Kategorie Philosophia
27.02.2010, 19:31
Moral

Moral ist lediglich eine Art von intelligenter, effizienzfördender Bequemlichkeit. Anstatt jede Sekunde um seinen Besitz und sein Leben gegen andere zu kämpfen, sperrt die Moral diesem Spiel einen mehr oder weniger festen Riegel vor, indem sie sagt: “Mensch, in Deiner Ur-Form bist Du falsch. Wenn Du Dich nicht zügelst, schließen wird Dich aus, sperren wir Dich ein, töten Dich gar.”

Das war der Anfang. Der Anfang von Adipositas, Depressionen, Hysterie und Angststörungen – anders ausgedrückt: Der Zivilisation. Yeah.

25.02.2010, 14:15
Zahnräder

Letzte Nacht. Irgendwo einsam im Netz sucht eine schlaflose junge Frau nach Zeilen in anderen virtuellen Tagebüchern, die ihr wirklich etwas zu sagen haben. Zeilen, die es schaffen, die Skurrilität der Existenz am Schopf zu packen und – wenn auch nur kurz – zu schütteln und zu rütteln, zu beherrschen und zu zähmen. Alles hätte sie für dieses kurze Szenario gegeben. Jemand tritt all den Grenzen und Determinanten von Erschaffung und Zerstörung, dem Kreislauf des Lebens und dem Tod – und Gottes Gesetzen so dermaßen in den Allerwertesten, dass man die Sterne hätte lachen hören können. Aber sie hat nichts gefunden. Nichts, außer tausend Floskeln des Alltags, die sich Menschen gegenseitig in die Hand drücken, um sich selbst und ihrem ratsuchenden Mitmenschen die Illusion von Kontrolle über ihre skurrile Existenz zu geben.

“Wenn Du fest an etwas glaubst, dann passiert es auch.”
“Glaube versetzt Berge.”
“Wenn Du wirklich willst, dann schaffst Du es auch.”
“Es liegt vollkommen an Dir, Dich zu entscheiden. Du hast Dein Leben in der Hand.”
“Der Geist ist frei.”

Die junge Frau schüttelte den Kopf. Gab es denn niemanden, der wirklich klug und weise war? Der unbeeindruckt war, ohne die starke innere Verzweiflung der Mitmenschen zu passieren als seien sie nicht existent oder gar lächerlich? Weisheit bedeutete nicht, an der Absurdität des Lebens zu zerbrechen, sondern sie hinzunehmen. Weisheit bedeutet, dass selbst wenn man weiß, dass man mitten in einem unkontrollierten Schlachtfeld voneinander bedingender Ursache-Wirkungs-Interaktionen steht und in diesem Dominofeld eine von vielen Ursachen und Wirkungen zugleich ist ohne das Geringste dagegen tun zu können, dennoch milde über das Leben lächeln, Freude empfinden und Kraft spenden kann. Weiterlesen… »

~ Hossein Alizadeh & Djivan Gasparyan – Sari Galin ~

Ich muss eigentlich lernen. Am Montag fängt schon die erste, unmenschliche Klausur an und ich weiß nicht, wie ich sie meistern soll. Aber ich lerne nicht. Ich lerne nicht, weil ich etwas nicht aus meinem Kopf kriege. Denn…

Meine Liebe sitzt gerade nicht nur in meinem Herzen, sondern in meinem Kopf und will mit mir tanzen. Sie zwickt und kneift mich schüchtern und liebevoll und will mit meinen strengen Gedanken Hand in Hand, Eins in Eins zusammen sein und sie aufweichen. Ich lächele sehnsuchtsvoll und streichele den Kopf meiner Liebe. “Weißt Du noch jene Zeiten”, sage ich… “Jene Zeiten, in denen Du nicht im totalen Widerspruch zu dieser Welt standest, weil Du für mich die Welt warst? Weil Du mein Gott warst?” Meine Liebe nickt traurig und hält ihre Augen zu, schmiegt sich an die Grenzen meines Kopfes und klopf hoffnungslos an die gut strukturierten Wände der Logik. “Was hat sich verändert? Bin ich Dir nichts mehr wert?” – Die Stimme meiner Liebe ertrinkt in ihrer eigenen Unschuld. Weiterlesen… »

29.01.2009, 02:19
Mach’ auf…

Ich habe damals immer die “Liebe” gepredigt. Ich war so überzeugt davon, dass jeder Mensch die Liebe verdient hat und Liebe verschenken kann. Ich war davon überzeugt, dass der Kern eines jeden Menschen gut ist und nur die “Umstände” einen Menschen schlecht machen. Ich war damals der Überzeugung, dass jeder Mensch mit einigen innigen, seelentiefen Umarmungen zu ändern ist – einfach zu ändern ist, indem man ihn berührt und ihm sagt, dass er etwas wert ist. Soviel wert ist.

