13.07.2011, 01:58
So war das eben!
Ich bin vierzehn Jahre alt, sehr impulsiv und ungeduldig. Eigentlich hat sich seitdem nicht viel geändert, außer dass ich heute vernünftiger bin. Ich warte, bis der Pausengong ertönt, damit ich endlich ins PZ kann, um Fußball zu spielen. Wir hatten die Runde noch nicht zu Ende gespielt und wollten die gegnerische Mannschaft zerstören. Meine Füße wippen nervös. Ich mache mir Gedanken über die enge Jeans, die ich anhabe. Was für eine scheiß Angelegenheit das doch ist, gut aussehen zu wollen ohne dabei seine Hobbies aufzugeben. Hobbies wie Fußball, Kicker, Badminton, Spaßkämpfe – Dinge, bei denen man eben potenziell einen Jean-Claude-van-Damme-Karate-Kick-nahe-einem-Spagat leisten musste. Sorry für die vielen Bindestriche, ich bin mir einfach nicht mehr sicher, wo genau die in seinem Namen hingehören, also einfach überall hin, gut so. Jedenfalls waren das alles Dinge, die inkompatibel mit der Mädchenmode waren, die zu der Zeit aus knallengen Levis fünfhundert-und-nochwas bestand und später Plateau-Schuhen, mit denen die Auf-die-Fresse-Fliegerei besonders niedlich aussah. Ich hatte also immer eine kleine Tüte in meinem coolen Rucksack, in der meine Sportschuhe drin waren.
Ich schiele genervt zu meiner besten Freundin Dini (Spitzname). Man hatte uns auseinander gesetzt, nicht weil wir soviel quatschen, nein das taten wir nicht, wir verstanden uns ja wortlos – und das sage ich jetzt nicht so klischeewürgend, das war wirklich so – sondern weil es eine Zeit lang üblich war, dass man Klassen in Gruppen zusammen setzte, damit schlechtere Schüler von den Guten profitieren konnten durch – ja – Gruppenarbeit eben. Dass Gruppenarbeit komplett ineffektiv war und selbst die guten Schüler dann entweder von der Lässigkeit der Schlechten angesteckt worden sind (was total cool war) oder bei Pflichtaufgaben dann doch lieber alles auf sich nahmen, damit da auch etwas Gutes bei rauskam, verstanden die Pädagogen mal wieder nicht. Mal wieder.
Ich schaue aus irgendeinem Grund auf Frau Spekki (Name minimal geändert), die meine Stirn am anvisieren war, um meine Aufmerksamkeit wieder auf Linie zu bringen. Ich rolle meine Augen und seufze, folge ihrem wortlosen Befehl und fixiere ihre Sauklaue da an. Wer soll das bitte lesen können? Immer, wenn sie sauer war, schrieb sie furchtbar. Und so laut. Das war das einzig Tolle daran, wenn sie mies drauf war. Diese Kakkalacklalacks an der Tafel. Die hörten sich lecker an. Und ja, Geräusche können sich lecker anhören. Neben diesem festen Tafelvergewaltigungsgeräusch gab es noch etwas, das sich lecker anhörte: Nämlich klackernde Pumps auf der Schildergasse, die kurz vor dem Nichtgehörtwerden sind, weil Kölner einfach die Lautesten sind. Und das aber auch nur, wenn das Tempo hoch genug war, um sich den wackelnden Hintern der Frau, die sie trug, vorstellen zu können, ohne hinzuschauen.
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27.06.2011, 14:23
Leerliebe
Als ich jünger war, war ich die Verfechterin der unendlichen Liebe. Unendlich nicht in der Größe und Intensität, sondern in der Zeit. Ich war der festen Überzeugung, dass wenn man erst einmal einen Menschen in sein Herz gelassen hat, man nie wieder aufhören würde, ihn zu lieben. Komme was wolle. Bezaubert von der Idee der bedingungslosen nicht-enden wollenden Liebe, die so passend ist zu meinem persischen Namen “Mohnblume, die ewig Verliebte” war, behielt ich also jeden in mir und meine liebevolle Obhut, den ich Freund, Freundin und Seelenverwandter nannte.
