In den letzten Tagen habe ich mich durch den Roman “Die Ballade vom traurigen Café” von Carson McCullers durchgekämpft. Die erwartete Poesie der Geschichte wich einer lakonischen, wenn auch etwas weicheren Sprache, auf die ich nicht vorbereitet war. Die Perspektive des beobachtenden Ich-Erzählers stellte zwar eine interessante Hinführung der LeserInnen dar, doch die Essenz der Akteuere fehlte einfach. Da stellt sich mir wieder die Frage: Wer bestimmt, was gute und schlechte Literatur ist? Wenn Namen ganz ausgeschrieben werden, aber Charaktere nicht wirklich angetastet, geschweige geschält werden, dann neige ich oft dazu, Bücher wütend in die Ecke schmeißen zu wollen. Doch ich bin keine Sechzehnjährige mehr, ich habe mich die letzten Jahre diszipliniert, Dinge zu Ende zu bringen. So auch dieses Buch.
Die Beschreibung der sehr ruhigen, ja fast kargen Umgebung war trotz fehlender Abwechslung detailreicher als die sich ständig wiederholenden Wesenszüge von Miss Amelia und Vetter Lymon. Die einzig echte und greifbare Gefühlsregung, die ich beim Lesen der Geschichte verspürte, war mein Widerwille und der spätere Ekel gegen die Dreistigkeit des buckligen Vetter Lymons, in den sich die starke, grobe Miss Amelia verliebt hatte. Nicht einmal die Brutalität ihres Ex-Mannes wollte richtig bei mir ankommen. Die Stimmungen waren einfach zu leicht, als dass sie sich hätten festsetzen können. Das Ende war sinnlos. Die Unabhängigkeit und Wehrhaftigkeit einer starken Frau wurde massiv durch die Treulosigkeit eines fiesen, buckligen Zweges unrealistisch verletzt. Die Brutalität ihres Ex-Mannes hätte sich nicht klischeehafter durch seine Verliebtheit in Miss Amelia verflüchtigen können. Die Zwielichtigkeit des Vetter Lymons hätte nicht lauter angekündigt werden können. Weiterlesen… »
Ihr seht, meine Texte in diesem Blog sind manchmal von einer ausweglosen Ernsthaftigkeit und einem Vorwurf gegen die Regeln dieses Lebens belastet, dass mir manchmal beim Lesen selber die Luft weg bleibt. Dennoch bin ich mir dessen bewusst, dass es richtig ist, nach all dem “It’s all fun”, “Let’s party!” und unserer Komsumgeilheit (ich gehöre definitiv dazu) Dinge anzusprechen, die man sehr gerne verdrängt. Ich bin mir dessen beuwsst, dass ich sie nicht nur anspreche, sondern in einer sehr harten Sprache benenne, so dass viele sich angegriffen fühlen, die sich eigentlich gar nicht angegriffen fühlen brauchen. Fast so, als würde ich der Menschheit – jedem einzelnen von uns – reine Dummheit und Ignoranz bescheinigen. Und ehrlichgesagt: Vielleicht tue ich das auch. Wir müssen bedenken, dass wir als Masse viel dümmer sind, als wir es als Individuen oder kleine Gruppen sind. Wie sollen ein paar Helldenker denn die trottende Richtung der trägen doch zähen Masse Richtung Konsum, Politikverdrossenheit, Geschichtsignoranz und Oberflächlichkeit lenken? Höchstens, indem sie selbst aufschreien und das erste Wort, das es in die Menge wirft ein “Du bist scheiße, Menschheit! Fick dich!” ist. Mit einem intellektuell einleitenden, diplomatischen, wenig beleidigenden Satz wird man kein Gehör finden, im Gegenteil: Haben wir nicht alle genug von all den versnobten Klardenker-Theoretikern und abstrakten Philosophen, die irgendetwas daherreden, in überkomplizierten Konstruktionen von Wort und Satz, die aber von der schlammigen Praxis des Kämpfens und Überlebens (oder des Konsumierens und Wegsaufens) nicht die geringste Ahnung haben? Manche reden von subtilen Denkwegen, abstrahieren die Realität in einer Form, in der nur noch Zahlen und Formeln übrig bleiben und schreiben nur noch für sich selbst, um den intellektuellen Kampf gegen die Kollegen zu gewinnen. “Yes indeed, das hier war ein Erfolg. Mein Buch wurde am wenigsten von der Masse verstanden. Vorzüglich.” Doch von uns, von uns Lebenden, von uns Tuenden, von uns Greifenden, von uns Konsumierenden, von uns Leidenden, von uns Feiernden, von uns Gröhlenden, von uns, die sich tagtäglich von den Medien tatsächlich verarschen lassen, haben sie nicht wirklich Ahnung, nicht irgendeine, denn sie fühlen sich über alles erhaben und sehen nicht ein, wie man uns diese Erhabenheit auch beibringen könnte. Es interessiert sie gar nicht, sonst wären ihre Schriften und Ergüsse nicht so unverständlich und narzisstisch-krank. Weg damit. Weiterlesen… »
Wenn ich noch einen Wunsch frei hätte, dann den, dass du uns dieses Lied eine Ewigkeit lang vorsingst. Ich habe versucht, es zu übersetzen. Noch habe ich keine Worte auf Deutsch gefunden, die all das erzeugen können, was eine Zeile auf Persisch einem antun kann. Ich weiß jetzt, warum mein Herz gespalten ist. Weil ich mit zwei Sprachen aufgewachsen bin, die unterschiedlicher nicht sein können, obwohl sie beide der selben Sprachfamilie angehören. Ich werde es bald mit der Übersetzung noch einmal versuchen und hoffe, ich werde dieser Sprache gerecht. Bis dahin versteht ihr vielleicht selbst, ganz mit der Seele, ganz mit den Wellen…
Sari Galin (auf azari: Die Blonde / Goldene Braut) ist ein berühmtes Volkslied der Armenier, Azaris und Iraner. Man weiß nicht, ob das Golden oder das Gelb sich auf das blonde Haar der Braut, die helle Haut oder das Hochzeitsgewand bezieht. Die alternative Übersetzung der Armenier bedeutet: “Die Braut der Berge”. Das Wort “Sar” bedeutet dort nämlich “Berg”. Man weiß nicht sicher, aus welchem Land dieses wunderbare Lied tatsächlich kommt, was die Geschichte, in der es in diesem Lied geht, noch bedeutsamer macht.
Es geht um die Geschichte eines Paares, das wegen verschiedener Ethnie und Religion nicht heiraten darf. Und da geht sie, die goldene Braut. Das ganze Lied ist wie ein sanftmütiger, trauriger, rosenbenetzter Trauermarsch der wunderschönen Braut in die Arme eines anderen. Hört selbst. Sie geht an ihm vorüber. Die goldene Braut am trauernden Liebenden.
Am Anfang hört Ihr das Lied auf Azari, in der Mitte auf Armenisch, am Ende auf Persisch. Ich hoffe, es entführt Euch so, wie es mich jedesmal entführt. Klick zum Lied: ❀ Sari Galin – Azari, Armenian und Persian Trio ❀