Man kann sich gar nicht vorstellen, wie sehr ich davon überzeugt war. Während manche dachten, ich sei bescheuert, naiv oder leide an einem Helfersyndrom (ich will ja nichts davon leugnen), dachte ich, ich habe die allgemeingültige Wahrheit über das Universum gefunden: Die Liebe. Es ging soweit, dass für mich Gott & Liebe ein und das Selbe waren. Das Leben war damals schön, egal wie schwierig die Phasen sein konnten – mit der Einstellung war alles erträglich. Alles war mit einem Lächeln der Vorfreude auf später zu ertragen. Mein Fundament war so sicher, obwohl es so weich und schwebend war.

Ich war davon überzeugt, dass eines Tages alles gut wird. Ich war davon überzeugt, dass alle Wege zur Liebe (zu Gott) führen werden – manche gelangen durch Umwege dahin, manche direkt, wie in einem Labyrinth – wir suchten alle das Eine, und früher oder später würden wir es finden. Ich war davon überzeugt, dass Menschen nur füreinander da zu sein brauchen – und alles würde gut werden. Ich war davon überzeugt, wirklich davon überzeugt, ich war so überzeugt… Versteht Ihr? So tief darin verankert. Weiterlesen… »

06.11.2008, 13:13
Grenzen

Ist das nicht faszinierend? Selbst, wenn wir wissen, dass unser Gehirn eine Information völlig falsch verarbeitet – wie z.B. bei optischen Täuschungen – selbst dann können wir unser Gehirn nicht dazu bringen, die optische Täuschung zu “korrigieren” / bzw. das Objekt richtig zu interpretieren. Unser Gehirn ist von vorangegangenen Erfahrungen mit Objekten, Objektstandpunkten, Erfahrungen mit Perspektiven und Formen so sehr determiniert, dass seine Interpretationsweise einfach nicht “umzulenken” ist – trotz das Bewusstsein darüber, dass es falsch interpretiert.

Und dann kommt der Mensch daher und gibt sich voller Inbrust die Fähigkeit des freien, undeterminierten Willens. Wer will hier eigentlich? Wer oder was ist die Konstruktion namens Persönlichkeit, der wir soviel Wert beimessen, soviel Entscheidungskompetenz, freien Willen, Variationsfähigkeit und Flexibilität?

Unser komplexestes Organ ist durch und durch festgefahren und voller Grenzen.

15.08.2008, 23:36
Haben

Wenn ich in den letzten Jahren etwas “gelernt” habe, dann das, dass wir nichts haben. Nichts gehört uns, nichts hält ewig (in der selben Form), nichts bleibt, nichts ist beständig, nichts gehört mir – nicht einmal dieser Körper – und wenn es eine Seele nach meiner Definition geben würde, so würde nicht einmal diese mir gehören.

Auf dem ersten Blick scheint das ein sehr erschreckender Gedanke zu sein – denn das hieße, dass nicht einmal meine Gedanken, meine Entscheidungen, mein Wille – ob frei oder determiniert (wie ich denke) – mir gehören würden. Nicht einmal “meine” Familie, mein Mann, mein Kind (sollte ich eines haben irgendwann) würden mir gehören. Alle existenziellen Fundamente, auf denen ich mit meinen nicht-mir-gehörenden-Füßen stehen würde, wären gar nicht existenziell, weil in der Form als “mir-gehörend” gar nicht erst existent.

Wahnwitzig. Was einem im ersten Moment fast wie giftige Panik in Gelb durch die Adern schießt bei dem Gedanken, kann einige Momente später und viele Gedankenspiele tiefer die Befreiung von allen Ängsten bedeuten.

