Kategorie Nostalgia
03.08.2010, 22:09
Ergraute Wälder

Die Wälder sind vom Schicksal ergraut
Und die Häupter der Bäume
zum harten Boden geneigt

Ihre alten, gebrechlichen Äste knacken laut
Und hoffen auf jenen, der sich zu ihnen gesellt
Und nicht wie all die andern’ klanglos wegschaut

Die Lebenswege weichen einem endlosen Ende
Und leise Schritte verstummen in einem aschigen Winde

Die Sehnsucht seufzt
und krallt sich am letzten Herzschlag fest

Und während die Luft voller Widerwille
das letzte Mal die Lunge verlässt
Lassen ängstliche Hände ab von allem,
was sie schon immer hielten so fest

Die Lider legen sich tiefschattiert ins Gesicht
Und das Beben des Lebens verneigt sich vor dem Tod
Wie ein sich Ergebender nach einem großen Gefecht

Und während der dunkle Himmel
seinen Lebenssaft auf Wälder und Täler verliert

Verliert ein Mensch von vielen
sein ganzes Leben
und seinen ganzen Sinn

01.08.2010, 15:15
Plan B – She said…

Ja, es gibt manchmal auch heute noch gute Song-Neuerscheinungen. Genießt es.

23.06.2010, 11:40
Obst und frische Kräuter

Mama und ich sind alleine in Deutschland. Irgendwo. Die Menschen sind fremd und reden nicht soviel mit einem wie in der Heimat. Und wenn, dann verstehen wir sie nicht. Ich bin drei Jahre alt. Ich habe Angst, weil ich Mamas Angst spüre. Wo ist Papa und wann wird er wieder bei uns sein? Papa ist stark, er kann uns beschützen. Er soll hier sein. Bitte lieber Gott. In der Heimat hörten wir Sirenen und laute Knalle, aber hier hatte ich die meiste Angst. Erst, wenn ich die Augen schließe, weint Mama, damit ich nichts merke. Ich kralle meine kleinen Hände in ihre Brust und schlafe ein. Nachts träume ich von einem Erschießungskommando, das uns die Augen verbindet und an die Wand stellt. Sie erschießen uns. Aber wir fallen auf eine Matratze, das tut nicht so weh. So tut das Sterben weniger weh. Cut.

Ich bin vier Jahre alt. Ich kritzele immer wieder alles voll. Die weißen Blätter in unserer ersten kleinen Ein-Zimmer-Wohnung sind alle vollgemalt. Mal mit dem blauen, mal mit dem schwarzen Kugelschreiber. Der Bleistift hat mich nie interessiert. Er ist so unverbindlich. Man kann ja alles wegradieren. Ich laufe zu Papa und zeige ihm, was ich gemalt habe. Er schaut mich lächelnd aber traurig an: „Schon wieder Khomeini gemalt, meine Tochter?“ – Ich schaue ihn mit großen Augen an, nehme das Blatt Papier zurück und kritzele wieder etwas drauf, damit er nicht mehr traurig guckt. Ich laufe zurück zu ihm und sage: „Unser Haus im Iran. Da sind Oma und Opa drin.“ – Doch trotzdem bleibt sein Lächeln traurig. Cut.

„Komm‘ Schatz, Oma und Opa wollen mit Dir reden. Sie sind am Telefon und sie vermissen Dich.“ Ich hopse zum Telefon und sage leise „Allo?“ Oma redet überschwänglich, sie redet und redet – und ich frage mich, warum sie so schnell und soviel redet. Und sie schafft es doch nicht, ihre brechende Stimme aufzuhalten. „Schatz, wir vermissen Dich so. Wir vermissen Dich so.“ – Sie weint und gibt Opa das Telefon in die Hand ohne sich zu verabschieden. Opas Azari-Akzent beim Persischsprechen ist das Schönste, was ich je gehört habe, deshalb achte ich nicht darauf, was er sagt, sondern wie er es sagt. Erst, als seine Stimme bricht, sage ich: „Bitte nicht weinen, bitte nicht weinen Opa. Ich liebe Euch doch! Bald sind wir zusammen.“ Cut. Weiterlesen… »

19.06.2010, 09:11
Orchester zur Lebensspanne

Hört es zu Ende. Es lohnt sich. Mein Herz ist ganz weich. Mein Herz weint.

20.03.2010, 06:29
Mario und Minou

David Garret – Serenade.mp3

„Eine deiner angeblich guten Eigenschaften ist doch, dass du ach so einfühlsam bist!“, erhebt Mario seine Stimme und schaut wütend in das Gesicht seiner besten Freundin.

