Kategorie "Musik"
31.07.2011, 12:24
Zwischenraum

Der Zwischenraum ist schwer zu ertragen. Schwere Wolken tanzen über uns wie ein Damoklesschwert an einem reißenden Faden der Wut und der Rachelust. Und dennoch sehen wir die Sonne über und unter uns fegefeuergleiche Strahlen werfen, ignorieren die Wolken und feiern ein falsches Fest des Lebens. Die Luft ist bunt und voll trügerischer Wärme. Menschen lachen, doch nippen zu lange an ihrem berauschenden Getränk, weil die falsche Sonne nicht ausreicht, um sie zu erhellen. Warum tun sie das? Weil sie wissen, dass das Schwert irgendwann, schon bald, schon nah oder auch fern, so oder so – egal, was auch immer sie tun – niederfallen wird, mit der Spitze in unsere Brust, in unser Herz, in unser Augenlicht, mitten durch die Herzschlagader. Warum dann einen unabwendbaren Weg auch noch beachten, wenn man ihn durch all das Heitere, Hedonistische und Ergreifende und Einverleibende pflastern und segnen kann? Wenn du die Wahl hast zwischen einem kargen Pfad voll blutiger Steine der Fußwege deiner Vorgänger, würdest du diesen wählen oder doch eher jenen über den falschen Garten mit den übergroßen Blumen der ungeübten Rauschsinne und des ewigen Vergessens?

“Greif’ das Leben”, sagte mir jemand Geliebtes aus der anderen Welt, als ich vor einem himmelweißen Schlagzeug stand, das glänzend und funkelnd durch die Fensterscheibe seine Schönheitsstrahlen warf. Ich dachte nur, niemals würde ich es schaffen, darauf zu spielen, mich darauf zu verausgaben. “Greif’ das Leben!”, sagte er erneut. Und das Leben zu greifen bedeutet nicht, sich während des Lebens noch vom Tod zermartern zu lassen. Ich will raus aus diesem Zwischenraum. Ein echtes Fortsein von der Erinnerung über das Damoklesschwert über mir durch die trügerische Buntheit der Welt – sinnlich und ohne Verstand. Denn egal, wie ich lebe, es wird niederfallen mit der Spitze in meine Brust, in mein Herz, in mein Augenlicht, mitten durch die Herzschlagader. Doch wenigstens ist die Zeit bis dahin eine, die so schön ist, dass ich ihren Verlust betrauern kann. So schön, dass ich weiß, ich muss loslassen, um zu sterben, denn da ist etwas, was ich loslassen kann – nämlich das Leben. Also hole ich mir das himmelweiße Schlagzeug.

26.05.2011, 15:39
Sari Galin (Die goldene Braut)

Sari Galin (auf azari: Die Blonde / Goldene Braut) ist ein berühmtes Volkslied der Armenier, Azaris und Iraner. Man weiß nicht, ob das Golden oder das Gelb sich auf das blonde Haar der Braut, die helle Haut oder das Hochzeitsgewand bezieht. Die alternative Übersetzung der Armenier bedeutet: “Die Braut der Berge”. Das Wort “Sar” bedeutet dort nämlich “Berg”. Man weiß nicht sicher, aus welchem Land dieses wunderbare Lied tatsächlich kommt, was die Geschichte, in der es in diesem Lied geht, noch bedeutsamer macht.

Es geht um die Geschichte eines Paares, das wegen verschiedener Ethnie und Religion nicht heiraten darf. Und da geht sie, die goldene Braut. Das ganze Lied ist wie ein sanftmütiger, trauriger, rosenbenetzter Trauermarsch der wunderschönen Braut in die Arme eines anderen. Hört selbst. Sie geht an ihm vorüber. Die goldene Braut am trauernden Liebenden.

Am Anfang hört Ihr das Lied auf Azari, in der Mitte auf Armenisch, am Ende auf Persisch. Ich hoffe, es entführt Euch so, wie es mich jedesmal entführt. Klick zum Lied: ❀ Sari Galin – Azari, Armenian und Persian Trio ❀

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16.04.2011, 08:50
Wandlungen

Es ist wieder soweit. Ich habe angefangen, dieses Lied samt Video zu gucken und bin seit gestern darauf hängengeblieben. Nach einer ausgiebigen Playlist (s.u.) mit wunderbaren Songs, von denen ich einfach forderte, dass sie meine verhärteten Stresssymtome aufweichen, mit ihren melodischen positiven Strahlenarmen durch meine Wand eindringen, bin ich bei ihm hängen geblieben. Bei Udo Jürgens und seinem Song “Chérie”. Bitte lacht mich nicht aus, denn dass ich dieses Lied so liebe, hat nichts damit zu tun, dass er für “Chérie” singt.