Ich war vorhin komplett angstlos, obwohl ich nichts besaß; oder bessergesagt, weil ich nichts besaß; oder noch bessergesagt, weil ich mir dessen bewusst wurde, dass ich nichts besitze. Und als ich aus der ungewohnten Gedankenschiene wieder raus in die Alte gelangte, fühlte ich mich trotz der sich wieder aufbauenden Verlustängste wieder pudelwohl bei dem Gedanken, so unendlich viel zu haben, trotz des Wissens, all das zu verlieren (in Zukunft) – obwohl’s ja gar nicht mir gehört.

Aber hier hatten wir angefangen, lassen wir das lieber. Ich suche immerhin nach einem Ende dieses Blogeintrages.

09.08.2008, 11:11
Alltagsromantik

Es ist eine schöne Erkenntnis des Lebens, auf die altbewährte, alle Mädchen seufzen lassende Romantik nicht nur verzichten zu können, sondern sie wohlig abstreifen zu wollen, nachdem man die Alltagsromantik kennengelernt hat.

Wir seufzten und jauchzten bei roten Rosen, Kerzenlicht und groß-wortiger Poesie – weißen Hochzeitskleidern und dem anstandslosen Edelmut eines Prinzen; doch die “Realität” machte mir diesmal keinen Strich durch die Rechnung, sondern ließ mich all das beiseitelegen, was uns Hollywood beibrachte.

Was ist nun ‘Alltagsromantik? Morgens leise, aber minutenlang geküsst und gestreichelt zu werden – ganz heimlich und in der Hoffnung, die Liebste wacht dabei nicht auf und kriegt dennoch den Fluss an Zärtlichkeit ab, mit der man sie zum Aufblühen und Glücklichsein begießen will. Beim ersten Biss am Essenstisch kurz und fast geschockt innehalten und die Liebste ungläubig anschauen, weil man(n) nicht fassen kann, wie etwas so gut schmecken kann. Auf ein “Ich liebe Dich” mit dem Fall in die Tiefe der eigenen Gedanken zu antworten und dann nach langem Überlegen zu sagen: “Ich weiß einfach nicht, was ich sagen soll, was dem würdig wäre, was Du mir gerade gesagt hast…” Nicht an einem vorbeigehen können, ohne ihn/sie auf irgendeiner Weise berührt zu haben – ganz wortlos. Beim Autofahren die Hand der Liebsten nehmen, immer dann, wenn man die Kupplung auf langen Autobahnfahrten nicht mehr braucht. Die Handtasche der Liebsten halten – egal, wie idiotisch Man(n) dabei auch aussehen mag – damit sie alle Hände frei hat, um mit ihren Freundinnen rumhüpfen kann…

Ich habe soviele andere Beispiele. Beispiele von “Alltagsromantik” von einem Mann, der tatsächlich nur wenig Sinn für die “Klischeeromantik” hat. Und wisst Ihr was? Ich bin verdammt froh darüber. Klischeeromantiker mit ihren gegoogleten Gedichten und dem Zimmer voll von Kerzen, die die Frau am Ende mit Wachs auf dem Teppich belohnt bekommt, wären damals schön gewesen, doch heute, da die Realität sich wenigstens in diesem Fall als viel schöner entblättert hat, als im Ideal, will ich nichts anderes als die Realität – und nicht das Ideal.

Meine Dada hat gestern geheiratet. Gestern standesamtlich – und heute wird’s die große Feier geben. Ich hätte nie gedacht, dass ich dabei tatsächlich sentimental werden würde. Ich fand’s immer kindisch, auf Hochzeiten zu weinen. Aber als ich als Trauzeugin neben ihr saß und sie “Ja” sagte, passierte es leider doch. Aber ich weiß nicht, warum.

Dada. Sie beobachtete Pepe und mich sehr oft und meinte prompt: “Er ist so romantisch…” – Wirklich niemandem wäre das aufgefallen. Jedem fällt auf, dass er mich sehr liebt. Aber romantisch? Nicht im populistischen Sinne. Niemand käme bei ihm auf “romantisch”, pathetisch, poetisch. Aber Dada sieht halt mehr. Sie sieht das Wesentliche. Wie immer.

