Mama und ich sind alleine in Deutschland. Irgendwo. Die Menschen sind fremd und reden nicht soviel mit einem wie in der Heimat. Und wenn, dann verstehen wir sie nicht. Ich bin drei Jahre alt. Ich habe Angst, weil ich Mamas Angst spüre. Wo ist Papa und wann wird er wieder bei uns sein? Papa ist stark, er kann uns beschützen. Er soll hier sein. Bitte lieber Gott. In der Heimat hörten wir Sirenen und laute Knalle, aber hier hatte ich die meiste Angst. Erst, wenn ich die Augen schließe, weint Mama, damit ich nichts merke. Ich kralle meine kleinen Hände in ihre Brust und schlafe ein. Nachts träume ich von einem Erschießungskommando, das uns die Augen verbindet und an die Wand stellt. Sie erschießen uns. Aber wir fallen auf eine Matratze, das tut nicht so weh. So tut das Sterben weniger weh. Cut.
Ich bin vier Jahre alt. Ich kritzele immer wieder alles voll. Die weißen Blätter in unserer ersten kleinen Ein-Zimmer-Wohnung sind alle vollgemalt. Mal mit dem blauen, mal mit dem schwarzen Kugelschreiber. Der Bleistift hat mich nie interessiert. Er ist so unverbindlich. Man kann ja alles wegradieren. Ich laufe zu Papa und zeige ihm, was ich gemalt habe. Er schaut mich lächelnd aber traurig an: „Schon wieder Khomeini gemalt, meine Tochter?“ – Ich schaue ihn mit großen Augen an, nehme das Blatt Papier zurück und kritzele wieder etwas drauf, damit er nicht mehr traurig guckt. Ich laufe zurück zu ihm und sage: „Unser Haus im Iran. Da sind Oma und Opa drin.“ – Doch trotzdem bleibt sein Lächeln traurig. Cut.
„Komm‘ Schatz, Oma und Opa wollen mit Dir reden. Sie sind am Telefon und sie vermissen Dich.“ Ich hopse zum Telefon und sage leise „Allo?“ Oma redet überschwänglich, sie redet und redet – und ich frage mich, warum sie so schnell und soviel redet. Und sie schafft es doch nicht, ihre brechende Stimme aufzuhalten. „Schatz, wir vermissen Dich so. Wir vermissen Dich so.“ – Sie weint und gibt Opa das Telefon in die Hand ohne sich zu verabschieden. Opas Azari-Akzent beim Persischsprechen ist das Schönste, was ich je gehört habe, deshalb achte ich nicht darauf, was er sagt, sondern wie er es sagt. Erst, als seine Stimme bricht, sage ich: „Bitte nicht weinen, bitte nicht weinen Opa. Ich liebe Euch doch! Bald sind wir zusammen.“ Cut. Weiterlesen… »
“Wenn Sie nächsten Freitag kommen würden, würde ich mich sehr freuen, Giti Khanum (Frau Giti)”, sage ich mit freundlicher Stimme, obwohl ich innerlich vor Wut am platzen bin.
“Nächste Woche ist schlecht, da sind wir schon eingeladen”, tönt es zuckersüß aus dem Hörer gerade heraus in mein genervtes Ohr. Gutgläubig – und der rhetorischen Feinheiten der persischen Konversation nicht wirklich habhaftig (sie waren mir einfach zu kompliziert) – schaue ich gehetzt in meinen Notizkalender, um einen anderen freien Tag für diese “Pflichtveranstaltung” zu suchen.
Warum ich mir das überhaupt antue, werde ich mich erst später fragen, doch die Antwort kenne ich schon: Ehre, Pflicht, das Wahren des Gesichtes. Es ziemt sich für eine Iranerin einfach nicht, der Pflicht auszuweichen, nur weil der potenzielle Gast mir nicht sonderlich wohl gesonnen ist und vor ein paar Monaten noch versucht hat, Unruhe in meiner Familie zu stiften, weil sie sich durch irgendein falsches Wort im falschen Moment beleidigt gefühlt hat und daraus eine unendliche Geschichte geflochten hat.
“Und am Samstag?”, höre ich mich selbstverständlich fragen. “Wir würden uns sehr freuen, wenn Sie uns am Samstag zum Abendessen die Ehre Ihrer Anwesenheit erweisen würden.” – und verdrehe dabei meine Augen über meine eigene, unerträgliche Verlogenheit.
Schon sehe ich in meinem geistigen Auge Großmutters Augenbraue zuckend hochgehen und ein vehementes “Naaa, Azizam…” (Nein, mein Liebling) sagen. “Yadet bashe, Mehmun habibe khodast!” (“Vergiss nicht, der Gast ist Gottes Liebling.”) “Du musst Deine Pflicht erfüllen, egal, was vorgefallen ist. Sie sollen sehen, dass wir uns von soetwas nicht verändern lassen und Gesicht und Höflichkeit wahren, weil wir ehrenwerte Menschen sind.” Weiterlesen… »
Ich bin einfach sprachlos. Wie kann ein Mann sich auf die Art und Weise bewegen und dabei so stolz und männlich wirken? Für mich ist er in diesem Auftritt der Inbegriff von Ästhetik, Leidenschaft und Stolz.
“Zu den denkwürdigsten Geschichten meiner Großmutter gehörten die von einem frostigen Wintertag im Zweiten Weltkrieg, als ein Schiff eine Gruppe polnischer Frauen und Kinder in den Hafen von Anzali brachte:
‘An jenem Tag war Euer Großvaterganz aufgeregt nach Hause gekommen. Er bat mich, schnell Nahrungsmittel und ein paar Teller und Besteckt zusammenzupacken. Er wollte, dass ich mitkomme, für den Fall, dass sie Probleme hätten, die sie mit den Männern nicht besprechen könnten. Er sagte auch, ich solle ein paar von meinen Kleidern und auch ein paar Kleidungsstücke der Mädchen mitbringen.
Auch Gholam, der Lehrling Eures Großvaters, war gekommen. Ich hatte einige Marmeladenbrote geschmiert und sogar eingepackt, was noch vom Abendessen übrig war, und wir haben uns auf den Weg gemacht. Euer Großvater war losgelaufen, um Seyed Hashem, den Stadtmullah, zu holen und ihn zu fragen, was wir tun sollten…
Als wir dort ankamen, war es so herzzerreißend: Schöne Frauen und junge Mädchen wie Blumen mit grauen und blauen Augen, aber sie sahen aus, als kämen sie direkt aus einer Kohlengrube… Sie waren hungrig, durstig und voller Flöhe… Der einzige Arzt in der Stadt war gerufen worden, und einige Zelte wurden vom Rathaus herübergebracht. Der Doktor bat uns Frauen, ihm zu helfen und sie mit Soblimeh-Seife zu waschen. Ihr könnt Euch das Durcheinander gar nicht vorstellen, die ganze Stadt war auf den Beinen und holte Sachen aus den Läden.
