Ich werde mich bei der allgemeinen Erklärung & der Geschichte des Sufismus’ vorerst auf Wikipedia beziehen und später selber nochmal anhand gewisser Quellen Stellung dazu beziehen. Eines dennoch schonmal vorweg: Man sollte die Ursprünge des Sufismus vom Islam trennen, denn der Sufismus an sich ist viel älter und eine asketische Tadition, die in jeder religiösen Epoche anwendbar war und noch heute ist, da sie sich jeweils an die herrschende Religion anpasste. Man sollte bedenken, dass die meisten Sufis heute noch den Regeln des Korans so dermaßen zuwider handeln, dass sie von einigen islamischen Gelehrten für "Ungläubige" gehalten werden. Dazu später mehr.
Der Sufismus (arabisch: تصوف, tasawwuf, persisch: عرفان, Erfan), veraltet auch Sufitum oder Sufik, gilt allgemein als die islamische Mystik. Die Anhänger des Sufismus sehen ihre Lehre nicht als ein spirituelles Produkt der islamischen Religion, sondern er offenbart lediglich die esoterische Wahrheit ( des Islams). Die sufische Lehre als solche zieht sich wie ein Faden durch die gesamte Menschheitsgeschichte, aus der Sicht der Sufis ist und war diese zu jeder Zeit und in jeder Kultur in verschiedenen Aspekten allgegenwärtig. Einen Anhänger des Sufismus nennt man Sufi oder auch Darwisch.
Entwicklung
Der Sufismus wird manchmal mit dem Gnostizismus in Verbindung gebracht, wobei betont wird, dass die Sufis eigentlich unabhängig von einer Religionszugehörigkeit sind und diese Bewegung schon weitaus älter ist als der geschichtliche Islam. Die Sufis selber betonen jedoch, dass sich der Sufismus zu seiner vollen Blüte erst ab dem Auftreten des Propheten Mohammed entwickelt hat, und dass der Islam die besten metaphysischen Instrumente für die geistige und seelische Entwicklung des Menschen bereithält.
Die ersten Sufis soll es nach muslimischer Tradition schon zu Lebzeiten des Propheten Muhammad7. Jahrhundert gegeben haben. Sie waren oft einzelne Asketen, der bekannteste unter ihnen ist Uwais al-Qarani aus dem Jemen, der als Einsiedler in der Wüste lebte. Auf ihn soll der älteste Sufiorden Maktab Tarighat Oveyssi Shahmaghsoudi zurückgehen. Wissenschaftliche Belege für diese frühen Sufis gibt es jedoch nicht.
Ein sehr einflussreicher früher Sufi war der Asket Hasan al-Basri (642–728). Seine Vorstellung von einem spirituellen Leben waren: wenig Schlaf, sich weder über Hitze noch über Kälte zu beklagen, keinen festen Wohnsitz zu haben und stets zu fasten. Ebenfalls in der Stadt Basra (im heutigen Irak) lebte und wirkte Rabia al-Adawiyya (714 oder 717/8-801), eine der bedeutendsten weiblichen Sufi-Heiligen. Es wird angenommen, dass sie nie einen Lehrer hatte und sie wird als eine „trunkene
Gottesliebende“ bezeichnet, die als eine strenge Asketin lebte: zum Trinken und für ihre rituellen Waschungen soll sie einen zerbrochenen Krug, eine alte Schilfrohrmatte zum Liegen und einen Flussstein als Kopfkissen verwendet haben.
Im 9. Jahrhundert war Dhu’n-Nun al-Misri († 859) einer der ersten Sufis, der eine Theorie über „Fana“ und „Baqa“ entwickelte, eine Lehre über die Vernichtung bzw. Auflösung des Selbst (nafs). Außerdem formulierte er die Theorie von Ma’rifa (intuitive Gotteserkenntnis). Durch seine poetischenGebete führte er einen neuen Stil in die ernste und asketische Frömmigkeit der damaligen Sufis ein. Er vernahm – dem koranischen Wort getreu – aus allem Geschaffenen den Lobpreis Gottes und beeinflusste so die späteren Naturschilderungen persischer und türkischer Sufis.