24.07.2008, 15:41
Die Eleganz des Igels

» Wie verläuft also das Leben? Tapfer bemühen wir uns Tag für Tag, unsere Rolle in dieser Schattenkomödie zu spielen. Primaten, die wir sind, besteht der Hauptteil unserer Aktivität darin, unser Territorium zu erhalten und zu unterhalten, auf dass es uns Schutz gewähre und unser Selbstgefühl hebe, auf der hierarchischen Leiter der Sippe aufzusteigen oder nicht abzusteigen und, sowohl zum Vergnügen als auch der verheißenden Nachkommenschaft willen, auf alle möglichen Arten Unzucht zu treiben – und sei es in der Fantasie. So setzen wir einen nicht unbedeutenden Teil unserer Energie dazu ein, den anderen einzuschüchtern oder zu verführen, da diese beiden Strategien allein das territoriale, hierarchische und sexuelle Streben sichern, das unseren conatus anregt. Doch nichts von alledem gelangt in unser Bewusstsein. Wir sprechen von Liebe, von Gut und Böse, von Philosophie und Kultur, und wir haken uns an diesen ehrenwerten Ikonen fest wie die durstige Zecke an einem großen warmen Hund. Doch bisweilen erscheint uns das Leben als eine Schattenkomödie. Wie aus einem Traum gerissen, sehen wir uns beim Handeln zu, und fassungslos darüber, wieviel Energie die Wahrung unserer primitiven Bedürfnisse verlangt, fragen wir uns verblüfft, wo die Kunst geblieben ist. Unser besessenes Fratzenreißen und Augenzwinkern erscheint uns plötzlich als der Gipfel der Belanglosigkeit, unser behagliches Nest, Frucht einer zwanzigjährigen Verschuldung, als eine sinnlose barbarische Sitte, und unsere so hart errungene und so ewig prekäre Position auf der gesellschaftlichen Leiter als plumpe Eitelkeit. Was unsere Nachkommenschaft anbelangt, so betrachten wir sie mit einem neuen und entsetzten Auge, denn ohne die Fassade des Altruismus erscheint der Akt des “Sich-Fortpflanzens” zutiefst unangebracht. Bleiben nur die sexuellen Freuden: doch mitgerissen vom Strom der Urnöte gehen sie unter, denn die Gymnastik ohne die Liebe passt nicht in den Rahmen dessen, was man uns gelehrt hat.

Die Ewigkeit entzieht sich uns.

An jenen Tagen, da auf dem Altar unserer innersten Natur alle romantischen, politischen, intellektuellen, metaphysischen und moralischen Überzeugungen, die man uns in Jahren der Unterweisung und Erziehung einzuprägen versucht hat, ins Wanken geraten, versinkt die Gesellschaft, ein von großen hierarchischen Wellen durchflutetes territoriales Gebiet, im Nichts des Sinns. Keine Reichen und Armen mehr, keine Denker, Forscher, Entscheidungsträger, Sklaven, keine Guten und Bösen, keine Erfinderischen und Gewissenhaften, Gewerkschafter und Individualisten, Progressisten und Konservativen; es gibt nur noch primitive Hominiden, deren Fratzen und Lächeln, Gangart und Putz, Sprache und Kode, eingetragen auf der genetischen Karte des Durchschnittsprimaten, nichts anderes bedeuten als: Die Rangstufe halten oder sterben.

An diesen Tagen haben sie ein verzweifeltes Bedürfnis nach Kunst. Sie verspüren das brennende Verlangen, an ihre geistigen Illusionen anzuknüpfen. Sie haben den glühenden Wunsch, etwas möge sie vom biologischen Schicksal erretten, damit Poesie und Größe nicht ganz aus dieser Welt verbannt seien.

