Kategorie "Iran"
23.06.2010, 11:40
Obst und frische Kräuter

Mama und ich sind alleine in Deutschland. Irgendwo. Die Menschen sind fremd und reden nicht soviel mit einem wie in der Heimat. Und wenn, dann verstehen wir sie nicht. Ich bin drei Jahre alt. Ich habe Angst, weil ich Mamas Angst spüre. Wo ist Papa und wann wird er wieder bei uns sein? Papa ist stark, er kann uns beschützen. Er soll hier sein. Bitte lieber Gott. In der Heimat hörten wir Sirenen und laute Knalle, aber hier hatte ich die meiste Angst. Erst, wenn ich die Augen schließe, weint Mama, damit ich nichts merke. Ich kralle meine kleinen Hände in ihre Brust und schlafe ein. Nachts träume ich von einem Erschießungskommando, das uns die Augen verbindet und an die Wand stellt. Sie erschießen uns. Aber wir fallen auf eine Matratze, das tut nicht so weh. So tut das Sterben weniger weh. Cut.

Ich bin vier Jahre alt. Ich kritzele immer wieder alles voll. Die weißen Blätter in unserer ersten kleinen Ein-Zimmer-Wohnung sind alle vollgemalt. Mal mit dem blauen, mal mit dem schwarzen Kugelschreiber. Der Bleistift hat mich nie interessiert. Er ist so unverbindlich. Man kann ja alles wegradieren. Ich laufe zu Papa und zeige ihm, was ich gemalt habe. Er schaut mich lächelnd aber traurig an: „Schon wieder Khomeini gemalt, meine Tochter?“ – Ich schaue ihn mit großen Augen an, nehme das Blatt Papier zurück und kritzele wieder etwas drauf, damit er nicht mehr traurig guckt. Ich laufe zurück zu ihm und sage: „Unser Haus im Iran. Da sind Oma und Opa drin.“ – Doch trotzdem bleibt sein Lächeln traurig. Cut.

„Komm‘ Schatz, Oma und Opa wollen mit Dir reden. Sie sind am Telefon und sie vermissen Dich.“ Ich hopse zum Telefon und sage leise „Allo?“ Oma redet überschwänglich, sie redet und redet – und ich frage mich, warum sie so schnell und soviel redet. Und sie schafft es doch nicht, ihre brechende Stimme aufzuhalten. „Schatz, wir vermissen Dich so. Wir vermissen Dich so.“ – Sie weint und gibt Opa das Telefon in die Hand ohne sich zu verabschieden. Opas Azari-Akzent beim Persischsprechen ist das Schönste, was ich je gehört habe, deshalb achte ich nicht darauf, was er sagt, sondern wie er es sagt. Erst, als seine Stimme bricht, sage ich: „Bitte nicht weinen, bitte nicht weinen Opa. Ich liebe Euch doch! Bald sind wir zusammen.“ Cut. Weiterlesen… »

24.05.2010, 00:39
Bahar

Du bist unglaublich, Frau… Hör’ nie auf damit.

“Wenn Sie nächsten Freitag kommen würden, würde ich mich sehr freuen, Giti Khanum (Frau Giti)”, sage ich mit freundlicher Stimme, obwohl ich innerlich vor Wut am platzen bin.

“Nächste Woche ist schlecht, da sind wir schon eingeladen”, tönt es zuckersüß aus dem Hörer gerade heraus in mein genervtes Ohr. Gutgläubig – und der rhetorischen Feinheiten der persischen Konversation nicht wirklich habhaftig (sie waren mir einfach zu kompliziert) – schaue ich gehetzt in meinen Notizkalender, um einen anderen freien Tag für diese “Pflichtveranstaltung” zu suchen.

Warum ich mir das überhaupt antue, werde ich mich erst später fragen, doch die Antwort kenne ich schon: Ehre, Pflicht, das Wahren des Gesichtes. Es ziemt sich für eine Iranerin einfach nicht, der Pflicht auszuweichen, nur weil der potenzielle Gast mir nicht sonderlich wohl gesonnen ist und vor ein paar Monaten noch versucht hat, Unruhe in meiner Familie zu stiften, weil sie sich durch irgendein falsches Wort im falschen Moment beleidigt gefühlt hat und daraus eine unendliche Geschichte geflochten hat.

“Und am Samstag?”, höre ich mich selbstverständlich fragen. “Wir würden uns sehr freuen, wenn Sie uns am Samstag zum Abendessen die Ehre Ihrer Anwesenheit erweisen würden.” – und verdrehe dabei meine Augen über meine eigene, unerträgliche Verlogenheit.