Bayezid Bistami (803-875) hielt vor allem die Liebe für das Wichtigste, um die Einheit mit Gott zu erreichen. Darüber hinaus erlangte er den Zustand von absolutem Einssein mit dem Schöpfer durch strenge Selbstkasteiung und Entbehrungen. Andererseits war ihm jedoch bewusst, dass er paradoxerweise alle seine Bemühungen aufgeben musste, denn er sagte, er erreiche Gott nur allein mit Gottes Hilfe. Er legte seinen Schülern nahe, ihre Angelegenheiten in die Hände Gottes zu geben, und er ermutigte sie, die reine Lehre der Einheit Gottes zu akzeptieren. Diese Lehre bestand aus fünf Merkmalen: die Verpflichtungen entsprechend dem Koran und der Sunna einzuhalten, immer die Wahrheit zu sprechen, das Herz frei von Hass zu halten und verbotene Nahrung und Erneuerungen zu meiden.
Einen eher nüchternen Weg des Sufismus vertrat Dschunaid (gest. 910) aus Bagdad, welches zur damaligen Zeit als ein religiöses uns spirituelles Zentrum galt. Er hatte durch seine Lehre einen großen Einfluss auf spätere Sufis, er betonte die Liebe, die Vereinigung und die Übergabe des individuellen Willens an den Willen Gottes. Zur damaligen Zeit betrachtete die islamische OrthodoxieMansur al-Halladsch (858-922) ab, der die Geheimnisse des Sufipfades in aller Öffentlichkeit aussprach. Von diesem stammt einer der bekanntesten Aussprüche eines
Sufis: „ana’l Haqq“. Dieser Ausspruch, der übersetzt soviel wie „Ich bin die absolute Wahrheit“ bedeutet, war in den Augen der Orthodoxie pure Ketzerei, al-Halladsch wurde dafür schließlich mit der öffentlichen Hinrichtung bestraft. In den Augen der meisten Sufis war es jedoch nicht er, der
diese Worte sprach, denn es heißt er habe sie im „trunkenen“ Zustand der Vereinigung mit Gott gesprochen.
Ein wichtiger Vertreter des Sufismus ist al-Ghazali (gest. 1111), der einer der ersten war, der seine Ideen zu einem mystischen System ordnete. Der ursprüngliche Rechtsgelehrte erkannte eines Tages, dass er nur durch eine der Welt entsagende Lebensweise wirklich zu Gott finden könne. Er gab deshalb seinen Lehrstuhl an der Universität in Bagdad auf, um als wandernder Derwisch viele Jahre in der Abgeschiedenheit zu verbringen. Er hinterließ der Welt zahlreiche religiöse und spirituelle Schriften, und schaffte es sogar, für eine Zeit lang die Orthodoxie mit dem Sufismus ein wenig zu versöhnen und beide Systeme aneinander anzunähern. Durch Abmilderung des radikalen Asketismus der frühen Sufis und die Systematisierung des sufischen Gedankenguts trug al-Ghazali
maßgeblich zur allgemeinen Anerkennung des Sufismus im Islam bei. Er lehnte eine starre Dogmatik ab und lehrte den Weg zu einem Gottesbewusstsein, das aus dem Herzen entspringt.
Ebenso bedeutend wie al-Ghazali ist Ibn Arabi (1165-1240), der etwa ein halbes Jahrhundert nach al-Ghazalis Tod in der spanischen Stadt Murcia geboren wurde. Ibn Arabi ist ebenfalls Autor etwa 500 wichtiger sufischer Schriften und man sagt, er habe keinen spirituellen Lehrer gehabt, sondern sei von dem verborgenen Meister Khidr direkt in den mystischen Islam initiiert worden. Ibn Arabi wird auch als der „Sheikh al-akbar“ („der größte Sheikh“) bezeichnet, wobei seine Ideen über „wahdat al-wudschud“, der Einheit des Seins, schon vor ihm Teil der Sufi-Metaphysik war. Doch er formulierte diese Ideen als erster in schriftlicher Form, wodurch sie der Nachwelt und späteren Sufis gut erhalten blieben.
Die poetischen Werke Fariduddin Attars (1136-1220) sind im Westen nicht sehr bekannt, jedoch nimmt seine Dichtung über Jahrhunderte hinweg Einfluss auf einige Mystiker sowohl östlicher als auch westlicher Herkunft. Außerdem gilt er als einer der wichtigsten Figuren des Sufismus. Er wirft ein neues Licht auf die Lehre, indem er wie niemand vor ihm den Pfad mit der Kunst eines Geschichtenerzählers beschreibt.