Das Erwachsenwerden belehrte mich eines Besseren. Nun, vielleicht nicht eines Besseren, aber eines Realistischeren. Wenn Erwachsensein bedeutet, dass man sich seiner Illusionen entledingen muss, dann weiß ich: Erwachsenwerden tut weh. Und zum Anderen weiß ich: Erwachsen bin ich noch nicht ganz, denn einige Illusionen lasse ich nicht los. Meine Unschuld verlor ich also das erste Mal, als ich merkte, dass ich Menschen, die ich einst geliebt habe, auch durchaus nicht mehr lieben kann, wenn sie Grenzen überschritten haben. Dabei gab es immer den einen Aspekt, der genau diese langsam schwindende Liebe ins Nichts beförderte: Vertrauensbrüche. Immer wieder Vertrauensbrüche, die durch ihre Mehrmaligkeit unverdaubar wurden.
Und nun, da ich über Misstrauen nachdenke, frage ich mich, ob ich nicht eventuell vielleicht doch nicht mit dem Lieben aufgehört habe, sondern nur mit dem Vertrauen. Und ob diese Entfremdung beider Größen voneinander in mir lediglich eine Leere hinterlassen, die mich glauben lässt, dass es sich nicht mehr um Liebe handeln kann. Immerhin ist Liebe ja warm oder schmerzhaft heiß. Aber leer? Ich sollte meine Desillusionierung also noch einmal überdenken. Vielleicht kann Liebe auch leer sein. Leerliebe eben. Gewohnheitsbedingt gedacht, anstatt enthusiastisch gefühlt. Was denkt Ihr?



Was man mir nicht ansieht ist: Ich bin zu einem Viertel Deutsch. Und meine Ur-Großmutter war Tschechin. Eine berüchtigt schöne Frau mit dunklen Haaren und markanten Gesichtszügen, die Strenge und Wärme zugleich ausstrahlten. Mein Ur-Großvater verliebte sich damals auf der Stelle in sie, doch die Geschichte ihres Zusammenkommens ist fast so kompliziert, wie die Liebesgeschichte meiner eigenen Eltern. Als mein Ur-Großvater starb, starb meine Ur-Großmutter nur wenige Monate später mit ihm. Wenn man die Selbstaufgabe und die Notwendigkeit, morgens aufzustehen und das Fenster zu öffnen einen Tod aufgrund eines gebrochenen Herzens nennen kann, dann kann man sagen, sie starb an einem gebrochenen Herzen. Ja.
Aus dieser seltsamen iranisch-deutsch-tschechischen Verbindung sind meine wunderschöne Mutter und mein Onkel hervorgekommen. Beide haben sie smaragdgrüne Augen, eine helle Haut und kastanienbraunes Haar. Ihre Gesichtszüge sind nicht iranisch, aber auch nicht deutsch. Niemand kann wirklich einschätzen, woher sie stammen. Sprechen sie deutsch, haben sie einen persischen Akzent. Und auf Persisch unterhalten sie sich lieber als auf Deutsch. Groß und schlank sind sie, so ganz anders als meine Familie väterlicherseits, die sehr iranisch ist – einerseits persisch, andererseits azari – und die eher eine kräftige und robuste Muskulatur und Skelletur hat, während mütterlicherseits alles sehr zart, schlank und groß ist. Wir sind nun aus dieser schönen Mischung hervorgegangen. Ich habe schwarzes Haar und typisch iranische Augen und Augenbrauen, aber bin recht hellhäutig und groß für eine Iranerin. Meine Schwester scheint der Linie meiner Mutter eher zu entsprechen. Sie ist sehr hellhäutig und hat hellere Augen als ich, ihr Haar ist kastanienbraun – aber sie ist kleiner als ich. Mein Bruder hat dunkelbraunes Haar, ist von der natürlichen Statur her sehr groß, aber hat die starke Muskulatur und das starke Skellet meiner Familie väterlicherseits bekommen. Dennoch hat er zierliche Anteile mütterlicherseits im Gesicht und an den Händen.
