Kategorie "Videos"
16.04.2011, 08:50
Wandlungen

Es ist wieder soweit. Ich habe angefangen, dieses Lied samt Video zu gucken und bin seit gestern darauf hängengeblieben. Nach einer ausgiebigen Playlist (s.u.) mit wunderbaren Songs, von denen ich einfach forderte, dass sie meine verhärteten Stresssymtome aufweichen, mit ihren melodischen positiven Strahlenarmen durch meine Wand eindringen, bin ich bei ihm hängen geblieben. Bei Udo Jürgens und seinem Song “Chérie”. Bitte lacht mich nicht aus, denn dass ich dieses Lied so liebe, hat nichts damit zu tun, dass er für “Chérie” singt.

Mir wird bei diesem Video nur bewusst, wie sehr wir – wie sehr die Musik – sich verändert hat. Wie sehr die Schlüsselreize für die Masse sich in die damals noch unbedeutende Peripherie verschoben haben. Das perfekte Video ist heute am wichtigsten. Gute Choreografen sind ein Muss. Die besten Videofilter für makellose Gesichts- und Körperhaut ist obligatorisch, die Übermalung von menschlichen Zügen sind unverzichtbar, damit die Stars einmal entpersonalisiert und ersetzbar gemacht werden, aber dennoch anbetungswürdig und unwirklich wirken. Kein Gramm darf man zuviel haben, die Brüste einer Sängerin müssen prall und rund sein, die Muskeln eines Sängers 3-D-gleich ausdefiniert. Was in die Peripherie gerückt ist, ist die Stimme, die einzigartige Persönlichkeit, die Art und Weise, wie ein Künstler singt, weil er ganz individuell leidet und Glück empfindet. Weil er eine ganz andere, aber doch ähnliche Lebensgeschichte hat wie wir. Dafür gibt’s den guten Tontechniker, der sich seit dem neuen Trend der unpersönlichen Stars nun selbst verarschen muss, um sein Geld zu verdienen. Er hat sich damit abgefunden, dass er keine genialen Orchester-Arrangements mehr zaubern muss, selber künstlerisch und feinhörig tätig sein darf, sondern die schiefen Töne von irgendeiner austauschbaren, traurig ausgenutzten kleinen “Sängerin” oder irgendeiner nichtssagenden, brustepilierten Boyband digitalisieren und zurechtrücken muss, damit alles so sitzt, wie es der dicke Produzent fordert.

Die Musikbranche gehörte damals schon zu der harten und dreckigen Branche. Doch in Relation zu heute, haben sich Stars ohne ihre Produzenten noch gehalten, weil sie in ihren Auftritten geschwitzt haben, ihre Stimme der Realität ausgesetzt haben und auch mal versagt haben. Weil sie Lieder nicht gleich sangen, sondern jedesmal anders, so dass man fühlen konnte, wie sie sich fühlen und dass sie sich dieses Mal anders fühlen. Sie haben gekackt und gepinkelt – und alle wussten es und verehrten sie dennoch. Sie haben ihre Existenzberechtigung als Künstler daraus gezogen, dass sie tatsächlich sangen, selbst komponierten und ihre Texte schrieben. Sie waren menschlich, sie haben uns an-ge-se-hen, so wie wir sie angesehen haben. Alle zwei bis drei Jahre entdeckten wir bei ihnen die neuen Lebensfalten im Gesicht, die wir auch bei uns entdeckten und liebten sie dafür umso mehr, weil sie zusammen mit uns – wirklich mit uns – erwachsen wurden, alterten und ein echtes Leben lebten. Weiterlesen… »

08.03.2011, 12:07
Delicate Romance
25.12.2010, 15:08
Realität vs. Realität

Seit zwei Tagen spielen wir Playstation 3D Spiele. Wenn wir abgeschossen werden oder etwas abschießen, knallen uns die Funken und Feuerwerke um die Ohren. Die Maschinenteile unserer Raumschiffe splittern uns entgegen, wir halten uns die Hand zum Schutz vor’s Gesicht, damit wir nicht getroffen werden. Die schweren 3D Brillen auf unseren Nasen nehmen wir nicht mehr wahr. Das da – dort, wo wir draufschauen – ist die Realität, in jenem Moment ist sie das. Eine, in der wir zwar nicht so große Angst haben und die Ungereimtheiten nicht wirklich gewichten, aber alles, was wir denken, wahrnehmen und mit Knopfdrucken tun, aktiviert in unserem Gehirn genau jene Areale, die aktiviert werden würden, würden wir all die Aktionen tatsächlich ausführen. Was ist nun Realität? Woran genau können wir sie festmachen?

Vielleicht ist das hier ein schlechtes Beispiel für eine klare Trennschärfe der Realitätsdefinition, denn immerhin findet dieses Spiel noch immer in unserer uns bekannten realistischen Alltag statt. Kommen wir zu einem anderen Beispiel.

