Die Kanten meines Kopfes geben der Zeit eine Grenze. Grobzerhackt in Vergangenheit, Gegenwart, Zukunft. Hack. Hack. Hack. Da frage ich mich, wenn wir dazu in der “Lage” sind, soetwas Großes und ur-kontinuierliches wie die Zeit so dermaßen vereinfachend zu entfremden, was machen wir da nur mit uns selbst und der Welt, die wir betrachten? So fasziniert ich von der Denk- und Analysierfähigkeit unserer Spezies bin, manchmal sollte sie doch wirklich einfach den Kopf zuhalten.
Da fällt mir ein: Es ist völlig legitim, in der Vergangenheit zu leben, denn sie ist nicht vorbei. Sie findet irgendwo statt, sagte Einstein. Und der wird es ja wohl wissen. Also suche ich einmal weiter. Vielleicht finde ich ja einen Weg in ein Paralleluniversum, in dem alles anders verlaufen ist als es hier verlaufen ist. Ich werde suchen und finden. Das Universum, in dem nicht nur 1979 anders war und es keine Mullahs, keine Yankees und keine Links- und Rechtsextremen gibt, sondern Mutter Erde geben und nehmen darf, ohne ständig schreien zu müssen, weil die Körper großer, weiser Bäume auf sie fallen wie sinkende Leichen nach einem plötzlichen Tod. “Wenn du das Paralleluniversum suchst, musst du aber darauf vorbereitet sein, nicht deine eigene Spezies aufzufinden, wenn du dort bist – sondern eine andere. Ob du dich da wohlfühlen wirst?”, fragt meine skeptische Stimme mich. “Werde ich denn dazugehören können? Wenn ja, dann schon”, antworte ich zurück. “Vielleicht, vielleicht aber auch nicht. Aber denk’ doch einmal nach. Wie kannst du als Wesen mit menschlichen Erinnerungen, Denkwegen, Prägungen, Wahrnehmungsmechanismen und menschlichen Motivationen und Begegnungen zu Wesen gehören, die so ganz anders sind?”, fragt die Skeptikerin. “Na so, wie ich zu einer Katze gehören kann und sie zu mir, obwohl wir so grundverschieden sind, vielleicht”, gebe ich ihr leicht gereizt ihre Portion Angriffsfläche. “Die Katze ist ein Säugetier, ihr seid artverwandter, als du denkst. Sie will ähnliche Dinge. Aufmerksamkeit, Zärtlichkeit, Futter, Wasser, einen warmen Platz zum schlafen. Sie ist laut, wenn sie will und manchmal kratzt und beißt sie. So wie wir Menschen. Und bedenke, du hast nur ein Zugehörigkeitsgefühl zu ihr, weil ihr zuzweit seid. Stell dir vor, du bist in einem Raum mit zwanzig Katzen. Kannst du dich zu der einen zugehörig fühlen? Und wird sie es tun? Aber weiter zur anderen Welt. In der schönen Parallelwelt will wohl niemand so sehr, dass er bereit wäre, zu zerstören. Oder zu kratzen und zu beißen. Das Wollen ist hier, was destruktiven Charakter hat. Das haben du und die Katze, du und die Welt hier, aber die dort nicht. Wie willst du zu ihnen gehören?” Weiterlesen… »
Es ist kalt draußen. Kalt wie kleine Nadeln, die sich leicht in zittrige Haut drücken. Sie atmet die Luft ein, die ihr verheißt, bald frei zu sein. Frei von sich, frei von allem, was emotional ist, von ihrer Empfindsamkeit, frei von Schmerz. Frei von ihrer kitschigen Art, die Welt zu sehen und dann doch mit einem selbstverlorenen freiwilligen Riesenkopfsprung auf dem Asphalt der Realität zu landen. Frei von sich. Ganz von selbst befreit. Von ihrem Selbst ganz frei. Frei. Sie inhaliert die tausend kalten Nadeln der klirrend kalten Luft wie eine Süchtige, die nach Reinheit lechzt und leidet unter ihrer physiologischen Unfähigkeit, diese in- und bei sich halten zu können, denn sie muss ja ausatmen. Also atmet sie aus. Geht schnelle Schritte, hechelt, fordert, befiehlt die Auflösung ihrer eigenen Existenz. Die Erleichterung danach stellt sie sich vor, in allen Variationen, intensiv, tieftauchend, fassungslos leicht und nicht greifbar wie eine alte Legende. Sie wird sich dessen bewusst, dass sie noch nicht einmal Erleichterung fühlen wird, wenn sie nicht mehr ist. “Wie wunderbar. Nicht einmal die Erleichterung. Denn dafür müsste man ja etwas wiegen, ein Gewicht fühlen, um ein Gewicht, das davon abfällt, nicht mehr zu fühlen. Die Diskrepanz zwischen vorher und nachher kennen. Wenn man nicht ist, kennt man aber nichts.”
