Kategorie "Nostalgia"
26.05.2011, 15:39
Sari Galin (Die goldene Braut)

Sari Galin (auf azari: Die Blonde / Goldene Braut) ist ein berühmtes Volkslied der Armenier, Azaris und Iraner. Man weiß nicht, ob das Golden oder das Gelb sich auf das blonde Haar der Braut, die helle Haut oder das Hochzeitsgewand bezieht. Die alternative Übersetzung der Armenier bedeutet: “Die Braut der Berge”. Das Wort “Sar” bedeutet dort nämlich “Berg”. Man weiß nicht sicher, aus welchem Land dieses wunderbare Lied tatsächlich kommt, was die Geschichte, in der es in diesem Lied geht, noch bedeutsamer macht.

Es geht um die Geschichte eines Paares, das wegen verschiedener Ethnie und Religion nicht heiraten darf. Und da geht sie, die goldene Braut. Das ganze Lied ist wie ein sanftmütiger, trauriger, rosenbenetzter Trauermarsch der wunderschönen Braut in die Arme eines anderen. Hört selbst. Sie geht an ihm vorüber. Die goldene Braut am trauernden Liebenden.

Am Anfang hört Ihr das Lied auf Azari, in der Mitte auf Armenisch, am Ende auf Persisch. Ich hoffe, es entführt Euch so, wie es mich jedesmal entführt. Klick zum Lied: ❀ Sari Galin – Azari, Armenian und Persian Trio ❀

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22.04.2011, 09:18
Beimirsein ist Beidirsein

Meine Großstadt ist in den letzten Jahren geschrumpft. Egal, wohin ich gehe, ich kenne ein paar Gesichter – und die Gebäude kommen mir bekannt vor. Man müsste meinen, sie habe dadurch an Vertrautheit gewonnen, am positiven Gefühl, Zuhause zu sein. Aber das hat sie nicht – manchmal zumindest nicht. Vor allem gestern nicht.

“Ich weiß nicht, Sherry. Ich weiß nicht, was das ist. Aber es hört sich an wie die Konstruktion einer dramatischen Soap mit einer sterbenden Diva mittendrin. Deine Geduld ist wirklich nicht nachvollziehbar, wenn man bedenkt, dass Du schon bei einer Einkaufsschlange kurz vor’m Abdrehen bist und am Liebsten die ganze minderbemittelte Technologie beschimpfen will, die es irgendwie nicht schafft, eine menschliche Schlange zu verkürzen. Technologisch, versteht sich.” Sie lacht. Ihr lachen ist schön. Es ist ein leises lachen. Oder nein, es ist nicht leise, aber es hat die Luft definitiv um Erlaubnis gefragt, es für den sanften Schalldruck ihres Lachens benutzen zu dürfen. Sie fragt immer, egal, was sie tut, sie fragt erst einmal die Seele(n) neben sich, die physikalische  Realität um sich herum, ob sie darf. Ob das in Ordnung ist, wenn sie sich ihres Daseins bedient. Selbst, wenn sie sich kratzt, fragt sie sich, ob sie irgendwelchen Keimen Leid angetan hat. Sie fragt sich das schon lange nicht mehr bewusst, aber sie handelt so, als würde sie genau das tun. Und doch ist sie zu wenig grausam, um sie Mutter Erde zu nennen. Mutter Erde muss lieben und hassen können. Ihre eigenen Kinder tadeln, wenn sie die anderen Kinder zerstören. Den Menschen schlagen. Ich schweife ab. Ich lächle müde und antworte: “Keine Ahnung, Chikita. So ist das eben. Hätte ich nicht außerordentliche Geduld mit Menschen, würde ich doch nicht Psychologie studieren. Was denkst Du?” Sie ahmt meine Müdigkeit nach – nein, sie ahmt sie nicht nach – sie fühlt sie mit und antwortet: “Hättest Du weniger Geduld, könntest Du sie besser zur Änderung zwingen, Sherry. Aber ich weiß, dass Du mit Patienten anders umgehst, als mit Deinen Lieben und Deinen Freunden. Du bist ein Punchingball. Das habe ich Dir damals schon gesagt, als ich mit ansehen musste, wie Du alles mitmachst, nur um gewissen Menschen die Erlaubnis zu geben, auf Deine Kosten ihr Selbstwertgefühl aufzubauen.” Ich schweige.

