Zu den faszinierendsten Aspekten der mystischen Psychologie im Islam gehört die Art, wie die Sufis Satan, die Macht des Bösen, behandelt haben. Satan ist nach koranischer Aussage entweder ein gefallener Engel oder ein aus Feuer geschaffener Djinn und spielt eine wichtige Rolle in der Schöpfungsgeschichte, wie sie in Sura 2:28-34 berichtet wird. Nach Meinung einiger Mystiker war er der Lehrer der Engel gewesen und wurde als solcher sogar zum Thema bengalischen Epost im frühen 17. Jahrhundert, des Iblisname von Sayyid Sultan. Darin sagt der Verfasser, dass den Engeln befohlen wurde, Iblis selbst ach seiner Verfluchung durch Gott noch zu ehren, da er einst ihr Lehrer gewesen war – das Gleiche gilt auch für den Jünger, der seinen Shaikh immer zu lieben und zu ehren hat, selbst wenn dieser ein wahrer Satan sein sollte (( Quelle: Enmaul Haq, Muslim Bengali Literature (1957), S. 119 ))
In gewissen mystischen Kreisen versucht man sogar eine Art Rehabilitierung des Satans. Offenbar wurde dieser Gedanke zuerst von Hallaj formuliert: "Satan rühmt sich, Gott Tausende von Jahren gedient zu haben, ehe Adam noch geschaffen war, und sein Stolz, aus Feuer geschaffen zu sein, lässt ihn Gottes Befehl, sich vor dem aus STAUB geschaffenen Adam niederzuwerfen, zuwiderhandeln. Hallaj erkannte nur zwei echte Monotheisten an, nämlich Muhammad und Satan; aber während Muhammad der Kämmerer der göttlichen Gnade ist, wird Iblis zum Schatzmeister des göttlichen Zorns. In Hallajs Theorie wurde Satan als monotheistischer als Gott selbst, denn Gottes ewiger Wille ist, dass niemand außer Ihm angebetet werden soll; aus diesem Grunde weigerte sich Satan, vor einem Geschöpf niederzufallen, obgleich es Gott ausdrücklich befohlen hatte.
Hallaj übersetzt seinen Aufschrei in einem berühmt gewordenen Vielzeiler:
"Mein Aufruhr heißt: Dich heilig zu erklären!"
Iblis wurde zwischen Willen und Befehl festgehalten "gefesselt ins Wasser geworfen". (s. Enamul Haq, S. 108)
Diese tragische Lage Satans hat eine Anzahl von Dichtern inspiriert, ihre Sympathie mit ihm zu bekunden, da sein Dilemma in gewisser Weise die Schwierigkeiten vorwegnahm, die der Mensch in dieser Welt auf sich zu nehmen hat. (( Quelle: Annemarie Schimmel "Mystische Dimensionen des Islam" ))
Und nun meine Fragestellung:
Was genau hat das wirklich mit dem Islam zu tun? Es gab noch viel abwegigere "Theorien" als diese. Sufis sind vorallem darauf aus, die emotionalen Facetten – ja ihre Liebe zu Gott – auszuleben. Was haben Wein, Homosexualität, sinnliches Auskosten des Lebens, um zum Übersinnlichen zu gelangen mit dem Islam zu tun? All diese Punkte sind islamische "Gesetzwidrigkeiten".
Muhammad wurde einst mythologisiert – quasi zum Medium der religiösen Erfahrung gemacht und das, obwohl das "Wunder" oder das Zentrum des Islams nicht der Gesandte selbst ist, sondern der Qur’an als direkte Offenbarung Gottes. (( Aus phänomenologischer Perspektive betrachtet ))
Es gab jedoch sehr viele Mystiker, die die erste Hälfte des Glaubensbekenntnisses benutzen, jedoch ohne die spezielle Stellung des Propheten anzuerkennen. Sie gaben dem Islam auf diese Weise eine pantheistische Interpretation, was von Gelehrten sehr kritisiert wurde – in gewissen Fällen sogar verfolgt.
