Kategorie "Melancholia"

Okay, ich trau’ mich jetzt zu veröffentlichen, was heute morgen um fünf Uhr entstanden ist. Ohne das Lied zu hören, kann man’s nicht lesen. Der Rhythmus muss davon vorgegeben werden, sonst wirkt es nicht.

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❊ Josh Vietti – Street Violin ❊

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Ich wippe, ich tanze, ich wippe, ich tanze. Ich wippe deinen Beat, ich wippe deinen Beat, ich tanze die Weisheit deiner Generation gegen alle Wände hinein. Bringe Sauerstoff zum explodieren, die Luft, sie atmet meine Energie in sich hinein und lässt Epilepsien sedierend sein, weil kein Mensch hier weiß, was echte Krämpfe sind, packe ich das Kind (in uns) und schüttel es zum Beat. Ich wippe, ich tanze, ich wippe, ich tanze. Lass uns wippen, lass uns hippen, lass uns zum Beat der Violine die Welt verlieren und all die versengten Tage auf einem Schlag von unser’n Sternen klauen, ihnen ihr Licht nehmen und unsere Seelen an diesem Verbrechen verlieren. Hörst du die Beats, hörst du sie schlagen, ich will dabei sein, wenn sie aus mir mein Ich zerreißen. Hörst du die Beats, wie sie mich jagen, damit ich frei sein kann, frei von all den Gedanken, all den Morgenfragen, all dem Nachtschweißbaden, all den Kriegsverbrechen, all den Lebenssäften und den Liebesklagen?

Ich wippe, ich tanze, ich wippe, ich tanze. Lass meinen Kopf seinen Schädel zerbersten, lass den Vogel seinen Käfig sprengen, lass mein Herz im gleichen Takt wie den Puls von Mutter Erde Blut und Sauerstoff pumpen. Lass mich frei, ich wippe, ich tanze, ich wippe, ich tanze, weil alles stirbt, außer die Bewegung, die’s mein. Hörst du den Beat, er frisst die Gitter unserer Gedanken, den schwarzen Dunst unserer vergrabenen Zukunft, er peitscht uns nach draußen, damit wir tun, wozu wir geboren sind: Nämlich Leben und Tanzen. Wippen und Tanzen. Fühlen und Tanzen. Ja, ja, ja, ja! Gib’, was du nicht hast und ich werd’ dich entführen, von dir selbst nur weg, nur weg, dich führen, von dir selbst nur weg. Zu mir, zu mir, einem mir, das nicht mehr sich selbst gehört. Und was bindet, wenn niemand mehr gebunden ist? Die reinste Form der Liebe, nur die reinste. Denn sie ist ungebunden und ungebunden ist unbegrenzt und unbegrenzt ist Alles und Alles, das sind wir. Die reinste, so edel wie der Stoff, den du dir durch die Adern jagst, wenn du mit Beats jonglierst und am Ende sie es sind, die dich jonglieren. So rein wie das Weiß, das deinem Leben bis zum Abgrund folgt, so wahr wie ein Kreis, der nach sich selbst sucht und die Unendlichkeit entdeckt, so verloren wie Hachiko, wenn es auf sein Herrchen am Bahnhof wartet bis zu seinem Tod. Ja, ich wippe, ich tanze, ich wippe, ich tanze. Vergiss dein Herz, lass es dort vor sich hin schlagen, sich selbst verjagen, nach Fragen fragen und die Antworten versagen. Was wir brauchen, hat nur der Beat, keine Herzen, keine Regeln, kein Gewissen und erst recht nicht irgendein göttliches Wesen.

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27.11.2011, 13:42
Der Kelch ihres Lebens

“Das wollte ich nicht. So weit hätte es gar nicht kommen dürfen”, sagte er hastig und mit gequälten Augen. Er hatte es eilig. Die Eile eines Menschen, der aus einer unangenehmen Situation raus wollte, irritierte den Raum zwischen ihnen, die Luft, die sie voneinander einatmeten, wurde dünn. Dieser Satz schlug sie mitten in den Bauch. Er bedeutete Ende. Er bedeutete, sie war allein. Jetzt war sie wirklich die Einzige, die bereit war, weiter zu gehen, Zelte abzubrechen, raus aus dieser verzwickten Mühle aus ungesehenen Berührungen mit ihren Blicken, gedachten Liebkosungen des anderen, Feuerspuren in der Luft bei jedem Gedanken aneinander. Es war das Aus für das Treffen in den Hinterhöfen dieser Welt – an jenen Orten, an denen alles anonym und versteckt war, wo man Sätze flüstern musste und sie dennoch zu laut waren. Dort, wo man nicht hören musste, um zu verstehen, weil die Realität sie umzingelte wie eine Horde feindlicher Soldaten.

