man gar nicht gedacht hätte, dass der Gute in seinen späten Jahren noch so einen messerscharfen politischen Durchblick habe. Ist dieses Szenario für Sie vorstellbar? Sicherlich. {Weiterlesen auf Liberté}
30.03.2012, 19:05
[Liberté]
Liberté ist eine Initivative von jungen Menschen mit dem Versuch der Aufklärung über viele, verschiedene Themen. Das Besondere an diesem Magazin ist, dass die Autoren sogar konträre Meinungen zueinander vertreten, aber genau das auch zu einem wichtigen Faktor der Aufklärung zählen: Nämlich die Gewährleistung der Möglichkeit, dass sich bei Lesern und Leserinnen durch die Vielzahl der Meinungen eine mittlere, gut ausgewogene politische Einstellung herausbildet. Aus diesem Grund bin ich dem liebenswürdigen Angebot von Cengiz Dursun {bekannt aus seinem »Primaverablog«} nachgekommen und habe begonnen, mich als Autorin dort zu engagieren und das, obwohl auch Cengiz und ich in einigen Punkten nicht miteinander übereinstimmen; dafür tun wir das aber im aller wichtigsten Punkt: nämlich in unserer Liebe zu den Menschen. Hier geht es zu meinem aktuellsten Artikel: »Warum Islamkritik wichtig ist«. Auch diesen Artikel von Cengiz finde ich sehr empfehlenswert: »Warum ich für den Ethik-Unterricht bin«. Im Folgenden der vollständige Artikel:
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In der letzten Zeit häufen sich Berichte über Islamkritiker, die durch ihr Engagement eine Gegenbewegung erzeugen, die versucht, sie mundtot zu machen. Diese Art der Gegenwehr erinnert sehr an die Stigmatisierungen von Menschen, die die Regierung Israels kritisieren. Diese werden nämlich schlichtweg als Antisemiten bezeichnet. Was aus dem Wunsch entstand, gegen völkerrechtswidrige Interventionen gegen das palästinensische Volk vorzugehen und die Welt auf eine Art internationale Legitimation für die Entrechtung eines anderen Volkes aufmerksam zu machen, endete in einem Rückschlag mit einer moralischen Faust, die behauptete, Kritiker der aggressiven Israelpolitik seien antisemitische Rassisten und Holocaustleugner. Die Diffusmachung {durch Verunsicherung} von solchen Strömungen dient in diesem Fall einer lähmenden Etikettierung, die letztendlich aufgrund der Betroffenheit von Kritikern zum Mundtod führen kann, was sehr oft auch gelingt.
Dasselbe Phänomen findet sich seit ein paar Jahren beim Vorgehen gegen IslamkritikerInnen. Auf die Benennung der erheblichen Probleme von Staaten, in denen der Islam als Religion eine fundamentale Bedeutung hat, wird durch die üblichen Diffarmierungsversuche reagiert. Eines der Hauptargumente ist stets, dass die Religion zu respektieren sei und dass jede zu harte Kritik gegen sie nur auf der Grundlage faschistoider Gedanken entstehen könne. Problematisch an diesem Punkt der Diskussion wird immer sein, dass es sich bei muslimischen Mitbürgern um eine Minderheiten handelt, die zu allem Übel auch noch in einem Land wie Deutschland auf eine Vergangenheit hinweisen kann, die einen quasi Schachmatt setzt. An diesem Punkt gehen islamkritische Diskussionen, die durchaus auch fruchtbar sein können, zu Ende. Doch wie argumentiert man gegen IslamkritikerInnen, die selbst aus einem islamisch geprägten Land kommen und hier – wie die Diskussionspartner selbst – zu einer Minderheit in Deutschland gehören? Auch hier gibt es ein bis zwei Tricks, die ein Gegenüber zum schweigen bringen könnten, auch, wenn sie nicht so zuverlässig sind wie die fremdenfeindliche Keule: a) Der Vorwurf, man habe hier im Einwanderungsland seine Wurzeln vergessen und verraten und b) Man sei genau aus diesem Grund durch Manipulation der Medien auf der Seite von Zionisten, USA, westlichen Werten und beschleunige so den Werteverfall des Orients und seine reiche Kultur. Indirekt wird man als VerräterIn behandelt, der/die sich hat von sexueller Freizügigkeit, westlichen Konsumgütern und Völlerei kaufen lassen. Wer an diesem Punkt dennoch eine konstruktive Diskussion aufrechterhalten möchte, sollte ruhig bleiben und die Argumente des Gegenübers in Frage stellen, indem er die eigene Betroffenheit bezüglich des harten verbalen Übergriffes auf die Integrität der eigenen Person überwindet. Das gilt für beide: für den Deutschen und den Islamkritiker mit islamischem Hintergrund.