Es gab sogar Mystiker, die offenkundig zugaben, dass die Größe ihrer Liebe zu Gott ihnen keinen Raum ließ, um den Propheten zu verehren. zahnluecke
"Eines Nachts sah ich den Propheten im Traum. Er sagte: ‘Liebst Du mich?" Ich sagte: "Verzeih’ mir, aber die Liebe zu Gott hat mich zu sehr beschäftigt, um Dich zu lieben.[...]" ( Quelle: Fariduddin "Attar, Tadhikirat al-auliya, ed. R.A. Nicholson )
Einige weigerten sich sogar, Muhammads Namen im Gebet auszusprechen. (( Quelle: Abu’l-Qasim Al-Qushairi, Ar-risala fi ‘ilm at-tasawwuf ))
Der Beginn von einer Muhammad-Mystik war ca. im 8. Jahrhundert. Es war vorallem Mutaqil, der den Propheten in seinen Werken idealisierte. Er war es auch, der den 2. Satz des Lichtverses im Qur’an (( Sura 24:35 )) so interpretierte, dass er sich auf den Propheten bezog, dessen Licht durch die anderen Propheten scheint. Kharraz verfeinerte diesen Gedanken aus. Hallaj widmete einen großen Teil des "Kitab at-tawasin" einem Loblied an den Propheten.
[Sura An-nur, Ayeh 35] "Allah ist das Licht der Himmel und der Erde. Sein Licht ist gleich einer Nische, in der sich eine Lampe befindet: Die Lampe ist in einem Glas; das Glas gleich einem funkelnden Stern. Angezündet (wird die Lampe) von einem gesegneten Ölbaum, der weder östlich noch westlich ist, dessen Öl beinahe leuchten würde, auch wenn das Feuer es nicht berührte. Licht über Licht. Allah leitet zu Seinem Licht, wen Er will. Und Allah prägt Gleichnisse für die Menschen, und Allah kennt alle Dinge."
Diese Faszination geht aber wieder ein Interesses zurück, das m.E. die eigentliche Basis der Verehrung des Propheten ist: -> Die Liebesgeschichte zwischen Prophet & Gott. Dies sehe ich vorallem in Hallaj’s Hymne bestätigt. Dort ist der Prophet Ursache & Ziel der Schöpfung. Um diesem Gedanken Nachdruck zu verleihen, wurde er in ein "Hadith qudsi" gekleidet: "Laulaka, laulaka, ma khalaqtu’l-aflaka" -> "Wärest Du nicht, so hätte Ich ( Gott ) die Himmel nicht geschaffen."
Daraus lässt sich schließen, dass diese Mystiker der romantischen Meinung waren, dass die Welt erschaffen worden ist, weil Gott seine Liebe zum Propheten weltlich manifestieren wollte. Dem Propheten selbst wurden Worte zugeschrieben, die seine Stellung für Gott und die "Liebesbeziehung" ( nicht sexuell ) zwischen ihnen verdeutlichen sollten:
"Das Erste, das Gott schuf, war mein Geist. Ich war ein Prophet, als Adam noch zwischen Lehm und Wasser war"
M.E. hat der Prophet so einen Ausspruch nie gemacht, da er immerwieder deutlich machte, dass er ein normaler Mensch ist, der Gottes Botschaft zu offenbaren hat. Er wollte nicht als "Heiliger" gesehen werden. Dieser Ausspruch ist m.E. eine Romantisierung seitens der Propheten-Verehrer, um ihrer Faszination weiter frönen zu können.
Der "Lichtgedanke" bezüglich des Propheten fand seine volle Entfaltung um 900. Sahl at-Tustari spricht sogar von drei Lichtern Gottes. Es entstand ein richtiger Kult – aber nicht weil die Expansionsgeschichte des Propheten so wundervoll und verehrungswürdig war, sondern weil die Mystiker sich einzig und allein auf die Liebe und Beziehung zwischen Gott & Prophet konzentrierten. Das, weil sie selbst immer bestrebt waren, Gottes Liebe empfangen zu können. Und das konnten sie nur, wenn sie aus sich entwuchsen und sich entfesselten. Ihr eigenes "Ich" aufgaben, die Einigkeit & Liebe in sich aufgehen ließen oder noch eher: In ihr aufgingen.