“Es hätte nicht soweit kommen dürfen”, wiederholte er und konnte seinen Blick doch nicht von ihren angstgepeinigten Augen wenden. “Schau mich nicht so an. Es muss enden, okay? Wir hatten die beste Zeit unseres Lebens, jetzt geht das normale Leben weiter”, beschloss er bestimmt. Sie schluckte, sagte nichts, wollte ihn auf der Stelle schütteln oder sterben. Auf der Stelle sterben.

“Hätten deine Augen doch bloß echte Dolche in mich reingerammt, dann hätte dieser Moment irgendwann einmal ein Ende. Stattdessen lässt du böse Gedanken, böse Geister aus ihnen heraus, die sich unmerklich um meinen Hals schlingen und meine Lebenskraft heraussaugen wie hungrige Schlangen. Ich werde gerade verdaut”, antwortete sie ihm trocken, leise, hart. Ihre zitternden Beine versteckte sie mit ihrer inneren Peitsche.

Er seufzte. Bei jeder anderen hätte er sich genervt abgewandt, das Verhalten als Übertreibung und Theatralik abgetan und wäre gegangen. Aber bei ihr konnte er nicht. Er wusste – und das war das Fesselnde an ihr – dass sie es ernst meinte. Dass sie es ernst fühlte, so sehr, bis sie nicht mehr konnte. Fühlen, bis man nicht mehr kann. Das kannte er nicht, erst jetzt, durch sie. Weiterlesen… »

20.11.2011, 17:31
Little Bees Augen

Manchmal, da ist das eben so. Da fragt dich niemand Warum und Weshalb, und überhaupt. Da fragt niemand niemanden, und alle schweigen sich an, indem sie lachen und über das Wetter reden. Ich weiß nichts, und ich will auch nichts wissen. In meinem Kopf hämmert es. Vielleicht hätte ich das Buch nicht lesen dürfen. Und dann auch noch zweifach. Abwechselnd alle Kapitel einmal auf Deutsch, dann auf Englisch – oder umgekehrt. Kapitel um Kapitel. Und ich weiß nicht, was ich tun soll. Ähnlich wie bei “Die durchs Feuer gehen” habe ich mich fast übergeben, nein, bei Ersteren habe ich mich wirklich übergeben. Nicht so übergeben, wie bman sich bei “Feuchtgebieten” und den gewollt ekelhaften Scheiß übergeben würde, sondern übergeben, weil man über etwas liest, das es nicht geben darf. Einfach nicht geben darf, weil es das nicht geben darf. Das muss als Grund reichen. Punkt. Weil es das nicht geben darf, und weil es das gibt. Da versucht er, mein Mann, mir zu sagen, dass diese Geschichte so nicht abgelaufen sei, dass es eine Erfundene sei, auch, wenn es Schlimmere gebe oder auch ähnliche, aber dass diese Person, nein, die nicht. Die gibt es nicht. Und ich denke nur “Geh’, lass mich in Ruhe.” Ich weiß Bescheid, will ich ihm entgegen schmettern. Ich weiß Bescheid, dass das alles jetzt, jetzt, jetzt, j-e-t-z-t in diesen Sekunden mehrfach, hundertfach, tausendfach geschieht, und mehr als tausendfach. Denn jeden Tag, wenn einer dieser Menschen aufwacht, wird es sie verfolgen. Es wird sie verfolgen, bis es sie umbringt. Ich weiß Bescheid, will ich ihm sagen. Und ich will, dass er geht. Und er bleibt. Und ich bin erleichtert, dass er bleibt. Weiterlesen… »

18.11.2011, 08:55
Der Winter ist ein Mann

Der Herbst liegt in seinen letzten Atemzügen. Er stirbt noch zu Ende. Seine Schönheit verblasst mit seinen Farben, und er – eigentlich eine sie – schaut wehmütig auf sich zurück. Und wir folgen ihrem Blick. Hätten die Menschen dem kahlen Winter keine unnatürliche Maske der Buntheit aufgesetzt, wäre er vielleicht trostlos und eine Zeit des Schlafens, eine Zeit des Isolierens, des Insichfühlens und dennoch Unwohlfühlens geworden, weil wir es sind, die die Einsamkeit als Feind erklärt haben anstatt als Quelle von tiefen Selbst- und Welterkenntnissen. Aber das gibt es nicht. Nicht hier. Nicht heute. Nicht in einer Großstadt. Manchmal voller Sehnsucht nach dem wahren Kern des Winters, aber heute voller Erleichterung darüber, dass es so ist.