Es ist von großer Wichtigkeit, dass man sich nicht mundtot machen lässt. Denn betrachtet man die Konsequenzen von Traditionalismus, zu starker Macht von Religion, die hier durch religiös-kulturellem Seperatismus geförderte Subgruppenbildung, die Entrechtung von Ehefrauen und Töchtern – ist das Schweigen zu einem Thema, das irgendwann einmal als “heilig” deklariert worden ist und sich so seit Jahrtausenden einer Immunität erfreut, eine offene Pforte für ihre Durchsetzung in der Gesellschaft. Selbst einige, sehr bedenkliche Fälle in der deutschen Justiz sind bekannt, bei denen eine Begünstigung des islamischen Rechtes im deutschen Gericht aufgezeigt wird. {»Eine Richterin, die Schelte und die Hysterie«}
Relativierungen aller Art
Im jüngst von Herrn Kleber geführten Interview mit dem iranischen Präsidenten Ahmadinejad, antwortete der Präsident auf Herrn Klebers Hinweis auf die Menschenrechtssituationen im Iran mit ungefähr folgenden Worten: “Die Verletzung der Menschenrechte ist ein globales Problem, nicht nur ein Iranisches. In England z.B. werden weibliche Demonstranten auf dem Boden weggeschleift.” {Kein wörtliches Zitat}
Herr Kleber ist leider nicht mehr näher darauf eingegangen, konnte dem rhetorisch klug wirkenden Einwandes nichts mehr entgegensetzen; denn tatsächlich ist es so, dass es überall auf der Welt immer wieder zu Übergriffen seitens der Staatsorgane kommt, die mit Humanismus und Menschenrechten nur wenig gemein haben. Nichts desto Trotz sind solche Relativierungen nichts anderes als eine Konsequenz von einer großen Portion Ignoranz gesalzen mit einer Simplifizierungsabsicht, die ihres gleichen sucht. Herr Kleber hätte z.B. antworten können: “Lieber Herr Präsident, wenigstens dürfen britische Frauen überhaupt für irgendetwas demonstrieren gehen. Ist das in Ihrem Land auch möglich? Und: Wie lange bleiben Ihre Demonstranten im Gefängnis? In England meistens nur ein paar Stunden. Und gefoltert und hingerichtet werden sie auch nicht.”
Ähnlich kann man so einem Argument in einer islamkritischen Debatte antworten. Es geht nicht darum, dass es überhaupt Verbote und staatliche Sanktionen gibt, dass es nicht auch im nicht-religiösen Kontext Gewalt gegen Schwächere gibt. Doch die Frage ist, ab wann eine Tat oder Lebensart überhaupt als sanktionswürdig erachtet wird. Und hält man sich streng an islamische Regeln oder Handlungsmöglichkeiten, sind dem Mann neben der Frau einige Vorteile gegeben, die man nicht einfach ignorieren kann. In Sure 4, Vers 34 steht: “Die Männer sind den Weibern überlegen wegen dessen, was Allah den einen vor dem anderen gegeben hat {…} Diejenigen {Weiber} aber, vor deren Widerspenstigkeit ihr fürchtet – warnet sie, verbannet sie in die Schlafgemächer und schlagt sie {…}” Des Weiteren steht in Sure 2, Vers 223: “Eure Frauen sind ein Saatfeld für euch; darum bestellt euer Saatfeld wie ihr wollt.” {Die Interpretation wird den LeserInnen überlassen}.
