Kategorie Nostalgia
13.10.2008, 00:09
Wenn der Oktober Gold regnet

Wie in einem Traum rannte mir Ayse in die Arme und schrie: “Oh Gott, Sherry… Sherry.” Sie weinte und rang nach Luft. “Oh Gott…” – drückte sie mich nochmal atemlos und gab mir einen chaotischen, aber wunderschönen Strauß von rosa Rosen in die Hand. “Ich bin in meiner Pause hierhingerannt! Ich wollte Dich sehen. Dich unbedingt sehen – so wie jetzt. In weiß…” – Wir weinten – und sie musste schon wieder losrennen zu ihrer tyrannischen Chefin. Parisa stand da und strahlte, als sie mich sah. Und schon kullerten bei ihr die Tränen, bevor die Trauung überhaupt angefangen hatte. Obwohl ich sie lange nicht gesehen hatte, war alles so vertraut…

Ich kann gar nicht viel schreiben, jeder sollte so einen Tag mal erleben. Es sind noch so unglaubliche Augenblicke geschehen, die mir all die Zweifel an der Menschheit, der Welt, an der Liebe und am Leben genommen haben – wenn auch diese Wirkung abklingen wird, sobald der Alltag wieder da ist und nicht jeder Schritt wie ein Traum erscheint, so sollte man ihn so lange genießen, wie nur möglich. Manchmal bleibt man stehen, wenn man ein drückendes, ziependes “Gestell” an seinem Ringfinger spürt und ihn mit großen Augen anstarrt, sich an den Kopf fasst und laut ausruft: “Oh Gott, Schatz!!! Ich bin Deine FRAU!” – Die Antwort ist ein ungläubiges, großäugiges: “Krass… Ja… Du bist meine Frau…”

Ach, was schreibe ich da. Jeder soll selber… Dahin, wo wir vor ein paar Tagen waren und niewieder aus dem Traum aufwachen. Und das Schönste ist: Alle geliebten Menschen aus der Familie und dem Freundeskreis laufen noch Tage danach grinsend und lächelnd durch die Gegend. Tatsächlich: Liebe macht unglaublich glücklich. Grenzenloser als man meinen könnte.


27.09.2008, 23:24
Trockenes Brot & harter Käse

Nur ein Stück trockenes Brot mit Käse und zwei Oliven waren es, die mir zeigten, wie man mit Einfachem ein Festmahl feiern kann. Nur ein halbes Glas kalte Milch hatte ich noch, die goss ich mir ein und aß und trank wie eine Königin – nein, noch viel prächtiger: Ich aß wie ein Bettler, der nach langer Zeit das erste Mal wieder essen durfte. So, wie an jenem Abend, aß ich niewieder…

Das ist ein Tagebucheintrag von vor acht Jahren. Meine Eltern und Geschwister waren vereist, also war ich auf mich allein gestellt. Zu jener Zeit war ich oft sehr vertieft in meine Gedanken. Anders als heute – viel lebendiger, nicht so oberflächlich. Heute denke ich viele Gedanken nur mit dem Kopf, damals musste ich die sie erfahren, fühlen, schmecken, solange ausreizen, bis ich sie von grundauf verstanden hatte. So kam es manchmal vor, dass ich Tage lang nicht raus ging, weil ich mit einem Gedanken spielte. Meine komplette, innere Welt konnte sich verändern, wenn ein Gedanke bei ihm zu Gast war, den es galt, auszukosten.

Einmal riss mich ein heftiger Hunger aus meiner Vertiefung. Ich stürzte mich fast wie gedrängt zum Kühlschrank, riss ihn auf und sah… Nichts. Nichts – wirklich nichts. Nur ein Stück harter Käse, ein paar Oliven im Glas, ein halbes Glas kalte Milch und im Ofen ein Stück trockenes Mischbrot, das ich vor Tagen beim Aufwärmen im Ofen vergessen hatte. Es war abends – und die Geschäfte hatten alle geschlossen. Ich packte mir das Brot, die Scheibe Käse, die Oliven, das halbe Glas kalte Milch und biss rein. Ich biss herzhaft rein – und es knackste und bröselte, so trocken war das Brot. Der Käse war hart – und es gefiel mir. Ich war so dankbar um jedes Bissen, das meine Kehle reizte und um jeden Schluck Milch, der sich an meinen Magen schmiegte – alles in meinem Mund fühlte sich so rund an, so vollkommen. Ich kann’s noch heute nicht beschreiben.

Nach dieser Erfahrung damals fing ich an, heimlich etliche Packungen Toast zu kaufen mit Käse, Salami und Wurst. Wie besessen bereitete ich eine Sandwich-Komposition nach der anderen zu, steckte sie in eine große saubere Tüte und ging damit durch die Stadt. Jedesmal, wenn ich einen Obdachlosen sah, reichte ich ihm ein bis zwei Sandwiches und ging sehr schnell weg, weil mir ihr Strahlen in den Augen zwar das Herz in der Brust vor Glück zerspringen ließ, aber ihre Dankbarkeit mir unangenehm war. Und jedesmal, wenn ich – nachdem ich ihnen ein Sandwich gegeben hatte und ging – um die zwanzig Schritte von ihnen entfernt war, blieb ich kurz stehen, hielt inne und stellte mir genüsslichst vor, wie die Person in sein Sandwich reinbeißt und es genauso als vollkommen und wunderbar lecker empfindet wie ich damals das trockene Stück Brot mit hartem Käse.

Noch heute – acht Jahre später – mache ich das manchmal noch… Ich bereite Sandwiches vor, verteile sie und bleibe stehen und denke lächelnd an dieses Festmahl von einst.

Ich bin ein Proll. In vielen Dingen bin ich einfach nur ein Proll. Kommt das überraschend? – Nicht schlimm. Als Kind und in der Pubertät habe ich mich immer nur mit Jungs gemessen, nie mit Mädchen. Pferdchen spielen, Vater Mutter Kind, Barbies fand ich immer langweilig. Ich hatte damals schon das Gefühl, diese Spielchen sollen mich nur auf mein Schicksal als “Frau” vorbereiten, mir dieses Gekoche, Geschnacke, Rosa-Plüsch-Kleidchen-Getrage schmackhaft machen. Das wollte ich nicht, ich wollte mich reiben, messen, fetzen, fallen, wälzen – das Gewinnen war eher eine Nebensache (was wiederum total unmännlich ist).

Woran das lag? Es lag an Papa. Meine Mama arbeitete damals täglich, als ich klein war – und Papa verdiente das Geld als Profischlagzeuger und tourte als Bandmitglied mit berühmten iranischen Sängern um die (europäische) Welt – das aber eben meistens nur am Wochenende. Also war ich tagsüber mit Papa zusammen. Was tat er tagsüber? Hanteln schwingen und danach ab in die Uni, um mit den Jungs Fußball zu spielen.

Fußball war nach Papa gleich meine zweite große Liebe. Glotzend starrte ich damals schon auf den Lockenkopf Maradona im TV und war deshalb immer brustbebend stolz, wenn die Spieler auf den Platz Papas Spitznamen riefen. Wie war sein Spitzname? Richtig: Maradona. Schnell ergab sich da eine Verknüpfung: Papa & Maradona = Meine Helden. So würde es immer bleiben.

Der Kampf. Der lag mir einfach. Während Papa zwei Stunden Fußball spielte, stand ich da und beobachtete das Spiel total gespannt. Anfangs hatte er Angst, ich würde mich dort langweilen. Er konnte sich nicht richtig konzentrieren, schaute immer nach mir und fragte, ob ich was brauchte und dass er gleich fertig sei, aber ich machte ihm klar, dass es für mich nichts Spannenderes gab, als diese Spiele.

Alles roch nach ausgehobenen Gras-Erde-Fetzen. Dieser intensive Geruch macht mich heute noch glücklich. Wie ich es liebte, wenn man sich aufopfernd einsetzte und danach mit geprellten Rippen zurück kam. Mit geprellten Rippen, aber einfach zufrieden. Harter Körperkontakt im Kampf war etwas sehr faszinierendes. Man spürte als kleines Kind sofort diese Kraft dahinter. Respekteinflößend, wie diese Muskeln sich zusammenzogen, pulsierten, sich zusammenzogen, explodierten. Respekteinflößend, wieviel Wasser ein Körper verlieren kann. Bei jedem Laufschritt spritzte der Schweiß nur so durch die Gegend, die Geräuche der Männer klangen aus der Nähe wie irgendein Brunstschrei eines alten, unbekannten, Raubtieres. Adrenalin, Konkurrenz, Dreck – das war die Welt eines kleinen, fünfjährigen Mädchens, das sich nichts mehr wünschte, als sich genauso mit anderen Jungs kämpfend und rennend messen zu dürfen, wie Papa es tat – und natürlich Maradona in hellblau-weiß im TV.

So geschah es dann auch. Morgens bekam ich Hanteln ohne Gewichte von Papa, damit ich mit ihm trainieren konnte – nach ausdrücklichem Wunsch meinerseits. Davon gibt es noch ein Foto. Lockenköpfchen Sherry mit rosa Röckchen, einem weißen T-Shirt und Hanteln in der Hand. Papa daneben mit den schweren Dingern, angeschwollenen Bi- und Trizeps. Und abends beim Fußball? Was für ein Segen, was für ein Glücksfall mir damals doch widerfuhr. Eine Jungenmannschaft begann dort zu trainieren – nur etwa 100 Meter weiter entfernt von jener Wiese, auf der Papa spielte.

So geschah es, dass ich immer weniger dem Spiel meines Papas folgte, sondern den Übungen der Jungenmannschaft, die etwa zwei Jahre älter waren als ich. “Das, was die da machen, kann ich doch schon längst”, dachte ich noch großkotzig, aber dennoch durchaus realistisch.