Schon sehe ich in meinem geistigen Auge Großmutters Augenbraue zuckend hochgehen und ein vehementes “Naaa, Azizam…” (Nein, mein Liebling) sagen. “Yadet bashe, Mehmun habibe khodast!” (“Vergiss nicht, der Gast ist Gottes Liebling.”) “Du musst Deine Pflicht erfüllen, egal, was vorgefallen ist. Sie sollen sehen, dass wir uns von soetwas nicht verändern lassen und Gesicht und Höflichkeit wahren, weil wir ehrenwerte Menschen sind.” Weiterlesen… »

30.05.2008, 15:08
“Shir Ali Mardan”

Ich bin einfach sprachlos. Wie kann ein Mann sich auf die Art und Weise bewegen und dabei so stolz und männlich wirken? Für mich ist er in diesem Auftritt der Inbegriff von Ästhetik, Leidenschaft und Stolz.

29.04.2008, 15:24
Aus einem iranischen Blog

“Zu den denkwürdigsten Geschichten meiner Großmutter gehörten die von einem frostigen Wintertag im Zweiten Weltkrieg, als ein Schiff eine Gruppe polnischer Frauen und Kinder in den Hafen von Anzali brachte:

‘An jenem Tag war Euer Großvaterganz aufgeregt nach Hause gekommen. Er bat mich, schnell Nahrungsmittel und ein paar Teller und Besteckt zusammenzupacken. Er wollte, dass ich mitkomme, für den Fall, dass sie Probleme hätten, die sie mit den Männern nicht besprechen könnten. Er sagte auch, ich solle ein paar von meinen Kleidern und auch ein paar Kleidungsstücke der Mädchen mitbringen.

Auch Gholam, der Lehrling Eures Großvaters, war gekommen. Ich hatte einige Marmeladenbrote geschmiert und sogar eingepackt, was noch vom Abendessen übrig war, und wir haben uns auf den Weg gemacht. Euer Großvater war losgelaufen, um Seyed Hashem, den Stadtmullah, zu holen und ihn zu fragen, was wir tun sollten…

Als wir dort ankamen, war es so herzzerreißend: Schöne Frauen und junge Mädchen wie Blumen mit grauen und blauen Augen, aber sie sahen aus, als kämen sie direkt aus einer Kohlengrube… Sie waren hungrig, durstig und voller Flöhe… Der einzige Arzt in der Stadt war gerufen worden, und einige Zelte wurden vom Rathaus herübergebracht. Der Doktor bat uns Frauen, ihm zu helfen und sie mit Soblimeh-Seife zu waschen. Ihr könnt Euch das Durcheinander gar nicht vorstellen, die ganze Stadt war auf den Beinen und holte Sachen aus den Läden.

Als unser Mullah Seyed Hashem ankam, erklärte er, es sei unsere religiöse Pflicht, für diese Leute zu sorgen, die bei uns Zuflucht suchten. ‘Behandelt sie mit absolutem Respekt’, sagte er. ‘Es ist egal, wenn sie nicht das glauben, was Ihr glaubt… Behandelt sie wie Gäste in Eurem Haus… Verteilt sie auf die einzelnen Häuser, aber trennt die Kinder nicht von ihren Müttern. Nun holt heißes Wasser…’

Das Geschrei der Menschen, die heißes Wasser von zu Hause an den Strand brachten… All die Barbiere der Stadt, die den von Flöhen gepiesackten Polinnen die Haare abschnitten. Und wir brachten sie in die Zelte und wuschen sie, trockneten sie ab und kleideten sie an. Ihr habt keine Vorstellung, wie schön sie waren, als sie gewaschen waren!

Am nächsten Tag sagte Seyed Hashem in der Moschee: ‘Dies sind ehrenhafte Frauen. Sie haben mich gebeten, bekannt zu machen, dass sie nähen, stricken und sticken und gern dafür bezahlt werden würden. Schickt Eure Mädchen zu ihnen in die Lehre und bezahlt sie, damit sie auf eigenen Füßen stehen können.’

Meine Großmutter schickte meine Mutter zu Marous in die Lehre, die ihr Spitzhäkeln, Sticken und Perlenarbeiten beibrachte. Alle Mädchen in Anzali ließen ihre Aussteuer besticken. Und die Bräute in vielen Familien waren jene blonden, blauäugigen Schönheiten. Als ich in der Grundschule war, hatten Houma und ein anderes Mädchen, Maryam, ihre schönen blauen Augen von ihren polnischen Großmüttern geerbt. Und jedes Mal, wenn ich ihnen in die Augen schaute, erinnerte ich mich an die Geschichten meiner Großmutter über jenen Tag…

Aber da ist eine große Frage, die mich quält: suchen nicht auch zwei Millionen Afghanen im Iran eine sichere Zuflucht? Sind wir nicht dasselbe Volk? Glaubte nicht Seyed Hashem, der alte Stadtmullah, an dasselbe wie unsere derzeitigen Herrscher? Was ist mit uns geschehen? Was haben sie uns angetan?”

http://bamdad.blogspot.com/

* 1941 sollen sich schätzungsweise 300.000 polnische Flüchtlinge nach ihrer Freilassung aus Stalins Lagern bis in den Iran durchgeschlagen haben.