Blinde Gesichter, grau in grau – ich sehe sie nicht. Ihre Mimik wie eingemeißelt, schwach lächelnd und doch betrübt schauen sie starr durch mich durch und haften am Beton unserer Stadt. Lichter flitzen wie gejagt durch die Nacht. Selbst der Nachthimmel hat sein Schwarz verloren und ergibt sich einem leblosen Grau. Das einzige Grün, das ich sehe, sprüht ein leidenschaftsloser Junge an die Wand. Damals schrieb er noch “Ich war hier.” – heute steht auf dem Fleck einstigem Idealismus “War ich überhaupt jemals?” – Identitätslose Geister bewegen sich mechanisch auf ihr Ziel zu. Und ich bewege mich mit – perfekt in ihrem Takt – Schritt für Schritt. Das Ziel heißt “Endstation” – und der Weg heißt “Sinnlosigkeit”.
Es gibt nichts Neues hier zu sagen.
Noch immer kommen sie.
Gehen sie.
Und gehen dann
in Särgen.
Nichts hat sich geändert.
Die Maus sitzt noch immer in der Falle.
Ihr Nacken ist gebrochen.
Doch noch immer zappelt sie
Und hofft auf die Gnade einer
Kralle.
Es gibt nichts Neues hier zu sagen.
Noch immer gehen sie.
Kommen nicht mehr zurück.
Doch vorher zerreißen sie Dich
und Dein Leben
in Stück’.
Nichts hat sich sich geändert.
Der alte Mann ist noch immer blind.
Als er hoffte, er würde endlich Farben sehen,
war er noch ein Kind.
Es gibt nichts Neues hier zu sagen.
Immer noch beten sie.
Gehen aus dem Glauben in die Hölle.
Kommen zurück als leere Hülle.
Nichts hat sich geändert.
Das Kind schreit nach der Mutter.
Als es Schritte hört und inne hält und lachen will,
waren es doch nur die Soldaten.
Ich blickte in den Spiegel und verließ das Haus. Ich machte mich auf zu einem Platz, an dem viele Menschen versammelt waren. Ich war sehr gespannt darauf sie kennenzulernen. Als ich zu jenem berüchtigten Platz kam, bemerkte ich, dass alle Menschen denselben Ausdruck in ihrem Blicke trugen. Ein Blick, vor Freude und Glück zu zersprengen drohend. Ich fragte mich, ob auch meine Augen jene Ausstrahlung hatten. Ob auch sie diese Leichtigkeit zu strahlen schienen. Also holte ich meinen kleinen Spiegel heraus und verglich meinen Blick mit dem der anderen Menschen, die mich von allen Seiten her umgaben. Doch wie sehr ich mich auch bemühte, wie immer ich den Spiegel auch hielt , ich stellte keinerlei Übereinstimmung fest. Ich war enttäuscht. Verstört schaute ich mich wieder um.
Ich versuchte mit einem von diesen Glückseligen Kontakt aufzunehmen. Ich sprach jemanden an. Ich fragte ihn nach dem Morgengrauen, nach dem Regen und nach dem Licht. Mein Gegenüber strahlte mich mit seinen blendenden Augen an und öffnete den Mund um mir zu antworten. Gespannt war ich auf seine Worte. Doch es ertönte keine Stimme. Ich zuckte zusammen. Er bewegte seinen Mund, er formte Wörter mit seinen Lippen, doch ich vernahm keine Aussage. Weiterlesen… »
Ich muss eigentlich lernen. Am Montag fängt schon die erste, unmenschliche Klausur an und ich weiß nicht, wie ich sie meistern soll. Aber ich lerne nicht. Ich lerne nicht, weil ich etwas nicht aus meinem Kopf kriege. Denn…
Meine Liebe sitzt gerade nicht nur in meinem Herzen, sondern in meinem Kopf und will mit mir tanzen. Sie zwickt und kneift mich schüchtern und liebevoll und will mit meinen strengen Gedanken Hand in Hand, Eins in Eins zusammen sein und sie aufweichen. Ich lächele sehnsuchtsvoll und streichele den Kopf meiner Liebe. “Weißt Du noch jene Zeiten”, sage ich… “Jene Zeiten, in denen Du nicht im totalen Widerspruch zu dieser Welt standest, weil Du für mich die Welt warst? Weil Du mein Gott warst?” Meine Liebe nickt traurig und hält ihre Augen zu, schmiegt sich an die Grenzen meines Kopfes und klopf hoffnungslos an die gut strukturierten Wände der Logik. “Was hat sich verändert? Bin ich Dir nichts mehr wert?” – Die Stimme meiner Liebe ertrinkt in ihrer eigenen Unschuld. Weiterlesen… »