Ich traute mich nicht, zu fragen, ob ich mit-trainieren durfte. Aber immerwieder kamen die Bälle aus der “Bahn”, wenn jemand einen Pass verschoss – so dass ich den Ball stoppen und zurückpassen konnte. Stoppen und Passen hatte Papa mir sehr gut beigebracht, also war der Trainer der Jungs nicht schlecht erstaunt, als er meine winzigen Fertigkeiten sah. Irgendwann geschah etwas sehr Peinliches. Die Jungs taten sich schwer mit Stoppen und anständigen Pässen. Da rief der Trainer mich zu der Gruppe und meinte: “Sogar dieses kleine Mädchen kann es besser als Ihr!” und passte mir den Ball zu, den ich vorbildlich stoppte und dann zurück passte. “Und jetzt seht Euch genau an, wie sie das macht und tut es ihr nach.” – Ab dem Zeitpunkt war ich dabei. Immer als Vorbild dienend, das schon viel weiter war als die Jungs.

Die Jungs guckten entgeistert – ja fast desillusioniert. Das war herrlich – und Papa war stolz – so stolz, wie er nicht einmal hätte auf seinen erstgeborenen Sohn sein können, hätte er denn damals einen gehabt, ich war sein einziges Kind. Mir gefiel das. Ich erkannte damals, dass mir das Messen mit Jungs Spaß macht. Auch, wenn es soetwas in Jungenfreundschaften gab, so waren sie immernoch viel unkomplizierter und direkter als diese komischen Mädchen(freundschaften), die schon in der Grundschule anfingen, als Gruppe Intrigen zu schmieden und andere Mädchen aufgrund ihrer – was weiß ich nicht alles – auszuschließen.

Ich weiß, dass ich immer dazu gehören wollte, aber die Anführerin meinte, ich müsse dann aufhören, mit Jungs Fußball zu spielen, ich müsse dies und jenes ändern, das und jenes anziehen. Ich war eingeschüchtert. Sherry, die sich alltäglich mit Jungs anlegte (sportlich), hatte furchtbare Angst vor den gemeinen Augen irgendwelcher Blondie-Grundschulmädchen, die sie von oben bis unten beäugten, um zu entscheiden, ob sie dazugehören durfte oder nicht.

Als Kind schon hatte ich das Gefühl, dass Mädchen nicht wirklich sagen, was sie meinen, viel eher ihre fiesen Gedanken in Schmeicheleien ummanteln und im “Sandwich-Kern” dann ihr subtiles Gift einspritzten, so dass Du erst beim Kauen und Schlucken merken konntest, dass da etwas nicht stimmte, dass Du Scheiße geschluckt hattest – aber so undefinierbare, versteckte Scheiße, dass Du völlig machtlos warst. Das gefiel mir nicht, also zeigte ich ihr den Vogel und sagte “Ich geh lieber Fußball spielen”.

Irgendwann war ich wohl “in”, weil ich zwei Mädchen aus meiner Klasse vor großen Jungs aus der vierten Klasse beschützt hatte und keine Angst zeigte. (Wieso auch? Ich wusste, wie Jungs ticken). Da dachte sich Ober-Tussi Sabrina (so hieß die Anführerin), sie könne mich vielleicht doch als Freundin gebrauchen. Ich gehörte plötzlich dazu, ohne dass ich mein Einverständnis dazu gegeben hätte. Aber da ich weiterhin mit den Jungs abhängen “durfte”, war’s mir egal und ich wehrte mich nicht gegen ihre komischen Schmeicheleien.

Dann kam eines Tages Dini – meine beste Freundin. Sie war neu in der Klasse, verschüchtert, leise, ängstlich. Man merkte, dass mit ihr etwas “nicht stimmte”, was Sabrina natürlich total interessant fand. “Neues Opfer” dachte sie. Ich stellte mich gegen die ganze Tussi-Pussi-Blondie-Gruppe, nahm Dini in Schutz, fletschte die Zähne (obwohl ich Dini ja nicht einmal kannte) – wurde danach “verächtet” und bekam dafür eine beste Freundin, die bis heute an meiner Seite ist und mit mir die ganze Pubertät durch Fußball spielte.

Dini und ich gegen den Rest. Und wir ergänzten uns im Zusammenspiel soetwas von blind und perfekt, dass es anderen schon unheimlich wurde – Jungs spielten nicht gerne gegen uns. Die Demütigung danach war zu groß, aber die Herausfoderung juckte sie immerwieder.

Dini war viel intelligenter und begabter als andere Mädchen, die ich kannte – und das ist noch heute so. Mathe-Genie, Zeichen-Genie, Sprach-Genie, Alles-Genie. Sie sorgte sich um die Ordnung in meinem Leben und ich mich darum, dass ich sie mit mir führte, egal wohin ich ging. Sie war die Ruhige und Besonnene, ich die Temperamentvolle. Wenn sie sich nicht traute, zu brüllen, tat ich es für sie. Und wenn ich mal wieder keine Lust auf Mathe hatte, machte sie meine Aufgaben mit. Unsere Gespräche verstanden andere nicht, also wurden wir immer mehr darin bestärkt, dass wir einfach zusammengehörten.

Wir wurden zusammen erwachsen. Sie ist heute viel selbstbewusster, kennt ihre Stärken, haut auch auf den Tisch, wenn’s sein muss – zumindest im Beruf – und ist selber zu einer Autorität gewachsen. Sie ist hektischer und temperamentvoller geworden. Noch immer schaue ich sie manchmal erstaunt an, wenn die einst Ruhige redet wie’n Wasserfall und rumzappelt, so wie ich es normalerweise tu’. Aber es hat sich nichts geändert. Fußball spielen wir heute zwar kaum noch, aber beide juckt es uns ständig in den Füßen, wenn wir eine Jungenmannschaft spielen sehen. “Sollen wir?”, grinst sie mich dann immer an. “Meinst Du, wir sollten die Jungs da jetzt echt desillusionieren, Dini? Die sind doch gerade erst 16/17, das könnte denen wirklich Schaden zufügen!” – dann lachen wir und gehen dann mit unseren Tussiklamotten durch die Straße – uns dessen bewusst, dass wir lange nicht mehr so gut spielen wie damals, aber uns trotzdem noch durchaus sehen lassen könnten mit unserem Fußball.

Irgendwann, als wir entschieden, unserer Weiblichkeit nachzukommen (es war wirklich wie ein perverser Druck, ein genetischer Zwang, dem wir unterlagen. Schminke, Schuhe, Röcke waren ungewollt, total unfreiwillig interessant für uns geworden), mussten wir immer mit Ersatzturnschuhen in unseren Taschen rumlaufen. Es hätte ja sein können, dass wir wieder auf einen Fußball treffen. Dieser Spaghat zwischen Weiblichkeit und diversen, ungewöhnlichen Hobbies war gar nicht so einfach. Heute ist er es, weil wir viele unserer Hobbies aus Zeitgründen leider weglegen mussten oder einfach im Laufe unseres Erwachsenwerdens doch noch in die Frauenrolle hineingewachsen (oder geschrumpft) sind.

Die Rudimente solcher Erlebnisse und Prägungen erlebt man an mir noch heute. Meine weiblichen Seiten sind z.B. nicht so weiblich wie bei denen einer erwachsenen Frau. Ich bin vom Verhalten her eher “mädchenhaft” geblieben. Kindlich, kichernd, ständig voller Begeisterung für alles und jeden. Unvorsichtig, alles rosa (egal was, Handy, Notebook, iPod, Hausschuhe) und eine Stimme wie eine Vierzehnjährige. Aber ich habe noch die andere “Macho-Seite” in mir. Wer irgendjemanden meiner Lieben angreift, kriegt sofort zu spüren, dass ich bereit bin, mich zu messen – und zwar durch und durch körperlich (als Notwehr), wenn’s sein muss.

Ich bin immernoch lieber mit Jungs befreundet, obwohl das auch Schwierigkeiten mit sich bringt, die dann ab der Pubertät zu bewältigen hatte. Welche, kann sich jeder denken. Über bestimmte Themen kann ich auch nur mit Männern ausgiebig reden, weil die meisten Frauen, denen ich bis jetzt begegnet bin, sehr philosphie-, politik-, und analysierfaul waren. (Nicht, weil sie dümmer sind, sondern weil sie leider so erzogen worden sind – auch hierzulande). Ein Besuch im Media Markt begeistert mich mehr als irgendwelche Markenschuhe (ich habe übrigens nicht viele Schuhe, aber viele Notebooks und Cams), einige Liebesfilme finde ich zum kotzen, wo andere Frauen mit verrotzten Taschentüchern dann eine Schulter zum Anlehnen brauchen – und das, obwohl ich die größte Romantikerin und Liebes-Schwaflerin der Welt zu sein scheine und Bollywood ganz toll finde. Wie kriegt man das unter einen Hut?