Als unser Mullah Seyed Hashem ankam, erklärte er, es sei unsere religiöse Pflicht, für diese Leute zu sorgen, die bei uns Zuflucht suchten. ‘Behandelt sie mit absolutem Respekt’, sagte er. ‘Es ist egal, wenn sie nicht das glauben, was Ihr glaubt… Behandelt sie wie Gäste in Eurem Haus… Verteilt sie auf die einzelnen Häuser, aber trennt die Kinder nicht von ihren Müttern. Nun holt heißes Wasser…’
Das Geschrei der Menschen, die heißes Wasser von zu Hause an den Strand brachten… All die Barbiere der Stadt, die den von Flöhen gepiesackten Polinnen die Haare abschnitten. Und wir brachten sie in die Zelte und wuschen sie, trockneten sie ab und kleideten sie an. Ihr habt keine Vorstellung, wie schön sie waren, als sie gewaschen waren!
Am nächsten Tag sagte Seyed Hashem in der Moschee: ‘Dies sind ehrenhafte Frauen. Sie haben mich gebeten, bekannt zu machen, dass sie nähen, stricken und sticken und gern dafür bezahlt werden würden. Schickt Eure Mädchen zu ihnen in die Lehre und bezahlt sie, damit sie auf eigenen Füßen stehen können.’
Meine Großmutter schickte meine Mutter zu Marous in die Lehre, die ihr Spitzhäkeln, Sticken und Perlenarbeiten beibrachte. Alle Mädchen in Anzali ließen ihre Aussteuer besticken. Und die Bräute in vielen Familien waren jene blonden, blauäugigen Schönheiten. Als ich in der Grundschule war, hatten Houma und ein anderes Mädchen, Maryam, ihre schönen blauen Augen von ihren polnischen Großmüttern geerbt. Und jedes Mal, wenn ich ihnen in die Augen schaute, erinnerte ich mich an die Geschichten meiner Großmutter über jenen Tag…
Aber da ist eine große Frage, die mich quält: suchen nicht auch zwei Millionen Afghanen im Iran eine sichere Zuflucht? Sind wir nicht dasselbe Volk? Glaubte nicht Seyed Hashem, der alte Stadtmullah, an dasselbe wie unsere derzeitigen Herrscher? Was ist mit uns geschehen? Was haben sie uns angetan?”
Atomkrise? “Geisel”-Drama (GEISEL Drama?), “Nicht ohne meine Tochter” und “300″? Der Tropfen, der das Fass zum Überlaufen brachte, ist flach, plump, ohne jegliche tiefere Moral und heißt schlicht und einfach “300″.
Snyders Kino-”Knüller” “300″ hat die persische Seele zutiefst verletzt. Wo bei jeder anderen Volksgruppe oder Nation ein Aufschrei nachvollziehbar gewesen wäre bei solch’ grotesken Darstellungen einer alten Hochkultur; und selbst andere Nationen in die Empörung mit eingestimmt hätten, stößt der Aufschrei der Iraner auf Unverständnis – selbst in den eigenen Reihen.
Natürlich liegt man richtig in der Annahme, wenn man von verletztem Stolz, einem schwachen Selbstbewusstsein und von Identitätsproblemen der Iraner spricht – doch abgesehen davon, dass es völlig normal ist in der psychosozialen Entwicklung eines Menschen, dass sein Selbstbild unter anderem sehr stark von der Reflektion seiner sozialen Umgebung geprägt wird, wird durch diese Argumentation ein anderer Punkt in den Hintergrund gerückt, der das hauptsächliche Problem und die hauptsächliche Angst der Iraner darstellt: Die momentane weltpolitische Situation Irans – vorallem auch im Hinblick seiner kulturellen und politischen Tendenzen, deren schlechte Stellung einem Iraner die dunkle Ahnung vermittelt, als Unmenschen gesehen zu werden, die man beseitigen darf, nein sogar beseitigen muss.
Jeder Exiliraner weiß um die Vorurteile, gegen die er Zeit seines Lebens zu kämpfen hat. Angefangen mit dem “brutalen” Schah, der vom guten Westen in Zusammenarbeit mit jungen, idealistischen Iranern als Diktator enttarnt und abgesetzt wurde, bishin zu Khomeini, Betty Mahmoody und ihr brutaler Ehemann, dunklen, verschleierten Frauen, Ahmadinedschads Aussagen über das Existenzrecht Israels – die seltsamerweise erst heute solche Empörung hervorrufen, obwohl sie zu Lebzeiten Khomeini’s schon das Sprachrohr verließen -, einer eigentlich völlig legitimen in Gewahrsamnahme von 15 britischen Soldaten, die man uns in den Medien aber als “Geisel-Drama” verkaufen will (weil jedes Land seine Grenzen schützen darf, aber Iraner eben nicht), während im Irak ein Gebäude gestürmt wird und einfach 10 Iraner festgenommen werden, von denen man immernoch nicht genau weiß, was sie eigentlich angestellt haben – bishin zu den bösen, missgestalteten Monster-Persern mit ihrem durch und durch gepiercten, größenwahnsinnigen, blutrünstigen König Xerxes im Film „300“.
Nun kommt genau zu diesen Zeiten, in denen einerseits die Sturheit und der Konfrontationskurs der IRI und andererseits die Drohgebärden Bushs die Sorge um die “Unversehrtheit” Irans einen Iraner von morgens bis abends beschäftigt, ein “harmloser” Kino-Knüller, der den alten Persern eine hässliche Fratze verleiht, gegen die man mit bloßen Argumenten nicht mehr ankommt. Bilder prägen sich nun einmal mehr ein als der gescheiterte Versuch eines Iraners, in der seit solanger Zeit schon miserablen Situation seiner Heimat doch noch wenigstens das Bild der alten, zivilisierten Perser aufrechtzuerhalten. Es geht um den Kampf darum, irgendwann noch soviel Wert zu sein, dass es zu internationalen Protesten kommt, wenn Iran militärisch angegriffen wird. Es geht darum, gerade als eine Nation, die im Laufe ihrer Geschichte schon so oft durch Zensur, politische Propaganda und Gehirnwäsche mit der Hilfe von inländischen sowie ausländischen Medien ruhiggestellt oder aufgestachelt worden ist, die Kraft von Medien nicht zu verharmlosen. Wir haben das Recht, uns aufzuregen, wenn eine “witzige” Comic-Verfilmung über Spartaner und Iraner – zu diesen Zeiten der weltpolitischen Krisenherde in Nah-Ost – in der mit der Rhetorik eines Bushs jongliert wird und die Welt der Perser “dahinten” als die Welt der Sklavenhalter und Abergläubigen beschrieben wird, die es gilt, für Sparta und die Zukunft der Welt zu bekriegen, soviel Anklang findet.
Man kann es drehen und wenden wie man will, diesen Film als Fantasy Comic abtun, ihre verschwörungstheorien-belasteten Absichten als null und nichtig hinstellen, die Annahme, es handele sich bei diesem Film um anti-iranische Darstellungen auf eine emotionale Reaktion reduzieren – aber man kommt nicht umhin, sich zu fragen, warum eine Fantasy-Comic Story reale, volksbezeichnenden Begriffe wie “Perser” oder “Spartaner” gebraucht und sich nicht einfach irgendwelcher “Herr der Ringe” Begriffe.
