Kategorie "Kurzgschichten"
13.04.2012, 08:30
Von der Einsamkeit verschluckt

Sehr schwächlich war er. Jedes Mal, wenn er Kritik hörte {oder er das Gesagte anderer willkürlich auf sich bezog, weil er sich die ganze Welt war und dachte, die Welt anderer müsse auch aus ihm bestehen}; oder wenn man ihm in milden Worten sagte, er sei verletzend und kalt und somit nicht die allweise allgütige Liebenswürdigkeit, die er immer erzählte zu sein, zog er sich wie opfergetreten zurück und sagte sich in pompöser Feierlichkeit eine private Ode über sich selbst auf, am Liebsten vor dem Spiegel. Er redete von seiner eigenen Begehrtheit und seiner Überlegenheit in Güte und Sanftmut im Vergleich zu den anderen ordinären Geschöpfen dieser Welt. Und während er das tat, ballte er die Faust, obwohl er ja gar keine hatte, wie er immer sagte, und schwor in Gedanken Rache für Dinge, die andere nie getan haben. Mechanisch und kalt tätschelte er sich selbst und offenbarte, wie ungeübt er in dieser Geste war, so dass man ihm seine Zuneigung gegen sich nicht glauben konnte. So tauchte er schon bald in sein eigenes Spiegelbild ein, bis er zum Abbild eines grässlichen Narzissten wurde, der die Verzerrung seiner eigenen Züge im Wasser nicht sah, sondern sie mit seiner unbeirrbaren Fantasterei über sich zu glätten suchte.

Und während er sich so in Rage redete, beschloss er in seinem Wahn, die fünftausend Zeilen seiner Selbstvergötterung nicht nur sich selbst zu offenbaren, sondern auch den anderen. “Wenn sie alle nur wüssten, wie wunderbar ich bin, wenn sie es nur wüssten, dann würde mein Leben endlich leichter sein, meine Einsamkeit der Geselligkeit weichen, die windige Leere in mir mit menschlich liebenswürdiger Unordnung beschenkt werden, und ich hätte endlich, was mir zusteht: Bewunderung!” Und er blieb nicht dabei, er wollte mehr. Nachdem er über sich gut erzählte, erfand er über die anderen Schlechtes, um neben dem erfundenen Ruß und Dreck der anderen, von besonders strahlendem Edelmut dazustehen. Und er glaubte sich, er glaubte sich so sehr, dass er sich vorstellte, wie er sich selbst hingebungsvoll bis zum Ende aller Welten folgen würde so gerne folgen würde, als Untergebener, als Geliebter, als Freund. Weiterlesen… »

12.04.2012, 10:08
Als habe es sie nie gegeben

Ich weiß nicht, wann ich mich so verändert habe. Weder habe ich meine Entwicklung zum heutigen Punkt wahrgenommen, noch die Schlüsselereignisse bewusst erlebt, die dazu führten, dass ich zu dem wurde, der ich heute bin. Ich erinnere mich nur, dass ich anders war. Zugänglicher, anhänglicher und vor allem treuer. Heute ist es anders. Ich laufe oft das selbe Schema durch, wenn ich statt der Stecknadel, nur den Heuhaufen unter den Menschen begegne. Wir verbinden uns kurz, tauschen uns aus; und entsprechend meiner launischen, aber feinsinnigen Fähigkeiten, schaffe ich es meistens, mehr als ein Mal einen Blick hinter die Stirne der Anderen zu werfen. Gefällt mir, was ich sehe, verbinde ich mich und flechte mich skrupellos auf schleichenden Pfoten in ihren Alltag ein, so dass ich ihnen unentbehrlich werde. Gefallen sie mir nicht und zeigen sie mir mehr als drei Mal ihr grob- und stumpfsinniges Denken und Handeln, entziehe ich mich aus den mich eingebundenen Strukturen ihrer Seele, hinterlasse unsichtbare Risse und schweige.

Das Schweigen ist eine wunderbare Waffe. Sie erzeugt allein durch ihre bleischwere Abwesenheit Zweifel im anderen, die von einer kleinen Saat in ein Gigantum des Selbsthasses wachsen können, wenn sie diesem impulsstarken Wachstum nicht Einhalt gebieten. An der Leidensgrenze angekommen, verlassen sie mich dann teils theatralisch, teils mit einem Mindestmaß an Selbstachtung. Entweder tun sie das durch eine offizielle Kündigung unserer Freundschaft oder durch pure Ignoranz meiner Abwesenheit aus verletzter Eitelkeit. An diesem Punkt angelangt, beginnt meine Seele sich zu erheitern. Während die anderen nun auf eine Rettungsreaktion aus meiner Seite hoffen, eine, die ihnen klar machen soll, wie sehr ich sie schätze und wie falsch ich mich benommen habe, atme ich erleichtert auf und klopfe mir ob meiner neuen Leichtfüßigkeit durch die abgeworfene Personenlast auf die Schulter. Weiterlesen… »

