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Mai, 2007
Er…
Ich bin erfüllt von Deiner Liebe, obwohl sie nicht mir galt. Danke, mein Freund… 
 
 
The Surrender

Mein kleiner Mann
“Dein Papa war ein starker Mensch, mein großer Junge.” - sie kniete vor Shirvan auf Augenhöhe und sah dem Jungen in seine viel zu ernsten Augen. Er war gerade erst fünf Jahre alt und hatte durch das Schicksal die Ernsthaftigkeit eines ruhigen Einzelgängers, der seine Mutter grimmig vor jedem Fremdling beschützen wollte. Sie roch so gut, ihre leicht gebräunte Haut war an manchen Stellen von Narben übersät - er hatte die Augen seines Papa’s, sagte sie, doch eigentlich hatte er ihre Melancholie. 
 
Sie umarmte ihn fest und sprach weiter. “Ich habe schon viele Menschen sterben sehen, Shirvan, und sie sind letztendlich mit einer Art inneren Einwilligung gestorben, sie haben letztendlich losgelassen. Aber Dein Vater, Shirvan, Dein Vater nicht. Er verblutete und hat bis zur letzten Sekunde gekämpft. Er hat nie losgelassen, er wollte bleiben oder uns mitnehmen.” Shirvan sah seine Mutter ernst an und nickte. Seine Erinnerungen gehen bis zu seinem zweiten Lebensjahr zurück. Er innerte sich an seinen Vater. Er erinnerte sich an seine bestimmte und autoritäre Ausstrahlung, die an Wärme und Güte aber nicht fehlen ließ. Er sah ihn in seinen dunklen Augen, die so unergründlich schienen. An sein markantes Kinn, die Willensstärke, seine Art, sich mit der ganzen Welt anzulegen. Er erinnerte sich an diese Liebe, die sie zu Dritt lebten. Er erinnerte sich an das wortlose Lächeln seiner schönen Mama, wenn ihr Mann sie zu sich rief, mit einem Blick, den nur sie verstehen konnte. Ihre Hingabe ihm gegenüber schien an freiwilliger Hörigkeit zu grenzen. Alles war richtig, wie es war.  
 
Ihre Locken glänzten damals vor Stolz und Glück. Die Narben an ihrem Körper gab es nicht. Sie hatten Feinde - schon immer, aber es gab nichts, was ihnen hätte Angst einjagen können. Seine Erinnerungen werden plötzlich schwarz - und ab dem Zeitpunkt beginnt eine andere Zeit. Dunkle Augenringe, lethargisches in die Ferne schauen, alles läuft seitdem im Zeitraffer, denn alles tut weh. Blaue Flecken am Körper, Platzwunden, viele Tränen. Wie oft hörte er sie nachts weinen und mit einem Messer über seinem Bettchen stehen. Wie oft wollte sie ihn und sich mitnehmen und zu ihm zurückkehren. Egal, wo er war - sie wollte unbedingt wieder zu Dritt existieren. Alles in ihr schrie nach ihm, und auch Shirvan vernahm diesen Schrei. Seine Ernsthaftigkeit erkannte sofort, was seine Mama ihm sagen wollte. 
 
“…und weißt Du, ich habe solange ausgehalten. Du weißt, ich kämpfe für uns beide, mein kleiner Mann, ich kämpfe. Aber Papa ruft nach uns. Und ich weiß nicht, wie lange ich diesem Ruf noch widerstehen kann.” Sie sah ihren Sohn schuldbewusst an. “Shirvan… mein Gewissen ist das Einzige, das mich noch hier hält. Mein Gewissen will, dass Du die Möglichkeit bekommst, selbst zu entscheiden, wohin Du willst.” 
 
“Ich will bei Dir bleiben.” 
“Bei Dir und Papa”, fügte er mit einem festen Blick hinzu. 
“Shirvan, wenn Du mit mir kommen willst, dann kannst Du niewieder hierhin zurück. Verstehst Du? Und ich weiß nicht, wo wir ankommen werden. Und ich weiß auch nicht, ob wir überhaupt bei Papa ankommen werden. Vielleicht landen wir auch im Nichts.” 
“Ich will bei Dir bleiben, Mama. Egal wo wir hingehen.” 
“Bist Du ganz sicher?” 
“Ja, Mama. Ich habe auch keine Angst vor dem Messer, Mama.” 
 
Sie schaute ihn mit großen Augen an. Sie schämte sich plötzlich so, denn sie wusste jetzt, dass er sie nachts bei ihren Versuchen, ihr eigenes Baby zu töten und dann selbst mitzugehen, beobachtet hatte. 
 
“Mein Schatz…”, ihre Augen füllten sich mit Tränen, sie schaute auf den Boden. 
 