Eines der berühmtesten seiner 114 Werke ist das Mantiq ut-tair („Die Vogelgespräche“). Dieses Epos berichtet von dreißig Vögeln, die eine Reise durch sieben Täler zum Vogelkönig, dem Simurgh,
unternehmen. Letztendlich erkennen die Vögel im König ihre eigene Identität; Attar benutzt hier ein Wortspiel, denn der Name des Vogelkönigs bedeutet simurgh, dies ist eine Sagengestalt, vermutlich der Phönix. Wenn man den Namen aber si murgh schreibt, wird hieraus „dreißig Vögel“.
Es wird heutzutage von den meisten Historikern angenommen, dass die erste Sufi-Ordensgemeinschaft (Tariqa) im 12. Jahrhundert von Abd al-Qadir al-Dschilani (1088 oder 1077-1166) gegründet wurde, die deshalb auch den Namen Qadiri-Tariqa trägt. Kurz darauf entstanden die Yesevi- und die Rifai-Tariqa. Später entwickelten sich weitere Tariqas, von denen viele größtenteils noch heute existieren, einige jedoch nicht mehr im Blickpunkt des öffentlichen Lebens. Die Zentren bzw. Versammlungsorte der Orden nennt man Khanqah (persisch: خانگاهchānegāh und خانقاه chāneghāh), Dergah (persisch درگاه dargāh „Türschwelle“, „Palast“; osmanischdergâh auch Derwischkonvent), Tekke (osmanisch تكيه tekke, tekye) oder Zawiya (arabisch زاويةzāwiya pl. زوايا zawāyā). Manchmal ist auch von Konventen oder Klöstern die Rede, man kann aber eine Tekke nicht mit der christlichen Vorstellung eines Klosters vergleichen.
Eine der bekanntesten Tariqas ist die der Mevlevis, die auf den Sufipoeten Dschalal ad-Din RumiDhikr mit religiöser Musik und drehen sich dabei um die eigene Achse. Dieses Ritual ist im Westen als „Derwischtanz“ (sema) oder „Tanz der drehenden Derwische“ bekannt. zurückgeht.
Weitere bekannte und große Sufi-Orden neben den bereits genannten sind Naqschbandi, Bektaschi, Kubrawi, Suhrawardi, Chishti oder Halveti. Diese Orden sind darüber hinaus in zahlreiche Unterverzweigungen gegliedert und haben manchmal auch Überschneidungen untereinander.
(siehe auch: Liste der Sufi-Orden)
Der Sufismus ist in den Augen der Sufis immer lebendig geblieben und hat seine Dynamik bewahrt, weil er sich stets den Zeiten anpasst und sich dementsprechend wandelt. Gleichzeitig bleibt er aber der Essenz der Tradition treu, die die innere Ausrichtung des Herzens auf Gott sowie das Aufgeben des Ego ist. Da Gesellschaften und Kulturen sich ständig weiterentwickeln und verändern, antwortet auch der Sufismus äußerlich gesehen auf diese Veränderungen. Hierzu ein Zitat:
„Sufismus ist die alte Weisheit des Herzens. Er ist
nicht durch Form, Zeit oder Raum begrenzt. Er war immer und wird immer
sein.“
– Llewellyn Vaughan-Lee
Der Begriff Sufismus ist der Name einer alten Lehre, die sich in der heutigen Zeit hauptsächlich durch den Islam manifestiert. Das Wort Sufismus kam in einer Zeit auf, in der diese Lehre mit dieser Weltreligion verbunden war, die essentielle Lehre des Sufismus kann aber durch alle Religionen und Weltanschauungen über viele Jahrtausende zurückverfolgt werden.
Etymologische Herkunft
Etymologisch ist unklar, ob das Wort Sufi von arabisch suf صوف – „Schurwolle“, das auf die wollenen Gewänder der Sufis hinweist, oder von safa صفا – „rein“ stammt. „Rein“ meint in diesem Zusammenhang gereinigt von Unkenntnis bzw. Unwissenheit, Aberglauben, Dogmatismus, Egoismus und Fanatismus sowie frei von Beschränkungen durch die soziale Schicht, politische Überzeugung, Rasse oder Nation.
Eine andere Erklärung bietet auch der Begriff ahl as-suffa, was „Leute der Veranda“ bedeutet. Dies bezieht sich auf die Gruppe von Personen, die sich zu Lebzeiten Mohammeds um den Propheten scharten und wahrscheinlich in Armut lebten. Es wird außerdem behauptet, dass das Wort Sufismus auf die Leute der ersten (Gebets-)Reihe (saff-i awwal) hindeuten kann. Andere, vor allem westliche Vertreter eines „universellen Sufismus“, bringen es wiederum mit dem griechischen Wort sophia („Weisheit“) in Verbindung.