Letzte Nacht träumte ich. Ich stand in einem großen Atelier vor einem Gemälde. Es war noch nicht einmal ein großes Gemälde. Eine warme, vertrauenswürdige Person – ich weiß nicht mehr, ob Mann oder Frau (was dort in der Traumwelt aber einfach keinen großen Unterschied machte) – schaute mich direkt an. Das Bild war lebendig, aber nur zweidimensional und so bewegungslos, wie Bilder nun einmal sind, wenn man kein ganz spezielles Auge für sie hat. Ich verfing mich in den Augen dieser warmherzigen, vertrauenswürdigen Person und lächelte sie einfach an. Als Dank dafür, dass ich mich kurz in dieser kargen Atelierslandschaft sicher fühlen durfte.

Was dann geschah, war so faszinierend. Als hätte mein Lächeln eine Welle in das Bild geschlagen, fing es an, sich zu bewegen. Wie die Kreise in einem stillen See, der einen flachen Stein in sich aufgenommen hat, bewegte es sich, wellte es, trieb es, bis das Bild im Rahmen eine 3D-Landschaft zeigte. So ein digitales 3D, wie ich es in meinen 3D-Spielen erlebte, aber um vieles weicher, weltfremder, wärmer. Das Gemälde war ein sich bewegendes 3D Gebilde. Glitzerndes Wasser im Hintergrund, rechts oben die Milchstraße, bei der ich “um die Ecke” des Rahmens schauen konnte und die Unendlichkeit greifen konnte. Weiterlesen… »

04.10.2010, 12:18
Von viel zu noch soviel mehr

Ich frage mich oft, woran es liegt, dass ich zwar den Drang, zu schreiben, verspüre, aber der gedankliche und emotionale Fluss der Freiheit mich nicht mehr mitreißt. Hat es damit zu tun, dass ich aus dem Chaos meiner inneren Welt einfach nichts greifen kann, das nicht sofort wie Wasser oder fein-rieselnder Sand aus meinen Händen siebt? Oder liegt es daran, dass ich große Ereignisse und gigantische Momente des Glücks und der Trauer nicht mehr wage, in Worte zu fügen? Oder dann doch daran, dass ich mich, mein Leben und das meiner Umgebung in Anbetracht dessen, was überall auf der Welt passiert (ach, was ist schon die Welt! Das Universum!), einfach nicht mehr ernstnehmen kann?

Wie – so frage ich mich – findet man, wenn man einmal seinen Egozentrismus soweit wie jetzt verloren hat, je wieder zu sich und seiner kleinen Welt zurück? Wie kann ich an die traurigen Gefühle von mir denken, ohne nicht zeitgleich an irgendwelche hormonellen und chemischen Vorgänge im Gehirn zu denken, die dieses Gefühl der Depression oder Euphorie verursacht zu haben (Oder sind sie doch nur eine Folge?)? Und wie schaffe ich es, nicht auch daran zu denken, welches Psychopharmaka Besonderheiten, Ausuferungen oder Defizite unserer Gefühlswelt, die als pathologisch empfunden werden, wieder regulieren kann? Und wie kann ich verhindern, dass ich diese kleinen Pillen bewundere und verachte zugleich, indem ich in meinen zählenden Gedanken auch noch die Nebenwirkungen aufliste? Wieso verliert man sich in sinkende Wertlosigkeit und Unwichtigkeit, wenn man sich wissenschaftlich mit den Themen auseinandersetzt? Und warum dann wieder in eine euphorische Gänsehautstimmung, wenn man dieses unglaublich präzise Gleichgewicht im- und außerhalb des Körpers beobachtet? Wieso neigt man dazu, über die Möglichkeit der Existenz eines Gottes zu lachen (immer dann, wenn ich meine, darüber staunen zu müssen, wie Menschen es schaffen, solche Erkenntnisse zu erringen) und im nächsten Augenblick kopfschüttelnd und über alles hinaus würdigend keine andere Erklärung für dieses Wunderwerk finden zu können (oder auch zu wollen), als eben einen intelligenten Schöpfer? Warum bin ich so unwichtig, seit ich uns – den Menschen – studiere? Und warum bin ich über alle Maßen fasziniert von unserer Konstruktion und der fragilen Zusammenspiele, die uns zu dem machen, was wir sind? – Ich weiß es nicht.

Ich kann nicht mehr schreiben. Worüber denn? Was gestern passiert ist? Was heute passiert? Was gerade passiert? Was ich denke, was passieren wird in meinem unwichtigen Leben mit all seinen Großartigkeiten, Pannen, Trauerspielen und Glücksmomenten, die – gut geclustert zusammengefasst – sich kaum vom Leben der anderen unterscheiden würde? Aber sagen wir, ich würde all das niederschreiben: Was hat das alles überhaupt zu bedeuten? Was bewirke ich damit? Werde ich durch die Bedeutung, die ich mir dabei verleihe, größer? (Ja, werde ich in der Tat – nämlich für mich selbst – und das ist wichtig!).

Okay. Ich weiß Bescheid. Ich muss mir jetzt dienen. Ich – als Mensch wie Du auch – neige erwiesenermaßen dazu, meinem Leben einen Sinn zu verleihen und werde es jetzt tun. Nach dieser unerträglichen Einleitung von Warums- und –Weshalbs fange ich an, fange ich an, fange ich an, meine Schreibblockade zu zerbrechen, indem ich zurück zu meinem Zentrum komme – zu meinem Ego-Zentrum – und mir einbilde, Euch und die ganze Welt interessiere es, was in mir vorgeht. Fangen wir an: Weiterlesen… »