11.08.2011, 00:37
Nachtgespräche.
“Und wie kam es dazu, dass du so ein tapferer Mensch wurdest und so positiv durch das Leben gehst nach allem, was du durchlebt hast?” Er überlegte kurz. Zum ersten Mal während dieses Gespräches zeichneten sich nachdenkliche Stirnfalten auf sein sonst so hellsinniges Gesicht. “Wie es dazu kam? Ganz anders, als du vielleicht denkst. Ich wurde ‘tapfer’, weil niemand, von dem ich es erwartet hätte, auf meine Verzweiflung zu jener Zeit reagierte. Also wurde ich ‘tapfer’ – bzw. zeigte eine Illusion von Tapferkeit – damit ich nie wieder erleben musste, wie meine Verzweiflung übergangen und ungesehen blieb. So konnte ich wenigstens behaupten, sie wüssten es nicht besser. Ich konnte mir einreden, dass ich ihnen ja nicht zeigte, dass ich gegen ein namenloses Monster in mir kämpfte, also taten sie nichts Falsches. Nur durch diesen Weg konnte ich diese Menschen, die mir etwas bedeuteten, trotz ihrer Ignoranz von Schuld freisprechen und mich von der Erfahrung, immer wieder auf’s Neue ignoriert zu werden und ungewürdigt in einer Ecke stehen gelassen zu werden, befreien. So wurde ich tapfer.”
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04.08.2011, 04:44
Ich – und weiter?
Wir sprechen tagtäglich und selbstverständlich vom Ich. Ich fühle, ich denke, ich bin, ich will, Ich. Und dann posaunen wir sämtliche Pläne heraus. Pläne und Ansprüche vom Sich-Selbst-Verwirklichen. Vom Selbst haben. Vom Zu-Sich-Selbst-Finden. Von Selbstentfremdung. Von der Suche, nach sich Selbst. Selbstliebe. Selbst und Ich. Wir tun so, als sei unser Ich oder unser Selbst ein Konstrukt unseres eigenen Willens. Etwas, das wir formen können, wie es uns beliebt. Wir tun zudem so, als sei dieses Ich oder Selbst völlig individuell und so prägnant anders als das Ich von anderen, dass man uns auf jeden Fall unter all den anderen Menschen wiedererkennen würde. Und natürlich liegt das nicht an unserer äußeren Erscheinung und dem unglaublich guten Gesichtererkennungssystems des Gehirns (anderer, die uns erkennen), sondern an unserer Einzigartigkeit. Wir sind einzigartig. Unser Selbst ist es. Unser Ich. Deshalb erkennt man uns. Wir nehmen uns so wichtig mit der Erschaffung, Schöpfung und dem Pflegen unseres Selbst, dass wir uns kleiden und schmücken mit Attributen und Styles, die die Message unseres Selbst weitertragen. “Ich bin lebenskritisch, gesellschaftskritisch und eigentlich mag ich die Menschen nicht, deshalb bin ich ein Goth.” “Ich hasse mich, ich hasse das Leben, mein Leben ist scheiße, niemand versteht mich. Deshalb bin ich ein Emo.” “Ich bin ein Opfer der Gesellschaft, ein armer Kanacke, Deutschland will mich nicht, ich habe eine harte Kindheit hinter mir, deshalb bin ich ein Gangsta-Rapper.”
Ich habe oft darüber nachgedacht, was an uns eigentlich uns selbst gehört. Welcher Teil unserer Persönlichkeit haben wir tatsächlich selbst erschaffen, rein aus dem Nichts, nur aus uns selbst? Damals schon blühte mir keine Antwort, die ich mögen würde. Und seit dem Studium werden die Konturen meiner damaligen ungewollten Ahnung immer deutlicher: Nichts. Nichts von uns gehört uns selbst. Nichts. Das Temperament, das wir haben, ist angeboren. Nahezu bei jedem Menschen. Verhaltenshemmung (Schüchternheit) oder Extraversion (Offenheit, Ausdrucksstärke) liegen auf irgendeinem Genstrang und sind wohlkodiert. Das ist sogar ein Merkmal, das sich im Laufe des Lebens kaum verändert, außer die Einschnitte sind so traumatisch, dass sich da etwas tut, aber das geht dann auch meistens mit einer Störung einher. Bleiben wir beim Normalfall. Durch diese angeborene Disposition werden die Erfahrungen, die ein temperamentvolles oder verhaltensgehemmtes Kind macht, fast vorgeschrieben. Zumindest die Tendenz wird es. Offene Kinder gehen auf die Welt zu und lernen viele Menschen kennen, verfeinern dadurch natürlich ihre sozialen Kompetenzen, werden deshalb gelobt und gemocht, lernen sich entsprechend darzustellen und im Berufsleben später zu verkaufen. Verhaltensgehemmte Kinder suchen weniger Kontakt zu anderen, bekommen weniger positive Bestätigung, bauen kein starkes Selbstbewusstsein auf und können sich später nicht so gut darstellen und verkaufen. Die Eigenschaften beider Kinder verstärken sich durch die Interaktion mit ihrer Umwelt quasi selbst. Das sind nun zwei Extreme, zugegeben. Es gibt natürlich auch Zwischentöne. Es geht aber nur darum, aufzuzeigen, wie sehr unsere Wege vorgeschrieben sind. Sogar die Art, wie wir unsere Umwelt gestalten (offen auf Menschen zugehen und mehr Erfahrungen mit ihnen sammeln oder der umgekehrte Fall). Der Einfluss der Erziehung und in der Schule gehören natürlich dazu, aber sie schwächen oder verstärken vorhandene Tendenzen, aber sie lassen sich nicht komplett wegerziehen. Weiterlesen… »