Da Frauen {gleichwertige} Menschen sind, handelt es sich hier um menschenrechtsfeindliche Gebote. Es gibt noch viele, aus heutiger Sicht unhaltbare Gebote bezüglich der Andersgläubigen, Homosexuellen, des Ehebruches und anderen “Vergehen”. Beispielsweise ist es in islamischen Ländern üblich, dass bei Diebstahl die Hand abgehackt wird als Strafe. Was thematisch sehr oft als ein Gesetz der reinen Sharia gehandhabt wird, die angeblich – außerhalb dessen, was im Koran expliziert worden ist stehe – steht dieses Gebot schwarz auf weiß im heiligen Buch. Wen soll es nach all diesen Punkten also wundern, wenn einige sich von den Berührungsängsten mit Religionen befreien und nicht den Mund halten? Wem ist es vorzuwerfen, wenn eine aus rein menschlichenliebenden Gründen die Befürchtung entsteht, dass sich Religion ihre Macht in den Wänden der Häuser zurückerlangt? Würde man hier nicht eher jene mit Fragen konfrontieren wollen, die für solcherlei Verse nur ein süffisantes Lächeln übrig haben?
Religion ist Privatsache
Eine der interessantesten Gegenargumente in solch einer Debatte ist der Satz: “Religion ist Privatsache. Das sagt ihr Säkuralisten doch stets, nicht wahr? Also warum haltet ihr euch nicht daran und unterlasst es, uns mit eurer Kritik zu behelligen?”
Islam ist so lange eine Privatsache, bis sie wirklich zur Privatsache wird und ihren Einfluss auf die Gesellschaft, auf die Gesetze eines Landes und auf die Menschen-, Frauen- und Minderheitenbilder abgetreten hat. Im Moment gibt es Länder, in denen Religion nicht Privatsache ist, sondern die Hauptsache. Es gibt Menschen, die auf Basis religiöser Legitimationen, Homosexuelle erniedrigen und als mindere Wesen ansehen. Es gibt Länder, in denen Menschen mit einem anderen Glauben diskriminiert werden {siehe Ägypten} oder sie zumindest als schlechten Einfluss betrachten. Es gibt zudem Menschen, die das Gesetz der Religion über die Gesetze des Staates setzen, in dem sie leben, auch oder vor allem, wenn sie miteinander kollidieren. Und darüber muss geredet werden können ohne Angst, sich als menschenfeindlicher Faschist zu fühlen – eben weil wir noch nicht dahin gekommen sind, dass Religion eine Privatsache ist und in ihrer rein esoterischen Form gelebt wird.
“Es gibt keinen Zwang im Glauben”
Dieser Satz wird als Endargument gegen alle Kritiker verwendet. Wenn nichts mehr hilft, muss dieser Satz für alles herhalten. Er wird aus dem Zusammenhang gerissen, der Satz davor und danach einfach weggelassen, um die Friedfertigkeit des Islam zu untermauern. Wie sieht es wirklich aus? Wenn es keinen Zwang im Glauben gibt, warum steht auf Apostatie dann die Todesstrafe? Wenn es keinen Zwang im Glauben gibt, warum werden die Götzendiener im Koran verfolgt und getötet? Wenn es keinen Zwang im Glauben gibt, warum kann man sich dann nicht einer islamischen Bestrafung entziehen, indem man vom Glauben abtritt, sondern wird – ob nun Muslim oder nicht – trotzdem nach islamischem Recht verurteilt? Ganz einfach, weil wenn man es tut, darauf auch die Todesstrafe steht.
In Sure 4, Vers 89 steht folgendes: “Sie wünschen, daß ihr ungläubig werdet, wie sie ungläubig sind, so daß ihr alle gleich seiet. Nehmet euch daher keinen von ihnen zum Freund, ehe sie nicht auswandern auf Allahs Weg. Und wenn sie sich abkehren {vom Glauben}, dann ergreifet sie und tötet sie, wo immer ihr sie auffindet; und nehmet euch keinen von ihnen zum Freunde oder zum Helfer.”
Soviel zu “kein Zwang im Glauben”. Nun wird man sagen, das seien andere Zeiten gewesen, der Koran würde sich auch nur auf diese Zeiten beziehen. Dass in einem anderen Teil einer Diskussion aber auch immer das Argument der Zeitlosigkeit des Korans auftreten wird, womit die Reformierbarkeit dieser Schriften streng abgelehnt wird, mag dann oft übertüncht werden. Nichts desto Trotz bleibt immer noch die Frage, inwieweit die Auslebung einer Religion zwanglos sein kann, wenn die Weltreligionen Ungläubigkeit mit großem Leid im Höllenfeuer zu strafen drohen. Im normalen, außerreligiösen Sprachgebrauch würde man so etwas nämlich schlicht und einfach “Erpressung” nennen.