Wenn ich doch nur selber wüsste, wer oder was ich bin. Ich weiß nur, dass bis heute mein Papa mein Held, Idol und Vorbild geblieben ist, ich von meinen Eltern nicht in die Mädchenrolle gezwungen worden bin (Haushalt? Das war damals für mich ein Fremdwort), dass meine Eltern selten gesagt haben “Das gehört sich für ein Mädchen nicht!”, solange ich nicht über die Strenge schoss! (Oke, als ich dann mit 9 mit einer Freundin in ein fremdes Fenster reingeklettert bin und das Badezimmer fremder Leute “begutacht” habe, war mein Papa schon etwas schockiert von den Genen, die ER mir weitergegeben hat. Haha!) Man sagte mir nicht, “es geziemt sich nicht für ein Mädchen, laut zu lachen!” oder “Rede nicht bei Themen mit, von denen Du keine Ahnung hast!” – das habe ich sehr oft bei anderen miterlebt, aber bei mir zu Hause gab es das nicht (und deshalb bin ich noch immer eine schlechte Köchin, vielen Dank auch!) Ich musste niemals meine Cousins oder meinen Bruder “bedienen”. Dennoch hat Papa sehr darauf geachtet, dass ich meine Würde nicht an würdelose Männer verliere, indem ich mich von ihnen ausschlachten und ausnutzen lasse. Darin war er streng und autoritär wie jeder andere orientalische Vater auch. Dafür bin ich ihm dankbar. Das hat letztendlich bewirkt, dass ich den Mann bekommen habe, den ich heute habe. Das hat mit meinem eigenen Verhalten, erzeugt von meiner Erziehung, zu tun – da bin ich mir sicher.

Ich hatte eine chaotische Kindheit, aber eine sehr schöne. Ich musste viel kämpfen, weil ich durch das Gefühl von Leidenschaft zu einer Kämpferin gedrängt worden bin. Noch heute kämpfe ich ausversehen an Stellen, wo der Kampf gar nicht nötig wäre, aber die Gelassenheit erlerne ich durch die Erfahrungen, die ich mache. Gelassen sind nämlich meistens nur ältere Menschen, und das aus gutem Grund.

Ich packe das schon. Die besten Voraussetzungen habe ich dazu. Deshalb ist ein starker Mann auch so wichtig für mich. Ich habe einen gesucht, den ich nicht “überbieten” kann, an dem ich mich nicht “messen” muss, weil ich von vorneherein weiß, dass ich keine Chance habe. Das Gefühl, nicht kämpfen zu müssen, weil man sowieso keine Chance hat – und diesen Umstand auch noch zu genießen, kann wahrscheinlich nur eine Frau empfinden. Und ich bin ja inzwischen eine.

Aber im Tischtennis habe ich ihn dennoch besiegt. Hah.

31.05.2008, 19:51
Der Vogel

Manchmal, wenn ich meinen inneren Selbstgesprächen unterliege und wirklich nicht von irgendwelchen eigentlich sonst angenehmen Begegnungen unterbrochen oder gestört werden will, verlasse ich das Haus durch den Keller, in den Hinterhofgarten unserer Siedlung und erkämpfe mir von dort aus den Weg nach Hause zu meiner Familie. Wir leben in einer ruhigen Insel und begegnen überrascht immer wieder mal selbst in der Straße wandernden Entenpaaren, die sich verlaufen haben, nächtlich rumwuselnden Igeln und einigen schwer um ihr Revier kämpfenden Katern.

Gestern war wieder einer dieser Tage, an denen ich meinen Gedanken nachhing und man fast meinen könnte, ich sei einer mathematischen Problemlösung auf die Spur, die die Menschheit für immer verändern würde, bis ich, auf den Boden blickend, aus dem Seitenblick einen schwarzen Vogel entdeckte. Leider habe ich mich in meinem Leben schon mit diversen Bereichen beschäftigt, aber nicht mit Vögeln, also konnte ich die Vogelart leider nicht ausmachen, aber das war unwichtig, nachdem ich die ängstlichen Augen des Vogels sah, der mich gehetzt ansah und versuchte, von der Stelle zu kommen. Der Anblick brach mir das Herz, denn so oft es auch humpelnd zum Fliegen ansetzte, es wollte ihm nicht gelingen, wie gewohnt in die Höhe zu schwingen, um sich vor mir in Sicherheit zu bringen. Ich blieb stehen, darauf bedacht, Abstand zu ihm zu halten, damit ich seine Paniksituation nicht noch verstärkte und überlegte, wie ich ihm helfen kann, ohne ihm weh zu tun. Ich wusste nicht, was ich tun sollte. Er schien sich verletzt zu haben, am Flügel oder am Füßchen, ich weiß es einfach nicht – und ich wagte auch nicht, ihm mit meiner Näherung noch mehr Angst zu machen.

Also fing ich verzweifelt an, leise mit ihm zu reden und ihm bei bleibendem Abstand zu versprechen, ja inbrünstig zu versprechen auf alles was mir heilig ist, dass ich ihm nichts tun würde und dass ich nur wissen will, ob ich irgendetwas für ihn tun könnte. Aber er verstand mich einfach nicht und wurde bei meinem kontinuierlichen Blickkontank immer verzweifelter in seinen Versuchen, starten und fliegen zu wollen. Ich schwieg und sah ihn traurig an und versuchte, zu akzeptieren, dass ich nichts tun kann. Dass ich loslassen muss (eines meiner größten und sich immer wiederholenden Prüfungen in meinem Leben, die mich in den verschiedensten Situationen zum Loslassen auffordern, mich quasi lehren wollen, wie man loslässt) und weitergehen muss.

Ich drehte mich um, schluckte den Kloß in meinem Hals runter und ging hoch zu meiner Familie. Oben angekommen, setzte ich mich hin und überlegte noch, ob ich ihm nicht etwas Brot runterwerfen solle – aber ich dachte mir, wenn er bald sterben müsse, dann sollte ich ihn nicht weiter künstlich am Leben erhalten. Ich hoffte, dass diese Vogelart irgendwie solidarisch war und dieser Vogel nicht allein verenden würde und glitt immer tiefer in irgendwelche Kombinationen von Möglichkeiten…

Irgendwann landete ich bei einer alten Erinnerung von mir. Ich muss ungefähr 10 Jahre alt gewesen sein, als mir genau so ein Vogel auf dem Spielplatz begegnet war und der panisch versuchte vor der Menge an Kindern wegzuhumpeln. Ich hatte Angst, sie würden den Vogel zertreten, außerdem wirbelten die Kinder soviel Staub und Sand auf, dass ich Angst hatte, der Vogel würde sich daran verschlucken. Unwissend – und weitaus unbedachter als gestern – nahm ich diesen Vogel in die Hand und nahm ihn mit nach Hause. Ich hielt ihn meinen Eltern hin und sagte: “Papa, Mama, dieser Vogel ist verletzt. Wir müssen ihn pflegen.” – Entgegen der typisch orientalischen Mentalität, sind meine Eltern Gott sei Dank keine Menschen, die an Tieren etwas “Schmutziges” sehen, das nicht ins Haus gehört. Sie wussten zwar wahrscheinlich von Anfang an, dass diesem Vogel nicht zu helfen war und überlegten wahrscheinlich noch in der selben Nacht, wie sie mir das erklären sollten, aber sie ließen mich erst einmal machen.

Ich baute dem Vogel ein kleines Nest aus einem größeren Karton, einem Bereich mit weichem Kissen und Gras, etwas Brot, Wasser und einigen Würmern, die ich ihm gesammelt hatte. Jeden Tag nach der Schule kam ich nach Hause und sah nach ihm. Er wurde trotz meiner liebevollen Fürsorge irgendwie immer dünner und müder, aber ich redete mir ein, dass er müde ist, weil sein Körper sich anstrengt, wenn es gesund werden muss – so wie beim Fieber. Eines Tages kam ich nach Hause und der Vogel war nicht mehr in seinem kleinen offenen Karton. Meine Eltern kamen zu mir und sagten, er sei weggeflogen, er habe sich wohl endlich gesund genug dazu gefühlt.

Ich war traurig und erleichtert zugleich. Ich würde ihn so vermissen, aber auf der anderen Seite: Was war ein schöneres Geschenk als die Freiheit und die Gesundheit dieses Vogels?

Ich war zufrieden mit der Welt. Sie schien mir gerecht, gut, heilbar. Erst gestern begriff ich zum ersten Mal, dass meine Eltern mich wohl angelogen hatten, um mir die Natur dieser Welt noch vorzuenthalten. Ich könnte sie heute noch danach fragen, aber ich werde es nicht tun. Denn insgeheim hoffe ich noch immer, dass der Vogel von damals tatsächlich noch weiterleben durfte…

06.05.2008, 14:51
Meine Halskette und Du

Einmal verhedderte sich meine Halskette an Deinem Pulli, obwohl ich eigentlich nie Halsketten trug, tat ich es an dem Tag, um Dich auf meinen Hals und mein Dekolleté aufmerksam zu machen – so wie auf alles andere, was Du nicht haben durftest. Doch ich hing komplett an Dir fest und kam nicht von der Stelle, dabei hatte ich die Nacht zuvor bis in jede peinliche Einzelheit meinen distanzierten und erhabenen Auftritt Dir gegenüber geplant. Jede Reaktion und jeder Annäherungsversuch, der von Dir kommen könnte, habe ich vor meinem inneren Auge in einer Generalprobe durchgespielt und einen perfekte Defensive dazu entwickelt. Und nach all den peinlich peniblen Gedankenspielen kam das hier dabei raus: Ich hing fest.

Ich tat so, als würde ich mich unberührt darauf konzentrieren, das Problem zu lösen. Du solltest nach diesem Abend an mir hängen, nun hing ich im wörtlichen Sinne an Dir – und Du schienst Dich darüber zu amüsieren. Ich ignorierte Deinen intensiven Blick in mein verlegenes Gesicht völlig, ja völlig – aber nicht genug, verdammt – denn ich errötete. Dein verdammter Geruch, der war das Schuld. Man konnte die Augen schließen oder wegschauen, aber man konnte sich nicht die Nase zuhalten. Das verdammte Teil wollte sich nicht lösen lassen. Ich begann, daran zu zerren und fluchte undamenhaft, dabei wollte ich doch unnahbar wirken, ich Trottel.

