Kategorie "Misstöne"
21.03.2012, 21:32
Geschützt: Hetzjagd

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“Erzähl’ einem suizidgefähredeten Menschen niemals, wie lebenswert das Leben sei. Es sind deine Gründe nicht seine. Das wird ihm weh tun, denn er erkennt mit einer großen Schlagwucht, dass er diese Gründe einfach nicht sehen kann – oder noch schlimmer: solche gar nicht hat. Er kann es wirklich nicht, verstehst du? Hör’ erst einmal nur zu, zeig’ Verständnis, aber signalisiere deutlich, dass Selbstmord keine Option ist. Bis hierhin klar?” Der junge Therapeut in Ausbidieldung nickt seinem Lehrer zu. Er steht auf, nimmt seine Patientenakte mit und geht hoch angespannt zu seinem ersten, wirklich herausfordernden Patienten.

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“Wenn du wirklich schreiben willst, dann hör’ auf, ständig über dich zu schreiben. Sätze, die mit ‘Ich’ anfangen und wirklich ‘Ich’ meinen, hängen den meisten leidenschaftlichen Lesern zum Hals raus. Woran das liegt? Ganz einfach. Die, die über’s Lesen hinausgewachsen sind, sind heimliche Idealisten und Weltverbesserer, die ihre Hände jedoch zur Ruhe gelegt haben und ihre Hoffnung in euch Schrifstellern legen. Sie erhoffen sich jemanden, der schreibend die Welt erklärt und sie danach auch gleich rettet. Es hat schon einen Grund, warum männliche Schriftsteller meistens die Besseren sind. Sie verstecken ihr Ego trotz ihrer unüberwindbaren Größe besser als Frauen, die durch ihre Lamentiererei ständig das eine Thema haben: Selbstfindung, Selbstverwirklichung, Neuerschaffung – nenn’s wie du willst. Dieses abgenutzte “Ich, meine Beziehungen, mein (innerer) Kampf, Hüpfididu, das Leben ist so schön, ich danke dir Gott, mein Beauty Tag” will niemand hören, der den Wert von Büchern wirklich kennt. Mach’ auf alles aufmerksam. Du bist schon tief genug mit involviert, allein aufgrund der Tatsache, dass du – ob du nun willst oder nicht – der Beobachter dessen bist, was du (be)schreibst oder als wertvoll genug ansiehst, es zu beschreiben. Mehr von dir brauchst du nicht hineinfließen zu lassen. Bis hierhin klar?” Die junge Frau nickt ihrem Mentor zu, packt ihr Notebook ein und setzt sich in die Bibliothek, um ihre ersten Zeilen zu tippen. Entmutigt stellt sie fest, dass sie über nichts anderes schreiben kann als über sich selbst. Gefangen in einem unendlich kleinen Kreis der reduzierten Interaktionen zwischen sich und ihren Männern, sich und ihren Freunden, sich und ihrer Vergangenheit, sich und irgend etwas. Zu mehr war sie nicht in der Lage. Weiterlesen… »

26.10.2011, 14:19
Der arabische Frühling

Ich kann gar nicht soviel essen, wie ich kotzen könnt’! Da gehen die Araber aus den verschiedenen Ländern auf die Straße und lassen durch ihre tapferen Herzen die westlichen Medien poetisch über den arabischen Frühling schwärmen (was mich persönlich schon skeptisch gemacht hat, aber egal!) – und alle jubeln mit, stellen mich Skeptikerin als neidische Verschwörungstheoretikerin hin, weil “Iran es nicht geschafft hat” – und was machen die Araber nach ihrer hart erkämpften Freiheit? Sie gehen hin und wählen, unterstützen, wünschen sich die Islamisten an die Macht. Wollen die Sharia etablieren. Die Sharia. Das bedeutet: Islamische Gesetze. Mehr Rechte für Männer als für Frauen. Steinigung bei Ehebruch, Hand abhacken bei Diebstahl, Frau darf geschlagen werden bei Ungehorsam, Frau ist halb so viel wert wie Mann, Polygamie für Männer, Todesstrafe für Homosexuelle und noch vieles mehr. Wo zum Teufel ist da bitte der Unterschied zwischen einem geisteskranken Ghaddafi und einer geisteskranken religiösen Rechtsprechung? Kann mir das bitte jemand erklären?

Ich weiß jetzt, warum einige autoritär orientierte Politikinteressierte darauf bestehen, dass man sich die Freiheit, zu wählen, erst einmal durch Reife und Bildung verdienen muss. Dass man sonst auch seinen Untergang wählen kann und es meistens auch tut. So, wie meine Landsleute sich 1979 mit einem Wahlzettel “Islamische Republik [ja] | [nein]” zufrieden gaben, so laufen die Araber gerade wie die Lemminge in einen freiheitsraubenden, religiös-fundamental orientierten Abgrund. Wir lassen Suizidgefährdete doch auch nicht frei über ihr Leben oder Nichtleben entscheiden und halten sie zu ihrem eigenen Schutz einige Zeit lang juristisch besiegelt in einer Klinik fest, oder? Und wir sagen unseren Kleinkindern ja auch nicht, sie sollen selber entscheiden, was richtig ist oder falsch ist, und ob sie nun doch vom Balkongerüst springen oder nicht, das dürfen sie ganz frei wählen, nicht wahr? Auch lassen wir in demokratischen Ländern wie Deutschland – so gut es geht – keine verfassungswidrigen Parteien zu, oder? Selbst in Freiheit muss die Freiheit geschützt werden, auch wenn man dafür ein paar Abstriche von ihr machen muss wie zum Beispiel: Nein, wir lassen keine islamistischen oder andere extremistischen Parteien hier zur Wahl. Weiterlesen… »