Mir wird bei diesem Video nur bewusst, wie sehr wir – wie sehr die Musik – sich verändert hat. Wie sehr die Schlüsselreize für die Masse sich in die damals noch unbedeutende Peripherie verschoben haben. Das perfekte Video ist heute am wichtigsten. Gute Choreografen sind ein Muss. Die besten Videofilter für makellose Gesichts- und Körperhaut ist obligatorisch, die Übermalung von menschlichen Zügen sind unverzichtbar, damit die Stars einmal entpersonalisiert und ersetzbar gemacht werden, aber dennoch anbetungswürdig und unwirklich wirken. Kein Gramm darf man zuviel haben, die Brüste einer Sängerin müssen prall und rund sein, die Muskeln eines Sängers 3-D-gleich ausdefiniert. Was in die Peripherie gerückt ist, ist die Stimme, die einzigartige Persönlichkeit, die Art und Weise, wie ein Künstler singt, weil er ganz individuell leidet und Glück empfindet. Weil er eine ganz andere, aber doch ähnliche Lebensgeschichte hat wie wir. Dafür gibt’s den guten Tontechniker, der sich seit dem neuen Trend der unpersönlichen Stars nun selbst verarschen muss, um sein Geld zu verdienen. Er hat sich damit abgefunden, dass er keine genialen Orchester-Arrangements mehr zaubern muss, selber künstlerisch und feinhörig tätig sein darf, sondern die schiefen Töne von irgendeiner austauschbaren, traurig ausgenutzten kleinen “Sängerin” oder irgendeiner nichtssagenden, brustepilierten Boyband digitalisieren und zurechtrücken muss, damit alles so sitzt, wie es der dicke Produzent fordert.

Die Musikbranche gehörte damals schon zu der harten und dreckigen Branche. Doch in Relation zu heute, haben sich Stars ohne ihre Produzenten noch gehalten, weil sie in ihren Auftritten geschwitzt haben, ihre Stimme der Realität ausgesetzt haben und auch mal versagt haben. Weil sie Lieder nicht gleich sangen, sondern jedesmal anders, so dass man fühlen konnte, wie sie sich fühlen und dass sie sich dieses Mal anders fühlen. Sie haben gekackt und gepinkelt – und alle wussten es und verehrten sie dennoch. Sie haben ihre Existenzberechtigung als Künstler daraus gezogen, dass sie tatsächlich sangen, selbst komponierten und ihre Texte schrieben. Sie waren menschlich, sie haben uns an-ge-se-hen, so wie wir sie angesehen haben. Alle zwei bis drei Jahre entdeckten wir bei ihnen die neuen Lebensfalten im Gesicht, die wir auch bei uns entdeckten und liebten sie dafür umso mehr, weil sie zusammen mit uns – wirklich mit uns – erwachsen wurden, alterten und ein echtes Leben lebten. Weiterlesen… »

08.03.2011, 12:07
Delicate Romance
25.12.2010, 15:08
Realität vs. Realität

Seit zwei Tagen spielen wir Playstation 3D Spiele. Wenn wir abgeschossen werden oder etwas abschießen, knallen uns die Funken und Feuerwerke um die Ohren. Die Maschinenteile unserer Raumschiffe splittern uns entgegen, wir halten uns die Hand zum Schutz vor’s Gesicht, damit wir nicht getroffen werden. Die schweren 3D Brillen auf unseren Nasen nehmen wir nicht mehr wahr. Das da – dort, wo wir draufschauen – ist die Realität, in jenem Moment ist sie das. Eine, in der wir zwar nicht so große Angst haben und die Ungereimtheiten nicht wirklich gewichten, aber alles, was wir denken, wahrnehmen und mit Knopfdrucken tun, aktiviert in unserem Gehirn genau jene Areale, die aktiviert werden würden, würden wir all die Aktionen tatsächlich ausführen. Was ist nun Realität? Woran genau können wir sie festmachen?

Vielleicht ist das hier ein schlechtes Beispiel für eine klare Trennschärfe der Realitätsdefinition, denn immerhin findet dieses Spiel noch immer in unserer uns bekannten realistischen Alltag statt. Kommen wir zu einem anderen Beispiel.

Letzte Nacht träumte ich. Ich stand in einem großen Atelier vor einem Gemälde. Es war noch nicht einmal ein großes Gemälde. Eine warme, vertrauenswürdige Person – ich weiß nicht mehr, ob Mann oder Frau (was dort in der Traumwelt aber einfach keinen großen Unterschied machte) – schaute mich direkt an. Das Bild war lebendig, aber nur zweidimensional und so bewegungslos, wie Bilder nun einmal sind, wenn man kein ganz spezielles Auge für sie hat. Ich verfing mich in den Augen dieser warmherzigen, vertrauenswürdigen Person und lächelte sie einfach an. Als Dank dafür, dass ich mich kurz in dieser kargen Atelierslandschaft sicher fühlen durfte.

Was dann geschah, war so faszinierend. Als hätte mein Lächeln eine Welle in das Bild geschlagen, fing es an, sich zu bewegen. Wie die Kreise in einem stillen See, der einen flachen Stein in sich aufgenommen hat, bewegte es sich, wellte es, trieb es, bis das Bild im Rahmen eine 3D-Landschaft zeigte. So ein digitales 3D, wie ich es in meinen 3D-Spielen erlebte, aber um vieles weicher, weltfremder, wärmer. Das Gemälde war ein sich bewegendes 3D Gebilde. Glitzerndes Wasser im Hintergrund, rechts oben die Milchstraße, bei der ich “um die Ecke” des Rahmens schauen konnte und die Unendlichkeit greifen konnte. Weiterlesen… »