Was ich damit sagen will: Nicht die Iraner sind es hier, die einen Film politisieren, sondern die Iraner sind es, die einen schon längst politisierten Film mit ihrem Protest ein Gegengewicht bieten. Und das ist das gute Recht der Iraner.
Zu guter Letzt möchte ich einen kleinen emotionalen Einblick in die iranische Seele geben, indem ich meine Antwort auf einen deutschen Mitmenschen aus einer Diskussion um den Film “300″ zitiere, der den “Aufstand der Iraner” um den Film nicht nachvollziehen konnte. Ich hoffe, ich kann auf diesem Wege sovielen Menschen wie möglich erklären, warum dieser Film weh tut und warum er mehr ist als nur eine wirklich schlecht gelungene Darstellung.
Auszug aus einer Diskussion:
“Ich bewundere Deinen kühlen Kopf und Deine Distanz, die Du für Dich erleben kannst, weil Dein Land und Deine Kultur die Geschichte ‘bergauf’ geht, während mein altes, schönes Land seit vielen Jahren bergab fällt. Ich beneide Dich darum, dass Du dazu erzogen wurdest, Deutschland nicht zu sehr zu lieben, da es einst Schande über Euch bereitet hat – diese, jene Liebe zur Heimat. Ich freue mich ernsthaft für Dich, dass Du heute mit Gelassenheit dabei zuschauen kannst, wie aus einer noch sehr jungen, grässlichen Vergangenheit, ein sicheres, gut organisiertes und verhältnismäßig betrachtet reiches und sicheres Land entstanden ist. Zugegeben eines, das genauso einen Scheiß Dreck gibt auf Menschenrechte außerhalb der eigenen Hemisphäre – aber immerhin sind hier die Gesetze im Land selbst menschenfreundlich (auch gegen Kinderschänder), wenn auch etwas härter zu Finanzamt-Betrügern – aber lassen wir das. Wie dem auch sei, ich freue mich für Dich, mein Freund.
Aber weißt Du was, mein Freund? Ein Iraner – die erste Hälfte seines Lebens von seinen eigenen Herrschern gedemütigt, die zweite Hälfte gedemütigt durch die Ignoranz der ganzen Welt gegenüber allen Schönheiten, die es einst mal vollbracht hat und auf eine dunkle Epoche und islamischen Fanatismus reduziert, seiner Freiheit stets durch gierige Pranken von “da draußen”, den zivilisierteren, hellhäutigeren, saubereren Menschen beraubt, einhergehend mit einer Droge besudelt, die sich religiöser Fanatismus und Geld(gier) nennt, leidend an einer schizophrenen Beziehung zu sich selbst, seinem Volk, seiner Sexualität, seinem Geschlecht, seiner Geschichte – kann diese erhabene Distanz nicht aufbringen. Kann sie nicht – schon gar nicht im Exil, mein Freund.
Schau’, mein Freund – lass’ es mich Dir bildlich erklären: Der Sturz eines Königs vom Thron lässt ihn Zeit seines Lebens wahnsinnig werden und auf seinen alten Platz starren – oder er wird gegen jeden wild und zähnefletschend kämpfen, der ihm die Erinnerung und damit jeden vorhandenen Beweis einer glorreichen Zeit seines Lebens rauben will. Mein Freund, ich beneide Dich um Deine Ruhe, um Deine weniger pathetischen und verzweifelten Gefühle; aber bitte sei so fair, mein Freund, und verlange sie nicht von ein paar gebeutelten Iranern, die jetzt nicht nur damit beschäftigt sind, das Wort Iran und das Volk Iraner zu verteidigen und in großen Ausführungen und wilder Gestik klarzumachen, dass man selbst kein Diktator ist, kein Menschenrecht-Übertreter, kein Aggressor, kein Barbar ist – sondern viel mehr die alten Werte der alten Perser in sich trägt und alles Gute und Schöne in seinen Erinnerung wach hält, um es eines Tages wieder erschaffen zu können – cool und relaxed zu bleiben, wenn wir heute jetzt sogar beim Wort ‘Perser’ erneut Energie verschwenden müssen, um mit beschränkten Worten und noch beschränkterer Zeit erklären zu können, was die Perser waren und was sie nicht waren.
Verzeih’, mein Freund. Aber erst Iran, Iraner, dann Mullahs, dann noch schnell die Perser – und irgendwann, wenn man Glück hat, kommt man zu den großen arabisch-islamischen Wissenschaftlern, die man eben durch historische Belege, die man nun mal nicht immer intus hat, wieder iranisieren muss in einem netten, kleinen Plauschgespräch, in dem man die normale Frage gestellt bekommt: ‘Woher kommst Du?’. Was ich sagen will, mein Freund: Es sind keine arabischen Zahlen, es sind Iranische. Und da das niemand weiß, mein Freund, muss ein Iraner brüllen.
Verzeih’ uns das, mein Freund. Wir beneiden Dich um Deine Coolness – aber verlange sie nicht von uns ab, denn das schaffen wir nicht. Heute schon gar nicht. Die Menschen wollen die Barbaren (mein Volk) angreifen – und wir können nichts dagegen tun, weil die Welt definiert hat, dass wir zu sein haben, was wir nicht sind: Eben Barbaren.”
In den deutschen Medien ist der Streik der Busfahrer und die brutale Verhaftung von Menschen, die sich gegen die Islamische Republik Irans auflehnten, nicht zu finden – geschweige denn ein Bericht darüber, was den Insassen für Demütigungen und Folter bevorstehen, damit sie niewieder “zuviel reden”. Nicht einmal eine Meldung am Rande ist sie wert, vielleicht in der Unterkategorie der Unterkategorie der Unterkategorie der Unterkategorie der “Internationelen Nachrichten”? – Nein. Stattdessen wird der Dacheinsturz in Polen erwähnt und im Nachhinein zur Entspannung die neue Frisur von Bill von Tokio Hotel diskutiert.
Aus diesem uns verzweifelnden und auch demütigenden Anlass heraus werden wir unsere Landsleute und anderen Iraninteressierten mit den aktuellen Ereignissen füttern, wie es nur geht. Sie aus jeder erdenklichen Perspektive, unter jeder Berücksichtigung, aus jedem noch so möglichen, wie auch unmöglichem Ansatz heraus, erklären.
Der Morgen nach dem erstickten Streik
Heute Morgen habe ich ein Interview auf “Radio Farda” gehört. In dem berichtet einer der Organisatoren des Streikes Yaghub Salimi mit verzweifelt bebender Stimme über die Ereignisse der Nacht zuvor.
„Sie haben meine Frau und meine 10-jährige Tochter mit heftigen Tritten aus dem Schlaf geweckt und mit Schlagstöcken auf sie eingeschlagen. Meine Frau umarmte das 2-jährige Kind und sah einen Beamten mit einer Spraydose in der Hand vor sich“, erklärt Salimi mit verzweifelt zitternder Stimme. „Du willst Gas sprühen? Sprüh doch! Das Kind ist zwei Jahre alte, 2″, habe seine Frau gerufen. Daraufhin hätte der Beamte das Gesicht des Kindes besprüht und verletzt.
