14.11.2011, 21:55
Was nicht stimmt.
“Hast du gesehen? Es geht ihm schon wieder gut. Das Leben geht weiter, sagt er. Und das ist der Lauf der Dinge, und man muss das akzeptieren, sagt er auch! Und dass das okay so ist. O-k-a-y.”
“Ja, ich weiß, ich weiß. Ich hab’ auch mit ihm gesprochen.”
“Was stimmt mit uns nicht? Was nur?”
“Vieles.”
“Ja, was?”
“Wir haben anders geliebt. Mit unserem Leben. Und wenn wir mehr gehabt hätten, dann auch damit. Das stimmt mit uns nicht. Würdest du das rückgängig machen, wenn du könntest?”
“Nein, niemals.”
“Siehst du? Auch das stimmt mit uns nicht. In Kauf nehmen, was uns zerstört, weil wir nichts Halbes ertragen.”
Die andere nickt. Sie essen weiter.
“Und wenn wir einfach abhauen? Wir müssen nicht zurückschauen. Zurückschauen ist wie die leckerste Süßspeise im Gaumen schmeckend und seufzend zu kauen und dann auszuspucken.” Das war der Schlussteil ihres Appels an ihre Freunde. Sie will nicht mehr zurück in ihr altes Leben und hofft, in den Gesichtern ihrer Gefährten, die durch ein seltsames Schicksal zusammen gefunden haben, den selben, militanten Fluchtreflex zu entdecken, den sie nicht mehr zurück halten kann – und der sie nicht mehr los lässt.
“Aber was ist mit …”, wirft Aiolos ein und stockt, weil ihm dann doch nichts einfällt. Gäbe es in dieser Gruppe einen Anführer, wäre er es gewesen. Seine wachen Augen sahen alles. “Das geht nicht, Seda. Wir sind gebunden. Alle.” Sie schüttelt den Kopf. Woran genau waren sie gebunden?, denkt sie und vergisst diesmal das Sprechen nicht. “Woran? Woran Aiolos!”, setzt sie ihn unter Druck und schaut in die Runde rein. “Im Ernst. Denkt alle nach. Bitte. Denkt jetzt nach. Heute ist die Nacht der Nächte. Wir können alle unsere sinnlosen Leben beenden und neu beginnen. Gemeinsam. Ohne Gruppensuizid – den wir eh niemals umsetzen würden, wenn Plan A nicht klappt. Doch wie soll Plan A klappen, wenn wir ihn meiden? Unsere Geschichte kann nur ein Happy End haben, wenn wir uns aus diesem Kriegsgebiet unseres Lebens hinaushauen. Zusammen. Wir. Gemeinsam. Wir“, wiederholt sie verzweifelt, denn sie findet kein innigeres Wort, das ihre Verbundenheit beschreiben kann. “Ist das etwa unsere Freundschaft? Soll alles hier enden? Soll das hier alles sein? Wir wollten die Welt verändern. Wir wollten Grenzen durchbrechen, wir wollten der Liebe einen neuen Namen geben, wir wollten tausend Schleier im Flug gen Himmel zerreißen, und wir wollten uns in altes Pergament werfen und in den Gedichten der Alten unsere Träume wieder finden und mit ihnen tanzen. Wir wollten unsere Seelen wieder finden und müde in ihre Arme fallen. Hast du nicht gesagt, Aiolos, hast du nicht gesagt, solange die Träume eines Menschen schöner sind als sein Leben, hat er etwas falsch gemacht? Lasst uns hier weg. Lasst unser Leben schöner sein als unsere Träume, weil wir uns unsere Träume endlich nehmen. Wir nehmen sie uns, so wie sich das Leben nimmt, was es will, so nehmen wir uns, was uns zusteht. Wir wollten soviel tun. Wir wollten alles. Und nicht weniger. Wir wollten die Welt verändern, wir wollten dieses Haus am Meer …” Der Drang ihrer Lunge, Luft zu schnappen, unterbricht sie. Weiterlesen… »
So hatte sie sich das nicht vorgestellt. Erst dachte sie, das würde schon wieder werden, das vergehe, das sei nur eine kleine Nebenerscheinung, eine zufällige Interaktion zwischen prämenstruellem Syndrom und der Trennung von diesem Mann. Was war geschehen? Diese eine Begegnung, die dreizehn Monate, zwei Wochen und achteinhalb Stunden anhielt? “Was soll schon schief gehen? Ich war lange alleine, ich weiß, wie es ist, ich weiß, dass ich es schaffe, und ich weiß, dass ich niemanden brauche, um klar zu kommen.” Sie erinnerte sich mit großer Anstrengung an diese Zeit zurück, als die Prioritäten nicht verschoben waren. Als nichts zwischen ihr und ihrem Leben stand, schon gar nicht ein Mann. Erst war es sie selbst, die sich am nächsten stand. Sie mit ihrer schönen, hellen 60 qm² Wohnung, das ihr und Shiba, ihrer kleinen Zweitherrscherin in Form einer grazilen Katze, ein Zuhause bot. Und dann waren es ihre Freunde, die sie in einem regelmäßigen, geordneten Wochentakt traf, mal mit jedem Einzeln für die Intimgespräche, die Freunde aneinander banden, mal mit der ganzen, herzerheiternden Gruppe, die in ihrer Fülle ihr Leben zu einer großen Geburtstagstorte verwandelte.
