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April, 2007
Die Nacht der Heimatlosen
Ich muss 17 gewesen sein. Es ist, als sei es gestern gewesen. Tresor - ein 16 jähriger Junge aus Zaire, warf Stöckchen an mein Fenster. Er schien verängstigt, sein Deutsch war gebrochen, er war mit seiner Familie noch nicht lange hier. “Cherie, Cherie…” flüsterte er “Amea Angst… Sie draußen. Der Vater will sie schlagen.” Ich kletterte nur mit Socken das Fenster runter und sprang auf die Wiese. Von der normalen Tür hätte ich nicht rausgekonnt, weil Mama und Papa mich bemerkt hätten. Und bevor sich Papa in ein Gerangel stürzte, wollte ich die Sache “sauber” erledigen. 
 
Tresor und ich rannten Richtung Wiese, wo wir Amea schon schreien hörten. Irgendwann merkte ich, dass er stehenblieb und nicht mehr mit mir Richtung Amea rannte. “Kommst Du jetzt?” Er blieb wie angewurzelt stehen. Ich sah in sein dunkles Gesicht, darin sah ich nur Angst. Gedanken blitzten mir durch den Kopf. “Mein Gott, was hat der Stiefvater denen angetan, dass ein 16-jähriger Junge solch eine Angst hat?” Ich schnappte mir den nächstbesten, dicken Ast und ging in schnellen Schritten Richtung Gerangel und den Schreien hinter das Gebüsch.  
 
“Hallo?” rief ich mit fester Stimme (ich versuchte es zumindest!) “Lass Amea sofort los!” und ging in festen Schritten weiter auf sie zu, während der Mann brüllte  
 
“Hau ab! Hau ab!”. Ich hörte Amea weinen (sie war erst 13 Jahre alt). 
 
“Ich werde nicht abhauen! Lass Amea sofort los oder ich hole die Polizei.” Meine Schritte ließen nicht ab, ich ging dahin und stand da total lächerlich, aber zu allem bereit mit diesem doofen Ast vor ihm und Amea. Aber irgendwie hatte ich keine Angst, obwohl es dunkel war und ich seine Bewegungen schlecht einschätzen konnte. 
 
“Was ist los, Amea?”, fragte ich schnaufend. 
“Er schlägt mich! Ich will niewieder nach Hause.” 
“Schlägst Du ein kleines Kind?”, frage ich den Stiefvater. 
“Das geht Dich nichts an! Geh weg!”, brüllte er. 
“Amea!”, brüllte ich. “Komm jetzt zu mir.” 
 
 
Sie versuchte, zu mir zu kommen, aber er hielt sie fest.  
 
 
“Lass sie los. Lass sie los, oder Du hast gleich diesen dicken Stock auf Deinem Schädel hängen.” Ich wusste in dem Moment, ich kann diesen Mann nicht schlagen, weil in seinem Gesicht irgendetwas dermaßen verzweifeltes drin war, dass ich schon Mitleid mit ihm empfand, bevor ich seine Sorgen kannte. Das da war kein schlechter Mensch in dem Sinne, es war nur ein sehr verzweifelter Mensch, das habe ich damals sofort erkannt. Aber dennoch würde er sich nie ändern und Amea und seine Familie schlagen. 
 
Er ließ Amea wütend los. Sie lief zu mir und sagte nur “Ich will niewieder nach Hause…”  
 
“Amea schläft heute bei mir, ok?” 
“Oke” 
“Morgen kommt sie nach Hause dann reden wir über alles. Ok?” 
“Oke”, antwortete er nur geistesabwesend. 
 
Amea und ich liefen nach Hause. Tresor war nicht mehr da. Also schlichen wir uns irgendwie in die Wohnung. Ich konnte sie unentdeckt in mein Zimmer schleusen. 
 
Am nächsten Tag gingen wir zu ihrer Familie. Wir redeten dort so gut es ging, weil die Verständigungsprobleme waren groß. Der Stiefvater versprach, dass er seine Kinder niewieder schlagen würde. Aber Amea machte klar, dass er lügt. “Er sagt das immer Sherry… Aber dann schlägt er uns wieder. Ich will ins Heim! Ich will in Ruhe in die Schule gehen, die Sprache lernen… Ich habe keine Heimat mehr, ich muss hier eine Heimat finden. Er macht meine Zukunft kaputt.” 
 
Ihr Wort war klar und deutlich. Am nächsten Tag gingen wir zum Jugendamt. Als ich nach 12 Stunden abends nach Hause kam, bekam ich furchtbar Ärger von meinen Eltern, weil ich so verantwortungslos gehandelt habe und keinem Erwachsenen bescheidgegeben habe. Am nächsten Tag kam die Mutter zu mir und scheuerte mir eine. Ich ließ es zu, obwohl ich nicht der Typ bin, der soetwas zulässt. Gott sei Dank war niemand zu Hause.  
 