Wissen Sie, wie ein 2 jähriges Kind aussieht, wenn es gerade aufwacht? Es hat rote, weiche Wangen und große glasige Augen. Es reibt sie sich mit seinem kleinen, geballten Fäustchen und schmiegt sich an die warme Brust der Mutter, um den anstrengenden Übergang zwischen Eindrücken der Nacht und dem hellen Morgen gut zu überstehen. Es wird langsam, aber sicher durch die vertraute Stimme der Mutter und ihren liebevollen Geruch beruhigt – und der Tag kann beginnen.
Wissen Sie denn auch, liebe Leser und Leserinnen, wie ein 2 jähriges Kind aussieht, wenn es durch die Schmerzensschreie der Mutter aufwacht, weil sie gerade von einer Horde Basijis getreten wird? Wie dieses 2 jährige Kind aussieht, wenn diese Mutter schreiend und von Todesangst befallen ihre Kinder schützt und in ihrer Naivität und Hoffnung darauf hinweist, dass die Kleine in ihren Armen erst 2 Jahre alt ist? Und wissen Sie, wie das Gesicht eines 2 jährigen Kindes aussieht, das in dem Schockzustand durch die Schreie mitten in der Nacht um 4 Uhr auffwacht? Das Spray in Augen und Nase gesprüht bekommt und an einen “unbekannten Ort” verschleppt wird?
Wissen Sie das, liebe deutsche Nachrichtenagenturen? Ist es Ihnen wirklich entfallen bei all den Recherchen darüber, wieviele deutsche Firmen tragischerweise aufgrund des störenden Atomkonfliktes nun auf der Kippe stehen?
Yaghub Salimis Frau und seine zwei Töchter befinden sich gerade an einem “unbekannten Ort” – und das hier ist die Stelle, an der viele Menschen entweder schreiend fortlaufen möchten bei dem Gedanken, was ihnen gerade widerfährt oder eben weiterhin ohne große Regung und in Resignation verharrend gar nicht daran denken, sich die Ausmaße eines einzigen Einzelschicksales auszumalen – die tiefenpsychologischen Aspekte so einer Belastung berücksichtigend, kann man sogar auch dafür Verständnis aufbringen, aber das würde hier zu weit gehen.
Cut
Gestern rief ich aus einer Sorge meine Bekannten in Teheran an. Mit aufgeregter Stimme erzählte ich über die Ereignisse in Teheran und dass ich nur nachfragen wollte, ob es dem und dem gut ginge und was los sei draußen? Die Antwort war die Antwort eines ganzen Volkes, das schon längst aufgegeben hat: “Ach was! Soetwas gibt es immerwieder! Ihr Iraner im Ausland bewertet alles über und macht es groß, es ist alles ruhig und die Unruhen sind bald zu Ende. Nicht der Rede wert. Keine Sorge.”
Was als Beruhigung dienen sollte, war für meine Wenigkeit mehr ein Schlag ins Gesicht. Wie abgestumpft ist das iranische Volk schon? Wie sehr haben sie schon auf das fundamentale Recht auf freie Meinungsäßerung, ein warmes Heim, ihren eigenen Wert vor dem Gesetz, vor dem Staat und den in der Gesellschaft schon aufgegeben? Aber was ist mit dem Recht darauf, homosexuell zu sein, ohne danach öffentlich am Kran gehängt zu werden? Was ist mit dem Recht eines Menschen, Fehler zu machen, ohne dabei gesteinigt zu werden? Was ist mit dem Recht eines Menschen, gegen die soziale Ungerechtigkeit zu kämpfen, ohne dabei “an einem unbekannten Ort” gefoltert zu werden und damit bedroht zu werden, dass “alle weiblichen Familienmitglieder vor den eigenen Augen vergewaltigt” werden? Um wieviel schlimmer müssen die Zustände werden, damit eine Schmerzgrenze erreicht ist, die alle aufschreien lässt? Kurzum: Was wird meine Bekannten in Teheran sagen lassen: “Die Lage ist wirklich besorgniserregend. Wir wissen selber nicht mehr weiter, aber es muss bald etwas geschehen. Bald, so geht das einfach nicht mehr. Wir können nicht mehr! Mein Mann hat 3 Jobs und ich arbeite auch, aber wir kommen gerade noch so über die Runden.” Was muss geschehen?
Uns Iranern wird sehr oft vorgeworfen, dass wir xenophil (gharib-parast) sind. Diese Eigenschaft zieht sich durch die ganze Geschichte unserer Kultur durch und erlaubte einigen Völkern – nicht zuletzt den Arabern – uns auszubeuten und unserer Hochkultur ein groteskes Gesicht zu verleihen. Auch noch heute sieht man zu Aschura junge Menschen, die sich für Imam Hossein, einem Araber, geißeln – aus tiefer Trauer um seinen Tod vor mehr als 1000 Jahren.
Cut
Erinnern Sie sich an meine Beschreibung oben, liebe Leser, liebe Leserinnen? An das Gesicht des 2 jährigen Kindes, das gerade aufgewacht ist? Mit den weichen, roten Wangen und den glasigen Augen. Das Kind das versucht, sich in den Tag zu orientieren nach der langen Nacht und den liebevollen Geruch der Mutter sucht? Und erinnern Sie sich an die Männer, die ihr erbarmungslos das Spray in die großen Augen und in die kleine Nase gesprüht haben? Das waren Iraner! Die Männer, die Frau und Kinder aus dem Schlaf getreten haben, waren Iraner! Die Männer, die unsere Jugendlichen öffentlich an einen Kran erhängen, waren Iraner!
Verstehen Sie jetzt, warum viele junge Menschen des iranischen Volkes xenophil sind? Warum einige von ihnen entweder insgeheim oder auch ganz offen auf den Einmarsch der Amerikaner hoffen? Die Antwort ist bitter: Weil sie selbst ihre internationalen Feinde für humaner halten als ihre “eigenen Landsleute”, als die eigenen “Volksvertreter” – selbst in einem möglichen Krieg gegen sie.
Und jetzt hören Sie sich bitte das Interview an. Das geht vorallem an Sie, liebe deutsche Nachrichtenagenturen. Vielleicht ist es Ihnen dann doch eine Nachricht wert: Interview mit Yaghub Salimi
Most Iranian exiles carry their very own private tale of a refugee’s life, full of sorrow and pain, yet carefully guarded from public view. Each one of them has his unique reasons for not being with his family in Tehran, Shiraz, Esfahan, or Tabriz, living half a world away instead. And each and every one of them has his own key experience which made him or her escape to the West, empty handed but for their children, and for the tears and farewells of their loved ones who stayed behind, facing an uncertain new life abroad, in a thunderstorm of homesickness, separation, and frustrating cultural and language barriers.
Whenever Iranians meet, there will be cordial small talk, warm and empathic on the surface, yet cautious beneath, with each character’s individuality disappearing behind a delicate curtain of Tarofs (polite phrases). Heartiness that does not reveal our inner selves, human interaction without any real hope of getting closer – this is a truly Iranian craft.