Doch niemanden zu brauchen, ohne einige Zeit lang eben doch jemanden an der Seite gehabt zu haben und – ob man es fühlte oder nicht – doch zu brauchen, ist etwas anderes, als schon immer allein gewesen zu sein. Immer alleine zu sein kann ein empfundener Segen werden, der aus der Sehnsucht nach innerer Ruhe resultiert, aus dem Gefühl der Freiheit, aus dem Gefühl, nur für sich selbst verantwortlich zu sein. Und es ist ganz anders, als es einige Zeit nicht zu sein und die süße Last des Verbundenseins zu erfahren und sich dann abrubt einer Trennung stellen zu müssen. Das sind zwei einander wesensfremde Angelegenheiten, die keinerlei Berührungspunkte haben. Alleinesein. Ein bedrohliches Gefühl. Wieviele Hände hat die Menschheit schon gerungen, um es nie wieder sein zu müssen? Wie oft sind diese über ihren eigenen Schatten des Selbstwertes und des Stolzes gesprungen – wie im Wahn – um dann mit niederschmetternder Abweisung als Antwort in ihren Händen zurück in die dunkle Einsamkeitskammer zu gehen? Um sich danach mit dem Bild des aus dem Herzen Verwiesenwerdens die Tage und Nächte zu füllen? Dem Leben die essentielle Energie – nämlich die Hoffnung – nehmen zu lassen? Die depressiven Romantiker unter der Weltbevölkerung schrieben große Epen darüber. Wir kennen sie alle. Weiterlesen… »
Es ist kalt draußen. Kalt wie kleine Nadeln, die sich leicht in zittrige Haut drücken. Sie atmet die Luft ein, die ihr verheißt, bald frei zu sein. Frei von sich, frei von allem, was emotional ist, von ihrer Empfindsamkeit, frei von Schmerz. Frei von ihrer kitschigen Art, die Welt zu sehen und dann doch mit einem selbstverlorenen freiwilligen Riesenkopfsprung auf dem Asphalt der Realität zu landen. Frei von sich. Ganz von selbst befreit. Von ihrem Selbst ganz frei. Frei. Sie inhaliert die tausend kalten Nadeln der klirrend kalten Luft wie eine Süchtige, die nach Reinheit lechzt und leidet unter ihrer physiologischen Unfähigkeit, diese in- und bei sich halten zu können, denn sie muss ja ausatmen. Also atmet sie aus. Geht schnelle Schritte, hechelt, fordert, befiehlt die Auflösung ihrer eigenen Existenz. Die Erleichterung danach stellt sie sich vor, in allen Variationen, intensiv, tieftauchend, fassungslos leicht und nicht greifbar wie eine alte Legende. Sie wird sich dessen bewusst, dass sie noch nicht einmal Erleichterung fühlen wird, wenn sie nicht mehr ist. “Wie wunderbar. Nicht einmal die Erleichterung. Denn dafür müsste man ja etwas wiegen, ein Gewicht fühlen, um ein Gewicht, das davon abfällt, nicht mehr zu fühlen. Die Diskrepanz zwischen vorher und nachher kennen. Wenn man nicht ist, kennt man aber nichts.”