Dein Lächeln konnte ich förmlich riechen, so wie ich das Aufgehen einer Blüte in einem dunklen Raum hätte riechen können. Das Verschmitzte, das darin lag, war so unverschämt, dass ich wütend wurde. Ich sah diesem Mund genau an, was Du dachtest: “Wie niedlich. Wie unbeholfen – und alles nur, um so zu tun, als ließe ich sie kalt.” – Das ärgerte mich so sehr, dass ich die Kette ungeduldig aus Deinem Pulli rauszerrte und ausversehen ein Kneuelchen mein Eigen nennen konnte.

“Oh nein…”, fluchte ich. “Ich kauf’ Dir natürlich einen Neuen”, nuschelte ich, schaute Dich aber weiterhin nicht an und fuchtelte an der Kette, als wolle ich sie von der peinlichen Situation befreien und nicht etwa mich. “Wie komme ich da jetzt wieder raus?”, fragte ich mich.

Du kamst näher und wolltest mir helfen. Deine Hand streifte meine Brust. Ich wollte aufschrecken. Anstatt zu denken, dass ich Deine Hand an meiner Brust niemals aushalten würde, nicht hier und jetzt, fragte ich mich fast panisch, ob Du bei dem versehentlichen Darüberstreifen wohl mein Herzpochen gespürt hattest. Ich war der Meinung, dass das erst meinen Plan total zunichte gemacht hätte. Dann wäre der Plan mit der Distanz wirklich komplett dahin gewesen. Ich ließ auf der Stelle meine Kette los, sprang fast zur Seite und sagte: “Oh oke, danke, übernimm’ Du das mal ruhig… Solange… solange hole ich uns etwas zu trinken. Du lächteltest nur weiter verschmitzt. Verdammt, warum warst Du so selbstsicher?

Die Stelle auf meiner Brust, die Du (ausversehen!) gestreift hattest, war noch immer ganz warm, so als ruhte sie noch immer darauf. Ich kämpfte bitterlich mit meiner lebhaften Fantasie (die mir übrigens nicht zum ersten Mal zum Verhängnis wurde), dass Deine Hand immer noch darauf liegt, aber es klappte nicht. Die Stelle war so warm, dass Deine Hand fast greifbar schien. Ich musste dieses Gefühl loswerden, sonst würde ich mich nicht mehr einkriegen können. “Was mache ich jetzt?” – Ich ließ die Gläser stehen und stürmte “unauffällig” ins Badezimmer, zog mein Oberteil aus und besprenkelte die Stelle, auf der Deine Hand noch immer zu ruhen schien, mit kaltem Wasser. Währenddessen schaute ich in den Spiegel und fragte mich, was zum Teufel ich hier überhaupt am veranstalten war! “Meine Güte, Du bist kein Teeny mehr. Teeny? Teenies würden sich niemals so verhalten wie Du… Du bist echt…”

Ich atmete tief durch, beruhigte mich und kam wieder ins Wohnzimmer, um uns etwas zu trinken zu machen. Ich nahm die Gläser, kam auf Dich zu, ganz nah, schaute hoch zu Dir und überreichte Dir Dein Glas. Du rochst so unglaublich, ich wollte weder Deinen Hals sehen, noch Dein Kinn, noch Deine Hände, schon gar nicht Deine Brust und die Augen waren lebensgefährlich, aber um mit Dir kommunizieren zu können, musste ich wenigstens auf Deinen lächelnden Mund schauen, damit ich noch wusste, was Du gerade dachtest (wie kann ein Mund nur so ausdrucksstark sein?). Du erzähltest irgendetwas, aber ich hörte nicht auf den Inhalt, sondern schaute einfach auf Deinen Mund. Deine Stimme war im Vordergrund, der Inhalt aber kaum noch verständlich in meinem Zustand. Ich schaute ausversehen auf Deinen Hals, erkannte die Gefahrenzone und blickte erneut hoch zu Deinem Mund, um den Blick von diesem Hals abzuwenden. Als mein Blick statt Deinen Mund Deine Augen traf, musst Du Deinen Sieg erkannt haben, denn Du lächeltest plötzlich besonders breit. Als ich mit großen, verwunderten Augen an Deinen haften blieb und irgendetwas stotterte, schienst Du, endlich alles in die Hand nehmen zu wollen. Du nahmst die Gläser und legtest sie weg, ohne Deinen Blick von mir abzuwenden. Dein unverschämtes Lächeln sah so aus, als hättest Du gestern wie ich penibelst geplant – und in Deinen Plänen meine ganzen kindischen Anstalten mit einbezogen. Deshalb warst Du so selbstsicher, nicht wahr? Bevor ich weiter denken konnte, waren meine Augen schon geschlossen und mein Mund an Deinen gekettet…

Hoch lebe meine Unbeholfenheit. Mein Plan war zwar nicht aufgegangen, aber dafür vollständig mein ängstliches Herz…

Romy & Alain

26.12.2007, 18:00
Sway…

Click: Dean Martin – Sway (Bitte hören, sonst versteht Ihr gar nichts!)

Dada hat mich letztens mit einem elektronischem Zettelchen (SMS) wieder an dieses Lied erinnert – “Sway” von Dean Martin gesungen. Sie weiß, was sie dabei ausgelöst hat, aber erklären könnte ich es nicht. Niemandem. Ich habe versucht, es meiner Freundin in ein paar Worte zu quetschen, aber es ging nicht. Ich werde alle Versuchsansätze hier reinschreiben, das Gefühl zu erklären, das dieses Lied in mir auslöst.

An V.

Fühlst Du Dich bei dem Lied nicht auch irgendwie komisch in der Bauchgegend? So ein kleiner Schmerz mit Flattern – wie das erste Mal heftiges Verliebtsein. Kennst Du diese Art von Verliebtsein, bei dem alles so Gaga ist und bebt, dass Dir fast übel wird und Du Dich übergeben musst? Das ist aber nicht unangenehm, sondern… Du willst einfach ohnmächtig werden vor… OHNMACHT.

Ich weiß noch genau, als ich mich damals in Pepe verliebt habe, konnte ich nicht mehr arbeiten. Ich saß an meinem Schreibtisch dort und hab’ nur total kopfschüttelnd aus dem Fenster gestarrt und gedacht: “Ach Du Scheiße. Wie konnte das bloß einfachso passieren, Sherry?” (Ich hatte manchmal Brechreiz. Sehr schmeichelnd, ich weiß.)

Oder bei meiner ersten Liebe Michael. Ich bin gestorben, so schlimm war das Gefühl, verliebt zu sein. Und dieses Lied bewirkt bei mir genau dieses Gefühl. Diese Machtlosigkeit, die mich dann einfach nur dazu zwingt, aufzustehen und die Hüften zu schwingen, weil man sonst innerlich platzt. (Nein, es ist kein Schwingen. Es ist ein “Schweben” und währenddessen die Welt zu umarmen… Verliebt zu umarmen.)

[...]

An Dada

“Dance with me… Make me sway… *seufz* Dieses Lied ist wie die erste Liebe zum Leben. Ein völlig anderes Leben war das… :(

Damals bot sich die Schönheit des Lebens förmlich an, selbst in unseren depressiven Phasen. Heute wringen wir sie aus, zerren und quetschen an ihr.. Und wenn dann doch mal ein Tropfen rauskommt, verfehlt sie unsere Zungen…”

Dieses Lied trägt die ersten Liebesgefühle dem Leben und den Menschen gegenüber, die ich als kleines Mädchen empfand. Es war ein Gefühl von “Ich zerspringe gleich in der Luft, aber das ist nicht schlimm, das Leben sammelt mich auf…” Ich war weiser damals als heute. Ich vertraute dem Leben, ich vertraute Gott und war der festen Überzeugung, dass alles gut wird. Dass letztendlich alles gut wird. Ich zog einfach meinen großen, langen, weißen Rock an und wartete auf die Rhythmen meines Papa’s und auf Onkel’s Gitarrenbegleitung, damit ich barfuß mit dem stürmischen Tanzen und Drehen beginnen konnte… Ich wirbelte um mich und alle anderen herum, so dass der Raum kein Raum mehr war, sondern eine offene Atmosphäre, durch die ich schweben und fliegen konnte. Die Rhythmen wurden schneller, und ich hörte sie alle lachen und mich irgendwann atemlos auf dem Boden kichern. Ich lag auf dem Rücken, alles drehte sich – und selbst die Übelkeit war mir willkommen, denn sie war ein Beweis dafür, dass ich mich wieder selbst überboten hatte. Keine zehn Sekunden später hüpfte ich wieder auf und schrie: “NOCHMAL PAPAAAAAAAAAAAAAA!”

…und alles fing von vorne an…

Das war meine erste Liebe. Nicht Elvis, nicht Dean Martin, nicht Michael – sondern das Leben selbst. Wann hat das alles aufgehört? Wie konnte es geschehen? Wann färbten sich meine Augen so müde und schattig, dass ich mich an solche Zeiten nur noch erinnern kann wie an einen längst vergangenen Traum aus einer anderen Zeit? Ich weiß, wann es anfing und ich weiß, wann ich es den Höhepunkt erreichte, doch darüber will ich nicht berichten.