However, contrary to widespread presumption, I reject the idea that these traits are mere expressions of covert animosity or hypocrisy. I rather believe their origins to lie in our disoriented perception of our own identity and history, and thus of our home country and our compatriots. Indifference towards politics has never been an option for Iranian exiles – particularly not for the older generations. Each one of us has his or her firm opinions on the past and current events surrounding Iran. And we all know from painful experience, the dire repercussions that certain forms of political activity can bring about – even in exile. So we decide it’s best to keep our silence on our personal history, yet we cannot do without each other – for we long for each other a lot more than we’d expect after all our negative experiences with our fellow countrymen.
Upon leaving Iran, we didn’t just surrender our happiness, but also the confidence and trust we used to put in our own kind – a loss that came at no small price. The act of saying goodbye, the usual cascade of Tarofs (“oh please, you must come visit us”), avoiding, by silent mutual agreement, details such as exchanging phone numbers and addresses, leaves us with a big sigh of relief – but even more, it makes us realize our bitter loneliness.
“Who are we?”
Every Iranian has asked himself this question many, many times in his life. Sometimes, you ask yourself during an Iranian party when everybody shows off their bleached blonde hair, when even men have neatly trimmed eyebrows and their noses look like images from the illustrious history of plastic surgery, and it all seems as if we tried to get rid of as many of our people’s typical phenotypic traits as possible. And sometimes, you ask yourself during the oh-so-familiar dinner at your friends’ place, where people are once again more interested in your social and professional achievements than in how your really feel inside, while at the same time, inconspicuously showing off their own wealth and accomplishments. Who really are we?
When asked about our origins, we take refuge in answers like “I’m Persian, I’m from Persia”, hoping to somehow evoke an association with the glory of the ancient Persian Empire. But beware of telling anybody you’re Iranian! Beware of being linked to the ugly, bearded face who used to send millions of young Iranians to their death during the gulf war, in order to consolidate his Islamic Republic.
For God’s sake, who are we? Where are we going find a new identity? In our ancient Persian origins? In Dariush’s and Kurosh’s legacy? In the brief, treacherously romantic era of Behrooz Vosooghi and Googoosh, just before the revolution? In the toupees and flare pants of those times, and in Haydeh’s songs? Do we find our identity in whatever our parents and grandparents tell us about those times, because we never had a chance to witness them ourselves? Or do we find it in Islam and its Arab prophet, the Shia, the current religious rulers? Who exactly are we?
What’s there to tell Westerners about Iran? The latest jokes about Ahmadinejad? Should we talk about his latest outrageous comments, bursting into desperate laughter? About our fears of the looming war? Our political prisoners? About Mrs. Kazemi – and what she must have gone through during the final minutes of her life? About the scars on our cousin’s back, and how they flogged him for nothing more than selling music CDs?
What are we supposed to tell them? Should we rather talk about “Kurosh (Cyrus) the Great” and his declaration of Human Rights, 2500 years ago? About Mazdak being the world’s first socialist, 1500 years ago? How Dariush completed the Suez Canal? That we had powerful empresses, yes female emperors, such as Iran-Dokht and Azarmidokht, who in fact ruled Iran all by themselves? About the Parthian earthenware our ancestors built, which appears to have been the first electric batteries in human history – at least 2000 years ago? That we had the first non-violent, monotheistic religion/philosophy? That our women used to command warships? That they held the same high offices as our men, even religious ones, such as being protectors of the fires in our fire temples? That we had guaranteed workers’ rights, such as maternity leave, unemployment benefits, and free medical care? The world’s first mail service?
What are we to tell them, my dear readers? That Herodot considered Persians to be barbarians for the simple reason that they “didn’t even hold slaves”, and common people enjoyed some of the same rights that only kings were supposed to have? Not to mention our then thriving sciences: medicine, mathematics, astronomy, philosophy. Where shall we begin, my dear compatriots? With our folk heroes? With Babak Khorramdin and his son Azar? With our women? With the world’s first multi-ethnic state? The world’s first empire? Where shall we begin? And first and foremost: WHY should we begin? For the sake of the painful realization that Iran no longer has anything to give to mankind that would even come close to the accomplishments of our past? Just to remind ourselves once again for what – and more important for WHOM – the Iranian people took to the streets during the revolution of 1979? To finally admit that there’s almost nothing left that’s genuinely Iranian, and therefore it is almost impossible for us to BE Iranian?
Who are we? For myself, dear reader, I can no longer think of anything upon which I could build any personal national identity. I tend to hole up in all those pre-revolutionary movies of Behrooz Vosooghi, Googoosh, and so on. Badly synced nostalgia in Black and White, from a time when I hadn’t even been conceived – still for me, it is the only remaining fragment of a motherland that never was. I’m listening to “Vatan” (“Homeland”) by Dariush in the background – and I’m coming to realize that we’re stuck here, that we haven’t even created a noteworthy opposition to our country’s regime, no alternatives, no firm stance, and no real prospect for the future.
I’m sitting here, realizing that even if everything played out perfectly for us, no war happened, the old Mullahs took their turbans and went on a permanent vacation to Dubai or elsewhere for good, even if our youth let off a cry of joy that made the world tremble, freeing themselves from the dark shadow on their souls, and our soccer team won the world cup – even then, my dear readers, there would be so much more work to do that we would never be able to see Iran prosper again during our lifetimes. What remains for us, is to do everything in our might, so that for our children, Iran will no longer be a dream, but become reality instead.
Please, dear reader, whenever you meet a fellow Iranian, and he or she stops speaking Farsi, turning to English, German, or French instead, sheepishly avoiding eye-contact: never forget, this is not done out of animosity or contempt – it is plainly out of insecurity and anxiety. And please remember, you can take the first step by not responding to a polite “Haletun chetore” (“How are you?”) with a reserved smile, but by telling the true, personal story of yourself, of how you really feel, and of what is on your mind. And you’ll see that after saying goodbye, you’ll have rediscovered something you once thought you had lost forever: a little bit of home.
eigentlich ist das Schreiben für mich wie Atmen oder wie “Âb khordan” (Wasser trinken) – aber diesmal habe ich es vor mich hingeschoben. Ich habe überlegt, woran das liegen könnte; und erst vorhin ist es mir bewusst geworden – und nur deshalb kann ich jetzt schreiben: Vielleicht will ich nicht herausfinden, wer wir sind. Vielleicht will ich nicht erfahren, dass das, was wir heute sind, nicht einmal annähernd das ist, was einer der großen Wiegen der Zivilisation würdig wäre.
Als ich 15 Jahre alt war, reichte mein Vater mir irgendwelche Formulare. Ich sollte sie ausfüllen, damit wir zusammen ins Rathaus gehen, um meine Einbürgerung zu beantragen. Wenn Du wüsstest, wie empört ich ihn ansah, wie trotzig ich antwortete: “Niemals! Ich bin Iranerin, Papa! Ich will keinen deutschen Pass. Soetwas würde ich nie tun. Wie kannst Du nur?”