21.10.2011, 18:38
Der krumme Tag

Gestern war ein krummer Tag. Eine Freundin von mir schrieb eine seltsame SMS. So, als fordere sie eine Rechtfertigung dafür, dass jemand Bestimmtes, den wir beide kennen, traurig aussah, als ihr das Glück beschert wurde, meiner Freundin über den Weg zu laufen. “Hi Süße, ich habe heute So-und-so gesehen. Sie hat mich wohl nicht gesehen, und sie sah so traurig aus. Warum denn nur?” Mein Herz pochte. In den letzten Jahren schießt meine Wut sehr schnell in meine Stirnader und randaliert dort um die Wette mit wem-oder-was-auch immer. Dann entwickelt sich eine bedrohliche Unruhe in mir, die ich mit aller Macht zu bändigen suche. Was, wenn ich das nicht schaffe? Was, wenn ich meinen animalischen Impulsen freien Lauf lasse und mit all den Vorwürfen, all dem kalten Zorn antworte, mit dem ich inzwischn jedem antworten will, selbst, wenn die Person nichts dafür kann? Gehörte die Person zu jenen, die meine Wutschleuder verdient hätten? Ganz sicher nicht. Ein lieber Mensch ist sie, schon immer gewesen. Nur ihr Weltbild ist etwas einfach gestrickt. Sie hat klare Linien, die einiges einteilen. Einteilen in Gut und Böse, Rechtschaffenheit und Unehrlichkeit, in Paradies und Hölle. Und da sie gerade selbst ein Happy End in einer brenzlichen Lage erfahren hatte, wird das Leid anderer schon in irgendeiner Weise seine Richtigkeit haben.

Dachte sie so? Fast befürchte ich: ja. Wenn auch nicht bewusst und in konkreten Gedanken aus dekliniert. Wieso nahm ich das hin? Ganz einfach. Bei langjährigen Freundschaften ist das doch immer so. Man ist gemeinsam vierzehn Jahre alt gewesen – und die Wellenlängen schwingten im selben Takt, wenn auch nicht ganz, so doch angenähert. Das lag einfach in der Natur der Pubertät. Die Themen in der Phase sind recht eingegrenzt und überlappen sich zwischen den Personen so leidenschaftlich wie zwei Nacheinanderverrückte. Und dann? Das Abitur trennt alle, jeder geht seines Weges, ohne den alten gemeinsamen Weg von damals zu vergessen. Man trifft sich, redet, hat einander lieb – teils aus Gewohnheit, teils aus dem innigen Bedürfnis heraus, eine alte, heile Welt in einem alles desillusionierenden Verstand in Interaktion mit seiner empfundenen Realität fest zu halten. Und doch klappt das nur, weil man den Kontakt so spärlich wie möglich hält, um keine Reibungspunkte zu finden. So ist das doch, oder? So scheint es zu sein. So funktionierte es. Bis jetzt – und wird es sicher noch einige Zeit lang. Weiterlesen… »

12.10.2011, 18:53
Wissen ist Ohnmacht

Ich vertilge gerade ein Buch nach dem anderen, hetze durch die Seiten, springe rein und über-esse mich in der Absicht, soviel außerfachliche Literatur zu konsumieren wie nur möglich. Meine Perspektiven versuche ich offen zu halten, um in einem Moment der Erkenntnis den tiefen Zusammenhang aller Perspektiven zu verstehen und miteinander zu vermählen. Trotz allem stellt sich in mir gerade eine unschöne Müdigkeit ein. Wozu das alles? Was habe ich jemals durch mein Wissen erhalten außer der Gedanken- und Gefühlraserei, die nicht mehr von mir ablässt? Und was hat mir das Wissen gebracht außer dem Gefühl der geißelnden Notwendigkeit, jetzt sofort (!) etwas gegen all die Ungerechtigkeiten tun zu müssen, aber gegen das monströse System der Kosmokraten nichts in der Hand zu haben?

Und dann ist da noch etwas anderes, etwas Stilleres. Wissen verleitet manchmal dazu, zu schweigen. Und Schweigen macht einsam. Vor allem, wenn man Zeugin bei Alltagsgesprächen ist. Man weiß um die Komplexität eines Ereignisses, weiß um ein paar ihrer Ursache-Wirkungsmechanismen und empfindet eine Art Kraftlosigkeit allein beim Gedanken, diese Zusammenhänge erklären zu müssen. Wenn nichtwissenwollende Verbalscheißer Sätze ablassen wie “Wozu um Amy Winehouse trauern, ihr Tod ist selbstverschuldet, dann trauere ich lieber um all die afrikanischen Kinder” (die müssen übrigens immer herhalten bei solchen Gutmenschenauftritten, denn für mehr reicht das globale Wissen nicht), dann frage ich mich, ob es bei so einem simplen Geist – und dann noch im Stammtischkollektiv – überhaupt noch Sinn macht, zu erklären, welcher Leidensdruck hinter selbstzerstörerischen Persönlichkeiten liegt und welche Faktoren zu so etwas führen. Wie kann man Menschen mit solchen Erkrankungen die Menschlichkeit absprechen, indem man ihnen vorwirft, gar nicht glücklich und gesund sein zu wollen wie alle anderen Menschen auch? Aus diesem Grunde verwende ich niemals das Wort Freitod. Niemand stirbt freiwillig, auch nicht der Suizidale. Das war nur ein kleines Beispiel von vielen. Und an wolkigen Tagen führt Wissen eben zu Ohnmachtsgefühlen und Einsamkeit. Ich gehe trotzdem weiter lesen …