
Ich gehe durch die Stadt, weil ich nach dem Seminar nicht nach Hause will. Ich habe Hunger, Hunger im Bauch und Hunger nach schönen Menschen. Meine Kamera habe ich bei mir. Sie baumelt vor meinen Schritten hin und her, und vor allem stört sie. Dann höre ich Musik, es ist wieder Orientalische. Die Straßenmusiker machen mich – wie so oft – glücklich. Während sie mich mit globaler Menschlichkeit erfüllen, fühle ich mich, als sei ich alle Menschen; und just in jenem Augenblick sehe ich diese Frau, diese Frau in Rot. Sie geht langsam und bedächtig, scheint sich fast an ihrem Mann abzustützen, obwohl er sie für soviel stärker hält als sich selbst. So kommt es mir zumindest vor. Ich fasse mich ans Herz, gehe auf sie zu und frage einfach: “Entschuldigung, darf ich Sie etwas fragen? Also, wie soll ich sagen. Ich suche interessante Gesichter, die ich sehr gerne fotografieren würde. Darf ich ein Foto von Ihnen machen?” Ich verdrehe innerlich schon die Augen und denke mir, ich habe mich wieder total blöd angestellt, ich habe doch gar nicht gezielt gesucht, und jetzt hört sich das so an, als würdest du das für ein Projekt machen, dabei ist das hier doch spontan, du meine Güte. Aber als sie mich richtig herzlich anlächelt und sagt “Natürlich”, sind alle meine Bedenken Geschichte. Also beginne ich, Fotos von ihr zu schießen und traue mich nicht, irgendwelche Anweisungen dazu zu geben, doch das war nicht nötig. Sie wusste, wie es geht, dieses Schönsein. Sie versuchte nicht wirklich zu posen, und wenn, dann blieb sie dabei ganz natürlich. Weiblich [nicht herrlich] schön ist sie, nicht nur äußerlich, sondern auch vom mittigsten Punkt ihres Wesens her. Und auch, wenn sich mein Gefühl nun wie ein Klischee anhört, finde ich doch, dass diese Wörter zu ihr passen: Verletzlichkeit und Stolz. Das fiel mir sofort bei ihr ein. Wie eine Rose war sie, eine, die unangetastet war und sich danach sehnte, richtig berührt zu werden. Weiterlesen… »
01.11.2011, 11:27
Gesehenwerden
In einer dieser engen Altstadtgassen angekommen, suchen wir nach einem Parkplatz. Und da, direkt vor dem klitzekleinen REWE mit der viel zu kleinen Eingangstür, finden wir eine rudimentäre Parklücke, die man auch leicht hätte übersehen können so furz-unsichtbar ist sie. Mr. Serious entscheidet, trotzdem einen Versuch zu starten. Vor dem Supermarkt-Eingang sitzen zwei ältere Männer. Deutlich vom Leben gezeichnet, nicht ganz nüchtern – und zumindest einer von ihnen, der mit dem weißen, langen Bart, ist sehr kommunikativ. Ich bemerke alte Klamotten, ein altes durchlöchertes T-Shirt, das ihm die Welt bedeutet, und eine abgewetzte Jacke. Die Cappies zieren beide, geben beiden Sicherheit, eine Art Einheitlichkeit – und sah man sie, wusste man sofort Bescheid: Ja, die beiden gehören zusammen. Auf der Straße vermutlich eine wichtigere Verbindung, als wir Normalos uns mit einer Wohnung und einer uns umsorgenden Familie vorstellen können. Vielleicht weniger emotional, aber dafür hoch funktional. “Für bedingungslos emotionale Beziehungen holt man sich lieber Haustiere”, erinnere ich mich an die Worte meiner alten Nachbarin, die vor sieben Jahren einem aufgeplatzten Aneurysma erlag. Möge sie in Frieden ruhen.
Mr. Serious macht da irgendetwas am Lenkrad – ich würde sogar sagen, er kämpft. Dreht sein Gesicht nach hinten, schätzt ab, tut irgendetwas. Das Autofahren, das wird nie mein Freund werden, das geht mit meinem ADS einfach nicht gut, denke ich noch, als ich den Bärtigen lachend sagen höre: “Do da bin isch aba jezze ma jespannt, junga Mann. Zack zack und rinne!” Mr. Serious grinst den Bärtigen an. Fast einwenig schüchtern sieht er dabei aus. Das Autofenster ist bis zum Anschlag runter gedreht, damit er sehen kann, was auch immer er meint, sehen zu müssen, um in diese immer lächerlicher wirkende Parklücke rein zu kommen. Ich finde, da kann man nichts sehen oder abschätzen, das waren Millimeterunterschiede – als ob man das Auto millimetergenau kontrollieren könnte. Ich hatte ihm ja auch angeboten, auszusteigen, ihm Anweisungen zu geben wie eine leidenschaftliche Verkehrspolizistin, die aus ihren Hand- und Armbewegungen eine tolle Break-Dance-Welle hinlegt. (Die kann ich übrigens wirklich, und zwar ganzkörper. Das wollte ich nur einmal klarstellen) Aber nein, Mr. Serious will keine Hilfe, außer es geht nicht anders. Und wann er dieses “es geht nicht anders” anfängt, zu empfinden, kann das schon an einem Zeitpunkt sein, an dem “es geht nicht mehr ganz” eigentlich schon “kurz vor Katastrophe” ist. Mr. Serious Definition war dem Bärtigen gleich. Er verteilt fröhlich Ratschläge an ihn und macht klar, was am besten der nächste Schritt sein sollte. Mr. Serious lacht und sagt “Danke, ich weiß” und wendet nervig elegant das Auto in ungefähr zwei bis drei Lenkradhandlungen in die Parklücke. Ich verdrehe die Augen. Hätte er es doch wenigstens einwenig vermasselt, dann hätte der Bärtige noch ein “Siehste Junge” sagen können. Das hätte mir gefallen. Weiterlesen… »
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