Doch es ist anders als sie will. Die Welt ist anders als in ihrer Vorstellung, und doch basiert alles, was sie sich vorstellt, wünscht und sich ersehnt auf dem, was es auf dieser Welt schon gibt. Selbst ihr innigster, intimster Wunsch wurde schon einst gewünscht. Er gehört ihr nicht ganz allein. Dieses Gefühl bedrückt sie, bis es sie zuschnürt. Der Gedanke, dass nichts aus ihr selbst entstehen kann, ohne dass es das schon irgendwo irgendwie mit irgendwem gegeben hätte, verleiht ihrer Existenz – und der Existenz der Welt und der Existenz der Existenz und allem, was existiert – eine schier unfassbare Sinnlosigkeit. “Alles. Alles. Alles. Sinnlos.” Sie will schreien, aber tut es nicht – aus reiner Gewohnheit schreit sie – wenn, dann still. Und aus reiner Gewohnheit will sie vor diesem Gedanken fliehen und inhaliert noch mehr kalte Nadeln in sich hinein. Sie fallen nicht mehr leicht auf ihre Haut, sie bohren nun mit Fragen, mit Zweifeln mit den dunklen Wolken ihrer Ängste, mit grauen, schwarzen Schleiern, die sie verdecken und sie vor sich selbst ungesehen liegen lassen.
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Ich vertilge gerade ein Buch nach dem anderen, hetze durch die Seiten, springe rein und über-esse mich in der Absicht, soviel außerfachliche Literatur zu konsumieren wie nur möglich. Meine Perspektiven versuche ich offen zu halten, um in einem Moment der Erkenntnis den tiefen Zusammenhang aller Perspektiven zu verstehen und miteinander zu vermählen. Trotz allem stellt sich in mir gerade eine unschöne Müdigkeit ein. Wozu das alles? Was habe ich jemals durch mein Wissen erhalten außer der Gedanken- und Gefühlraserei, die nicht mehr von mir ablässt? Und was hat mir das Wissen gebracht außer dem Gefühl der geißelnden Notwendigkeit, jetzt sofort (!) etwas gegen all die Ungerechtigkeiten tun zu müssen, aber gegen das monströse System der Kosmokraten nichts in der Hand zu haben?
Und dann ist da noch etwas anderes, etwas Stilleres. Wissen verleitet manchmal dazu, zu schweigen. Und Schweigen macht einsam. Vor allem, wenn man Zeugin bei Alltagsgesprächen ist. Man weiß um die Komplexität eines Ereignisses, weiß um ein paar ihrer Ursache-Wirkungsmechanismen und empfindet eine Art Kraftlosigkeit allein beim Gedanken, diese Zusammenhänge erklären zu müssen. Wenn nichtwissenwollende Verbalscheißer Sätze ablassen wie “Wozu um Amy Winehouse trauern, ihr Tod ist selbstverschuldet, dann trauere ich lieber um all die afrikanischen Kinder” (die müssen übrigens immer herhalten bei solchen Gutmenschenauftritten, denn für mehr reicht das globale Wissen nicht), dann frage ich mich, ob es bei so einem simplen Geist – und dann noch im Stammtischkollektiv – überhaupt noch Sinn macht, zu erklären, welcher Leidensdruck hinter selbstzerstörerischen Persönlichkeiten liegt und welche Faktoren zu so etwas führen. Wie kann man Menschen mit solchen Erkrankungen die Menschlichkeit absprechen, indem man ihnen vorwirft, gar nicht glücklich und gesund sein zu wollen wie alle anderen Menschen auch? Aus diesem Grunde verwende ich niemals das Wort Freitod. Niemand stirbt freiwillig, auch nicht der Suizidale. Das war nur ein kleines Beispiel von vielen. Und an wolkigen Tagen führt Wissen eben zu Ohnmachtsgefühlen und Einsamkeit. Ich gehe trotzdem weiter lesen …
Almost everything – all external expectations, all pride, all fear of embarrassment or failure – these things just fall away in the face of death, leaving only what is truly important. Remembering that you are going to die is the best way I know to avoid the trap of thinking you have something to lose. You are already naked. There is no reason not to follow your heart. [Steve Jobs]

May your soul rest in peace.