Manchmal erwische ich mich wieder beim kichern. Aber bin ich dann wirklich ich in meiner jetzigen Form, wenn ich das tu’? Und bin ich dann wirklich in dieser Zeit, wenn ich das tu’? Bin ich dann wirklich bei den realen Personen in meiner Umgebung, wenn ich das tu’? Ich weiß es nicht. Und ich weiß auch nicht, warum ich diese Frage nicht beantworten kann. Warum ich die Vorhänge der chronologischen Etappen meines Lebens in solchen Momenten nicht mehr in einer Reihenfolge sehe, sondern alles ineinanderfließt? Und das, ohne sich unnatürlich anzufühlen? Warum beschleicht mich in solchen Momenten immer das Gefühl, dass es eine Lüge oder ein Trick unseres Gehirns ist, die Zeit in einer Reihenfolge “abzubilden”? Was, wenn wir eigentlich überall sind? Was für ein Unsinn… (Danke Gehirn, Du hast mich wieder entwirrt. Guter Junge.)

Dean Martins Stimme schwebt und rutscht auf Eis, deshalb liebe ich seine Stimme so. Es gibt heute kaum noch jemanden, der so singen kann. Auch Sinatra konnte es nicht. Auch Benett nicht oder Michael Bublé. Das kann nur Dean Martin, Viguen, Papa… Ich liebe die Welt nicht mehr so bedingungslos wie damals. Und ich achte das Leben nicht mehr so sehr wie damals, weil wenn ich es achte, habe ich immer so schrecklich viel zu verlieren. Das Leben ist ein schlechter Witz, über den man dennoch immerwieder herzlich lachen muss – und deshalb höre ich mir diesen schlechten Witz immer und immerwieder gerne an. Und wenn ich “Sway” von Dean Martin höre, versöhne ich mich kurz mit dem Leben…

Lass’ uns kurz Frieden schließen, Du undankbares Ding…

Dada an mich:

“Dein Herz ist halt Toppoli…” (Toppoli ist ein liebevoller, persischer Ausdruck für “mollig”)

22.11.2007, 16:18
Illusion und Wille

~ Jesse Cook – Luna Llena ~

Ich bin ein Mensch, der zumindest im Geheimen denkt, dass wir keinen eigenen Willen haben und sehr determiniert sind. Diese Einstellung ist keine Bequeme, auch wenn sie erst einmal so wirkt, als könne ich sie dazu benutzen, jegliche Schuld und jeglichen Missstand in meinem Leben auf andere, mich festlegende Faktoren zu schieben.

Dieses “Begrenztheit”, die ich schon seit meiner Kindheit spüre, da ich schon immer eine unbestimmte Sehnsucht nach einer Art von Freiheit hatte, die es so nicht gibt, habe ich damit unterdrückt, indem ich anfing, ständig zu träumen. Ich träumte, wo es nur ging. Erschuf mir meine eigene, kleine Welt, sogar meine eigenen Farben, die es hier bis jetzt noch nicht gibt. Alles, was um mich herum geschah, hatte meinen speziellen Farbschleier als Schmuck, ich ließ mich in jedes Gefühl hineinfallen, als sei es ein unendliches Meer an Schätze. Ich ließ mich in Papa fallen, in Mama fallen, in meine ganze Großfamilie. Wenn sie lachten und tanzten, dann war ich davon überzeugt, dass ich im Paradies war. Wenn sie weinten oder stritten, dann wusste ich, die Welt geht gleich unter. So lebte ich ständig in einem Wechsel zwischen Himmel und Hölle und entwickelte meine extremen Gefühlsausbrüche, weil ich zwischen zwei Extremen lebte. Nicht nur zwischen zwei.

Als ich fünf Jahre alt war, bebte meine Fantasie, meine ganze scheinbar vogelfreie Wahrnehmung in einen Höhepunkt, der nicht mehr zu überbieten war. Wir lebten oberhalb eines persischen Restaurants namens “Khayyam”. Er gehörte meinem Papa und meinem Onkel. Sie schmissen den Laden mit einer Leidenschaft, die ich heute noch bei anderen Menschen und ihren Berufen vergeblich suche. Ich, mit meiner verträumten Art, den ineinandertriefenden, sich umarmenden Welten- und Seelenfarben, die ich um mich herum wahrnahm, bin fast in eine Art angenehme Ohnmacht gefallen zu jener Zeit, als ich nachts das Gelächter und die glücklichen Gaumen der Gäste sah – und im nächsten Augenblick der Fakir mit seinen geheimen Instrumenten und Künsten in der großen Mitte des Saales erschien und Schwerter schluckte und Feuer rausspie. Ich sehe noch immer meine großen Augen, die mal ungläubig, mal “unbeeindruckt” aufgrund dessen waren, was sie sahen. Denn in meiner realitätsfernen Welt waren solche Dinge wirklich möglich, aber dennoch so unendlich erstaunlich. Ich verlor mich in den Wandmalereien unseres Restaurants. Diese Frauen mit den runden Hüften, den gewellten, langen, schwarzen Haaren, den roten, kleinen Lippen – und Augen und Augenbrauen wie aus einem Märchen, so geschwungen wie die Kalligrafie aus einem Kunstwerk, fesselten mich in einen einzigen geballten Punkt der Zeit. Die ihnen zu Füßen liegenden Männer, die ein Instrument in der Hand hielten und ihrem Gott nach einem Vers anbettelten, der der Schönheit dieser Frau vor ihnen nur annähernd würdig war, berührten mich. Der Hintergrund dieser Malereien war oft meeresblau bis türkis. Also konnte ich im Hintergrund der persischen Musik, die Papa und seine Band in die Atmosphäre spielte, direkt in die Geschehnisse der Wandmalereigeschichte eintauchen. Und wenn ich berauscht und fast trunken aus dem Blau wieder hinaus in das „Leben“ torkelte und die Augen weit öffnete, stand schon die Schlangen-Bauchtänzerin vor mir und bewegte sich noch weicher als die Schlange selbst, die sie fest umgriff und sein Gesicht zu ihr zum Kusse neigte. So fasziniert wie ich war und mir schon eine neue Geschichte zu der Frau und der Schlange hinter vielen, bunten Schleiern ausmalte, so erstaunt war ich auch, als ich mich plötzlich auf ihrem Schoß in der Kabine fand. Allein mit ihrer Boa, die sich an mich schmiegte wie ein kleiner Geliebter und ihrem Versprechen, dass sie ihren nächsten Liebling nach mir benennen würde.

Ob ich redete, weiß ich nicht mehr. Mir kommt’s heute noch so vor, als habe ich in jener Zeit und in jener Welt mehr geschwiegen. Ich weiß aber, dass ich jeden Abend, jede Nacht, neue, kleine Freunde hatte, die mit ihren Eltern kamen und wieder müde gingen. Ich zeigte ihnen mein großes Reich, meine mysteriösen Freunde, die Fakire und Feuerspucker, die Zauberer, die unheimlichen Schlangenfrauen mit ihrer geschmeidigen, weißen Haut und dem schwarzen Haar. Ich unterhielt sie mit meinem damals schon eigenem Humor, meinen kleinen, schwarzen Locken, der rosa Hose und den weißen langen Kniestrümpfen. Ich brachte ihnen bei, wie man ganz fein isst, wie man Gabel, Messer und Löffel in die Hand nimmt. Ich ging voraus und ärgerte unseren Koch, indem ich jede Nacht meine neuen Freunde in die Küche schleuste, damit sie sehen, wie das ganze Essen zubereitet wurde…

Nur die untere Etage war für mich Tabu. Dorthin brachte ich meine kleinen Freunde nie alleine hin. Dort waren die WC’s – und irgendwo in dem großen Vorraum war eine Packung Rattengift. Ich erinnere mich an die Packungsfarbe – sie war pink. Ich liebte diese Farbe, umso unheimlicher und beängstigender erschien es mir, als aus dem eigentlich schönen Pink ein böser, grinsender Totenkopf auf mich runter starrte – jedesmal, wenn ich zur Toilette musste. Ich ging nicht gerne alleine hin. Hielt immer meine Augen zu, rannte zur Toilette, erledigte schnell alles und lief wieder hoch. Dieser verdammte Totenkopf machte mir Angst. Ich fragte mich, was in der pinken Packung ist, dass so ein böser Totenkopf darauf wohnte. Meine Eltern erklärten mir, das sei Rattengift und stellten es sofort nach meiner Frage etwas weiter hoch, damit ich nicht auf dumme Ideen komme. Aber diese Feigheit, diese Angst, die ich bei dem Totenkopf verspürte, ließ mich lange nicht los. Ich wollte ihm den Kampf ansagen…

Eines Abends, als die Gäste beschwipst waren, sich alles drehte, mal Bauchtänzerin, mal die Schlangen, mal das Feuer des Feuerspuckers und Papa die harten, kleinen Vibratiorhythmen schlug und die Gäste beim Tanzen zum Ausrasten brachte, ging ich wie in Trance allein durch die Menge, wie in Zeitlupe… erreichte das Treppengeländer und ging mit leisen, schwebenden Schritten einfach runter. Richtung Totenkopf. Richtung Totenkopf. Ich sagte mir, ich will keine Angst mehr haben. Das ist mein Reich, sagte ich mir. Und nichts darf mir hier Angst machen. Die verrauchte Musik, die harten Rhythmen meines Papas und seine Stimme beim Singen gaben mir Sicherheit. “Rakkatakk tukk tukk tak. Dumm Rakkatakk takk tukk tukk tak…” – und die Menge kreischte und tanzte. Noch eine Stufe, und ich war allein unten. Und plötzlich war es nur noch ein Schritt – und ich war beim Totenkopf. Was danach geschah, weiß ich nicht mehr. Ich erinnere mich nicht. Ein kleiner Ausschnitt hängt noch in meinem Gedächtnis. Ich hielt es in der Hand, diesen bösen Totenkopf – und im nächsten Moment übergab ich mich. Der Finger meines Opa’s war in meinem Rachen.

