Wenn ich noch einen Wunsch frei hätte, dann den, dass du uns dieses Lied eine Ewigkeit lang vorsingst. Ich habe versucht, es zu übersetzen. Noch habe ich keine Worte auf Deutsch gefunden, die all das erzeugen können, was eine Zeile auf Persisch einem antun kann. Ich weiß jetzt, warum mein Herz gespalten ist. Weil ich mit zwei Sprachen aufgewachsen bin, die unterschiedlicher nicht sein können, obwohl sie beide der selben Sprachfamilie angehören. Ich werde es bald mit der Übersetzung noch einmal versuchen und hoffe, ich werde dieser Sprache gerecht. Bis dahin versteht ihr vielleicht selbst, ganz mit der Seele, ganz mit den Wellen…
Die Schreibtischlampe surrt ihr weißes Licht auf meine müden Hände. Sie tippen wahllos weiter, ohne zu wissen, welche Vorgaben von Herz und Kopf kommen werden. Also beschließen sie, ohne ihr Zutun weiter zu tippen. Die Schreibtischlampe und ihr Licht. So habe ich mir das Licht einer abgelegenen Folterkammer immer vorgestellt, nur ist es dort in meiner Vorstellung ein aggressives, dumpfes Gelb. Ungreifbar, undefinierbar, brennend in den Augen und eiskalt wie ein Henker. Und das Surren ist nicht ein zufälliges Produkt von elektrischen Unregelmäßigkeiten, sondern ein bewusst eingesetztes Foltermittel, das dem Opfer die Zeit so unberechenbar und unwirklich erscheinen lässt, dass es Tage lang ausharren kann und trotzdem befürchten muss, es seien nur Sekunden vergangen.
Wenn ich lange genug auf meine tippenden Finger schaue, sehe ich sie Klavier spielen. Obsessiv, voller Leidenschaft und teils hauend mit einem unmachbaren Ziel wie etwa der Flucht vor mir selbst. Wie eine Flucht aus den Grenzen des Körpers, des Gehirns, weit hinaus in dieses wunderschöne, kalte Universum, was der letzte Zufluchtsort sein soll und mich doch nur zurück spuckt und sagt: “Du bist doch schon im Universum, Fitzelhirnchen.” Oh, und wie sie spielen, diese Hände. In die Tasten hauen, als würden sie um ihr Leben spielen – und doch nur schreiben.
Ich war einst sehr talentiert. Mit neun Jahren kam ich aus der Schule, schmiss meinen Schulranzen in den Flur, riss meine Zimmertür auf – und ein Klavier stand in meinem Kinderzimmer. Einem ab dem Zeitpunkt unbedeutenden Kinderzimmer. Dort war nur noch ein Klavier, und drumherum ein Nebending, mein Zimmer. Mein Papa stand plötzlich hinter mir, ohne dass ich es merkte. Er legte seine warmen Hände auf meine Schultern und antwortete auf mein strahlendes “Warum, wie Papa?” mit: “Weil es ein Talent ist, wenn man mit sieben Jahren auf einem alten Keyboard kleine, neue Melodien entwirft, die so reif sind wie die traurigen Stücke der Großen, Tochter… Und sie soviel Seele haben, dass ich schon Texte und Lieder daraus machen konnte.” Also begann ich zu spielen. Es war unsere persönliche Liebe. Papas und meine. Die Musik. Er an seinem Schlagzeug und am Mikrophon, denn er konnte beides gleichzeitig und ich am Klavier oder am Keyboard, je nachdem, wo wir zusammen angaben. Bei der Familie, bei seinen Bandkollegen oder nur Zuhause für die Kinder aus der Siedlung. Im Zeitraffer rückblickend, war ich in einer unendlichen Spirale zwischen dem ehrlichen körperlichen Kampf auf dem “Fußballfeld” und dem ruhelosen Spielen auf dem Klavier in meinem Zimmer gefangen. Irgendwann saß die alte Klavierlehrerin neben mir, spielte Stücke, die ich aufzufressen schien mit jeder Zelle meines Körpers. Jene, die wir vierhändig spielten, waren mir die Liebsten. Das war wie das gemeinsame Andocken an unser beider Seelen, um mit größerer Kraft andere Seelen anlocken zu können. Und so war es dann, dass immer, wenn wir mit vier Händen spielten, Mama und Papa vorsichtig die Kinderzimmertür öffneten und dort stehen blieben. Egal wie lange. Sie standen dort und lauschten, bis sich unsere vier Hände auseinanderkeilten und jede Hand wieder zu seinem Besitzer zurück ging. Was für eine Zeit das war. Und wie verwundert meine Lehrerin damals war, als ich ihr nach zwei Jahren gestand, noch immer keine Noten lesen zu können, aber jedes Stück spielen konnte, wie sie es sich wünschte. Denn sie akzeptierte meine eigene Prägung der Stücke ohne Wenn und Aber. Und dennoch. Und dennoch tat ich etwas Unveständliches. Ich hörte auf. Der Sport übernahm meine Raserei. In ihm konnte ich mich stärker verausgaben. Die ewige Unruhe in mir in Erschöpfung umwandeln und wenigstens kurz in gedankenleere Ohnmacht fallen. Gefolgt von der ersten Verliebtheit in wen oder was und dem ersten Melancholiewahn, verblasste mein Klavier