“Du hast mir Tochter genommen.”, sagte sie in gebrochenem Deutsch. Ich schluckte und antwortete mit gebrochener Stimme: “Irgendwann wirst Du froh sein, dass sie nicht mehr bei Euch ist, bitte versteh doch…” 
“Du hast mir Tochter genommen…”, wiederholte sie, drehte sich um und ging. An ihrem angewiderten Gesicht sah ich, dass sie mich am liebsten angespuckt hätte. 
 
Zwei Jahre später sah ich sie mit ihrer Tochter und ihrem Sohn strahlend in der Stadt. Amea wurde Klassenbeste, Tresor machte seine Ausbildung. Sie lächelten alle - und niemand war mir mehr böse.
Unwichtiges am Rande
Was für die Anderen, die nicht aus einem Land stammen, in dem man die Macht von Propaganda-Apparaten kennt, in dem man weiß, wie einfach man durch systematische Lügen und historische Verzerrungen Völker aufeinander hetzen kann, die vorher noch nebeneinander in einem Land Seite an Seite gelebt haben - unverständlich ist, ist für mich jeden Tag Realität. Meine politisch unbelasteten Freunde mögen solche Beschwerdebriefe unwichtig, dumm, hypersensibel finden - aber angesichts dessen, dass gerade diese Region, in der es eine explosive Krise nach der anderen gibt, ist diese Art von Geschichtsverzerrung und “Identitätsraub” soetwas wie die Bereitstellung eines Pulverfasses. 
 
Seit ca. 3 Jahren erlauben sich immer mehr “Journalisten”, in ihren Berichten vom “Arabischen Golff” zu sprechen, statt vom 3000 Jahre alten “Persischen Golf” - und das im Grunde wohlwissend dessen, dass es da intern genügend Machtkämpfe und Ausschreitungen wegen dieses Themas gibt. 
 
 
 
“Sehr geehrte Damen und Herren, 
 
mit Erstaunen stelle ich fest, dass Sie in völligem Irrtum den Persischen Golf als “arabischen Golf” bezeichnen. Ein Gewässer Namens “Arabischer Golf” gibt es nicht, zumindest nicht dort, wo Bahrain liegt. Ich muss Sie darauf hinweisen, auf geographisch-terminologische Korrektheit zu achten und nicht einem möglichen Zeitgeist oder den sachverhaltsverstellenden Angaben arabischer Staaten nachzugehen. Keine global anerkannte Institution nennt das Gewässer nördlich des Bahrain und südlich des Iran “arabischer Golf”. “Arabischer Golf” ist eine britische Erfindung des frühen 20. Jahrhunderts, welche speziell von dem Panarabisten Nasser aufgegriffen wurde. Dieser erkannte aber auch Israel nicht an und sprach stets von Palästina. Ungeachtet Ihrer Ansicht bezüglich Israel: Würden Sie eine TV-Reportage über Haifa bringen und etwa schreiben “Haifa in Palästina”? Würden Sie den Golf von Mexiko heute plötzlich Golf von USA nennen, nur weil die USA wirtschaftlich “interessanter” sind? 
 
Gerade Bahrain, welches bis zum Ende des 18. Jahrhunderts Persien gehörte und nur dank britischen Protektorats sich behaupten konnte, sollte nicht der Grund sein, warum der persische Golf plötzlich zum arabischen Golf werden soll. 
 
 
Mit freundlichen Grüßen” 
“Selbstverwirklichung”
Ich bin sehr wortkarg dieses Jahr für meine Verhältnisse. Das liegt daran, dass - je tiefer ich in der Scheiße sitze, desto weniger rede ich. Und wenn, dann nur verschleiert.  
 
Vorhin wurde ich wieder schmerzerfüllte Zeugin der Mentalität in den “kühleren Regionen” dieser Welt, in der man so stolz darauf ist, “sein Ding” zu machen, “seinen Weg” zu gehen, sich “selbst” zu verwirklichen. Ich durfte wieder spüren, wie leicht es einigen fällt, über ein zerüttetes Herz hinwegzusehen, abzuschalten, auszuknipsen, wegzugehen. Ich habe wieder erleben dürfen, mit welcher Abfälligkeit man mich und meine Kultur wegen meiner starken Familiengebundenheit behandelte mit einer Geste, die ein paar auf die dämliche Fresse verdient hätte. 
 
