03.02.2012, 08:47
Fachidioten.
Es gibt dieses Vorurteil über Wissenschaftler, dass sie irgendwie seltsam seien, eigenbröterlisch und isoliert. Dass sie leicht autistische Züge vorweisen und sozial absolut inkompetent seien. Manchmal mag das stimmen, vor allem Wissenschaftler, die wirklich Koryphäen in der Mathematik oder Physik sind. Ich bin der Meinung, dafür muss man schon ein ganz speziell geartetes Gehirn haben, um soviel Abstraktion nicht nur vertragen und verstehen zu können, sondern auch selber erschaffen zu können. Aber dann gibt es die normalen Wissenschaftler, die – wenn überhaupt – eine nur leicht überdurchschnittliche Intelligenz aufweisen, die vermutlich mehr auf Bildung beruht und nicht unbedingt auf dispositionaler Rohintelligenz. Und die, wenn sie über ein alltäglich erscheinendes Thema mitreden wollen, das zu ihrem Spezialgebiet gehört, einfach als fremdartig und detailfixiert oder aber als leise und unbeteiligt empfunden werden. Einfach deshalb, weil sie Experten bei dem Thema sind und die Sanduhr voller Körnchendetails aufreißen alles zu erklären suchen – vor allem die Zusammenhänge, auf die wir als Nichtexperten niemals kommen würden.
Gerade bei uns Psycholgen fällt das auf, dass wir oft auf Unverständnis stoßen. Die ganze Welt meint, sein alltagspsychologisches Wissen sei in irgendeiner Weise richtig, und tatsächlich, ja, die kognitiven Heuristiken, die wir zu verwenden neigen, um Menschen oder Situationen (grob) einzuschätzen, dienen einem sehr ressourcensparenden Wahrnehmungssystem, das kurzfristig auch sehr gut funktioniert – kurzfristig bei unwichtigen Angelegenheiten, versteht sich. Aber Tatsache ist, die Psychologie des Durchschnittsmenschen ist unintuitiver, als wir durch unsere alltagspsychologischen Erklärungsversuche meinen könnten. Also müssen wir Psychologen entweder dasitzen und einer Diskussionsrunde über Depressionden oder Aggressionen nur lauschen und uns zurückhalten, um uns nicht in Erklärungen zu verlieren – oder aber so in eine für andere unintuitive Tiefe gehen, dass man uns für verrückt oder seltsam abstempelt; noch schlimmer: für eingebildet. Weiterlesen… »
26.01.2012, 18:19
Hassliebe
Sie hat ihr Notebook schon seit mindestens dreieinhalb Jahren. Es sieht verbraucht und vernachlässigt aus, ganz anders als meine gepflegten Geräte. Vor dreieinhalb Jahren – genau da habe ich sie nämlich das erste Mal gesehen. Ich setzte mich in den Raum, in dem sie sprach und lauschte ihrer rauchigen Stimme. Sie sprach langsam und “gezählt”, wie man auf Persisch sagt, wenn jemand die Wörter, die er spricht, richtig ausdekliniert, ihren Klang so ausreizt, bis man sie nicht mehr missverstehen kann. Sie gibt dem Wissen, das sie vermittelt, einen unglaublich intensiven Nachdruck, indem sie jeden Einzelnen von uns ansieht – auch, wenn wir zweihundert sind. Wenn wir uns melden, um Fragen zu stellen, grinst sie manchmal und bekommt an ihrer ledrigen, nikotingeplagten Haut plötzlich bubenhafte Gesichtszüge – denn sie weiß, was wir fragen werden und warum uns das, was sie uns sagt, nicht direkt in den Kopf gehen will. Weiterlesen… »
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Sicherlich nerve ich mit dem Thema, aber ich habe etwas Interessantes gefunden. Bei den Recheren nach Studien und Analysen zu Geschlechterunterschieden finden sich manchmal Überschriften wie “Sind Frauen wirklich anders?” “Worin sich Frauen in kognitiven Fertigkeiten unterscheiden”, “Die Diskrepanz von Frau zum Mann”. Einige empirische Daten und Metaanalysen kommen durch Frauen zustande und beinhalten in ihrer Fragestellung solche Überschriften, in denen die Frau sich selbst als Diskrepanz zur Referenzquelle “Mann” sieht. Die Überschriften verändern sich interessanterweise im Laufe der Jahreszahlen. Und dennoch sagen mir diese Überschriften, die in wissenschaftlichen Abhandlungen den Kopf schmücken, dass die Frau als Abweichung angesehen wurde, als eine Anomalität neben dem Mann. Aber niemals der Mann selbst als Abweichung gesehen wurde, trotz seines höher ausgeprägten Aggressionspotenzials. Ist das nicht interessant?