Lieber durch die Einkaufsstraßen gehen, mir von all den Kaufenden und bunten Angeboten einreden lassen, ich bräuchte dies und ich bräuchte das, weil all die Dinge, zum Haben und Nehmen, so präsent sind, so konturenstark und so kopfbelastend, dass die eigenen Angstgedanken federleicht werden. So realitätsverleugnend, dass man die so bedrohliche Kahlheit einer winterlichen Baumkrone vergessen kann. Zum Glück, dass alles glitzert und verziert ist, anstatt den Winter in all seiner Größe, in all seiner philosophischen Tragweite aufbäumen, zu uns sprechen und uns den Prozess des Lebenskreislaufes fühlen zu lassen. Besser so. Zum Glück. Da draußen riecht es nach gerösteten Kastanien und Maronen, nach Gebäck und Licht. Nach Zimt und Glühwein und kandiertem Obst. Nach verkauftem, gekauftem, geliehenem, geleasten, verschenktem Glück. Besser, die bunten Lichter spielen Pinocchio – und wir gleich mit. Und mir wird klar, der Winter ist ein Mann. Ein Mann, der den weiblichen Herbst von uns genommen hat, um ihn nicht mehr mit uns zu teilen, um ihn endlich zu besitzen. Und wir treulosen Menschen ersetzen ihn mit all dem Klunker. Hier und da. Und lachen und wissen, er ist vorbei. Der Herbst. Die Weibliche. Ja, der Winter ist ein Mann. Und bald, wenn sich beide paaren –  die Schönheit und der Tod sich miteinander vermählen – wird der Frühling kommen. Und wie er kommen wird. Sich mit seinen Knospen und seinem  wollenden lebensergreifenden Wachstum in den Himmel erstrecken und uns auf ein Beltanefeuer vorbereiten. Denn: Der Frühling ist ein Kind. Aber das ist eine andere Geschichte.

15.11.2011, 10:37
Normalität

“Hast du das gesehen?”
“Was genau? Was meinst du?”
“Na, da war ein Huschen über deinem Gesicht.”
“Ein Huschen, wie, wo?”

“Na, als du das Eichhörnchen gesehen hast. Ich habe es deutlich gesehen. Ein Huschen, so wie, wenn etwas, das glänzt, das Licht reflektiert, das auf es fällt – und alles plötzlich kurz aufleuchtet. Ich hab’s genau gesehen. Das Glänzen. Und Huschen!”

“Und was willst du mir nun damit sagen?”
“Ich will sagen: Herzlichen Glückwunsch. Du willst wieder leben.”
“Achso. Das meinst du.”
“Wie? So unbeeindruckt? Heißt das, du weißt es schon länger als ich?”
“Nein, nicht wirklich. Aber ich dachte immer, das Weiterlebenwollen würde sich anders anfühlen. Spektakulärer. So Feierlaunemäßig, obergroß, oberkrass eben. Aber es ist ein ganz normales Gefühl, so normal eben.”
“Na, es ist ja auch normal, leben zu wollen. Es gibt nichts Normaleres.”

Die junge Frau schaut ihren Onkel an und begreift jetzt erst, dass es normal ist, leben zu wollen. Dass es nichts Besonderes ist, wenn man Freude an einigen schönen Ereignissen wie das eines vorbeiflitzenden Eichhörnchens empfindet. Dass es hingegen außerordentlich war, dass ihr das Leben nicht wichtig war, dass sie ihre Ziele nicht nur nicht greifen konnte, sondern gar keine hatte, geschweige denn entwickeln konnte. Und dass sie sich ganz langsam und unmerklich mit dem milchigen Schleier, der ihren Blick auf die Welt abdämpfte, immer weiter runtergezogen hatte. Weiterlesen… »