Der gestrige Tag war ein Hin- und Her von neuen Erkenntnissen und wichtigen Entscheidungen. Wirklich wichtigen Entscheidungen. “Sag’, Schatz, was machen wir heute? Was wünschst Du Dir? Du hattest soviele Ideen, dass ich Dich heute lieber spontan entscheiden lassen will”, sagt er. “Lass uns mal zu diesem Restaurant, das genau zwei Minuten Fußweg von uns entfernt ist. Wieso muss man immer weit weg? In-die-Stadt? Hier ist auch Stadt”, meckere ich, obwohl niemand Widerspruch leistet. “Wie schmeckt’s dort denn?” “Keine Ahnung, Schatz. Es steht hier schon seit 15 Jahren, aber ich war nie drin.” – Das zu meiner Kenntnis über meine Stadt. Mir ist aufgefallen, dass ich die meisten Locations nur von Außen betrachtet habe und nur die Besondersten von Innen. Besonders ist eine Location nicht, wenn sie besonders hoch angesehen oder bekannt ist, sondern wenn ich wichtige Erinnerungen mit ihr verknüpfe. Weiterlesen… »

16.04.2011, 08:50
Wandlungen

Es ist wieder soweit. Ich habe angefangen, dieses Lied samt Video zu gucken und bin seit gestern darauf hängengeblieben. Nach einer ausgiebigen Playlist (s.u.) mit wunderbaren Songs, von denen ich einfach forderte, dass sie meine verhärteten Stresssymtome aufweichen, mit ihren melodischen positiven Strahlenarmen durch meine Wand eindringen, bin ich bei ihm hängen geblieben. Bei Udo Jürgens und seinem Song “Chérie”. Bitte lacht mich nicht aus, denn dass ich dieses Lied so liebe, hat nichts damit zu tun, dass er für “Chérie” singt.

Mir wird bei diesem Video nur bewusst, wie sehr wir – wie sehr die Musik – sich verändert hat. Wie sehr die Schlüsselreize für die Masse sich in die damals noch unbedeutende Peripherie verschoben haben. Das perfekte Video ist heute am wichtigsten. Gute Choreografen sind ein Muss. Die besten Videofilter für makellose Gesichts- und Körperhaut ist obligatorisch, die Übermalung von menschlichen Zügen sind unverzichtbar, damit die Stars einmal entpersonalisiert und ersetzbar gemacht werden, aber dennoch anbetungswürdig und unwirklich wirken. Kein Gramm darf man zuviel haben, die Brüste einer Sängerin müssen prall und rund sein, die Muskeln eines Sängers 3-D-gleich ausdefiniert. Was in die Peripherie gerückt ist, ist die Stimme, die einzigartige Persönlichkeit, die Art und Weise, wie ein Künstler singt, weil er ganz individuell leidet und Glück empfindet. Weil er eine ganz andere, aber doch ähnliche Lebensgeschichte hat wie wir. Dafür gibt’s den guten Tontechniker, der sich seit dem neuen Trend der unpersönlichen Stars nun selbst verarschen muss, um sein Geld zu verdienen. Er hat sich damit abgefunden, dass er keine genialen Orchester-Arrangements mehr zaubern muss, selber künstlerisch und feinhörig tätig sein darf, sondern die schiefen Töne von irgendeiner austauschbaren, traurig ausgenutzten kleinen “Sängerin” oder irgendeiner nichtssagenden, brustepilierten Boyband digitalisieren und zurechtrücken muss, damit alles so sitzt, wie es der dicke Produzent fordert.