09.04.2012, 22:58
Der Teppich

Wir legten uns in weiße Laken, freigewaschen vom Schweiß der Nacht. Wenn wir daran dachten, was wir alles Unheilvolles teilten, meldete sich das Schreckgewissen und sang uns mit metallischer Stimme ein Schlimme-Nacht Lied. Wir schwiegen, bis unsere Herzklopfen sich aneinander verstolperten und wir aus dem Traum im Traum erwachten. “Die Gedanken sind leer”, sagte ich ihm und wollte Erleichterung in unserem Augenblick sehen. Doch er sank in sich zusammen und antwortete, das bringe nichts, weil unsere Herzen schwarz seien. Wir rollten den schweren Teppich auseinander und breiteten ihn samt der Leiche über unser weißes Zimmer aus. Das Blut war schon vertrocknet und die Kälte in seinen Gliedern mit der Leichenstarre vermählt. Gemeinsam rochen sie schlecht. “Und jetzt?”, wollte ich wissen. “Nichts jetzt. Ab jetzt sind wir Gefangene unserer Tat”, antwortete er hart. “Und wenn es nie geschehen ist?”, fragte ich leise und berührte beinahe seine Hand, die er beinahe wegzog und meine damit aufhielt. “Und wenn es nie geschehen ist, würde es doch wieder geschehen, weil wir so sind, wie wir sind.” Wir schwiegen lange, so unerbittlich wie die Wand am Ende eines langen Weges. Wir schliefen auf dem harten Boden ein. Er bekam Fieber.

18.03.2012, 10:22
So sind wir eben

Wir hatten nur einen einzigen Grundton, und der war grau. Und durch seine kaum wahrnehmbaren Nunancen verloren wir uns in der Wichtigkeit unserer Individualität. Aber eigentlich waren wir alle eben einfach nur: grau. Die Unterschiede übertrieben wir bis zum Anschlag des Möglichen, damit sie uns markierten und uns nebenbei miteinander unvereinbar machten. Als Trost konnten wir uns in unsere sonnenlosen Zimmer zurückziehen und Lieder über unsere Einsamkeit schreiben. So gingen wir auch mit Wahrheiten um. Wir trieben sie so in die Enge des Extrems, dass ein und die selbe Wahrheit von zwei verschiedenen Graumenschen zu unvereinbaren Grundsätzen auseinander wuchsen. Bis der Krieg dann kam und alle Wahrheiten vernichtete – und nur die der Gewalt übrig ließ.

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“… und so, wie ich mich an den Baum anlehnte, der so alt und weise war wie kein Menschenleben es jemals werden würde, erkannte ich, dass ich einfach das Abbauprodukt von Sternen war. Ich bin die Scheiße von Sternen, das sind wir alle, wir sind nur Abfall einer viel größeren Sache. Und dann musste ich lachen, weißt du? Lachen, weil es so lustig war, dass wir – ein Haufen Scheiße – einander Namen gaben wie Ursula, Dietrich, Liselotte und Waldemar! Und wir Kulturen und Königreiche erschufen, unserer Existenz durch den Aberglaube, wir seien das Ebenbild Gottes, einen Sinn gaben. Ist das nicht lustig? Wenn du Gott wärst, würdest du lieber aussehen wie eine Supernova oder lieber wie wir kurzarmigen, kurzbeinigen, nackten und gliedbehangenen Menschen? Was denkst du?”, fragte er seine beste Freundin schmunzelnd. “Ich denke, dass auch Scheiße wichtig ist. Sie kann die Existenzgrundlage von vielen Lebewesen sein”, antworte sie knapp. Sie hatte ihm nicht widersprochen, sich noch nicht einmal dagegen gewehrt, als Abfallprodukt ihr Leben zu bestreiten, nein. Sie sah die Funktionalität in Scheiße – und schon war alles in Ordnung. Er seufzte. Wie gerne wäre er wie sie.

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Wir fragen uns ständig nach dem Sinn dessen, was wir tun. Und Spaß und Freude als Zweck einer Sache, das lassen wir nicht so einfach gelten. Wir suchen trotzdem weiter nach der Nützlichkeit unseres Tuns und werden auch fündig. So schaffen wir es, die schönsten Dinge der Welt, zur Bürde der Verpflichtung zu machen.

15.11.2011, 10:37
Normalität

“Hast du das gesehen?”
“Was genau? Was meinst du?”
“Na, da war ein Huschen über deinem Gesicht.”
“Ein Huschen, wie, wo?”

“Na, als du das Eichhörnchen gesehen hast. Ich habe es deutlich gesehen. Ein Huschen, so wie, wenn etwas, das glänzt, das Licht reflektiert, das auf es fällt – und alles plötzlich kurz aufleuchtet. Ich hab’s genau gesehen. Das Glänzen. Und Huschen!”

“Und was willst du mir nun damit sagen?”
“Ich will sagen: Herzlichen Glückwunsch. Du willst wieder leben.”
“Achso. Das meinst du.”
“Wie? So unbeeindruckt? Heißt das, du weißt es schon länger als ich?”
“Nein, nicht wirklich. Aber ich dachte immer, das Weiterlebenwollen würde sich anders anfühlen. Spektakulärer. So Feierlaunemäßig, obergroß, oberkrass eben. Aber es ist ein ganz normales Gefühl, so normal eben.”
“Na, es ist ja auch normal, leben zu wollen. Es gibt nichts Normaleres.”

Die junge Frau schaut ihren Onkel an und begreift jetzt erst, dass es normal ist, leben zu wollen. Dass es nichts Besonderes ist, wenn man Freude an einigen schönen Ereignissen wie das eines vorbeiflitzenden Eichhörnchens empfindet. Dass es hingegen außerordentlich war, dass ihr das Leben nicht wichtig war, dass sie ihre Ziele nicht nur nicht greifen konnte, sondern gar keine hatte, geschweige denn entwickeln konnte. Und dass sie sich ganz langsam und unmerklich mit dem milchigen Schleier, der ihren Blick auf die Welt abdämpfte, immer weiter runtergezogen hatte. Weiterlesen… »