16.07.2011, 20:45
Königs-Versager
Gestern hatte ich eine interessante Unterhaltung mit meinem Cousin. Er ist der Meinung, dass der Mensch in seinem Entwicklungsdrang pervertiert ist und die einzige Art auf der Welt ist, die sich selbst systematisch ausrottet. Er meint damit nicht nur, dass wir Dinge erfinden oder Bedingungen schaffen, die unsere Welt global zerstören, sondern dass wir die einzige Spezies sind, die andere zu Hundertausenden ermorden und Völkermorde durchziehen. “Wir sind zu weit weg von der ursprünglichen Natur in uns”, sagt er. “Jene Natur, die uns mit Tieren kommuzieren lässt und die Ressourcen in Maßen ausschöpft. Der Einklang fehlt.” Ich empfinde sein Argument stark mit, denke aber anders. Ich denke, dass der Fortschrittswahn des Menschen völlig kongruent zu seiner Natur ist. Er entstand aus der Notwendigkeit heraus, Werkzeuge zu erschaffen, mit deren Mangel er – im Vergleich zu anderen Tieren – eben auf die Welt gekommen ist, quasi wortwörtlich nackt, während andere Tiere umgebungsspezifische Instinkte, Schnäbel, Krallen und Fähigkeiten besaßen. Dieser Mangel an organischer Spezialisierung erforderte eine Anpassungsleistung durch externe Werkzeuge, die immer ausgefeilter und spezifischer wurden. Und voilà: So entstand sie, die Spezies mit den effektivsten Mitteln und Wege für die… Gerechtigkeit? Nein. Für eine bessere Gesundheit? Nein. Für weniger psychische Krankheiten? Hm nee. Für die eigene Arterhaltung? Najah. Aber etwas schaffen wir wie die Weltmeister: Kompensatorische Schadensbegrenzung für Dinge, die wir kopflos erschufen, die dann nach jedem Einsatz einer neuen Schadensbegrenzungserfindung immer mehr neue Dinge schadensbegrenzen muss. Darin sind wir gut. In destruktiver Schadensbegrenzung. Ach, ich liebe unsere Spezies. Dumm wie Kidneybohnen, wir Königs-Versager. Weiterlesen… »
28.06.2011, 12:10
Blumenwege
Zu kurz die Zeit
des tiefen Atmens
Zu kurz die Augenblicke
des Friedens wegen
Schau’ die Blumen,
wie sie atmen
Schau’ wie sie sich
an Wiesen laben
Grob kastrierte
Lebensträume
Hand in Hand mit
Lebensängsten
Schau’ die Blumen,
wie sie tanzen
Schau’ wie sie
ihre Liebe pflanzen
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27.06.2011, 14:23
Leerliebe
Als ich jünger war, war ich die Verfechterin der unendlichen Liebe. Unendlich nicht in der Größe und Intensität, sondern in der Zeit. Ich war der festen Überzeugung, dass wenn man erst einmal einen Menschen in sein Herz gelassen hat, man nie wieder aufhören würde, ihn zu lieben. Komme was wolle. Bezaubert von der Idee der bedingungslosen nicht-enden wollenden Liebe, die so passend ist zu meinem persischen Namen “Mohnblume, die ewig Verliebte” war, behielt ich also jeden in mir und meine liebevolle Obhut, den ich Freund, Freundin und Seelenverwandter nannte.
Das Erwachsenwerden belehrte mich eines Besseren. Nun, vielleicht nicht eines Besseren, aber eines Realistischeren. Wenn Erwachsensein bedeutet, dass man sich seiner Illusionen entledingen muss, dann weiß ich: Erwachsenwerden tut weh. Und zum Anderen weiß ich: Erwachsen bin ich noch nicht ganz, denn einige Illusionen lasse ich nicht los. Meine Unschuld verlor ich also das erste Mal, als ich merkte, dass ich Menschen, die ich einst geliebt habe, auch durchaus nicht mehr lieben kann, wenn sie Grenzen überschritten haben. Dabei gab es immer den einen Aspekt, der genau diese langsam schwindende Liebe ins Nichts beförderte: Vertrauensbrüche. Immer wieder Vertrauensbrüche, die durch ihre Mehrmaligkeit unverdaubar wurden.
Und nun, da ich über Misstrauen nachdenke, frage ich mich, ob ich nicht eventuell vielleicht doch nicht mit dem Lieben aufgehört habe, sondern nur mit dem Vertrauen. Und ob diese Entfremdung beider Größen voneinander in mir lediglich eine Leere hinterlassen, die mich glauben lässt, dass es sich nicht mehr um Liebe handeln kann. Immerhin ist Liebe ja warm oder schmerzhaft heiß. Aber leer? Ich sollte meine Desillusionierung also noch einmal überdenken. Vielleicht kann Liebe auch leer sein. Leerliebe eben. Gewohnheitsbedingt gedacht, anstatt enthusiastisch gefühlt. Was denkt Ihr?


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