„Weißt du, was der Unterschied zwischen uns beiden ist?“, nahm sie ihren Restmut zusammen und stellte ihrer Freundin endlich die einleitende Frage, die sie in ihren Gedanken schon so oft gestellt hatte. „Nein, sag’ es mir, bitte.“ Sie atmete auf und begann, zu sprechen: „Jeder Mensch“, holperte sie den Satzanfang heraus, ohne zu wissen, worin er münden wird. „Jeder Mensch hat eine bestimmte Art, einen Menschen, eine Situation oder das Leben zu betrachten. Aus der Art, wie ein Mensch das Leben betrachtet, erfolgt seine Berufung. Warte, sag’ nichts, ich versuche es zu erklären. Wenn ich mit dir einen Ort erreichen möchte, schaust du nach dem Weg, der am schnellsten ist. Und ich schaue nach dem Weg, der vor allem für dich am Sichersten ist. Und wenn wir uns doch nach deinem Weg richten, sind meine Augen und Hände um dich herum wie unsichtbare Flügel. Sie zerren dich zurück, halten dich fest oder geben dir einen Klaps auf den Oberarm, wenn ich – viel zu früh, viel zu oft, viel zu überstürzt – eine Gefahr für dich sehe. Das ist keine Leistung, musst du wissen. Es ist in mir drin, ich kann nichts dagegen tun. Meine Aufmerksamkeit fokussierte sich schon immer – auch als Kind – darauf, andere zu beschützen. Alles, was um mich herum war, ob Tier, Mensch oder Gegenstände – selbst wenn es Fremde waren – sollte sicher sein. Der kleine Kreis um mich sollte in Frieden gelassen werden. Das ist der Unterschied zwischen uns. Bei mir kommt das an erster Stelle, was bei dir an Zweiter kommt. Es ist der, der mich anhänglich, aber auch grausamer macht. Ich kann andere mit den Zähnen einer wild gewordenen Raubkatze zerfleischen, die die Menschen in meinem Kreis verletzen wollen, während du in irgendeiner Weise Verständnis für sie aufbringen kannst.
Wir unterscheiden uns also, ja. Du schaust nach dem schnellsten Weg, der, der dich am Besten zum Ziel bringt. Gerne nimmst du mich mit, weil ich angenehm, treu, liebenswert oder auch ein guter Schutz bin, aber meine Sicherheit ist nicht dein erster Gedanke. Und das ist der Grund, warum ich mich immer wieder zurück ziehen muss in unserer Verbindung. Auch, wenn wir beide nichts für die Art, wie wir sind, können – so erwarte ich in meinen falschen Menschenbildern jenen gegenüber, die sich Freunde nennen, noch immer, dass sie mich auf die Art lieben und für mich kämpfen, wie ich es immer für sie getan habe. Du brauchst nichts zu sagen. Ich werde gehen, und ich werde zurück kommen, wie immer. Vielleicht früher, als du mich wieder zurück holen wirst, vielleicht wirst aber du aber schneller sein.“ Sie drehte sich um und ließ ihre Freundin mit lähmenden Schritten allein. Ihr Herz pochte aus Angst, sie würde fallen und sterben, wenn sie die paar Tage ohne ihren Schutz in ihrem Zimmer im Kreis drehte. Doch nichts dergleichen geschah. Und keine der beiden kehrte je zur anderen zurück. Weiterlesen… »