„Ja!“, brüllt sie zurück. „Das ist es. Was willst du mir jetzt damit sagen?“ Ihre Stimme ist unerträglich schrill, wenn sie wütend ist. Mario hält sich die Ohren zu, und am liebsten würde er sich auch die Augen zuhalten, als er die unerträgliche wutverkrampfte Spannung ihrer auf- und ab-bebenden Brust sieht. „Was hast du dir da bloß eingebrockt?“, denkt er sich noch und bereut, sich mit ihr angelegt zu haben. Sie konnte so nerv-tötend sein, dass man bereit war, sogar Verträge mit dem Teufel zu schließen, wenn sie doch nur ihren Drang, desaströs aufzutreten, unterbinden würde.

Sie stampft vor Wut auf den Boden und bringt ein lautes, undefinierbares „Hmmmmmgrrrrrr“ raus. Wie eine verzogene Göre meint sie, so den Lauf der Welt verändern zu können. Mario hingegen zeigt sich erleichtert. Denn seine Erfahrungen haben weitaus schlimmere Prognosen (Horrorvorstellungen) erstellt, die – Gott sei gedankt – nicht zu Stande gekommen sind. Nichts ist zu Bruch gegangen, weder Geschirr noch seine Nase. Sein Trommelfell scheint auch noch unversehrt zu sein, seine Kontrahentin heult nicht unkontrolliert, sein Kanarienvogel zeigt noch keine Anzeichen von Todesangst. Er unterdrückt ein Lachen bei dem Bild, das sie ihm bot. Sie sieht so niedlich aus, wenn sie mit ihren kleinen, herrischen Händen alles nach ihren Regeln anpassen will. Sie merkt es und schaut ihn mit einem vernichtenden Blick an – und Marios Augenbrauen runzeln erneut seine Stirn.

„Mario, so geht das nicht.“, sagt sie ruhiger, aber immer noch mit einem störrischen Unterton.
„Was genau geht nicht? Dass du keinerlei Rücksicht auf meine Gefühle nimmst?“, schleudert er ihr entgegen.

„Mario!“, ruft sie aus.
„Mariooo! Maaarioooo! Ich bin ein sterbender Schwaaaaan! Siehst du, wie ich sterbe, Mario?“, äfft er sie nach.

Sie fuchtelt mit den Armen, winkt ihn ab, macht auf dem Absatz kehrt, geht weg, dreht sich wieder um, geht schnellen Schrittes auf ihn zu und schmettert – Gott sei Dank nur mit Worten und nicht mit der flachen Hand, denkt sich Mario noch – ihm entgegen: „Du willst also, dass ich in unseren abendlichen Runden mit der Clique nicht mehr mit ‚fremden Männern‘ rede? Bitte, Mario. Wie weit soll das noch gehen? In der letzten Zeit behandelst du mich wie jemanden, der ständig mit irgendwelchen Typen ins Bett hüpft. Dabei sage ich nur ‚Hallo, hier, ja, du hast Recht, ich mag Rosa, keinen Fisch, ich, du, echt? Wieso das denn? Aha. Glückwunsch, Beileid, Auf Wiedersehen! Tschö!‘ und noch so uninteressanten Scheiß! Und du springst dem Olaf deshalb fast an die Gurgel? Mario, was kann ich denn dafür, dass du dich in mich…“ sie bricht abrupt ihren Satz ab und hält den Atem an. Das würde zu weit gehen. Sie durfte ihm nicht das Gefühl geben, dass es falsch gewesen war, mit ihr offen geredet zu haben.

„Ja, sag‘ schon. Dass ich mich in dich verliebt habe, Minou!“, beendet er laut ihren Satz. Als sie zur Antwort ansetzen will, hält sie die Luft an und seufzt sie wieder aus. Sie senkt ihren Kopf und schaut traurig umher. Hilflos wartet sie, bis Mario etwas sagt, denn die Stille zerreißt den Raum. Es knistert. Weiterlesen… »