Meine Oma mütterlicherseits – eine Frau von außergewöhnlicher Schönheit, der man große Ähnlichkeiten zu Elizabeth Taylor nachsagte – ist sehr früh verstorben, so dass meine Mutter mir nicht viele alte Geschichten aus jener Zeit erzählen kann. Doch die fünfhundert Bilder in schwarz-weißer Seelenmalerei, die wir von meinen Ur-Großeltern entgegen genommen haben und in Ehren halten, erzählen Geschichten, die heute noch leben. Alte Briefe sind darin versteckt und mit Liebe zusammengefaltet. Postkarten, kleine Notizen, schüchterne Liebesbekundungen, erzählen von heimlicher Liebe und Trennungen und Vereinigungen durch Krieg und Frieden. Ich fand zwei selbstgemalte Bilder, die meine Mama als Kind gekritzelt hatte und ihrer Oma – meiner Ur-Oma – geschenkt hatte. Sie hatte es datiert und aufbewahrt. Weiterlesen… »
Wenn Du aufwachst und nach 32 Jahren der bestialischen Fremdbesatzung Deines Landes noch immer diesen einen ersten Schockgedanken des Tages hast und denkst: “Oh Gott, mein Land ist in Gefahr, ich muss was tun!”, dann bist Du Iraner. Wenn Du aufstehst und Dich mit verbalem Dreck beschmeißt, weil Du hier ein normales Leben ohne Folter und Tod führst und dabei die zugebundenen Augen jener Namenlosen nicht vergessen kannst, die gestern, vorgestern, heute und morgen für Dinge hingerichtet werden, die es gar nicht gibt, dann bist Du Iraner. Wenn Du Dein Frühstück zu Dir nimmst und weißt, dass Du statt Orangensaft einen schwarzen Tee mit Safranaroma willst, aber ihn nicht trinkst, weil er Dein Heimweh in ein unermessliches Maß vergrößert, dann bist Du Iraner. Wenn Du auf dem Weg zur Arbeit die Gesichter Deiner Landsleute in Bahnen, Bussen und Straßen suchst, um dann beim Entdecken Dein eigenes doch abzuwenden, dann bist Du Iraner. Und wenn Du dann nochmal hinter ihnen herschaust, Dir in Deinem Innern denkst: “Verzeih’ mir. Aber ich kann mich jetzt nicht mit Dir und mir konfrontieren. Denn alles, was mit uns zu tun hat, ist unerträglich schwarz” und ihnen flüsternd mit Eurer inzwischen gebrochenen Muttersprache alles Glück der Welt wünschst, dann bist Du Iraner. Wenn Du trotz all der übermalten Schminke in Deinem Gesicht und Deinen betonten Augen- und Augenbrauen, noch immer Deine Trauer nicht verbergen kannst – und Deine dunklen Augenringe Deine schlaflosen Nächte verraten, dann bist Du Iraner. Wenn Du Dich vier Mal in der Woche auf Partys zwingst. Partys, in denen es nur Iraner gibt. Die Du zwar Zeit Deines Lebens suchen wirst, aber auch am liebsten bezwingen oder ihnen entfliehen willst, weil ihre Dekadenz Dich zur Weisglut bringt, dann bist Du Iraner. Und wenn Du dann trotz Deines Gefühls, im Sumpf dieser Oberflächlichkeit zu ersticken, noch immer weiter tanzt und die berühmten nichtssagenden Floskeln allen, die Dir begegnen, in ihre Gesichter schmeißt, anstatt über Deine Sehnsucht zur Heimat zu reden, um endlich im Gefühl der einheitlichen Verzweiflung den Boden mit allen ungeweinten Tränen zu füllen, dann bist Du Iraner. Weiterlesen… »
04.06.2011, 00:57
5f / 50f [Gefühlt]
Diese sterbende Diva habe ich in der Nähe unserer Haustüre gefunden. Sie kämpfte sich durch Gestrüpp ihren eigenen Weg in die Aufmerksamkeit von Wesen, die ihre Schönheit zu schätzen wissen. Sie hat soviel Kraft dafür aufgebraucht, um diesen einen Augenblick von Ruhm zu erleben, dass sie sehr müde aussah – aber dafür umso schöner, stolzer und erleichterter, als sie merkte, dass ich mich in sie verliebte und ihre Schönheit festzuhalten suchte. Ihre Farben waren blass und sie war müde von ihrem eigenen Traum. Deshalb habe ich mir erlaubt, ihren Ruhm und Glanz wie den der alten Diven in Schwarz-Weiß abzulichten. Ich liebe dieses Foto. Es bedeutet mir etwas. Aus irgendeinem Grund war ich zutiefst berührt, als ich sie ansah. Auch, wenn es vielen gewöhnungsbedürftig erscheinen dürfte, Blumen in Schwarz-Weiß zu bewundern. Ich hoffe, ihr liebt sie genauso wie ich. Ich hoffe, Ihr seht sie so, wie ich sie sehe.

Nachträglich hinzugefügt: Ich habe sie mit in das Profjekt 50f reingenommen. Gestern, beim Durchlesen der Wortliste sprang mir “Gefühlt” entgegen. Und obwohl meine Grundidee zu diesem Wort als Fotografie eine andere war, passte diese Diva besser für mich rein. Denn als ich sie entdeckt hatte, habe ich sie tatsächlich gefühlt.
Text, Design & Photos by Sherry Iranique. Copyright © 2010 Sherry Iranique. All rights reserved.
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