Seine Antwort darauf war ernüchternd: “Dokhtaram (Meine Tochter), wenn Du Dich schon von einem Stück Papier der Identität berauben lassen kannst und Dich nicht mehr als vollwertige Iranerin fühlst, dann solltest Du Dich fragen, warum man Dich so schnell bedrohen kann. Denk’ darüber nach, ob Du wirklich weißt, wer Du bist und woher Du kommst – vielleicht bist Du viel unsicherer, als Du Dich gibst. Denn wärst Du es nicht, würdest Du keine einzige Sekunde auf die Idee kommen, mit dieser Urkunde keine Iranerin mehr zu sein. Ich lege Dir die Einbürgerungsformulare auf Deinen Tisch. Wenn Du Dir Deiner sicher genug bist, dann füll’ sie aus.” Er ließ mich mit meinen Gedanken allein und schloss die Tür hinter sich. Erst 3 Jahre später übergab ich ihm die Formulare ausgefüllt zurück.
Diese Geschichte wiederholt sich heute erneut: Hier und jetzt. Viele Jahre später und um viele Gedanken und Zweifel stärker als damals, als ich 15 Jahre alt war, frage ich erneut: Wer bin ich?
“Wir haben die Tage bis zur Freiheit gezählt
und mit unserem Blut dennoch den Sinn verfehlt;
Ich sehe nichts.
Nichts, was mich hier auf meinen
einst geliebten Boden hält.”
(Sherry)
Ich würde so gerne sagen, ich sei hoffnungslos, lieber Omid, denn dann wäre dieses Hin und Her vorbei. Ich würde so gerne sagen, ich könne mich von Iran abwenden, nicht mehr kämpfen, nicht mehr schimpfen, nicht mehr weinen – aber für die Hoffnungslosigkeit bin ich noch zu verzweifelt. Um diese Verzweiflung zu besiegen, muss eine Lösung her. Also geht der Kampf weiter.
Ich habe nicht soviele Erinnerungen an Teheran, wie Du. Ich bin dort geboren – und bis zu meinem 3. Lebensjahr habe ich dort gelebt. Danach hatte ich kaum Kontakt zu Iranern. Doch immernoch erkenne ich jeden Iraner an seinem Geruch, an seiner Körperhaltung und an seinen Augen. Die Erfahrung mit den Ermordeten der IR selbst in Deutschland, lehrten mich schnell, einem Iraner nicht alles zu erzählen – und dennoch: Immer, wenn ich einen sehe, lächle ich, trotz seines ersichtlichen Misstrauens mir gegenüber und weiß, dass er aus meinem Nest kommt. Die Schatten unter seinen Augen verraten mir, dass er den Geruch des Rosenwassers genauso sehr vermisst, wie ich. Ich fühle mich ihm zugehörig, will ihm anbieten, sich neben mich zu setzen und mit mir Noon o panir o sabzi (Fladenbrot & Schafskäse) zu teilen, mir seine Geschichte zu erzählen und mit mir über sein Heimweh zu reden – doch außer einem flüchtigen Blick und einem unmerklichem Nicken, bleibt nichts übrig. Warum ist das so? Ist es die Angst? Oder schämen wir uns für unsere Geschichte und wollen ihr am Liebsten nirgends begegnen? Schon gar nicht im Gesicht eines Landsmenschen? Sag’ Du es mir, Omid.
Omid: “Bin ich nur undankbar, wenn ich mich nach meiner alten Heimat sehne? Ich bin eher verzweifelt. Sag Du es mir, liebe Sherry: Welche Nationalhymne ist denn unsere gemeinsame? Und welche Flagge ist für uns die iranische?”
Nein, diese Frage musste ich mir nie stellen, denn meine Nationalhymne ist “Ey Iran”. Ich habe noch nie eine andere mit soviel Begeisterung gehört und auch noch nie eine andere soviel Kraft gesungen. Es sagt nicht alles so, wie ich es wohl gesagt hätte, denn die Hymne ist sehr männlich – aber ich hatte nur die der Qajaren und die der heutigen, islamischen Republik Iran zur Auswahl. Die von den Qajaren war schön, aber die Dynastie war schrecklich. Und die heutige? Die spricht mehr von Religion und Märtyrern, als von Iran. Wenn “Ey Iran” auch nicht unsere gemeinsame Hymne ist, vielleicht kannst Du mit dem, was diese Hymne über Iran sagt, etwas anfangen. Oder? Versuch’s nochmal, Omid. Hör’ sie Dir an. Ey Iran
Was meine Nationalflagge angeht – so stand auch diese niemals zur Debatte. Es war und ist “Shir o Khorshid” (Der Löwe und die Sonne). Du darfst sie nicht nur mit den Pahlavi’s assoziieren, lieber Omid, denn gerade diese Flagge ist es, die sich einer sehr alten, iranischen Symbolik bedient. Auch in Ferdowsis “Shahname” wirst Du lesen, was er dazu schrieb: Es war Rostam, unser Held, der diese Symbole stets hoch hielt. Wie kann ich mich Helden wie Ferdowsi und Rostam entziehen? Gar nicht. Ferdowsi ist für mich der Retter der persischen Sprache. Der Retter eines großen Stückes Kultur, das uns trotz der aggressiven arabisch-islamischen Invasion geblieben ist. Dafür werde ich ihm ewig dankbar sein.
Omid: “[...] Dann kam ein Freund meines Vaters zu Besuch und war empört, dass ich die Flagge des Regimes („Partschame Hesbollahiha“) aufgehängt habe. Mit Tränen in den Augen bat er mich, dies nie wieder zu tun. Später erfuhr ich, dass sein alter Vater auf der Straße von Revolutionswächtern erschossen worden war.”
Ich verstehe den Freund Deines Vaters. Sollten wir uns eines Tages einmal gemeinsam ein Fußballspiel anschauen, würde auch ich Dich auch darum bitten, eine andere Flagge zu benutzen. Diese Flagge wurde nur für die Islamische Republik Iran konstruiert. Sie steht für alles, was unseren Landsleuten widerfahren ist. Sie steht für die vielen Tote im Irak-Krieg. Sie steht für alle Studenten und politischen Gefangenen, die noch jetzt auf die Freiheit warten. Sie steht für Hinrichtungen. Und sie steht dafür, dass Du und Ich hier des Nachts sitzen und darüber sinnieren, wer wir sind. Wenn Du Shir o Khorshid nicht magst, dann basteln wir einfach eine Eigene. Wieso nicht, Omid? Reich genug ist unsere Geschichte und unsere Kultur dazu. Wir haben soviel Auswahl. Lass’ uns für Dich eine Flagge basteln.
Omid: “Ich gehöre zu der Spezies, die der Meinung ist, dass die Revolution richtig und notwendig war. Die Rückkehr der Monarchie wäre das letzte, was ich mir für den Iran wünschte. In meiner Iran-Flagge haben Löwe und Sonne nichts zu suchen. Ich habe in der zweiten Klasse gern den Gottesnamen mit dem Schwert in der Mitte gemalt. Ich wusste, das ist die Flagge meines Landes. Heute weiß ich: Das ist sie nicht mehr.”
Ich gehöre zu der Spezies, die der Meinung ist, dass die Revolution das Schlimmste ist, was uns widerfahren konnte. Sie war nicht nur das Schlimmste, sie war gänzlich unnötig. Die Wege für eine weitere Modernisierung und der Erschaffung demokratischer Strukturen waren damals viel offener und geebneter, als heute. Der Shah war dabei, seine Politik zu korrigieren, indem er Bakhtiar großen Einfluss gab. Für 1979 standen sogar Neuwahlen an. Alle Wege wurden dafür bereitgestellt, dass Iran so wird, wie wir es uns heute noch erträumen. Nein, lieber Omid: Etwas Schlimmeres hätte uns nicht passieren können, als diese Revolution. Sie hat alle Modernisierungen, die wirklich eine schwere Geburt waren, mit einem Schlag zunichte gemacht. Einfachso. Weg.