Religion hat nichts im Staat zu suchen
All diese Erläuterungen dienen einem bestimmten Zweck, nämlich dem, zu verdeutlichen, dass Religion tatsächlich Privatsache zu sein hat; und sie auch nur in einem Maße auszuleben ist, wie es die jeweiligen Gesetze eines Landes erlauben. {Im Falle Deutschlands hieße es, dass das die häusliche Gewalt gegen Frauen bei “Ungehorsam” nicht mit den staatlichen Gesetzen übereinstimmen und deshalb auch im Rahmen einer religiösen Möglichkeit weiterhin verboten sind, auch, wenn die Richterin im oben genannten Artikel mit ihrer religiösen Toleranz für Andersgläubige auf Kosten der Rechte der Frauen zuweit gegangen ist}.
Deshalb kann man nur hoffen, dass IslamkritikerInnen sich nicht mehr von solchen Aussagen wie, man sei ein Muslimhasser, einschüchtern lassen. Auch sollte man nicht darauf eingehen, wenn man als typisch deutscher Fremdenfeind angesehen wird. Man solle sich lieber als Menschenfreund outen und seine Islamkritik genau darauf begründen: auf seine Menschenfreundlichkeit. Der Unterschied zwischen einem Thilo Sarrazin, der zum Teil wirklich rassistische Äußerungen {über die Intelligenz von Migranten} getroffen hat und einer Person, die eine Religion als Grundlage für viele, eklatante Menschenrechtsverletzungen – ob nun privat oder staatlich – ansieht und genau dagegen ankämpft, muss ersichtlich werden; und das geht nur mit unermüdlichen Dialogen. Damit das klappt, müssen aber auch IslamkritikerInnen auf die richtige Rhetorik setzen, Pauschalisierungen vermeiden und immer bewusst von der religiösen Schrift sprechen und nicht allgemein von Muslimen. Letztendlich kann man auch muslimische Mitmenschen dazu motivieren, sich stärker von radikalen Predigern zu distanzieren, indem sie die Stimme des Mitte-Islams {einem Islam in der Mitte einer liberalen Gesellschaft} stärken. So steuern auch sie einer Verallgemeinerung gegen Muslims entgegen und fördern einen liberalen Islam. Selbst, wenn gut informierte IslamkritikerInnen behaupten könnten, dass dieser liberale Islam nur ein Kompromissprodukt sei und von der fundamentalen Schrift des Korans abweiche, sollte er uns lieber sein als der fundamentale Islam: um Welten lieber.
Seit nun mehr als einer Woche ist die Initiative “Israel loves Iran” und der darauf folgenden Antwort der jungen Iraner “Iran loves Israel” am blühen und trägt schon erste Früchte. Abgesehen davon, dass Israelis und Iraner sich über Emails, Kommentare und Facebook-Freundschaften gerade kennenlernen, ihre Kulturen miteinander vergleichen und eine gemeinsame Geschichte finden, anstatt die ewig propagierten Unterschiede, sind sie sich vor allem in dem Wunsch einig, dass sie – als Völker dieser beiden Länder – keinen Grund sehen, einander zu hassen und zu bekriegen.