Ergänzend zur Wortherkunft sei erwähnt, dass der Begriff Sufismus nicht von Anhängern dieser Lehre eingeführt wurde. Vielmehr wurde er von Personen außerhalb dieser mystischen Strömung geprägt. Ein Sufi bezeichnet sich selbst in der Regel nicht als solcher, vielmehr verwendet er Bezeichnungen wie „Suchender“, „Schüler“, „Reisender“, etc.
Lehre
Es gibt Sufi-Orden, die als sunnitisch oder schiitisch klassifiziert werden können, aber auch solche, die beiden, und andere, die keiner der beiden islamischen Richtungen zuordenbar sind. Diese stellen einen separaten Bereich des muslimischen Glaubens dar. Die meisten Sufis bewegen sich aber innerhalb des orthodoxen Islams von Sunna und Schia und sind somit entweder Sunniten oder Schiiten.
Ihr Weg folgt vier Stufen, die auf die Prägung aus dem indischen Raum verweisen; bis heute ist jedoch offen, wie und in welche Richtung diese Beeinflussung historisch verlief:
- Auslöschen der sinnlichen Wahrnehmung.
- Aufgabe des Verhaftetseins an individuelle Eigenschaften.
- Sterben des Ego.
- Auflösung in das göttliche Prinzip.
Das oberste Ziel der Sufis ist, Gott so nahe zu kommen wie möglich und dabei die eigenen Wünsche zurückzulassen. Dabei wird Gott bzw. die Wahrheit als „der Geliebte“ erfahren. Der Kern des Sufismus ist demnach die innere Beziehung zwischen dem „Liebenden“ (Sufi) und dem „Geliebten“ (Gott). Durch die Liebe wird der Sufi zu Gott geführt, wobei der Suchende danach strebt, die Wahrheit schon in diesem Leben zu erfahren und nicht erst auf das Jenseits zu warten. Dies spiegelt sich klar in dem Prinzip zu sterben bevor man stirbt wieder, das überall im Sufismus verfolgt wird. Hierzu versuchen die Sufis, die Triebe der niederen Seele bzw. des tyrannischen Ego (an-nafs al-ammara) so zu bekämpfen, dass sie in positive Eigenschaften umgeformt werden. Auf diese Weise kann man einzelne Stationen durchlaufen, deren höchste die reine Seele (an-nafs al-safiya) ist. Diese letzte Stufe bleibt jedoch ausschließlich den Propheten und den vollkommensten Heiligen vorbehalten. Die mystische Gotteserfahrung ist der Zustand des Einsseins (tauhid) mit Gott, die sogenannte „unio mystica“.
Dazu ein Zitat von Abu Nasr as-Sarradsch, einem Zeitgenossen des bekannten islamischen Mystikers Dschunaid: „Sufismus bedeutet, nichts zu besitzen und von nichts besessen zu werden.“
Oder eine etwas ausführlichere Beschreibung von Abu Said: „Sufismus ist Ruhm im Elend, Reichtum in der Armut, Herrschaft in Dienstbarkeit, Sättigung im Hunger, Leben im Tode und Süße in der
Bitterkeit… Der Sufi ist der, der mit allem zufrieden ist, was Gott tut, so dass Gott mit allem zufrieden ist, was er tut.“
Ein wichtiger Aspekt der sufischen Lehre ist außerdem, dass man die „Wahrheit“ erfährt und nicht nur intellektuell erfasst. Gemäß dem Grundsatz „Den Glauben sieht man in den Taten“ ist es für die Sufis entscheidend, oft eher mit gutem Beispiel in der Welt aufzutreten als über den Glauben zu reden. Darüber hinaus ist „Aufrichtigkeit“ unentbehrlich und man sollte versuchen, nach außen hin so rein zu werden, wie man es auch nach innen hin anstrebt.
Viele Sufis, so sie nicht Anhänger einer strengen Scharia sind, glauben, dass in allen Religionen eine grundlegende Wahrheit zu finden ist und dass die großen Religionen von ihrem Wesen/Geist her dasselbe sind. Manche Sufis gehen deswegen sogar so weit, dass sie den Sufismus nicht innerhalb des Islams (also einer Religion) angesiedelt sehen, sondern dass die Mystik über der Religion steht, ja diese sogar bedingt.