Doch es ist anders als sie will. Die Welt ist anders als in ihrer Vorstellung, und doch basiert alles, was sie sich vorstellt, wünscht und sich ersehnt auf dem, was es auf dieser Welt schon gibt. Selbst ihr innigster, intimster Wunsch wurde schon einst gewünscht. Er gehört ihr nicht ganz allein. Dieses Gefühl bedrückt sie, bis es sie zuschnürt. Der Gedanke, dass nichts aus ihr selbst entstehen kann, ohne dass es das schon irgendwo irgendwie mit irgendwem gegeben hätte, verleiht ihrer Existenz – und der Existenz der Welt und der Existenz der Existenz und allem, was existiert – eine schier unfassbare Sinnlosigkeit. “Alles. Alles. Alles. Sinnlos.” Sie will schreien, aber tut es nicht – aus reiner Gewohnheit schreit sie – wenn, dann still. Und aus reiner Gewohnheit will sie vor diesem Gedanken fliehen und inhaliert noch mehr kalte Nadeln in sich hinein. Sie fallen nicht mehr leicht auf ihre Haut, sie bohren nun mit Fragen, mit Zweifeln mit den dunklen Wolken ihrer Ängste, mit grauen, schwarzen Schleiern, die sie verdecken und sie vor sich selbst ungesehen liegen lassen.
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03.11.2011, 09:01
Walking Alone
Einige unserer Wege gehen wir alleine, wenn nicht sogar ein paar mehr als nur einige. Egal, wer um uns herum ist, wir fühlen, dass wir an diesen Stellen unseres Lebens Dinge gesehen und erlebt haben, die keine Sprache haben, die ungesagt in unseren zugenähten Mündern Folterknecht spielen und immer unbemerkt und das Rätsel des Hofnarrs bleiben werden, der von seiner Königin zur Hinrichtung freigegeben wird. Denn niemand kennt die Lösung. Denn niemand weiß, wie das, was als Rätsel steht, benannt werden kann. Wenn wir uns solchen Wegen stellen, sie durch ihre engen Gassen hindurch kriechen, setzen wir uns einer Veränderung aus, einer Isolation, einer vollkommenen Verarmung an menschlicher Wärme und Wahrnehmbarkeit, dass unsere Existenz uns als Schein, als Illusion als unfassbares Nicht-Ereignis erscheint. Wir kollidieren mit allem Gewesenen, ohne dass es kracht, denn es gibt uns nicht mehr – und wir fallen während des Versuches, die eine Hand mit der anderen zu packen, um zu fühlen, um zu fühlen, dass wir echt sind, immer mehr. Denn wir fassen ins Leere.
Wir brauchen Wegweiser. So sehr wir die Tatsache hassen, dass wir alleine sind, den Weg in der unfreiwilligen Intensität, in der Höllenfeurigkeit nur alleine empfinden, so brauchen wir dennoch Wegweiser. Einen Menschen, der anders ist als wir. Einen Menschen, hereingezogen aus der normalen Welt, aus der festen Welt des routinierten, oberflächlichen Miteinanders, in der Dinge Namen und Farben haben, in der Dinge Konturen haben, in der sie aus Stein oder Plastik sind – damit wir nicht in unserer De-Realisation ersaufen, um uns nicht panisch in frei fliegenden, verschwindenden Seelenpartikeln aufzulösen, so als seien wir nur eine Erfindung unserer Selbst. So, als habe man sein eigenes Trauma nur selbst erschaffen, so, als sei man nur eine Ausgeburt der eigenen Bösartigkeit gegen sich selbst.
Wegweiser sagen, dass du da bist, dass du echt bist. Packen sie unsere Hände, lösen sie sich in den ihren nicht auf, weil sie ihrem Gefühl, sich alles nur eingebildet zu haben, nicht erliegen, wie wir es tun. Für sie stellt sich diese Frage nach der Echtheit und dem Wahnsinn gar nicht, denn nicht alle haben erlebt, was schier unerträglich, also unmöglich ist. Nehmt sie also mit, auch wenn ihr Leben so unglaublich anders ist als unseres. Als Öllampe oder als Goldmünze, in die ihr beißen könnt oder als Zwicker, der euch sagen kann: “Das hier ist real. Das hier ist leider kein Traum, sondern ein Trauma. Ja, das hier ist deine Hölle, und nun gehen wir sie schließen. Sie dichtmachen. Ich komme mit.” Nehmt sie mit, diese Wegweiser. Und geht eure Hölle schließen.

Text, Design & Photos by Sherry Iranique. Copyright © 2010 Sherry Iranique. All rights reserved.
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