In den letzten Tagen hat sich etwas sehr Unbefriedigendes bei mir eingestellt. Ich lerne für eine wirklich wichtige Prüfung – und ich merke, dass die Informationen nicht zu mir durchdringen. Alles wird oberflächlich bearbeitet, wenn überhaupt. Damals, wenn ich gelernt habe, habe ich vom Lernstoff geträumt, am nächsten Morgen bin ich aufgewacht und das Wissen war wunderbar geordnet und abrufbereit. Im Moment scheint alles hinter einem nebeligen Schleier unterzugehen. Ich habe keine wirklichen Zugriffsrechte, jemand oder etwas verwehrt sie mir. Diese Dinge heißen: Innere Unruhe, Scannen nach Gefahren, Schlafmangel und Zukunftsträume und -ängste. Und immer, wenn ich versuche, mir etwas gut einzuprägen oder es testhalber abzurufen, entstehen seltsame Impulse von seltsamen Bildern, die ich irgendwie in Worte umkodiere. Diesmal musste ich nichts umkodieren. Der erste Satz drängte sich mir auf, ich schrieb ihn nieder, obwohl er völlig sinnfrei war – und der skurrile Rest entstand von selbst. Lest selbst. Und wenn ihr einen inhaltlichen Sinn darin erkennt, offenbart ihn mir bitte. Mich interessiert, was ihr darin projizieren könnt.
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Wie ein flacher, zweidimensionaler Kreis legte er sich auf sie und bagatellisierte ihre Hügel und Täler. “Wer oder was bist du denn nun noch?”, fragte er sie erobernd. “Na, jetzt nichts mehr. Platt wie eine Flunder werde ich sein, wenn du mit mir fertig bist!”, stellte sie das mit unterdrückter Angst fest. “Richtig, ich habe dich entformt, entmanifestiert, dich unvollkommen gemacht”, stampfte er sie kreisend mit seiner platt runden Gestalt weiter in die Formlosigkeit rein und schaute ihr dabei in die verschwindenden Augen. “Formlos? So wie du? Werd’ ich wie du gemacht? Wie meinst du das?” Ihre Panik hätte vorhin, als sie noch ein paar Formen hatte, ausbrechen sollen. Jetzt war sie so entindividualisiert und entmachtet, dass sie nicht mehr wusste, wo ihre Emotionen und Gedanken saßen, um sie krallen und wie präzise Pfeile abschießen zu können. “Selbst, wenn ich formlos und platt wäre, wie du behauptest, so wäre die Formlosigkeit bei mir aus einer Vollendung heraus entstanden, eine, die sich aus dir und anderen nährt. Du hingegen hast verloren, obwohl du als formhaftes, hügeliges Wesen schon unvollendet warst”, antwortete er selbstzufrieden. “Du”, wiederholte sie “bist vollendet in deiner zweidimensionalen Formlosigkeit und ich entmanifestiert?” Er nickte. Sie nickte ihm nach, obwohl sie keinen Hals mehr hatte, und sprach aus ihrem verschwindenden Mund ihren letzten machbaren Einwurf, der wohl überlegt war, zehrend aus den ihr noch vorhandenen Ressourcen, die gleich mit in diese Plattheit übergehen würden. “Und wer hat dich vollendet? Es waren die anderen. Vergiss das nicht. Du bist genauso machtlos wie alle, die du okkupiert hast, denn du hast sie gebraucht, um etwas zu werden. Nicht einmal, um jemand zu werden, sondern nur um etwas zu werden …” Ihr Mund verschwand nach diesem einzigen abgeschossenen Pfeil, doch verschwand er ihm nicht schnell genug. Er hätte weghören sollen und nicht getroffen werden. Doch nun war es zu spät. Er hatte Zweifel an seiner Grandiosität entwickelt, die sich wie grünes Gift in seinem vollendeten Dasein verbreiteten. Seine so vollkommen kreisrunde Gestalt begann, sich zu zersetzen. Sie hatte ihm, bevor sie in ihm verging, einen Spiegel vorgehalten, ihm einer Lächerlichkeit und Abhängigkeit preis gegeben, die er durch Macht und Okkupation nie wieder kompensieren können wird. Sie hatte seinen Geist vor ihrem Aufgang in die Formlosigkeit vergiftet – und letztendlich über ihn gesiegt.
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