08.03.2010, 14:40
The Laserdance

Tatsache ist: Hätte man mich damals als Vierzehnjährige gefragt, was ich später gerne werden würde, hätte ich – wenn ich denn ehrlich gewesen wäre – geantwortet: “Ich möchte gerne kriminell werden. Ja. Ich möchte eine Meisterdiebin sein, die schön, beweglich und stark ist, und mit meiner Gang sämtliche reiche Museen oder Leute ausrauben und durch die Armenhäuser verteilen. Gerne behalte ich auch das eine oder andere schöne Schmuckstück für mich. Von irgend etwas müssen wir uns ja die High-Tech Utensilien für unsere kriminellen Wohltaten finanzieren, finden Sie denn nicht, lieber Interviewer?” – “Ja”, hätte er wohl geantwortet. “Gewiss, Frau Sherry. Was für ein guter Mensch Sie doch sind. Und so abenteuerlustig und idealistisch.” Was hätte er sonst antworten sollen? “Ist doch einfach nur edel mein Berufswunsch, oder?”, hätte ich damals gedacht. Ich war komplett davon überzeugt, dass das Geld von extrem reichen Menschen niemals in einer angemessenen Relation zu ihrer Arbeit stehen konnte. Soviel kann ein Mensch gar nicht arbeiten, als dass er als Milliardär ein Existenzrecht hätte. Schon gar nicht, wenn andere neben ihm hungern und verzweifelt nach den 10$ suchen, die sie und ihre Kinder satt machen. Arbeitete dieser Mensch denn soviel weniger? Die geschwielten Hände sprachen meist eine andere Sprache. Weiterlesen… »

07.02.2010, 23:43
Entfremdung

Die Menschen verändern sich im Laufe ihres Lebens. Sie lassen einander im besten Fall allein – im schlimmsten Fall aber ins offene Messer laufen. Die Entfremdung von damals nahestehenden Personen, mit denen man alles geteilt hat, erleidet man oft stumm, um sich windend und einsam. “Bloß nicht darüber sprechen”, denkt man sich und hält dem darauf folgenden Gedanken schon den Mund brutal zu: “Wffwfffwfffffawaff Hmmmpffff” (“Was, wenn ich mir das nämlich doch nicht nur einbilde und so eine “Aussprache” mit dem anderen genau das bestätigt, was ich denke und fühle? – Nämlich, dass wir nichts mehr miteinander anfangen können?”) – Ja, vermutlich käme man in einem Dialog zu genau diesem Ergebnis. Und das will man nicht. Zumindest noch nicht. Nicht, bevor man nicht einen anderen Weg gefunden hat, mit dieser Entfremdung klar zu kommen. Also geht man auf die Suche nach dem großen Verbandskasten, der einem die alte, heile Welt ins neue Leben zurück bringt. Und dann scheitert man. Man gibt nicht auf und scheitert wieder.

Das kennt Ihr doch auch. Ihr schildert einem alten Freund markerschütternde Gefühle, ohne dieses Gefühl selbst in seiner eigenen Dimension offenbaren zu können. Von Euch selbst weggespalten, hantiert Ihr mit Händen, Füßen und Mimik, um einen nicht-begreifbaren Zustand Eures Gemüts begreifbar zu machen – und erkennt mitten in Eurem Vorhaben, wie sinnlos das ist. Denn damals hat er Euch ohne all diese Hampeleien verstanden. Keine Worte zu finden, war kein Problem – im Gegenteil – sie zu finden, störte das Einvernehmen von Herz zu Herz viel mehr als blick- und bedeutungsschwangeres Schweigen. – Ihr wehrt den Gedanken ab. In der Erwartung dieser vertrauten, verständnisvollen Umarmung ferner Zeiten, strampelt Ihr weiter. Mit geschlossenen Augen rennt Ihr. Alles Reale verneinend und alles Illusionsbestätigende fixierend, hechtet Ihr in die Richtung dieser wohligen, vertrauten Umarmung Eures Freundes und scheitert an hartem Beton. Schreckgepeinigt öffnet Ihr Eure Augen und seht keine Regung in seinem unwissenden Gesicht. Nicht aus Böswilligkeit oder harter Ignoranz, sondern aufgrund der Tatsache, dass einmal Ihr und einmal Euer Freund sich verändert hat. Seine Fühler greifen nicht mehr nach Eurem Atem – und Euer Atem weht in eine völlig andere Richtung, nur nicht zu ihm. Ihr-und-Er-Passung, die damals funktionierte wie ein Schlüssel zum Schloss, sind verschoben, verschroben, verrückt und ver-allest. Keine Passung, keine Begegnung. Keine Begegnung, keine Umarmung. Weiterlesen… »