Omid: “So ist die islamische Revolution auferstanden und gibt uns Glauben und Leben…”
“Az bas ke setareh koshtid,
ruye zaman siyah ast”
(“Ihr habt soviele Sterne getötet,
dass das Gesicht der Zeit erschwarzt ist”)
Du siehst, wir sind beide Iraner und haben dennoch soviele, voneinander abweichende Eindrücke und Meinungen. Und trotzdem: Die Verzweiflung ist die Selbe. Unser Heimweh, ist das Selbe. Die besondere, verborgene Tiefe unserer im grauen Alltag geheim gehaltenen hybriden Seele die Selbe. Und wieder bleibt die Frage offen: Wer sind wir? Oder sollten wir die Erkundung anders beginnen? Sollten wir vielleicht fragen, wer und was Iran ist? Wofür dieses Wort, diese große, stolze Katze steht? Woran denken wir, wenn wir Iran sagen? Sag’ Du es mir, Omid. Ich sag’s Dir in diesem Gedicht:
“Du bist meine Mutter,
auf meinem tränengetränkten Laken,
liegst Du in meiner geheimen Schatztruhe,
ich spreche zu Deinen Wunden
und küsse ihnen Deinen Namen drauf:
Iran…
Du bist mein Traum,
fernab von dieser Welt,
bist Du frei,
ich liebe Deine heiße Stirn,
ich male Dich auf ihr drauf:
Iran…
Du bist meine Seele,
Deine schwere Erde -
die Salbe auf meiner sehnsuchtgeplagten Haut,
ich schlage meine Wurzeln rein:
Iran…
Du bist meine Liebe,
Meine kleine Hand in Deiner,
sucht Halt, um weiter zu leben
Mit geschlossenen Augen
spreche ich über meine Sorgen,
ich flehe Dich an
und segne meine Lippen
mit Deinem Namen:
Iran…
(Sherry)”
Ich will Dir glauben. Ich will Deinem Schwur glauben, auf dass Du und ich den Vogel der Morgenröte fliegen sehen – und sei es nur als Zuschauer der deutschen Nachrichten. Ich will Dir glauben. Auf dass wir unseren Kindern eines Tages jenen Ort zeigen können, der beim Verlassen in uns solch’ eine große Leere hinterlassen hat, die wir heute noch zu füllen suchen. Auf dass wir ihnen eines Tages jenen Ort zeigen können, von dem wir vertrieben worden sind… So sei es.
Omid Nouripour wurde am 8. Dezember 2002 auf der Bundesdelegiertenkonferenz in Hannover in den Bundesvorstand von Bündnis 90 / Die Grünen gewählt. Im August 2005 gab er Iran-Now ein Interview, in dem er als der erste Iraner vorgestellt worden ist, der die Chance hatte, in den deutschen Bundestag einzuziehen. In diesem folgenden persönlichen, dennoch öffentlichen Briefwechsel mit Sherry bezieht er sich auf ihren Artikel “Vom gescheiterten Versuch, iranisch zu sein: Wer sind wir?” und versucht mit ihr zusammen eine Antwort zu finden.
Wer sind wir?
Liebe Sherry,
früher ging es, musste es bei uns immer um Exil, Nostalgie und Rückkehrträume gehen. Alles andere war Verrat, alles andere war verwestlicht. Du aber stellst eine Frage, die all diese Konventionen erschüttert. Du fragst nicht, wann wir zurückgehen. Du fragst nicht einmal, ob wir zurückwollen. Du fragst: „Wer sind wir?“ Damit nimmst Du in Kauf, dass eine Antwort kommen kann, die alle Verbindungen zur „alten Heimat“ negiert. „Wer sind wir?“ lässt Raum für alle Antworten.
„Ich sehne mich so nach meinen Tränen. Wo ist sie, Mutter, wo ist meine Wiege? Jene Wiege, die ich längst vergessen habe, jene wahrhaftige und reine Geborgenheit…“ (Googoosh in „Gahvare“)
„Now I’d like that. But that shit ain’t the truth. The truth is you’re the weak.“ (Samuel L. Jackson in „Pulp Fiction“)
„…Sag mir nicht, dass ich jetzt erwachsen bin, Mutter. Sag mir nicht, dass das Weinen sich deshalb für mich nicht geziemt .“ (Googoosh in „Gahvare“)
Und dafür bin ich Dir dankbar, auch wenn ich eine solche Antwort nicht geben will. Denn einen Aufbruch in die Normalität kann es nicht geben, wenn wir uns unsere Identitätsfrage nicht stellen.. Eine Normalität, in der wir auf den Iran als ein Land schauen, das mehr ist als unsere “vergessene Wiege”. Und bei dessen Anblick wir mehr spüren als Schmerz und Schuldgefühle. Bei der wir das Land nicht verteidigen, wenn wir nicht sollten, es aber nicht aufgeben, weil wir uns dafür schämen. Und bei der wir uns, auf alte Wurzeln gestützt, trotzdem auf das hiesige Land, auf Deutschland einlassen können.
Ich sehe mich gern als einen aufgeklärten, postmodernen Kosmopoliten. Denn so fällt es mir leicht, eine Snob-Antwort zu geben auf Deine Frage: Wer sind wir?
Ist es denn wichtig? Sind wir nicht alle Menschen? Sind denn Verbundenheitsgefühle zu einem Land, zu einem Volk, zu einer Nation, zu einer Glaubensgemeinschaft, zu einer Stadt, zu einem Fußballverein nichts anderes als Konstrukte, die uns nur von den anderen abgrenzen sollen? Haben wir denn nicht zuviel „wir und sie“, und zuwenig „wir“?
Das kann alles stimmen, ist aber nicht das, was ich fühle. Hätte ich denn sonst einen Weinkrampf erlitten, als ich erfuhr, Shirin Ebadi bekomme den Nobelpreis? Überall sonst gibt es auch respektable Frauenrechtlerinnen. Hätte es mir sonst das Herz gebrochen, als Sina Motallebi verhaftet wurde? In China ist die Internetzensur viel brachialer als im Iran. Hätte ich sonst einen Herzstillstand gehabt, als Ali Karimi 2001 beim WM-Relegationsspiel in Dublin kurz vor dem Ende knapp vorbeiköpfte? Miroslav Klose köpft täglich vorbei, meistens nicht einmal knapp.
Nun gut, ich bin Iraner. Ich bin in Teheran geboren und dort aufgewachsen. Ich habe viele Verwandte dort und noch mehr Erinnerungen. Die meisten sind verklärt, Iran ist mein persönliches Phantom, meine Fata Morgana. Alles, was mir hier in der Wüste fehlt, gibt es in dieser eingebildeten Oase: Herzlichkeit, Spiritualität, Gastfreundschaft, Trauben, die nicht nach Wasser schmecken, Tiefgang.