immer mehr – bis es irgendwann nicht mehr in meinem Zimmer stand. Und ich weinte ihm keine Träne nach, denn der Stift war nun mein bester Freund. Wenn ich rannte, dann nur auf dem Papier. Ich kleckste Tinte, gravierte Herzblut und Brustschmerz mit dem Kugelschreiber in jede Seite ein. Irgendwann sprengte ich die Seiten und musste einen anderen Weg für den inneren Drang finden, der Notwendigkeit, aus mir herauszuplatzen, bevor ich innerlich erstickte. Also schrieb ich Gedichte, malte Weltuntergänge und erschuf Paradiese mit Worten. Worte in Farben, Worte in Klängen, Worte in Täler, Worte in Liebe, Worte in Tode. Oasen des Glücks schrieb ich, von denen viele etwas haben wollten. Vor allem meine beste Freundin und meine Cousine. Also gehörte es irgendwann zu unserem Leben, dass ich ihnen aus meinen Tagebüchern vorlas, bis wir zufrieden einschliefen. Ich vergaß die Stücke, die ich einst mit meinen kleinen Klavierfingern komponiert hatte. Sie waren vergessen, obwohl meine summende Stimme immer wieder nach ihnen suchte, doch die Melodien brechen ab. Und heute noch, wenn ich mich an dieses Vergessen erinnere, trauere ich um diese Zeit und um mein verstorbenes Talent. Weiterlesen… »
Der Zwischenraum ist schwer zu ertragen. Schwere Wolken tanzen über uns wie ein Damoklesschwert an einem reißenden Faden der Wut und der Rachelust. Und dennoch sehen wir die Sonne über und unter uns fegefeuergleiche Strahlen werfen, ignorieren die Wolken und feiern ein falsches Fest des Lebens. Die Luft ist bunt und voll trügerischer Wärme. Menschen lachen, doch nippen zu lange an ihrem berauschenden Getränk, weil die falsche Sonne nicht ausreicht, um sie zu erhellen. Warum tun sie das? Weil sie wissen, dass das Schwert irgendwann, schon bald, schon nah oder auch fern, so oder so – egal, was auch immer sie tun – niederfallen wird, mit der Spitze in unsere Brust, in unser Herz, in unser Augenlicht, mitten durch die Herzschlagader. Warum dann einen unabwendbaren Weg auch noch beachten, wenn man ihn durch all das Heitere, Hedonistische und Ergreifende und Einverleibende pflastern und segnen kann? Wenn du die Wahl hast zwischen einem kargen Pfad voll blutiger Steine der Fußwege deiner Vorgänger, würdest du diesen wählen oder doch eher jenen über den falschen Garten mit den übergroßen Blumen der ungeübten Rauschsinne und des ewigen Vergessens?
“Greif’ das Leben”, sagte mir jemand Geliebtes aus der anderen Welt, als ich vor einem himmelweißen Schlagzeug stand, das glänzend und funkelnd durch die Fensterscheibe seine Schönheitsstrahlen warf. Ich dachte nur, niemals würde ich es schaffen, darauf zu spielen, mich darauf zu verausgaben. “Greif’ das Leben!”, sagte er erneut. Und das Leben zu greifen bedeutet nicht, sich während des Lebens noch vom Tod zermartern zu lassen. Ich will raus aus diesem Zwischenraum. Ein echtes Fortsein von der Erinnerung über das Damoklesschwert über mir durch die trügerische Buntheit der Welt – sinnlich und ohne Verstand. Denn egal, wie ich lebe, es wird niederfallen mit der Spitze in meine Brust, in mein Herz, in mein Augenlicht, mitten durch die Herzschlagader. Doch wenigstens ist die Zeit bis dahin eine, die so schön ist, dass ich ihren Verlust betrauern kann. So schön, dass ich weiß, ich muss loslassen, um zu sterben, denn da ist etwas, was ich loslassen kann – nämlich das Leben. Also hole ich mir das himmelweiße Schlagzeug.
Sari Galin (auf azari: Die Blonde / Goldene Braut) ist ein berühmtes Volkslied der Armenier, Azaris und Iraner. Man weiß nicht, ob das Golden oder das Gelb sich auf das blonde Haar der Braut, die helle Haut oder das Hochzeitsgewand bezieht. Die alternative Übersetzung der Armenier bedeutet: “Die Braut der Berge”. Das Wort “Sar” bedeutet dort nämlich “Berg”. Man weiß nicht sicher, aus welchem Land dieses wunderbare Lied tatsächlich kommt, was die Geschichte, in der es in diesem Lied geht, noch bedeutsamer macht.
Es geht um die Geschichte eines Paares, das wegen verschiedener Ethnie und Religion nicht heiraten darf. Und da geht sie, die goldene Braut. Das ganze Lied ist wie ein sanftmütiger, trauriger, rosenbenetzter Trauermarsch der wunderschönen Braut in die Arme eines anderen. Hört selbst. Sie geht an ihm vorüber. Die goldene Braut am trauernden Liebenden.
Am Anfang hört Ihr das Lied auf Azari, in der Mitte auf Armenisch, am Ende auf Persisch. Ich hoffe, es entführt Euch so, wie es mich jedesmal entführt. Klick zum Lied: ❀ Sari Galin – Azari, Armenian und Persian Trio ❀