|
“Und was denkst Du?”, schaute sie in einer eis-klirrenden Nacht in den Sternenhimmel, während er sie von hinten fest hielt und sie auf ihrer weichen Wange sein Lächeln spürte.
“Wie soll ich in so einer Nacht überhaupt noch etwas denken?” Er zittere. Aber nicht nur vor Kälte, sondern vor Angst, dieser Augenblick könnte zerbrechen. Schneeflocken umspielten seine Wimpern, das Funkeln in seinen Augen sprach von Frieden.
“Ich möchte einmal ein sooo großes Haus haben”, bedeutete sie ihm mit einer kindlichen Begeisterung. “Sooo groß, dass meine ganze Familie, Deine Familie und unsere Freunde da rein passen. Jeder soll seine eigene Etage kriegen; und abends essen wir meistens zusammen. Weißt Du, was das für ein Chaos wird?”, lachte sie. “Das Haus wird immer lebendig sein. Wir werden alle füreinander da sein. Streiten. Uns wieder vertragen. Alle Sorgen teilen. Manchmal beieinander im Wohnzimmer einschlafen, einander zudecken. Die Kinder aufwachsen sehen. Das wird nie möglich sein, oder Schatz?”, fragte sie plötzlich mit leiser Stimme ihn und sah ihn erwartungsvoll an.
Er lächelte und schaute in die Ferne, während er mit kleinen Küssen ihre Wange liebte und sie von hinten fest hielt. “Alles ist möglich, mein Schatz. Wenn alle mitmachen, ist alles möglich.” Sie seufzten.
“Und wovon träumst Du?”, fragte sie ihn.
“Davon, dass Du glücklich bist. Deshalb träume ich das Selbe wie Du.”, sagte er lächelnd.
“Wirklich?”, machte sie große Augen.
“Was ist mit Deiner Karierre?”, fragte sie. “Willst Du denn gar nicht ins Ausland?”
“Nicht mehr. Was soll ich da? In den letzten Monaten hast Du mir gezeigt, was dem Menschen bleibt, wenn es wirklich darauf ankommt. Dass man nichts hat im Leben außer seiner Familie. Das Leben ist kurz, Schatz. Weißt Du?”
Sie schwieg und zog seine Hände fester um ihre Taillie. Das war Ruhe. Das war Glück. Er kam irgendwann zu ihr und wollte weder von ihren Träumen weichen, noch von ihrer Seite.
“Ich finde überall Arbeit.”, sagte er. “Wir arbeiten doch, um zu leben - nicht umgekehrt, Schatz. Wir werden genug zum Leben haben… Und für unsere kleinen pausbäckigen Kinder und unsere Eltern sorgen, wenn sie uns brauchen. Ich kann Dir das große Haus nicht versprechen, in dem alle leben, aber ein Kleines für uns werden wir haben…”
Sie zitterten. Einmal vor innerem Glück und einmal vor Kälte. Die Aussicht auf ein einfaches Leben in dem Nest, in dem man zur Welt kam, das man hüten würde, in dem man selber wieder Leben legen würde, sterben würde in aller Vertrautheit, schien alle Lebensängste von ihrem unruhigen Herzen zu nehmen. So wollte sie verharren, einfachso verharren und den Moment in der Kälte erfrieren, während die Wärme in ihr ihre Seele in die weiche Tiefe des Lebens schmolz. Sie atmete die reine Luft tief ein. Sie wollte leben. Denn das Leben war schön.
Ich wünschte, wir Menschen würden in einer Kultur leben, in der der Tod kein Drama ist, sondern ein Grund zur Freude. Wenn auch kein Grund zur Freude, so dann doch wenigstens kein Grund zur Trauer - und kein Grund zur Lebensangst. Natürlich kann man selbst unter optimalen kulturellen Vorraussetzungen den natürlichen Schmerz des Verlustes nicht gänzlich vermeiden - doch wenigstens eindämpfen. Nicht nur eindämpfen, sondern durch andere Gefühle wie Freude überlagern. Ich wünsche mir für die Menschen in der Zukunft, dass sie den Tod eines Lieben als Glück empfinden können, so dass niemand nach mir oder nach Euch Angst vor dem Verlust haben muss. Wenn das möglich wäre… Aber wer weiß? Vielleicht ist die Angst vor dem Tod verdammt wichtig.