Der Weg des Darwish
Der Begriff Derwisch leitet sich her vom persischen Wort dar („Tor“, „Tür“), ein Sinnbild dafür, dass der Bettler von Tür(schwelle) zu Tür(schwelle) wandert. In der sufischen Symbolik bedeutet dies auch die Schwelle zwischen dem Erkennen der diesseitigen irdischen (materiellen, siehe auch dunya) und der jenseitigen göttlichen Welt.
Die volle persische Übersetzung für Derwisch (persisch: درويش darwīsch) ist „Bettler“. Dabei ist es aber nicht unbedingt wörtlich zu verstehen, dass jeder Sufi ein Bettler ist; sondern dieser Begriff dient auch als Symbol dafür, dass derjenige, der sich auf dem Weg des Sufismus befindet, seine eigene „Armut gegenüber Gottes Reichtum“ erkennt.
Auf dem Weg eines Derwisch gibt es folgende Stationen, die er zu meistern versucht:
- Schari’a („islamisches Gesetz“)
- Tariqa („der mystische Weg“)
- Haqiqa („Wahrheit“)
- Ma’rifa („Erkenntnis“)
(In der Alevi-Bektaschi-Glaubenslehre kommt Ma’rifa vor Haqiqa.)
Die Sufis sehen diese Stationen auch als „Türen“ auf dem Weg zu Gott, die sich aber nicht neben-, sondern hinter-, oder besser noch „ineinander“ befinden. Man muss also erst eine Tür durchschritten haben, bevor man daran arbeiten kann, die nächste in Angriff zu nehmen.
Ibn Arabi beschreibt die vier Stationen folgendermaßen: Auf dem Niveau von Schari’a gibt es „dein und mein“. Das heißt, dass das religiöse Gesetz individuelle Rechte und ethische Beziehungen zwischen den Menschen regelt. Auf dem Niveau von Tariqa „ist meins deins und deins ist meins“. Von den Derwischen wird erwartet, dass sie sich gegenseitig als Brüder und Schwestern behandeln, den jeweils anderen an seinen Freuden, seiner Liebe und seinem Eigentum teilhaben lassen. Auf dem Niveau der Wahrheit (Haqiqa) gibt es „weder meins noch deins“. Fortgeschrittene Sufis erkennen, dass alle Dinge von Gott kommen, dass sie selbst nur die Verwalter sind und in Wirklichkeit nichts besitzen. Diejenigen, die die Wahrheit erkennen, interessieren sich nicht für Besitz und Äußerlichkeiten im Allgemeinen, Bekanntheit und gesellschaftlichen Stand inbegriffen. Auf dem Niveau der Erkenntnis (Ma’rifa) gibt es „kein ich und kein du“. Der einzelne erkennt, dass nichts und niemand von Gott getrennt ist. Dies ist das oberste Ziel des Sufismus.
Die Liebe
Der Mittelpunkt der sufischen Lehre ist die Liebe (arabisch hubb, ‘ischq, mahabba), die immer im Sinne von „Hinwendung (zu Gott)“ zu verstehen ist. Die Sufis glauben, dass sich die Liebe in der Projektion der göttlichen Essenz auf das Universum ausdrückt. Dies lässt sich oftmals in den „berauschten“ Gedichten vieler islamischer Mystiker erkennen, die die Einheit mit Gott und die Gottesliebe besingen. Da diese poetischen Werke meist mit Metaphern durchsetzt sind, wurden sie in der Geschichte oft von islamischen Rechtsgelehrten argwöhnisch betrachtet. In ihren Augen haben sie ketzerische Aussagen, wenn beispielsweise der Suchende vom „Wein“ berauscht ist; wobei in der Symbolik des Sufismus der Wein für die Liebe Gottes steht, der Sheikh für den Mundschenk und der Derwisch für das Glas, das mit der Liebe gefüllt wird, um zu den Menschen getragen zu werden.
Al-Ghazali bezeichnet die Liebe zu Gott als die höchste der Stationen und sogar als das eigentliche Endziel der Stationen auf dem Weg zu Gott. Er sagt, dass nur Gott allein der Liebe würdig ist; die Liebe zu Muhammad nennt er jedoch als lobenswert, weil sie nichts anderes ist, als die Liebe zu Gott. Die Liebe zu den Gottesgelehrten und Frommen erwähnt er ebenfalls als lobenswert, denn „man liebt die jenigen, die den Geliebten lieben“.
Der Prophet Jesus wird im Islam als der Prophet der Liebe gesehen, weshalb er oftmals auch als der Prophet der Sufis bezeichnet wird.