Die Musikbranche gehörte damals schon zu der harten und dreckigen Branche. Doch in Relation zu heute, haben sich Stars ohne ihre Produzenten noch gehalten, weil sie in ihren Auftritten geschwitzt haben, ihre Stimme der Realität ausgesetzt haben und auch mal versagt haben. Weil sie Lieder nicht gleich sangen, sondern jedesmal anders, so dass man fühlen konnte, wie sie sich fühlen und dass sie sich dieses Mal anders fühlen. Sie haben gekackt und gepinkelt – und alle wussten es und verehrten sie dennoch. Sie haben ihre Existenzberechtigung als Künstler daraus gezogen, dass sie tatsächlich sangen, selbst komponierten und ihre Texte schrieben. Sie waren menschlich, sie haben uns an-ge-se-hen, so wie wir sie angesehen haben. Alle zwei bis drei Jahre entdeckten wir bei ihnen die neuen Lebensfalten im Gesicht, die wir auch bei uns entdeckten und liebten sie dafür umso mehr, weil sie zusammen mit uns – wirklich mit uns – erwachsen wurden, alterten und ein echtes Leben lebten. Weiterlesen… »

08.03.2011, 12:07
Delicate Romance
25.12.2010, 15:08
Realität vs. Realität

Seit zwei Tagen spielen wir Playstation 3D Spiele. Wenn wir abgeschossen werden oder etwas abschießen, knallen uns die Funken und Feuerwerke um die Ohren. Die Maschinenteile unserer Raumschiffe splittern uns entgegen, wir halten uns die Hand zum Schutz vor’s Gesicht, damit wir nicht getroffen werden. Die schweren 3D Brillen auf unseren Nasen nehmen wir nicht mehr wahr. Das da – dort, wo wir draufschauen – ist die Realität, in jenem Moment ist sie das. Eine, in der wir zwar nicht so große Angst haben und die Ungereimtheiten nicht wirklich gewichten, aber alles, was wir denken, wahrnehmen und mit Knopfdrucken tun, aktiviert in unserem Gehirn genau jene Areale, die aktiviert werden würden, würden wir all die Aktionen tatsächlich ausführen. Was ist nun Realität? Woran genau können wir sie festmachen?

Vielleicht ist das hier ein schlechtes Beispiel für eine klare Trennschärfe der Realitätsdefinition, denn immerhin findet dieses Spiel noch immer in unserer uns bekannten realistischen Alltag statt. Kommen wir zu einem anderen Beispiel.

Letzte Nacht träumte ich. Ich stand in einem großen Atelier vor einem Gemälde. Es war noch nicht einmal ein großes Gemälde. Eine warme, vertrauenswürdige Person – ich weiß nicht mehr, ob Mann oder Frau (was dort in der Traumwelt aber einfach keinen großen Unterschied machte) – schaute mich direkt an. Das Bild war lebendig, aber nur zweidimensional und so bewegungslos, wie Bilder nun einmal sind, wenn man kein ganz spezielles Auge für sie hat. Ich verfing mich in den Augen dieser warmherzigen, vertrauenswürdigen Person und lächelte sie einfach an. Als Dank dafür, dass ich mich kurz in dieser kargen Atelierslandschaft sicher fühlen durfte.

Was dann geschah, war so faszinierend. Als hätte mein Lächeln eine Welle in das Bild geschlagen, fing es an, sich zu bewegen. Wie die Kreise in einem stillen See, der einen flachen Stein in sich aufgenommen hat, bewegte es sich, wellte es, trieb es, bis das Bild im Rahmen eine 3D-Landschaft zeigte. So ein digitales 3D, wie ich es in meinen 3D-Spielen erlebte, aber um vieles weicher, weltfremder, wärmer. Das Gemälde war ein sich bewegendes 3D Gebilde. Glitzerndes Wasser im Hintergrund, rechts oben die Milchstraße, bei der ich “um die Ecke” des Rahmens schauen konnte und die Unendlichkeit greifen konnte. Weiterlesen… »