Ich war lange fort von hier, weil ich nicht wusste, was ich schreiben soll. Ich konnte bei all den Ereignissen und dem inneren Verstrickungen von Glück, Freude, Trauer, Verzweiflung und Hoffnung einfach nicht entscheiden, welchem dieser Oberbegriffe an Emotionen, die in sich verschachtelt noch unendlich viele Nuancen aufweisen, ich meine “poetische” Aufmerksamkeit schenken soll. Zudem kommt noch, dass mein Studium mir jeglichen Sinn für Romantik und sherry-typischer, farbig-schwammiger Satzkompositionen nimmt, obwohl es nur diese Art des Ausdruckes mich befreit – wenigstens annähernd befreit von all den Regeln und Gesetzmäßigkeiten dieser Welt, die sich alle so schön “formalisieren” lassen.
Iran und das, was mit ihr geschieht (Iran ist für mich feminin, also verzeiht mir den “grammatikalischen Fehler”), hat meinem Mund und meinem Herzen dann komplett den Riegel vorgeschoben. Jede potenzielle Explosion implodierte in mir und strickte mir ein Seil um meine Kehle, das sich aber jetzt langsam lockert. Ich möchte etwas schreiben, das vielleicht die meisten in mir regierenden Gefühle, Subgefühle und Sub plus Sub plus Subgefühle in sich vereinigen kann und zumindest die meisten einander verzehrenden Widerspruchsemotionen miteinander in einem harmonischen Bild versöhnen kann. Deshalb will ich über den Menschen schreiben. Und wenn ich über ihn schreibe, dann schreibe ich vielleicht auch über meine imaginäre Hassliebe zu einem imaginären Gott, weil er den Menschen nun einmal nicht so erschaffen hat, wie es sich jedes gesunde Menschenherz ersehnt. Und wenn ich über ihn schreibe, schreibe ich auch über mich und über mein menschliches Versagen. Wenn ich über den Menschen schreibe, dann schreibe ich über meine tiefsten Wünsche, die ich für ihn – den Menschen – habe. Ich wünsche mir. Ich wünsche mir… Weiterlesen… »
Ich habe Zeit, meine Gedanken schweifen zu lassen – und lande wieder bei der Psychophysik, dem Versuch, Wahrnehmung zu messen und zu formalisieren – und wie es sein kann, dass es immer mehr gelingt, um dann bei jedem Erfolg zehntausend neue Fragen aufzuwerfen. In den Prüfungsphasen denkt man nur an sein Fach, weil man ständig Wissen am verdauen ist – und wir scheinen ständig in einer zu sein. Meine Gedanken springen zur ROC-Kurve, Signalentdeckungstheorie, Retina, Fovea, Corpus geniculatum lateralis… Meine Augen werden müde. Im Schlaf sortiert es sich besser, weiß man. Ich muss lächeln, denn ich sterbe zwar wegen des Stress und des Leistungsdrucks, aber ich liebe es auch. Alles, was ich lese und lerne, erstaunt mich jedesmal auf’s Neue. Und ich bin sicher, dass das niemals enden wird. Niemals.
Die Musik holt mich ein, ich lande in einer angenehmen, warmen Gefühlsdunkelheit und fange an, in Gedanken mit dem Schlagzeuger um die Wette zu rennen. Augen zu, Klappe auf – die Farben kommen:
Zwischen dem 15. und 19. Lebensjahr muss ich meine mutigste, kopfloseste und draufgängerischste Phase gehabt haben. Ich hantierte erstmals mit 16 Jahren mit den Schminkutensilien meiner kleinen Schwester rum, die wohlgemerkt 8 Jahre jünger ist als ich. Sie war von Anfang an kreativer an sich selbst. Kein Wunder. Bei der Schönheit, die sie damals schon besaß, handelte es sich zwar nur noch um Nuancen, die es heimlich außerhalb von Papas Sichtweise zu verschönern galt, aber diese Nuancen ließen einen damals schon erahnen, wie atemberaubend ihr Porzellangesicht heute sein würde. Und es kam, wie es alle erahnten.