Dann trinken sie eine Tasse Tee oder sehen sich einen Film von Ozu an, um sich aus dem Reigen der Gefechte und Schlachten zurückzuziehen, die zu den unserem herrschsüchtigen Geschlecht vorbehaltenen Bräuchen gehören, und um diesem leidenschaftlichen Theater den Stempel der Kunst und ihrer wichtigsten Werke aufzuprägen. «

03.07.2008, 16:53
My Lunch

Ich finde im Moment keine Motive, wie man sieht. Draußen regnet es, und ich möchte meine Cam nicht zerstören. Ich habe außerdem das Gefühl, dass ich die Dinge aus einer ziemlich langweiligen und konservativen Perspektive fotografiere. Ich bin träge und nicht wirklich kreativ. Wenn ein Bild schön wird, dann nur wegen der tollen Kamera oder der hübschen Motive – aber nicht, weil ich wirklich etwas dazu beizutragen hätte. Ich frage mich, was ich eigentlich selber tu’? Die Photoshop-Sessions? Kann man die schon als “künstlerisch” bezeichnen bei meinem Unwissen? Gibt es wirklich eine Art “Talent” für den richtigen Augenblick eines Schusses? Sind die Einstellungen, die man vornimmt, nicht eher technischer Natur, als Künstlerischer? Fotografieren ist gefährlich und kann jede Kunstambition zur Seite schieben, die man sonst noch hatte. Erinnert Ihr Euch, wieviel ich noch zeichnete und malte? Fotografieren ist soviel einfacher und die Resultate um soviel vollkommener als eine Krüppelzeichnung von mir. Aber was tu’ ich beim Fotografieren eigentlich selbst? Was ist von mir? Was gehört der Technik? Ich weiß es nicht. Es ist auch vielleicht egal, solange es so einen Spaß macht.

Sagte ich schon, dass ich es unmöglich finde, wenn jemand schöne Fotos nicht digital nachbearbeitet? Ich kriege dann immer so’n Kribbeln in den Fingern und will selber loslegen und alles bearbeiten. Einfach beschugge. (Was für ein toller, sinnentleerter Blog-Eintrag. Aber ich finde das Bild fast so süß wie meine Quietsche-Ente.)

17.06.2008, 15:53
“Früher war alles besser”

Viele sagen, das ist nicht wahr – die Welt war schon immer, wie sie heute ist – dreckig, scheiße, stinkend – und auch mal bunt, liebevoll und schön. Aus der Distanz betrachtet mag das stimmen. Das “Böse” und “Schlechte” scheint zur Eigenregulation der “Natur” zu gehören, damit überhaupt alles so funktioniert, wie es funktioniert. Ohne Polaritäten gäbe es die Wahrnehmung vielleicht nicht, wer weiß? Ich weiß es jedenfalls nicht, ist auch egal, heute habe ich wenig Bock auf den Scheiß, um es ausgiebig genug zu formulieren.

Wie gesagt, aus der “historischen” Distanz betrachtet, mag das stimmen. Aber was ist mit dem individuellen Empfindung innerhalb des eigenen Lebens? Da ist es genau so, wie wir behaupten: Früher war alles besser!

Es ist so: Betrachtet man die Dinge / das Leben in Relationionen innerhalb des eigenen Lebens, muss das Früher schöner und einfacher gewesen sein als das Heute – und das nicht etwa nur, weil unser Gehirn (angeblich) positive Erinnerungen höher bewertet, als Negative, sondern ganz einfach, weil wir früher jung waren und heute das Altern spüren. Das Altern ist nicht nur das Altern und das körperliche Zerfallen an sich, sondern auch die Erfahrung, dass Beziehungen, Freundschaften, Situationen, Schwüre, Prinzipien, Ideale, Familien, große Liebesgeschichten einfach das Klo runtergespült werden können. Früher war alles besser, weil wir früher noch nicht einen so großen Dreckshaufen an negativen Erfahrungen und Erinnerungen intus hatten und die Hoffnung und der Optimismus mehr Platz hatte, als eben heute. Heute, nach einigen Erfahrungen mehr, die man sich am Liebsten erspart hätte, lächelt man in besten Fall über irgendwelche idealistischen Hirngespinste oder wird sogar wütend, dass man je so gedacht hat, wie man gedacht hat.

Früher war alles besser, obwohl sich kaum etwas an den Regeln der Natur und der Gesellschaft geändert hat. Früher in Bezug eines Menschenlebens war aber dennoch besser, weil das Sammelsurium an hässlichen Erfahrungen eben noch zu gering war, als dass eine riesen Portion Hoffnung es nicht hätte vertilgen können. Dass sich Menschen trotz dieser ziemlich kontinuierichen Erfahrung dennoch so sehr an die Zukunft klammern, ist mir ein Rätsel. Ich bin mir ein Rätsel.

Es wird alles gut. Früher oder später. Punkt.