 
Das hier ist nicht nur nicht mein Land, das hier ist nicht mal meine Welt.
Dige bayad che kar konam ke bedooni dooset daram?
:aua:  
 
 
Dige bayad che kar konam ke bedooni dooset daram? 
Khiyalet rahat mishe, sar be biyaboon bezaram? 
Gheyde hame donya ro be khatere cheshmat zadam 
Har kari gofti kardam o har jayi gofti oomadam 
Diwoonegi oon awala kheyli baram sadeh nabood 
Ama alan kheyli ghashang dige jonoono baladam 
 
Dige bayad che kar konam ke bedooni dooset daram? 
Gofti saret paiin bashe, be hich kasi negah nakon 
Esme hich kasi be joz mano too zendegit seda nakon 
Waghti dastam too dastete be hich kasi dast nade 
Be khatere ye ehteram, daste mano raha nakon 
Ghorooramo shekastamo, ghalbamo rikhtam zire pat 
Har ja residam goftam ke mimiram barat 
Bidar neshastam ta sahar, choon ke to khabet nemibord 
Gheseh migoftam ta shayad be khabe naz beran cheshat 
 
Dige bayad che kar konam ke bedooni dooset daram? 
Waghti ke gofti teshneii, mesle ye cheshmeh ab shodam 
Gofti bayad roswa beshi, pishe hame kharab shodam 
Gofti mikhay ye ghahreman sharike lahzehat bashe 
Ashegh tarin man boodamo, dobareh entekhab shodam 
 
Dige bayad che kar konam ke bedooni dooset daram? 
Dige bayad eshghamo too kooche ha dad bezanam? 
Rooye sakhrehaye ewerst esmeto faryad bezanam? 
Gofti ina ke chizi nist, karat bayad ajib bashe 
Asemoono beshkafio roo daste farhad bezani 
Be khatere dashtane to, roo zendegim khat keshidam 
Fekro khiyalam to boodi, joz to kasio nadidam 
Gofti age asheghami, 1 omr joz harfaye to man be kasi goosh nemdiam 
Doostiamo bekhateret sadeh gozashtamesh kenar 
Gofti ke ba sad ta gole sorkh bayad biyam man sare gharar 
Taghwimamo gereftio gofti khodet bayad begi 
2 sale pish hamdigaro chand bar didim too bahar 
Neweshtam esme nazeto rooye bargaye sabze derakht 
Akse ghashangeto zadam tooye otahg balaye takht 
 
Dige bayad che kar konam ke bedooni dooset daram? 
Zadam roo daste Majnoono ba sahra hamkhooneh shodam 
Nazashtam ashketo biyad, tekiyeh dadi shooneh shodam 
Wase be dast awordanet omramo joonamo dadam 
Kame kamesh ine ke wase to diwooneh shodam 
Khiyale to rahat mishe sar be biyaboon bezaram? 
Ba ashke range baroonam daryaii sakhtam wase to 
Tooye ghomare sarnewesht hastimo bakhtam wase to 
Naghashi kardam khodamo kenare akse naze to 
Taze didam ke khodadam faghat shenakhtam wase to 
 
Dige bayad che kar konam ke bedooni dooset daram? 
Tooye royahaye sooratim to padeshahe man shodi 
Be asemoon niyazi nist, to dige mahe man shodi 
Be harja ke khireh besham, har ja nega konam toii 
Roo cheshme man ja dari, range negahe man shodi 
Khiyale to rahat mishe sar be biyaboon bezaram? 
Too shabe naze mojehat, ba asheghi ghadam zadam 
Ba har ki meyle to nabood, rabetamo be ham zadam 
Shaba kenare panjerat, az eshghe to zanoo zadam 
Ta bekhabi barat saze dooset daram zadam 
Tamame donya midoonan dast az to bar nemidaram 
Asheghetam, ama bazam pishe cheshat kam miyaram 
 
Dige bayad che kar konam ke bedooni dooset daram? 
 
 
 
:aua:  
 
(Quelle)
Lachen bringst Du uns (Für meinen Kadkhoda)
Lachen bringst Du uns 
wie ein Bote 
der lächelnd “Mojde” ruft 
Und niemand erkennt 
die große Trauerkluft 
Wenn Deine Seele aus 
dem stillen Tränenmeer 
in die Freude rennt 
und “Lachet” ruft 
 
In einsamen Nächten 
weilst Du still 
in Deinen Bildern 
in Schwarz und Weiß, 
in denen der Duft der Erde 
noch den Namen der Heimat 
und den Namen der Liebe weiß 
 
Die Gesichter, 
die Du einst täglich geküsst 
Hältst Du jede Nacht 
ängstlich in Deinen 
Gebeten fest 
 
Und die Straßen, 
die Du täglich als Kind gerannt, 
bist Du auch letzte Nacht 
in Deinen Träumen 
auf und ab gerannt 
selbst heute noch, 
als erwachsener Mann 
 
Ernst ist Deine Seele, 
die uns jeden Tag das Lachen bringt 
Schwer Dein Gedanke 
der in der Stille der Nacht 
nach der Antwort all Deiner Fragen 
ringt 
 
Doch heute, 
meine liebe Seele, 
sei mein Gast, 
trink’ mit mir und 
verlach’ all die sinnlose Leere 
Leg’ heute ein eine Rast 
 
Weder so hell wie ein Stern 
noch so schön wie der Mond 
bin ich 
 
Doch eines versprech’ ich Dir 
Mein Brot ist Dein 
Und auch Deine Trauer 
soll bei mir zu Hause sein