02.06.2009, 00:33
Nadja

Ich habe Zeit, meine Gedanken schweifen zu lassen – und lande wieder bei der Psychophysik, dem Versuch, Wahrnehmung zu messen und zu formalisieren – und wie es sein kann, dass es immer mehr gelingt, um dann bei jedem Erfolg zehntausend neue Fragen aufzuwerfen. In den Prüfungsphasen denkt man nur an sein Fach, weil man ständig Wissen am verdauen ist – und wir scheinen ständig in einer zu sein. Meine Gedanken springen zur ROC-Kurve, Signalentdeckungstheorie, Retina, Fovea, Corpus geniculatum lateralis… Meine Augen werden müde. Im Schlaf sortiert es sich besser, weiß man. Ich muss lächeln, denn ich sterbe zwar wegen des Stress und des Leistungsdrucks, aber ich liebe es auch. Alles, was ich lese und lerne, erstaunt mich jedesmal auf’s Neue. Und ich bin sicher, dass das niemals enden wird. Niemals.

Die Musik holt mich ein, ich lande in einer angenehmen, warmen Gefühlsdunkelheit und fange an, in Gedanken mit dem Schlagzeuger um die Wette zu rennen. Augen zu, Klappe auf – die Farben kommen:

Zwischen dem 15. und 19. Lebensjahr muss ich meine mutigste, kopfloseste und draufgängerischste Phase gehabt haben. Ich hantierte erstmals mit 16 Jahren mit den Schminkutensilien meiner kleinen Schwester rum, die wohlgemerkt 8 Jahre jünger ist als ich. Sie war von Anfang an kreativer an sich selbst. Kein Wunder. Bei der Schönheit, die sie damals schon besaß, handelte es sich zwar nur noch um Nuancen, die es heimlich außerhalb von Papas Sichtweise zu verschönern galt, aber diese Nuancen ließen einen damals schon erahnen, wie atemberaubend ihr Porzellangesicht heute sein würde. Und es kam, wie es alle erahnten.

Ungeschickt zeichnete ich mir Linien auf mein Augenlid. “Wie macht Nadja das immer?”, fragte ich mich und versuchte, es ihr gleich zu tun.

Nadja. Sie war damals in meiner Parallelklasse. Eine Deutsche, die absolut Undeutsch aussah, weil sie ungarische Vorfahren hatte. Sie war eine erst unscheinbare, dann immer scheinbarere besondere Persönlichkeit, die jedoch dazu neigte, durch ihren Hang zum Wahnsinn, dem Wunsch nach ordinärer Normalität nachzukommen. Normalität hieß damals, dass sie rumlief, wie eine überaus knackige, prallbusige Tussi mit einem leichten Asislang und einer Goldkette, die den Blick der anderen direkt in ihr Dekolleté führte. Weiterlesen… »

29.01.2009, 02:19
Mach’ auf…

Ich habe damals immer die “Liebe” gepredigt. Ich war so überzeugt davon, dass jeder Mensch die Liebe verdient hat und Liebe verschenken kann. Ich war davon überzeugt, dass der Kern eines jeden Menschen gut ist und nur die “Umstände” einen Menschen schlecht machen. Ich war damals der Überzeugung, dass jeder Mensch mit einigen innigen, seelentiefen Umarmungen zu ändern ist – einfach zu ändern ist, indem man ihn berührt und ihm sagt, dass er etwas wert ist. Soviel wert ist.

Man kann sich gar nicht vorstellen, wie sehr ich davon überzeugt war. Während manche dachten, ich sei bescheuert, naiv oder leide an einem Helfersyndrom (ich will ja nichts davon leugnen), dachte ich, ich habe die allgemeingültige Wahrheit über das Universum gefunden: Die Liebe. Es ging soweit, dass für mich Gott & Liebe ein und das Selbe waren. Das Leben war damals schön, egal wie schwierig die Phasen sein konnten – mit der Einstellung war alles erträglich. Alles war mit einem Lächeln der Vorfreude auf später zu ertragen. Mein Fundament war so sicher, obwohl es so weich und schwebend war.

Ich war davon überzeugt, dass eines Tages alles gut wird. Ich war davon überzeugt, dass alle Wege zur Liebe (zu Gott) führen werden – manche gelangen durch Umwege dahin, manche direkt, wie in einem Labyrinth – wir suchten alle das Eine, und früher oder später würden wir es finden. Ich war davon überzeugt, dass Menschen nur füreinander da zu sein brauchen – und alles würde gut werden. Ich war davon überzeugt, wirklich davon überzeugt, ich war so überzeugt… Versteht Ihr? So tief darin verankert. Weiterlesen… »

Für die Liebe meines Lebens – Papa & Mama…

Eltern
Quelle: Margitta Freyt, Malerin