Muhammad war nun einmal der Prophet jenes Gebietes & die Umgebung war islamisch geprägt – doch die Ambitionen der Sufis war eine ganz anderer Natur. Es war einzig und allein die fast verliebte Liebe zu Gott. Und die emotionale Nähe – ja, Einigkeit – zu ihm. Welche Philosophie/Religion kommt Euch in dem Zusammenhang in den Sinn, wenn wir von "Einsheit"-Gedanken ausgehen? Jedenfalls nicht die semitischen/abrahamischen Religionen.

Nach dem pantheistischen Weltbild ist das Universum ist aufgebaut vergleichbar mit einem Gehirn. So, wie sich das menschliche Gehirn zusammensetzt aus einer großen Zahl von Gehirnzellen, die, dadurch, dass sie in Wechselwirkung zueinander stehen, ein System bilden, bilden die unzähligen Elemente des Universums auch ein System.
Im Pantheismus geht man davon aus, dass die Summe aller Dinge im Universum, das Göttliche selbst bildet, etwas Höheres, was über die Einzelwirkungen der Dinge hinausgeht. Dieses Göttliche bildet natürlich etwas Unvorstellbares, über den Geist des Menschen weit Herausgehendes, was man jedoch am Ehesten mit dem Wort „Bewusstsein“ beschreiben könnte.
Und hier findet sich die Analogie zu dem System Gehirn; das menschliche Bewusstsein entsteht auch erst durch das Zusammenspielen aller Gehirnzellen – jeder Mensch im Universum ist wie eine Gehirnzelle im Gehirn und trägt zum Bestehen eines Bewusstseins bei. Das Zusammenspiel der Gehirnzellen ist natürlich nicht exakt auf das Zusammenspiel der Dinge im Universum übertragbar, aber genau an dieser Stelle setzt das Metaphysische im Pantheismus ein. Man geht davon aus, dass es eine Art Gitter, Macht, Energie oder ähnliches gibt, was als Verbindung zwischen jedem Element (im nicht-chemischen Sinne) des Universums dient. Dieses (für den Menschen!) Unerfassbare wirkt allerdings schon weniger metaphysisch, wenn man die Chaostheorie, eine der zentralen Elemente des Pantheismus, herbeizieht. Die Chaostheorie besagt, dass sich unvorhersehbare Folgen aus bestimmten Abläufen im Universum ergeben können, ganz einfach, weil der Mensch nicht alle Umstände, Faktoren und Begleiterscheinungen zu berechnen, beachten oder wahrzunehmen in der Lage ist.
Ein Beispiel: Ein Mann, der in der Natur lebt, ist in ein Mädchen verliebt. Er sitzt da, und sinniert darüber nach, wie er ihr näher kommen könnte. Während dieses Nachdenkens wirft er geistesabwesend einen Stein durch die Gegend, der ein Kaninchen tödlich trifft. Ein Fuchs schleppt das Kaninchen zu einem Fluss, um es dort zu essen. Der Fuchs erstickt an dem Kaninchen und verwest im Fluss, wodurch das Wasser vergiftet wird. Das Mädchen trinkt aus dem Fluss und stirbt, wodurch der Mann unglaublich traurig wird.
Die Folgerung: Der Mann wird dadurch unglücklich, dass er einen Stein durch die Gegend wirft. Auf den ersten Blick eine schwachsinnig anmutende, nicht nachzuvollziehende Aussage, jedoch mit dieser Begründung verständlich.