Ich öffnete die Augen und sagte nur schwach: “Ich habe keine Angst mehr vor dem Totenkopf…” – und danach war ich wieder weg. Alles war schwer und schwarz. Ein traumloser Schlaf, die Musik in sehr fernem Hintergrund, mich tadelnd und dennoch tragend. Mich streichelnd und dennoch schimpfend.

Warum mir diese Zeit gerade dann einfällt, wenn ich davon rede, dass wir Menschen festgelegt sind? Warum schreibe ich über eine verschwommene, von Zauber erfüllte Zeit voller geistiger Freiheit, in der ich zugegeben schon mit 5 Jahren dennoch die Grenzen erfuhr, wenn ich mit der Determiniertheit unseres Ich’s und unseres Handelns anfange? – Das weiß ich nicht. Ich weiß nur, dass ich heute noch dazu neige, zu träumen und eine kleine Welt in meinem Kreis aufzubauen, in der ich vieles kontrollieren und lenken kann – so rede ich es mir zumindest ein. Meine Welt ist nicht mehr so freigeistig und fantasievoll wie damals. Meine Art, mein “Leben” kontrollieren zu wollen, begrenzt sich auf’s Auflisten von Dingen, die ich mal tun möchte und schon bald tun möchte. Von Dingen, die ich schaffen möchte, die sehr bald schaffen möchte. Ich schreibe sie auf, ich plane sie, ich fantasiere Stunden, nein Tage lang über sie – ich berede sie immer mit jemandem, der mir nahe steht und der mit mir zieht, wenn ich die Treppen runter gehen möchte und mich meinen Ängsten stellen will, sie schlucken und besiegen will…

Heute habe ich wieder viel geplant. Soviel. Und immer sorge ich dafür, dass jemand da ist, der mir in der Not auch den Finger in den Rachen stecken kann… Und Papa’s auffordernde Rhythmen begleiten mich auch heute noch…

27.10.2007, 11:56
Ordnung

Mein Papa hat mich schon immer liebevoll “Dokhtare Shelakhteh” genannt (=persisch: “Schlampiges Mädchen”). Ich hatte nie diese Ader für’s “Hausfrausein”, wie es andere iranische Mädchen hatten. Meine türkische Freundin Halime damals hat mit 12 schon im Haushalt geholfen, hatte Ordnungssinn und wusste, worauf es im Führen eines Haushaltes ankommt. Ich hingegen hing in der Zeit immer unten bei den Jungs und spielte Fußball. Schämte mich zum Teil auch vor den anderen türkischen Mädchen, dass ich solche Dinge nicht drauf hatte und so wirkte, als würde ich zu Hause gar nicht helfen (was ja auch so war, aber Mama verlangte das auch nie von mir). Das Einzige, das ich immer leidenschaftlich getan habe war, mit Papa die 10-Wochen-Einkäufe hochzutragen und zu testen, wie stark ich inzwischen bin. Ich wollte unbedingt immer soviele Kisten mühelos hochtragen können wie er. Aber so Frauenkram? No way.

Jedenfalls habe ich, seit ich in diese Wohnung gezogen bin, einen kleinen Ordnungstick entwickelt. Mama sagt immer, es liegt an meinem heiratsfähigen Alter, dass ich zunehmend weiblicher werde (LOL, was will sie mir damit sagen?)

Lange Rede, kurzer Sinn: Ich habe vorgestern den ganzen Tag an meiner Küche “gebastelt”. Alles rausgeholt, alles neu gespült, abgetrocknet, eine neue Ordnung festgelegt (schriftlich! Das heißt, ich habe die Ordnung richtig geplant), alles innen und außen geputzt und war danach sehr glücklich. Das sah so hübsch aus, dass ich das fotografieren musste. Und es stimmt, was man sagt, Putzen macht glücklich. Aber bis man sich dazu aufrafft, …

Hier die Sherry-Küche, obwohl ich keinen Schimmer vom klassischen Kochen habe:

22.10.2007, 15:45
Meine Ayse…

Eine meiner wenigen Freundinnen, die sich schon ab dem ersten Augenblick auf ewig in mein Herz gebrannt haben, ist Ayse. Egal, wie lange wir uns nicht sprechen oder sehen, wenn irgendetwas in mir schmerzt, ist sie oft die Erste, die schreibt: “Ich weiß nicht warum, aber ich musste gerade so an Dich denken. Und es tat weh, Azizam. Alles ok?” – Manchmal denke ich: Nichts kann sich je zwischen uns ändern, weil, wie sie sagt, unsere Herzen wirklich im selben Takt schlagen.

Unsere Erscheinung ist wirklich witzig. Ayse ist nur 1.60m groß und sehr, sehr zierlich. Ich hingegen 1.71m und bin bekurvter. Dennoch hat man uns immer “Die Zwillinge” genannt. “Ohje, die Zwillinge kommen. ACHTUNG!”…

Warum Achtung? Ja, gute Frage. Ayse und Ich – das war immer so eine Katastrophenkombination. Ich erinnere mich, wie wir in der Uni immer mitten in der Studentenmenge saßen und uns Dinge über unsere großen Lieben erzählten. Ihre große Liebe als Türkin war ein Perser, meine große Liebe als Perserin war ein Türke – und wir waren beide ständig in Trennungsschmerz verflossen durch die Zwei und konnten über unseren Schmerz lachen und weinen im selben Atemzug. Manchmal gingen unsere Lachattacken soweit, dass wir uns wälzend auf den Boden kugelten. Mitten im Philosophikum.

Wir essen beide furchtbar gerne. So gerne, dass wir eigentlich nur noch aßen, wenn wir in der Uni waren. Was haben wir nicht alles für Vorlesungen geschwänzt, nur weil wir das und jenes in allen möglichen Restaurants oder auch nur in der Mensa essen wollten. Um die Woche mit ihr ohne Schaden zu überstehen, musste ich an den Wochenenden immer fasten, um mein Gewicht halten zu können. Nur sie nahm nie zu, obwohl sie wollte. Sie wollte eigentlich ständig zunehmen und ich ständig abnehmen.

Alles, was wir taten, entpuppte sich als kleine Katastrophe im Alltag, weil wir, wenn wir zusammen waren, immer unglaublich hektisch waren. Ich ließ immer etwas fallen, weil ich immer etwas im Mund hatte, etwas anderes Essbares noch in der einen Hand, in der Anderen meine Ordner und eine Ayse, die irgendetwas stressiges redete und mir nebenbei ihren Schokoriegel durch die andere Seite meiner Mundöffnung reinschieben wollte. “ISS ISS, SHERRY! PATLARSIN INSHALLAH!” (“Mögest Du platzen” auf türkisch) Und ich zu Ihr: “Iss selbst, ISS! Beterekki enshallah!” (“Mögest Du platzen” auf persisch)

Unsere Gespräche waren immer so tief und emotional. Egal, was wir fühlten, wir fühlten so intensiv, dass… – und da wir alles in unserer Art, zu sehen, beim Anderen reflektierten, schwappten wir ständig über. Schwappten wir ständig über, weil die Art, wie wir die Welt, die Menschen und die Dinge sahen und empfanden, einfach überschwappen mussten, wenn sie endlich Verständnis im Anderen sahen. Und jeder sah uns dabei zu. Fasziniert von soviel Energie und Emotionalität. Man liebte uns zwei einfach. Manchmal als kleine, süße Schwestern, manchmal als begehrenswerte, aber nicht mehr zu rettende Mädchen…

Warum ich über Ayse schreibe? Ich habe in den letzten Monaten gemerkt, dass allein ihre Frage “Schatz, wie geht es Dir?” mein Herz leichter und glücklicher macht. Einfachso. Eine Freundschaft ohne Neid, ohne Konkurrenzkampf, ohne Lügen. Vorallem das ist mir wichtig: Ohne Lügen.

Wir machen wieder Istanbul-Pläne. Damals schon träumten wir, wie wir durch den Orient reisen und alles durch unsere Augen trinken und niederschreiben… Letztens meinte sie: “Schatz, es ist an der Zeit, dass wir unseren alten Traum erfüllen. Und zwar bald… Das muss ein Traum sein. Du und Ich in Istanbul. Durch unsere Augen sehen und dann die Musik abends… Wir müssen unseren Traum erfüllen. Es ist langsam an der Zeit, mein Schatz.”

Sie hat so Recht…

26.09.2007, 17:03
In der Hitze des Gefechts

Click: »Sean Paul – Get Busy«

“Oh nein, ich war unanständig…”, sah ich Parisa mit großen Augen an und hielt mir dann die Augen zu, als dieser Typ von der Tanzfläche plötzlich weg war. Meine Freundin Parisa lachte. Mir war so heiß, ich wusste gar nicht wohin mit dem Feuer, das meinen Herzschlag auf Hochtouren brachte. Also fing ich an, zu fluchen. Wie immer, wenn ich überfordert war.

“Dieser Penner, Wixer, dieses gottlose Schwein!”, fuchtelte ich mit den Armen rum.
“Du bist hin und weg, oder? Hahahaha!”, lachte Parisa mich dreckig aus.
“Hör’ mal! Hast Du nicht gesehen, was der sich einfach erlaubt hat?”
“Jaaaah, Sherry! Aber weißt Du, was ich noch gesehen habe? Ich habe gesehen, was Du Dir erlaubt hast!”

Sie hatte Recht. Ich hatte mir in dieser Nacht auf der Tanzfläche Dinge erlaubt, die ich mir sonst in dem Maße nie erlaube oder nur mit Frauen – auf der Tanzfläche wohlgemerkt. Aber irgendwie hatte mir dieses Macho-Schwein einfach die Kontrolle entzogen. (Männer, die es wagen, mir ohne zu fragen, die Zügel wegzureißen, sind übrigens meine Traummänner. Aber das spielt hier keine Rolle. Oder vielleicht auch die Einzige.)