Noch immer gibt es zynische Kritiker, die mit den Herzen, Solidaritätsbekundungen und Facebook nichts anfangen können, diese wunderbare Initiative all zu gern belächeln und meinen, sie sei absolut sinnlos, wenn sie einen Krieg nicht verhindern könne. Wer die Wichtigkeit der Völkerverständigung nicht anerkennt, hat nicht verstanden, warum Politiker, bevor sie einen Krieg führen, Monate bis Jahre vorher eine große Medienkampagne starten, um das andere Volk als feindlich gesonnen und vor allem die Regierungen als unhaltbar gefährlich für die eigene Sicherheit hinstellen. Um einen Krieg zu führen, bemühen sich Regierungen noch immer um den Rückhalt des Volkes, um neben einem militärischen Konflikt nicht auch noch einen Internen in Schach halten zu müssen. Das lässt sich durch die neuere Geschichte hinweg beobachten. Nichts desto Trotz sollte diese Initiative nicht erst dann als sinnvoll erachtet werden, wenn sie es durch ihre aus ehrlichen und kritischen Fragen entstandene Bekundung erreicht, dass die israelische Regierung keinen militärischen Angriff startet. Natürlich gibt es Grund für Zweifel daran, dass diese Aktion tatsächlich eine kurzfristiges Zurückrudern der israelischen Regierung bewirkt, aber längerfristig ist so eine Annäherung nur positiv zu bewerten. Wenn solch eine Saat des Friedens und des Miteinanders gelegt wird, bleibt sie selten ohne positive Konsequenzen. Schon jetzt sind genau diese zu sehen. Weiterlesen… »
Mir ist bei sachlichen Diskussionen, in denen es um Zahlen, Fakten, Gesetzmäßigkeiten geht, aufgefallen, dass (vom Unterlegenen) jedes Gegenargument als gleichwertig betrachtet wird, auch wenn es bei dem Argument lediglich um eine Meinung handelt. Unreflektiert, jeglichem Fundament entbehrt und ohne Angabe einer reliablen Quelle. Die Überbewertung der Meinung als solche (nicht zu verwechseln mit der politischen Meinungsfreiheit) bewirkt einen Tatsachen- und Wissenschaftsrelativismus, der mir manchmal den Magen verdreht. In Diskussionen mit stichhaltigen Argumenten, Quellenverweisen, historischen oder wissenschaftlichen Belegen und Trends wird die Meinung vom Diskussionspartner als etwas hingestellt, über das sich genauso schlecht streiten lässt wie Geschmack oder die ästhetische Empfindung für etwas. So funktioniert das aber nicht. Es ist höchstens gut für die Person selbst, die sich so davor bewahren kann, ihren Standpunkt oder ihre Einstellung aktualisieren zu müssen. Aber nicht für die Progression unserer Gedanken, unserer Schlussfolgerungsrichtigkeit und unseres zukünftigen folgerichtigen Handelns.
Eine Meinung zu haben und zu entwickeln – das kann jeder. Ununterbrochen, unwillkürlich, sofort. Wir können vieles meinen und vergessen dabei, dass es bei einer so gemeinten Meinung oft um eine unbewiesene Vorannahme handelt, die aber im Laufe einer Diskussion überprüft werden sollte. Hält sie der Realität stand? Inwieweit kann man sie beibehalten? Oder sollte sie doch lieber erneuert werden? Gibt es vielleicht Menschen, die das Thema schon erforscht haben und doch etwas Anderes herausgefunden haben als das, was ich mit meiner Meinung postuliere? Das hier ist nichts, was einem schaden würde oder einem das Gefühl geben sollte, das Gesicht zu verlieren. Es ist lediglich die Entwicklung der echten Fähigkeit des kritischen Denkens. Kritisches Denken heißt nicht nur, dass man sich der Masse gegenüber lediglich aus Prinzip heraus quer stellt und in jeder Situation nur “aber” oder “nein” ruft, um dann zu sagen: “Das ist meine Meinung. Ich habe ein Recht darauf. Ich bin eben anders als ihr!” Kritisches Denken verliert seinen Sinn und Zweck, wenn es nicht dazu führt, die Dinge so akkurat wie möglich zu betrachten. Und das fehlt unserer RTL-Gesellschaft immer mehr. Der unbedingte Wille zur Akkuratheit. Die Älteren wollen nicht von alten Einstellungen abrücken, die Jüngeren wollen gar nicht erst zu denken beginnen. Pespektiven werden als Charaktermerkmal betrachtet und nicht als etwas, das es aktiv durch geistige Arbeit und Wissensaneignung zu erlangen gilt. “Ich habe diese Meinung, weil ich cool und anders bin!” (und nicht, weil ich mir meine Perspektive durch Recherche angeeignet habe). “Und ich bin gegen deine Meinung, weil ich für meine Meinung bin und nicht, weil ich dem etwas Echtes entgegen zu setzen hätte.” Weiterlesen… »
11.09.2011, 23:36
Der Lauf der Dinge
Der Lauf der Dinge ist nicht zu stoppen. Auf der Welt erscheinen, sich dort allen Hürden stellen und dann mal selig, mal gequält vom Leben schreiten. Trauer, Niedergang, Naturkatastrophen – alles muss hingenommen werden, weil man sich sagt, dass es die “unergründlichen Wege des Herren” sind. Alles muss getragen werden – ob man will oder nicht -, weil die Realität selbst den visionären Wissenschaftler ernüchtert, der in seinen Ambitionen, ein neues Heilmittel gegen XYZ entdecken zu wollen, auf der molekularen, finanziellen und ethischen Ebene scheitert – oder es eben an der Nichtprojizierbarkeit von der tot-experimentierten Laborrate zum Menschen tut.