Und derart sind natürlich viel komplexere Kausalketten denkbar, die sich nicht nur in dem kleinen, menschlichen Rahmen abspielen, sondern durch das ganze Universum ziehen. Das bekannteste Beispiel für die Chaostheorie ist wohl der Schmetterling, der durch sein Flügelschlagen einen Orkan weit entfernt von seinem Aufenthaltsort auslöst. Bewiesen sind sogar schon viel größere Auswirkungen, beispielsweise dass durch die Explosion Supernovaes neues Leben auf weit entfernten Planeten entstehen kann, so ist auch das menschliche Leben nur durch eine derartige Explosion einer Sonne entstanden.
Für den Pantheismus sind diese Zusammenhänge zwischen den Elementen des Universums wichtig, weil durch die theoretisch mögliche Interaktion erst das System Universum als ganzes bezeichnet und begriffen werden kann. Wichtig ist auch, die Gesamtheit zu begreifen, die Gott für Pantheisten darstellt. So ist wirklich jeder Stein, jedes Tier, jeder Mensch und jede außerirdische Lebensform ein Teil Gottes und wirkt zum Bewusstsein Gottes als komplexeste Form des Lebens bei.
Man darf nicht von der beschränkten Sichtweise ausgehen, nach der der Mensch die Natur unterscheidet. Das gesamte Universum ist sowohl im Mikro- als auch im Makrokosmos sozusagen in Untersysteme gegliedert. Eines dieser Systeme, das wir als Maßstab zu nehmen pflegen, ist der Mensch an sich. In den Mikrokosmos hineinreichend, kann man den Menschen in Organe, gliedern, diese die Untergliederung in Zellen, Bakterien etc… dann wiederum in Moleküle, Atome, Quarks, Subquarks… etc. In den Makrokosmos hineinreichend kann man beispielsweise ein Biotop wie einen Tümpel oder eine Wüste als für sich stehendes System ansehen, dem viele Lebensformen angehören und in gegenseitiger Wechselwirkung stehen. Diese System schließen sich dann zusammen zur Lebensform Erde. Geht man weiter in den Makrokosmos, käme unser Sonnensystem, was ja dem Namen nach schon ein System ist, in Frage als nächste Lebensform – hier wird der Mensch aber einen größeren Schritt der Abstraktion gehen müssen. Das Sonnensystem ist natürlich nicht sehr ähnlich einem System wie dem tropischen Regenwald, dennoch sind einige Wechselwirkungen von großer Bedeutung bis in die kleinen Bereiche die für uns wieder von Relevanz sind, angefangen von Meteoriten, die die Dinosaurier aussterben ließen und so erst die Entwicklung des Homo Sapiens ermöglichten bis hin zum lebensspendenden Licht. Dass Himmelskörper im gesamten Universum interagieren, ist leicht vorstellbar, wenn man an große Massen, Energien, die frei werden oder Geschwindigkeiten einiger Meteoriten denkt.
Für den Glauben ist aber das Interagieren von intelligenten, sich-selbstbewussten Lebensformen wohl am interessantesten, denn genau diese können sich eben Gottes bzw. des Universums bewusst sein und ihr Leben danach ändern, während ein Opossum zwar auch ein Teil Gottes ist, aber weder beten, glauben noch sich seiner eigenen Existenz überhaupt bewusst sein kann.
Im Pantheismus steht Gott nicht außerhalb des Universums, wie es in den meisten monotheistischen Religionen wie dem Christentum, Islam oder Judentum ist, sondern Gott IST das Universum, alles ist EINS.
So, wie das Universum entstanden ist, ist Gott entstanden, der Urknall ist die Geburtstunde Gottes so wie das Zusammenfallen des Universums das Ende Gottes sein wird. Vielleicht wird ein erneuter Urknall ein neues Universum erschaffen, aber das liegt weit außerhalb jeder menschlichen Beweisfähigkeit und jeder sollte sich da eine eigene Meinung bilden.
Schließlich ist der Glaube etwas sehr persönliches und Pantheismus ist nur eine abstrakte „Richtlinie“, kein ins Detail ausgearbeiteter Glaube wie das Christentum, der durch die Bibel eine genaue Definition erhält.
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