Ungeschickt zeichnete ich mir Linien auf mein Augenlid. “Wie macht Nadja das immer?”, fragte ich mich und versuchte, es ihr gleich zu tun.
Nadja. Sie war damals in meiner Parallelklasse. Eine Deutsche, die absolut Undeutsch aussah, weil sie ungarische Vorfahren hatte. Sie war eine erst unscheinbare, dann immer scheinbarere besondere Persönlichkeit, die jedoch dazu neigte, durch ihren Hang zum Wahnsinn, dem Wunsch nach ordinärer Normalität nachzukommen. Normalität hieß damals, dass sie rumlief, wie eine überaus knackige, prallbusige Tussi mit einem leichten Asislang und einer Goldkette, die den Blick der anderen direkt in ihr Dekolleté führte. Weiterlesen… »
Ich habe damals immer die “Liebe” gepredigt. Ich war so überzeugt davon, dass jeder Mensch die Liebe verdient hat und Liebe verschenken kann. Ich war davon überzeugt, dass der Kern eines jeden Menschen gut ist und nur die “Umstände” einen Menschen schlecht machen. Ich war damals der Überzeugung, dass jeder Mensch mit einigen innigen, seelentiefen Umarmungen zu ändern ist – einfach zu ändern ist, indem man ihn berührt und ihm sagt, dass er etwas wert ist. Soviel wert ist.
Man kann sich gar nicht vorstellen, wie sehr ich davon überzeugt war. Während manche dachten, ich sei bescheuert, naiv oder leide an einem Helfersyndrom (ich will ja nichts davon leugnen), dachte ich, ich habe die allgemeingültige Wahrheit über das Universum gefunden: Die Liebe. Es ging soweit, dass für mich Gott & Liebe ein und das Selbe waren. Das Leben war damals schön, egal wie schwierig die Phasen sein konnten – mit der Einstellung war alles erträglich. Alles war mit einem Lächeln der Vorfreude auf später zu ertragen. Mein Fundament war so sicher, obwohl es so weich und schwebend war.
Ich war davon überzeugt, dass eines Tages alles gut wird. Ich war davon überzeugt, dass alle Wege zur Liebe (zu Gott) führen werden – manche gelangen durch Umwege dahin, manche direkt, wie in einem Labyrinth – wir suchten alle das Eine, und früher oder später würden wir es finden. Ich war davon überzeugt, dass Menschen nur füreinander da zu sein brauchen – und alles würde gut werden. Ich war davon überzeugt, wirklich davon überzeugt, ich war so überzeugt… Versteht Ihr? So tief darin verankert. Weiterlesen… »
Kennt Ihr diese Tage, an denen man “Sprachfehler” hat? Man stockt bei jedem Satz – und viele Wörter fallen einem plötzlich nur in der Muttersprache ein (in meinem Fall persisch, obwohl ich eigentlich besser Deutsch rede). Man gestikuliert wilder als sonst und zieht eine Fratze nach der anderen, damit man verstanden wird – doch Deine Gesprächspartner legen simultan ihren Kopf schief und betrachten Dich aufmerksam, um entschlüsseln zu können, was Du da gerade von Dir gibst. An besonders hartnäckigen Tagen schleichen sich bei mir sogar grammatikalische Fehler ein, so richtig banale wie “der die das”, “dem”, “des”… An solchen Tagen fühle ich mich besonders hilflos, aber kann noch über mich lachen.