Wir halten uns fest, klammern uns, hoffen, reden uns ein, dass es eine höhere Instanz gibt, die weiß, was sie tut. Gerade wir Orientalen neigen dazu. Wir beten sie an und huldigen ihr, selbst wenn wir wissen, dass diese Instanz gegen viele Millionen ethische Grundsätze verstoßen hat. Vom Kleinsten angefangen (unterlassene Hilfeleistung) bishin zum Massenmord (Naturkatastrophen). Die von ihm sadistisch gezeichneten Biografien geschehen dann innerhalb dieses Verbrechensintervalls. Anstatt zu revoltieren, bücken wir uns immer ein Stückchen mehr in die Tiefe – in der Hoffnung, weiterhin in der Gunst dieses Gottes zu stehen. “Möge er uns nicht dafür in die Hölle schmeißen, dass wir nun einmal so sind, wie er uns geschaffen hat!”, sagen wir und merken die Skurrilität dieses (un)logischen Gefüges nicht. Die einen beten fünf Mal am Tag, weil ihr Gott die potenzierte Eitelkeit einer Diva besitzt – und die anderen lassen ihre Sünden von einem dick mit Klunkern und Fett behangenen Geistlichen wegreden – nach Bezahlung versteht sich – und der schon zehn Minuten später seine Macht an einem kleinen Jungen demonstrieren kann und vereinzelt auch wird. In welcher Form, will ich nicht näher beschreiben.
Dann gehen sie sich darüber streiten, wer von ihnen näher an Gottes Brust – nein, das wäre ja noch mütterlich – an Gottes Zepter (Phallus) hängt und meinen, die wahre Antwort auf diese Frage wäre Kriege, Tote, Gesteinigte und Kreuzzüge wert. Während die Wissenschaftler schon die kleinsten Bewegungen des Lebens erforschen, debattiert der Klerus noch über Adam und Eva und der Entstehung des Lebens innerhalb von sieben Tagen. Homosexuelle hängen an Seilen in meiner Heimat und schwenken mit ihren leichenblassen Körpern hin und her. Denn “Gott” sprach einst, Homosexuelle seien unzüchtig und minderwertig. Frauen, die der Rache ihrer Ehemänner ausgesetzt werden, weil ihre Ehre in irgendeiner Weise verletzt worden ist, werden in einigen Ländern gesteinigt. Geistliche, die sich intensiver als jeder andere normale 0815-Religiöse mit ihrer Religion beschäftigt haben, erkennen die fundamentalen Gedankenkonstrukte ihrer Religion und verstehen die Worte Gottes, wenn er sagt, dass sein Buch “einfach, klar und deutlich” geschrieben worden ist und keinen Raum für Interpretation lässt. Deshalb heißen all die Wörter wie “schlagen”, “hacken”, “töten” und “verfolgen” auch nicht “streicheln” oder “trennen” statt “schlagen” – und auch nicht “Kratzer hinzufügen” oder “Kläpschen geben”, sondern schlicht und einfach “Hand abhacken” (bei Diebstahl). Auch, wenn Menschen, die sich für ihre Religion rechtfertigen wollen, es gerne anders sehen. Und die anderen? Sie schließen sich in große, kalte Gotteshäuser aus Stein ein, behaupten, im Zölibat leben zu müssen, um Gott zu dienen. Sie lassen die Frucht ihrer Lenden vergammeln und sich krank in ihre eigenen Körper ergießen. Was dabei rauskommt ist, dass sie versuchen diesen unnatürlichen Zustand anders zu kompensieren – immer an den Schwachen und Schutzbedürftigen. Wie, das möchte ich hier nicht näher beschreiben. Weiterlesen… »
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