05.01.2012, 10:21
Sapienti sat est.
Wir haben ein Wesen bekommen, das zu Anteilen bestialisch und zu Anteilen mitfühlend und gut ist. Warum lässt man diese aufeinander los, in einer einzigen Brust, in einer einzigen Seele, in einem einzigen Kopf? Der Sinn der Sache kann nicht so einfach sein wie die Prüfung eines Gottes, der uns dem inneren Kampf zwischen Gut und Böse aussetzt. So ein Allmächtiger weiß doch eh, wie alles ausgeht. Er kennt uns besser als wir uns selbst. So einfach ist die Welt nur bei Harry Potter oder in den heiligen Büchern, aber nicht hier, nicht bei uns.
Ich will so unbedingt Dinge wissen, dass es mich krank macht. Mein Kopf rattert die ganze Zeit nach einer Weltformel, einem Stoff, der allem einen plötzlichen Sinn gibt. So unbedingt will ich Dinge wissen, dass ich wütend werde, wenn in all den eigentlich mich beruhigenden (Sach)-Büchern doch keine Antworten vorhanden sind. Romane befriedigen mich nur noch bedingt, geben nur noch sehr kleine Antworten auf die großen Fragen. Die Schriftsteller/innen, die es konnten, sind leider schon tot. Und die, die es nicht können, werden heute als weise gefeiert. Ich wollte Paulo Coelho schon immer einmal fragen, warum er die Muße hatte, spirituelle Reisen zu machen, wenn sein Leben wirklich schwierig war. Warum sucht man sich überhaupt, wenn Not besteht, echte Not, Überlebensnot? Maslow wusste es doch besser. Kämpfen wir um’s Überleben, denken wir nicht an innere Ruhe und Selbstverwirklichung, sondern an’s Essen, an’s, Nicht-Sterben, an’s Schlafen an einem warmen Platz. Musste er nicht um das Überleben kämpfen, anstatt ständig auf der Suche auf sich selbst und seinem inneren Frieden zu sein? Und wie kann man es schaffen, all das, was passiert, irgendwie noch einem guten Gott zuzuschreiben, den er ständig predigt? “Warum, Herr Colhoe, lassen Sie in Ihren Romanen immer die Hälfte der Wahrheit aus? Blenden die Gewichtung des Zerstörerischen aus, nur um Ihren Lesern Ruhe zu verkaufen, die Sie sich selbst verkauft haben? Können Sie, wenn Sie diese Aspekte unserer Realität einfach meiden, überhaupt von echter Weisheit sprechen? Muss der Weise überhaupt noch etwas leugnen? Und gibt es Weisheit überhaupt?” (Bedenkt, ich mag ihn sehr gerne, er ist ein guter Mensch, dieser Mr. Coelho.) Weiterlesen… »
Ich fragte Ariadne einmal, warum sie klassische Philologie studiere und warum sie Latein so liebe. Ich tat es vermutlich, weil ich ihre Antwort erahnen konnte, aber dennoch wollte ich so gerne teilhaben an der Leidenschaft, die sie beim Erklären ihrer Gründe zeigen würde. Jetzt, einige Wochen später, hat sie einen Beitrag dazu verfasst, der mein Herz vor Freude im 2Step schlagen ließ. Denn ich durfte lesen, dass sie die lateinische Sprache tatsächlich aus dem selben Grund liebte, aus dem ich die Naturwissenschaften und die wissenschaftliche Psychologie liebte. Lest ihre runden, konturreichen Worte. Satzanreihungen, Wortwahlen, Algorithmen, die mich daran erinnern, warum ich die deutsche Sprache so wunderbar finde.
“Ich studiere klassische Philologie. Und so schwer es für viele zu verstehen, ist – ich liebe mein Fach. Ich liebe es, Texte nach Stilmitteln aufzudröseln, Satzgefüge zu entwirren, genau zu untersuchen, wie und warum ein Wort in diesem oder jenem Kasus gebraucht wird. Ich liebe das Versmaß in der Aenaeis, die verschachtelten Sätze bei Tacitus, die bildhaften Argumentationen Ciceros, die tiefe Würde Senecas, die wunderbaren Metamorphosen Ovids. Für mich ist Latein keine tote Sprache, sondern eine unsterblich gewordene.” [Weiterlesen ...]
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