Aber was ist mit jenen Tagen, an denen Deine Sprache sauber, präzise und klar ist und Dich dennoch niemand “entschlüsseln” kann? Kennt Ihr das? Ihr sprecht, Ihr hört Eure laute Stimme durch die Atmosphäre fliegen, die sich anfangs noch sicher und fest anhört – und je fragender die Gesichter, die in Euch hineinblicken werden, desto unsicherer wird die Stimme – und desto infationärer verwendet Ihr Adjektive, um “die Lage” (oder Euch selbst) zu beschreiben. Aber es kommt nur ein Bruchteil von dem, was Ihr sagen wolltet, bei den anderen an – weil auch nur ein Bruchteil von dem, was Ihr fühlt oder denkt, in die Sprache mit reinge-presst werden kann. Das ist nichts besonderes – aber an Tagen wie diesen, wenn Euch Eure “Rätselhaftigkeit” bewusst wird, wird etwas Alltägliches zur bedrückenden Besonderheit. Zur Besonderheit, obwohl auch ich sicher oft wie ein Fragezeichen in eine flatternde Gestik und Mimik meines Gegenübers schaute. Weiterlesen… »
Denkst Du, ich vergesse all die Tage, an denen wir schweigend durch den Regen liefen und einander wortlos Fragen stellten, von denen wir wussten, dass keiner von uns sie je in Worte pressen, geschweige denn beantworten könnte? Hoffnungsvoll schautest Du mich dennoch bei jeder nicht ausgesprochenen Frage an – in der Hoffnung, ich sei wirklich so weise, wie Du immer dachtest. Doch ich bin nicht weise, sonst würde ich nicht fragen. Fragen, wie Du diese Tage nur vergessen konntest.
Deine wilden Locken passten sich immer Deiner Stimmung an. Wenn Du aus Nachdenklichkeit in Dir versunken warst, sanken Deine Locken mit und legten sich eng an Dein Haupt. Warst Du traurig, hingen sie matt, erschlafft und dennoch ruhelos Dein Gesicht herunter. In Deiner Freude wippten und glänzten sie wie Deine Augen – und in Deiner Wut brausten sie auf und schlugen wie wild um sich.
Denkst Du, ich vergesse all die Tage, in denen wir Stunden um Stunden Zukunftspläne schmiedeten, um unserer Gegenwart zu entkommen? Nein, das waren keine Pläne, das waren Kunstwerke, die wir malten. Wir klatschten Farben auf eine große Spielwiese, hockten uns rein, schmierten und gaben unseren Träumen Formen und wilde Farben, die wir lachend wieder verwischten, um neue zu malen. Am Ende lagen wir mittendrin, kurz der Illusion verfallen, schon morgen unser gemaltes Morgen haben zu dürfen. Wälzten wir uns nicht in den Farben rum, sogar dann noch, wenn wir erwachten und merkten, wie wir im dunklen Dreck lagen? – Doch lachend weinten wir. Denn lachend weinten wir…
Denkst Du, ich vergesse das Spiel unserer tanzenden Augen, wie sie miteinander spielten – selbst, wenn wir mürrisch und sauer aufeinander nebeneinander saßen und Deine kleinen Hände meine Sturheit rüttelten, “Sherryyy” riefen und forderten, ich solle wieder reden? Ich sah ich Dich nicht immer pseudo-genervt an und drückte müde lächelnd Deine Hand?
Denkst Du, ich denke nicht einen einzigen Tag daran, dass Du kurz nach dem Schwarz meines Lebens das Schwarz Deines Lebens erlebtest und wie auch ich heute noch davon geschlagen und getreten wirst? Denkst Du, ich vergesse?
Nein. Ich vergesse nicht. Aber Du. Du vergisst. Du drehst Dich um, gehst, verlierst kein Wort, schaust nicht zurück – und wenn, dann lässt Du es mich nicht sehen. Du vergisst, Du kehrst mir den Rücken und verlässt immer und immer wieder Deine kleinere Heimat. Du vergisst – Du vergisst einfach, wie wir unsere Hände miteinander verglichen und darüber lachten, wie klein sie sind und wie fordernd sie umher durch das Leben greifen (und sich immer wieder verbrennen) – nicht wie die Hände einer eitlen, herrschsüchtigen Frau, sondern wie die Hände eines Kindes. Du vergisst.
Doch ich, ich vergesse nicht. Weder all die gemeinsamen Fluchtversuche durch den Regen tief in unsere Farben hinein, noch Deinen Verrat. Noch Deinen Verrat. Ich vergesse nicht…