Wir gehen jetzt einen Schritt zurück – und zwar zum Anfang der Geschichte. Es war Silvester 2003. Was war eigentlich passiert? Für die Meisten wird das einfach nur eine langweilige Story sein, weil es nicht direkt ums Poppen und Stöhnen geht – aber wer weiß, was mir das Tanzen bedeutet, der weiß, dass ich beim Tanzen vielleicht sogar noch üblere Hitze empfinde als bei anderen Aktivitäten. Es ist sinnliche und übersinnliche Lust in einem. Wer mich kennt, weiß, ich liebe durch’s Tanzen oder durch’s Essen. Und wenn dann beides – oder Gott bewahre – gleich alle drei Komponenten vorhanden sind, dann gnade Gott jedem lebenden Wesen in meiner Umgebung! Egal, weiter jetzt.

Es war eine kalte Nacht. Die kalten Nächte sind bei mir immer die schönsten Nächte – ich weiß immer noch nicht warum. Aber auch das ist egal. Weiter also. Parisa und ich haben in jener Nacht nach irgendeiner Tanzmöglichkeit gesucht, die nicht voll war von Goldkettchen-R&B-er und “Oh bitte nicht zu nah an mir rum-atmen, die falschen Wimpern könnten mir sonst wegfallen”-Chicks. Das war gar nicht so einfach – aber letztendlich entschieden wir uns für den Schuppen, der die betanzbarste Musik hören ließ. Ich stand damals unheimlich auf Sean Paul und murrte sehr lange rum, dass der da kaum lief, aber egal.

Ich war nicht besonders aufreizend angezogen, das bin ich verhältnismäßig nie, weil ich in Ruhe tanzen will, ohne ständig irgendwo etwas zurecht zupfen zu müssen. Und das muss ich bei mir leider sehr oft, sonst gibt’s Verkehrsunfälle. Eine engere Jeans und ein Wasserfall-Spaghettiträger aus goldenem Satin und die Hüftketten hatten ausgereicht, um mich mal wieder nackt und unwohl in meiner Haut zu fühlen. Aber das legte sich gleich, als ich merkte, dass mein Outfit im Vergleich zu den anderen überhaupt nicht auffiel. Die Musik tat ihr Übriges und entführte mich in völlig andere Gedanken. Ich sah mich ein wenig skeptisch um, immer meine Freundin im Auge, die mit ihrer kleinen Größe leicht mal entführt werden konnte. Die Geschichte mit dem Typen, dem ich ihretwegen derbe eine ballerte, erzähle ich ein anderes Mal. Die ist jetzt – richtig: Egal.

Die Musik war in Ordnung – ein Mix aus R&B und eher schlecht gelungenen Orient-Remixes, die dennoch gleich Lust auf mehr machten. Die Tanzfläche war noch nicht sonderlich voll, der Tag war mit seinen dreiundzwanzig Stunden wohl noch nicht weit genug – also tranken wir unseren Drink und unterhielten uns ein wenig, bis ich dieses wilde Mädchen auf der Tanzfläche sah, das einen sehr beeindruckenden Hüftschwung drauf hatte. Ich betrachtete sie zuerst aus meinen Augen, die millimetergenau ihre Proportionen anpeilten und die Relation ihrer Brüste, zu ihrer Tallie und ihren Hüften abwogen und in Symbiose mit ihrem wilden Haar, ihren Augen und ihrem Gesichtsausdruck brachte. Ich legte den Kopf schief und beobachtete ihre Tanznatur. Nach einiger Zeit schaltete ich um und betrachtete sie aus den Augen eines Mannes. Hatte ich schon erwähnt, dass ich das tatsächlich kann? Frauen aus den Augen eines Mannes betrachten? Aber das ist jetzt egal. Ihre Bewegungen waren aufreizend, aber sie schien das Tanzen nicht als Einladung zu benutzen, sondern tanzte für sich allein. Ihr Hintern war der Hammer. Große Backen, aber nicht vollends schwabbelig, sondern mit einer guten Konsistenz. Das Draufklatschen musste unheimlichen Spaß machen. Ihre Brüste waren verhältnismäßig klein, aber das war unwichtig, der Hintern und die Schenkel machten das wett. Ich spürte, wie dem Mann in mir die Lust zu Kopf stieg, denn ihre wilden Locken wollten auf jeden Fall gekrallt und gebändigt werden. Sie schwitzte und roch sicher auch wunderbar.

Aus den Augenwinkeln sah ich einen jungen Mann, der sich an eine Säule lehnte und mit verschränkten Armen die Tanzfläche beobachtete. Er hatte pechschwarze, dicke, längere Haare, die zu einem Zopf zusammengebunden waren. Er schaute leicht grimmig bis belustigt in die Runde. Sicher würde er bald Interesse an dem Mädchen finden und sie beobachten, so wie ich es beobachtete. Ich verlor schnell das Interesse an ihm und konzentrierte mich wieder auf sie. Switch. Ich war wieder auf Sherry-Modus und genoss ihren auffälligen Tanzstil, der mich förmlich aufforderte, ihm eine Antwort zu geben. Ich wurde unruhig und meine Hüften tänzelten schon unmerklich.

Exkurs: Frauen beim Tanzen sind ein Ereignis an sich. Die Meisten tanzen, um einen Mann zu locken – und das wirkt meistens dumm. Nur wenige tanzen, weil sie einfach nicht anders können und Sklave der Musik sind. Und genau da fängt eine Frau an, ihre Fähigkeit zur Leidenschaft und Hingabe zu zeigen, was dann wiederum bewirkt, dass sie die ganze testosteron beladene Umgebung einfach nur heiß macht.

So eine Tänzernatur war das Mädchen, also konnte ich nicht anders, als auf die Tanzfläche zu gehen – zwar etwas eingeschüchtert durch ihren Hüftschwung – doch meine kleine „Handtasche“ Parisa war ja dabei. Also fingen wir an, ein wenig zu tanzen. Die Tanzfläche füllte sich schnell. Als ich das Mädchen schon nicht mehr beobachtete und ganz darin versunken war, zu tanzen, obwohl mir die Musik noch nicht den Kick gab, den ich brauchte, um wirklich die Zügel loszulassen, passierte das, was nicht passieren durfte: Sean Paul mit „Get buisy“ dröhnte laut aus die Boxen und haute mich um. Ich musste kurz aufgeschrien haben vor überschüssiger Energie und merkte, dass ich nicht die Einzige war. Das tanzende Mädchen schrie auch auf. “Shake that thing miss kana kana, Shake that thing Miss Annabella, Shake that thing yan donna donna” munterte Sean Paul uns aus den Boxen heraus auf und ließ einfach nicht locker, bis die Menge auf die Tanzfläche stürmte.

Man muss Sean Paul’s Rhythmen kennen, um zu wissen, dass man darauf nicht mehr weich tanzte, sondern der ganze Körper sich absolut verspannte, um sich dann in sehr kurzen Intervallen in den Hüften völlig zu entladen. Ich merkte, wie mich der Rhythmus endlich zu unterwerfen drohte, wie mir alles egal wurde. Ich wollte nur tanzen und der Spannung in meinem Körper und in meiner Seele einen verdammten Ausweg nach draußen bahnen, bevor ich explodierte – nichts Anderes war wichtig. Ich schloss die Augen und tanzte mit Allem, was ich hatte. Manchmal öffnete ich die Augen und sah einmal den jungen Mann, der an der Säule gelehnt war, wie er mich nachdenklich anschaute und sich in seinen Augen irgendetwas Unbestimmtes regte – mal sah ich das tanzende Mädchen, das mich einfach nur entzückte. An ihrem Blick blieb ich irgendwie hängen, weil sie so unfassbar wild und vom Rhythmus gepeitscht tanzte. Sie schien bei diesem Track genauso hin und hergeschmissen zu werden, wie ich…

“Its all good girl turn me on
’til a early morn’
Let’s get it on
Let’s get it on ’til a early morning
Girl it’s all good just turn me on”

Wir schienen uns aus der Ferne gegenseitig anzuspornen, alles beim Tanzen zu geben. Sie klatschte, um mir zu zeigen, dass sie meinen Tanzstil bewunderte und ich zeigte ihr meine Anerkennung auf die selbe Art und Weise. Es dauerte keine dreißig Sekunden, und sie war nicht mehr weit weg von mir. Wir tanzten einander an und beäugten uns erst mal glücklich, während wir weiter zueinander geneigt unsere Hüften warfen. Irgendwann merkten wir, wie die anderen um uns herum uns beobachteten und auf irgendeine Explosion warteten – im Hintergrund sah ich immer wieder diesen jungen Mann an der Säule. Als das Mädchen sich umdrehte, um mir ihren Po-Shake von hinten zu zeigen, tanzte ich sie von hinten in der Stellung an und hielt irgendwann ihre Taillie mit beiden Händen und schmiegte meinen Rhtythmus an ihren an. Der Rhtythmus wurde immer härter, die Vibratio in unseren Hüften auch. Wir ließen uns leiten. Als ich mich umdrehte und wegtanzen wollte, tat sie es mir gleich, schnappte mich von hinten und presst sich an mich. Wir tanzten und lachten, sahen die Menge neugierig gucken und hörten die Frauen klatschen und kreischen. Ich merkte aber, dass ihr Atem zu kurz war um noch bis zum Ende durchzuhalten. Sie brauchte eine kleine Pause, also verabschiedete ich mich tanzend von ihr und zeigte ihr nochmal, wie toll ich ihren Tanzstil finde. Sie lachte euphorisch auf und schenkte mir ihrerseits das selbe Kompliment, indem sie mich von oben bis unten anschaut und klatscht. Hüft-shakend entfernen wir uns voneinander.