Damals fürchtete ich mich nicht vor meinem eigenen Tod. Doch heute tu ich sogar das. Der Gedanke, eines Tages meine geliebten Wesen zu verlieren, macht mich heute schon jeden Tag krank und lässt mich innerlich verrecken. Ich möchte es nicht so dramatisch ausdrücken, aber es ist so dramatisch. Ich sage mir tagtäglich, dass ich diese verdammte Verluste akzeptieren muss. “Das ist der Lauf des Lebens”, sage ich mir. “Akzeptiere das. Du hast es nun oft genug erlebt. Akzeptiere es.”, sage ich mir. “Tu es. Jetzt, jetzt, jetzt.”, schimpfe ich mit mir - doch es bringt nichts. “Ich muss, ich muss, ich muss.” Die Ausweglosigkeit aus diesem Lauf des Lebens ist einmal Grund zur Verzweiflung, aber auch Grund zur Beruhigung. Die Einsicht dessen, dass niemand diesem Weg entkommen kann und jeder dieses Leid erfahren muss, kann mich manchmal zähmen, manchmal aber zu noch größerer Verzweiflung führen.
Ich weiß nicht, wie das gehen soll. Aber sollte ich einmal Kinder auf die Welt setzen, werde ich versuchen, ihnen den Tod anders näherzubringen. Ob ich dabei glaubwürdig klingen werde, weiß ich nicht. Aber ich werde es versuchen. Ich hasse die Regeln des Lebens. Ich hasse sie. Ich hasse sie. Verfickte… Scheiße. Ich kann’s einfach nicht hinnehmen.
Der Mensch denkt oft, er sei frei. Frei, zu entscheiden, wie er sein will, was er tut, was er tun wird, was er tun will, was er will. Er nennt diese Freiheit “Wille”. Das ist die größte, wenn vermutlich sogar biologisch gewollte, Illusion der Menschheit. Weder Illusionen wie Gerechtigkeit und Liebe, noch welche wie Nationalstolz und Ehre können der Illusion des “freien Willens” das Wasser reichen.
Ich werde von diversen Personen oft dafür belächelt, dass ich nicht weiß, was ich will. Aber vielleicht macht mich genau dieser Umstand “freier” als sie.
Dieses Klavierstück von Fariborz Lachini macht irgendetwas mit mir, was ich einfach nicht beschreiben kann. Ich liebe dieses Lied, auch wenn mir jedesmal sofort die Tränen hochschießen, sobald ich mich der Sehnsucht dieser Melodie hingebe… Einfach reinhören: ~ Golden Autumn ~
~ Trink’ von mir bis Garten Eden ~
Wenn alle Wege versagen
Deine Füße Dich nur noch in die Wüste tragen
Wenn all das klare Wasser versiegt
Und der Mörder Deiner Liebe
Über Deine Seele siegt
~  ~
Dann komm’ zu mir
Und trink’ von mir
~  ~
Wenn die Ruhe nur noch im Sarge weilt
Sich Dein Lebenswunsch in alle Windrichtungen zerteilt
Wenn die Vögel schweigen
Und die einst stolzen triefend roten Rosen
Vertrocknet ihre Köpfe gen kalte Hölle neigen
~  ~
Dann komm’ zu mir
Und trink’ von mir
~  ~
Und wenn Du trunken von mir
Wie vom Wein der Liebe einverleibt
Das Leben in seiner verletzten Mattheit
In unser windstilles Märchen schreist
Will ich Dir meinen letzten Kuss noch geben
Als Proviant für Deine Reise in unser’n Garten Eden

|
|