Moment: ich bin Deutscher, dafür habe ich gekämpft – neun Jahre lang auf Amtsfluren. Ich liebe meine Heimatstadt Frankfurt. Ich habe hier alle meine Freunde und noch mehr Erinnerungen. Und eigentlich geht es mir gut, denn: schaue ich mich um, ist das gar keine Wüste, sondern ein Ort von Freiheit, Wohlstand und Behagen. Absolut zu wenig, relativ sehr viel. Telefoniere ich mit den Verwandten, beneiden sie mich um die hiesigen Autos, um die Sauberkeit der Straßen, um die Freizügigkeit, um die U-Bahn, um die Karikaturen in den Zeitungen, eigentlich um alles.
„Ein Mann beschließt, den perfekten Würfel zu bauen. Er besorgt sich eine Menge Elfenbein. Er sägt und schleift, er misst und verwirft, er poliert und zertrümmert. Und nach Jahren der Mühe hat er den perfekten Würfel geschaffen. Freudig stellt er sich auf die Straße, der Würfel vor sich, davor ein gut sichtbares Schild mit der Aufschrift ‚der perfekte Würfel‘. Schließlich will er die Menschen teilhaben lassen an seinem endgültigen Werk.
Die Menschen aber beachten ihn nicht. Sie gehen einfach vorbei, die wenigsten würdigen den Würfel eines Blickes, bevor sie gelangweilt und schulterzuckend weiterziehen. Wochen, Monate vergehen, und niemand interessiert sich für das Lebenswerk des Mannes. Frustriert wirft er den Würfel gegen die Wand und zieht von dannen.
Beim Aufprall bricht eine kleine Ecke des Würfels ab. So liegt der nicht mehr perfekte Würfel am Straßenrand, bis ihn ein Kind entdeckt. Es bleibt mit großen traurigen Augen davor stehen und starrt ihn an. Nach und nach kommen immer mehr Menschen dazu. Und bald steht eine große Menschentraube am Straßenrand und richtet die Blicke auf das gebrochene Werk des Mannes. Und sie alle schauen mit einem Gefühl der Trauer und Sehnsucht auf den Würfel und hegen denselben Gedanken: ‚Ein so schön gearbeiteter Würfel. Schade nur, dass eine Ecke fehlt, sonst wäre er perfekt‘“. (Eine Geschichte aus Rumänien)
Bin ich nur undankbar, wenn ich mich nach meiner alten Heimat sehne? Ich bin eher verzweifelt. Sag Du es mir, liebe Sherry: Welche Nationalhymne ist denn unsere gemeinsame? Und welche Flagge ist für uns die iranische?
Ich gehöre zu der Spezies, die der Meinung ist, dass die Revolution richtig und notwendig war. Die Rückkehr der Monarchie wäre das letzte, was ich mir für den Iran wünschte. In meiner Iran-Flagge haben Löwe und Sonne nichts zu suchen. Ich habe in der zweiten Klasse gern den Gottesnamen mit dem Schwert in der Mitte gemalt. Ich wusste, das ist die Flagge meines Landes. Heute weiß ich: Das ist sie nicht mehr.
Ich habe eine solche Flagge zuhause. Ich habe sie mir von meinem Taschengeld gekauft, 1989, vor dem entscheidenden WM-Qualifikationsspiel gegen Saudi-Arabien. Ich hörte das Spiel im Radio, freute mich über alle Tore von Nader Mohammadkhani, war traurig, dass es am Ende nicht reichte. Dann kam ein Freund meines Vaters zu Besuch und war empört, dass ich die Flagge des Regimes („Partschame Hesbollahiha“) aufgehängt habe. Mit Tränen in den Augen bat er mich, dies nie wieder zu tun. Später erfuhr ich, dass sein alter Vater auf der Straße von Revolutionswächtern erschossen worden war.
Grünweißrot allein aber wird permanent mit Italien, Ungarn oder Mexiko verwechselt. Liebe Sherry, wir haben nicht einmal eine Flagge! Mit der Hymne ist es ähnlich. Die neue kenne ich nicht einmal – und so ist es in Ordnung. Die der Frühzeit der Revolution beginnt mit
„So ist die islamische Revolution auferstanden
und gibt uns Glauben und Leben…“
Also auch nichts für mich. Die der Dynastie interessiert mich nicht, ich habe mit den Pahlavis wie gesagt nichts am Hut. Bleibt nur noch der „Vogel der Morgenröte“, jenes Lied der konstitutionellen Revolution Anfang des zwanzigsten Jahrhundert. Nur: wer kennt dieses Lied schon noch? Ich habe nicht einmal eine Nationalhymne. Oder verfalle ich gerade in Selbstmitleid, weil mich das Vertrauen in andere Iraner verlassen hat, wie Du es beschreibst?
Nur Iraner sein und in Selbstmitleid versinken ist einfach. Nur Deutscher sein und die Wurzeln kappen ist ebenfalls einfach – bis die nächste „einheimische“ Großmutter einen Kulturschock bekommt, weil „Du Ausländer“ ihr die Tür am Kaufhaus aufgehalten hast. Der große deutsche Schriftsteller Feridun Zaimoglu spricht gern von „hybriden Identitäten“. Das ist nicht mehr ganz so einfach. Aber die „Hybriden“ sind pünktlich und haben trotzdem Tiefgang. Ich will nicht Iran-Deutscher sein. Ich bin Iraner. Ich bin Deutscher.
Schaue ich mir an, wo Du unsere Identität suchst, dann fällt mir auf, dass Du in die Vergangenheit und in die Gegenwart blickst. An der Vergangenheit klammernd, an der Gegenwart verzweifelnd. Dein Blick in Zukunft aber ist resigniert, optimistisch, und vor allem vage:
Sherry: „Ich sitze hier und werde mir dessen bewusst, dass selbst, wenn alles optimal liefe, kein Krieg stattfände, die lieben Mullahs ihre Turbane einpacken und für immer Urlaub in Dubai oder sonst wo machen würden und unser junges Volk einen erdpulsierenden Freudenschrei ausstoßen würde, sich vom dunklen Schleier auf der Seele befreien und dann noch die WM gewinnen würde – selbst dann, liebe Leser, selbst dann hätten wir noch soviel zu tun, dass wir Iran nicht mehr wirklich blühen sehen könnten. Aber wir könnten wenigstens dafür sorgen, dass unsere Kinder es dürfen.“
Ich bin in meinem Umfeld nicht für meinen Optimismus bekannt. Ich schwöre Dir aber beim heiligen Abbas von Kalbarlah, der für die Kinder der Seinen nur Wasser besorgen wollte, bei Mazdaks schönem Kadaver, den Anushiravan „der Gerechte“ monatelang am Stadttor hängen ließ, beim Atem Shariatis, der im heutigen Iran ein politischer Gefangener wäre, beim Gesang der „Hamsafar“: Du und ich werden den Vogel der Morgenröte fliegen sehen, und sei es als Zuschauer in den deutschen Fernsehnachrichten. Dies ist nicht mein Glaube, tief in mir weiß ich es. Lass uns den Gedanken an diesen Augenblick kultivieren als unsere Identität.