Ich war wieder ganz für mich alleine. Meine Augen schlossen sich – dieses verdammte Lied war immer noch nicht zu Ende. Ich hatte sogar Parisa aus den Augen verloren. Alles war egal, ich tanzte mir das Leben aus dem Leib und merkte nicht, wie dieser junge Mann an der Säule gar nicht mehr an der Säule war. Ich schaute mich kurz aufgeschrocken um, denn irgendetwas stimmte nicht, irgendetwas Unruhiges tänzelte in meinem Nacken oder um mich herum. Bevor ich mich richtig umschauen konnte, spürte ich schon diesen festen Griff an meiner Tallie, der mich zielbewusst packte – nicht zu vergleichen mit dem verhältnismäßig schüchternen Griff des Mädchens. Ich schrie kurz auf, als ich merkte, wie jemand sich an meinen Rücken presste. Ich drehte mich noch im Tanz ruckartig um und sah diesen grimmigen Typen, wie er mich fest ansah, amüsiert lächelte und “nebenbei” ein Körpergefühl im Tanz hatte, das seinesgleichen suchte. Ich schaute ihn aus Pflichtgefühl böse und abweisend an und schubste ihn einen Schritt zurück und sah ihn weiterhin verächtlich – aber immer noch tanzend – an, drehte mich auf dem Absatz um und wollte – ja, immer noch tanzend – Richtung Parisa tanzen.

Das alles muss ausgesehen haben wie ein eingespieltes Schauspiel auf der Bühne, als der junge Mann von hinten meinen Arm packte und mich feste zu sich zog – so nah, dass meine Nasenspitze fast seine berührte. Er packte mit seiner Hand meine Taillie und presste mich an sich, während er meine andere einfach mit der anderen Hand gefechtlos machte. Er schaute mir fest und fordernd in die Augen und führte mich in die Richtung, in der er mich haben wollte. Ich hatte keine andere Wahl, als in dem Moment mit ihm zu tanzen und ihn dabei in einem erbärmlichen Versuch, böse anzusehen, obwohl ich um Fassung rang. Plötzlich merkte ich, wie unsere Umgebung kreischte und pfiff. Ohne dass ich merkte, was geschehen war, bildete sich ein Kreis um uns. Mir war das so unangenehm. Ich war plötzlich wütend und unglaublich euphorisch zugleich, als ich merkte, wie seine Hand sich auf meinen Hintern zubewegte und auf meiner Haut einfach nur eine brennende Spur hinterließ. Die Menge wurde bei jeder Handlung und Gegenhandlung lauter. Ich packte tanzend seine Hand von meinem Außenschenkel, drehte mich um und legte sie stattdessen auf meine Taillie, bis der Aufruhr sich wieder in schnelle, synchrone Bewegungen wandelte. Die Vibratio in unseren Hüften stieg immer weiter an, die Spannung zerriss die Atmosphäre. Es roch nach Feuer und Schweiß. Und das alles immer noch auf dem selben scheiß Track, in dem Sean Paul mir zurief, ich soll shaken was das Zeug hält.

Er hielt mich fest und tanzte entschlossen. Diesmal wanderte seine Hand hoch und wollte zu meiner linken Brust. Wieder wurde die Menge laut und ich packte seine Hand rechtzeitig und drehte sie so fest, dass er “Au” rief. Wieder stand ich ihm frontal gegenüber, schnappte mir seinen Kragen und zog ihn zu mir, hielt ihn fest und war diesmal jene, die den Rhythmus angab. Ich lächelte triumphierend, wollte dominant wirken und ließ ihn rückwärts gen Boden tanzen. Doch ich unterschätzte ihn. Er war so gelenkig, dass ich mich solange zu ihm runter beugen musste, bis er fast in einem Guss so hätte eine Brücke machen können. Als ich dachte, er kann nicht tiefer runter und schon siegessicher Gnade walten lassen wollte, packte er meine Taillie nochmal ganz fest, zog mich mit sich runter und verschwand mit seinen Augen in mein Dekolleté, das durch meine zu ihm gebeugte Körperhaltung natürlich offene Sicht bat. Er macht große Augen, lachte und schüttelte seine Hand plakativ, als habe er sich an meinem Dekolleté die Hände verbrannt. Die Menge kreischte und lachte immer lauter und erhitzte die schon heiße Situation immer weiter. Ich wich zurück, hielt etwas verunsichert und fauchend mein Dekolleté zu. Er jedoch nahm meine schützende Hand und drückt sie tanzend runter, so dass automatisch meine andere Hand mein Dekolleté umfasste. Mit großen, vorwurfsvollen Augen sah ich ihn an – und alle lachten herzhaft. Es muss wirklich wie einstudiert ausgesehen haben. Es war alles so synchron.

In meiner Unbeholfenheit wollte ich mich wieder umdrehen und in eine andere Richtung tanzen. Das ließ er sich nicht gefallen. Wie zu Anfang packte er mich, presste unsere Gesichter und Körper nah aneinander und tanzte. Tanzte, tanzte, tanzte – irgendwer muss dem DJ gesagt haben, dass er Sean Paul auf Repeat laufen lassen soll, wie sonst konnte ein Track nur so unendlich lange dauern? Wir tanzten eng und wild – immer einem Machtkampf verfallen, den ich verdammt ernst nahm, der ihn jedoch höchstens amüsierte oder animierte, was mich noch wütender machte und mich tänzerisch auf Hochtouren trieb.

Irgendwann klatschte ich ihm im Tanz auf den Hintern, als sei er mein Bunny und nicht umgekehrt. Er lachte auf, nahm meine schuldige Hand und presste sie erst sanft und dann fester an meinen Rücken, vernarrte sich in meinen Blick und tanzte. Er war ganz nah, schaute mir sehr intensiv und bezwingend in die Augen. Meine Hand auf dem Rücken tat mir ein wenig weh, aber ich zeigte es nicht, trat ihm einmal auf den Fuß, um danach sofort wieder süß zu lächeln, woraufhin sein Griff etwas fester wurde. Ich tanzte unerbittlich bis zum Schluss weiter und flehte nicht um Gnade, so wie er es wollte, sondern machte seinem Körpergefühl und seiner Ausdauer Konkurrenz. Die Menge um uns herum war entzückt und schrie – wir hatten sie angesteckt, endlich krallten sich Männer und Frauen wildfremde Tanzpartner und taten uns alles gleich. Ließen sich einfach in ihre eigene Wildnis fallen, so wie er und ich auch. Aneinander gepresste, wildfremde Körper beschenkten einander mit Hitze und Leidenschaft und schenkten den Rhythmen ihren Tribut. Sie kämpften um Macht, so wie wir um Macht kämpften. Sie taten sich ein wenig weh und übertraten persönliche Grenzen, so wie er und ich es taten. Sie schnauften und lachten dabei, so wie wir es taten. Es war eine Mischung aus Wut und Verzückung in einem. Es war Lust, aber nicht nur Sexuelle, sondern eine, die sich auf das ganze Leben und die körperliche Existenz ergoss. Nicht nur mehr die Musik peitschte und unterwarf uns, sondern wir peitschten und unterwarfen uns gegenseitig – und das war einfach nur extatisch. Diese Mischung war so großartig, dass es unsere Herzen in Fetzen zu sprengen drohte.

Sean Paul rief noch einmal “Shake that Thing” – und wir alle gaben alles, obwohl wir dachten, wir hätten nichts mehr. Als der Track zu Ende war, seufzten alle in- und miteinander auf. Der junge Mann lockerte seinen Griff, sah mich überglücklich und mit strahlenden Augen an, nahm meine Hand, küsste sie, ohne seinen Blick von meinen Augen zu lassen und sagte nur: “Danke. Du bist eine wundervolle Tänzerin. Einfach nur danke.” Noch einmal lächelte er entspannt und ernst, drehte sich um und ging aus der Halle raus. Ich stand wie angewurzelt da, schaute mich um und sah die Menge entspannter tanzen. Irgendwie einsam und verlassen schaute ich mich um und suchte nach einem bekannten Gesicht und fand Parisa.

“Mein Gott, Sherry. Wie Ihr getanzt habt. Oh mein Gott! Kanntest Du ihn? Wo habt Ihr das denn eingeübt?”, fragte sie hektisch.

“Eingeübt? Oh mein Gott, Parisa. Ich habe ihn heute zum ersten Mal gesehen!”
“Zum ersten Mal? Und so tanzt Du dann mit ihm? Unsere prinzipienstrenge Sherry?”, lacht sie.

“Oh nein, ich war unanständig…”, sah ich Parisa mit großen Augen an und hielt mir dann die Augen zu und verfluchte diesen Typen. Mit diesem Typen, der so unglaublich leidenschaftlich tanzen konnte und sich einfach nahm, was er wollte. Der, der mich auf der Tanzfläche zum Äußersten brachte. Der, der mit mir kämpfte und mir seinen Sieg wie einen eigenen Triumph versüßen konnte.

“Dieser Wixer”, fluchte ich und lachte. Hoffentlich sehe ich ihn nie wieder, dachte ich. Bloß nie wieder. Der Typ ist eine Katastrophe. Einfach eine Katastrophe wie aus meinen Träumen. Aus meinen Träumen.

Das tat ich auch nicht. Er schien nur gekommen zu sein, um die Menge beim Tanzen zu beobachten. Er wollte einfach nur einen Tanz haben. Einen einzigen Tanz. An jenem Abend war ich seine Auserwählte. Dieses eine Mal.