“Mama, ich habe keine Angst vor dem Messer.” Er blieb ernst und streichelte mit seinen kleinen Händen die Locken im Gesicht seiner schönen Mama weg. 
 
“Mein kleiner Mann, ich werde unsere Reise nicht mit dem Messer antreten. Ich habe etwas Besseres gefunden”. 
 
Sie holte aus ihrer Bluse ein kleines, festverschnürtes Lederpäckchen hervor, machte es auf und zeigte ihm viele, kleine weiße Pillen.  
 
“Ich werde die Tabletten zermalmen, mein kleiner Mann, und sie uns in unsere Lieblingsgetränke schütten. Für Dich gibt es heiße Schokolade und für mich einen Mango-Melonen-Saft… dann legen wir uns zusammen zum Schlafen. Ok?” 
 
“Oke, Mama…” 
 
Sie redeten noch lange an diesem Abend. Sie planten, was sie alles tun würden, wenn sie wieder beim Geliebten, bei Papa wären. Sie lachten unbeschwert. Es gab nichts mehr, was man ihnen hätte noch nehmen können, denn sie würden es sich selber bald nehmen. 
 
“Und wenn nichts kommt danach, dann sind wir alle drei im Nichts. Hauptsache alle im selben Zustand..”, fieberte sie. 
 
Shirvan sah seine Mama das erste Mal nach 2.5 Jahren wieder glücklich. Sie strahlte und erlangte ihre alte Lebhaftigkeit zurück. Sie war voller Elan, voller Freude auf die Zukunft. Alles ging ihr wieder leicht von der Hand. Ihre Wangen röteten sich der Vorfreude wegen. Sie hatte ihren Sohn gefragt, er konnte sich entscheiden, er wollte mit Mama gehen - der Weg aus dieser Folter war nun frei. 
 
Beim Trinken saßen sie im Schneidersitz auf dem Ehebett und sahen einander mit großen Augen schweigend an. Niemand sprach ein Wort. Der erste Schluck ließ noch einwenig das bittere Mittel schmecken, der zweite Schluck war der Letzte, in dem man sie hätte noch stoppen können. Der dritte, vierte, fünfte Schluck folgte schnell und gierig aus Angst, man würde es sich doch noch anders überlegen. Als beide ausgetrunken hatten, lächelten sie. Sie legte sich auf den Rücken und öffnete ihre Arme für ihren Sohn. Er legte sein Gesicht auf ihre Brust und hielt sie ganz fest, bis sie einschliefen. Und sie schliefen, bis sie nicht mehr atmeten…
Gut und Böse
Seit wir auf die Welt gekommen sind, werden wir mit Informationen darüber gefüttert, wie man “gut” von “böse” unterscheidet. Wir leben in einer Gesellschaft und haben uns moralischen Normvorstellungen anzupassen. Wir wissen ganz genau, was richtig ist, was falsch. Unser Gewissen nimmt die Form der gesellschaftlichen, sowie staatlichen Erwartungen an. Im Laufe der Jahre erleben wir jedoch, dass es verschiedene Kulturen gibt, verschiedene Moralvorstellungen - und dass selbst die Moralvorstellungen innerhalb ein und der selben Gesellschaft sich im Laufe der Zeit komplett verändern können. Wir erkennen, dass Moral keine feste Instanz ist, sondern genauso sehr der menschlichen Subjektivität entspricht, wie die Wahrnehmung auch. Deshalb lautet meine Frage:  
 
 
Warum ist gut gut und böse böse?  
 
 
Viele werden vielleicht sagen: “Gut ist das, was das Leben erhält, was das Leben schützt, was das Leben liebt. Gut ist das, was anderen und mir keinen Schmerz zufügt oder auch Schmerz verhindert.”  
 
Warum ist das nun so? Wenn wir hier “gut und böse” definieren, dann doch, weil wir uns in dem Moment als Ausgangspunkt und Dreh- und Angelpunkt der moralischen Instanzen sehen, oder? Würde das z.B. eine Tierart genauso tun wie wir, würde es zu ökologischen Ungleichgewichten führen und das System kollabiert. Überpopulation oder Artsterben würden nicht zu verhindern sein. Wenn ein Fuchs meint, statt einem Hasen pro Tag doch lieber zehn fressen zu wollen, weil es ihm und seiner Art “gut” tut, so definiert er das Jagen von zehn Hasen pro Tag als “gut” und bewirkt aber “Schlechtes”. 
 
Was genau ist der Ausgangspunkt von moralischen Instanzen genau wert, wenn sie subjektiver Natur sind? Was, wenn eine gute Tat den selben Effekt hat, wie der Flügelschlag eines Schmetterlings, der eine große Katastrophe verursachen kann? Was, wenn unsere Vorstellung vom “Guten” einfach nur die Vorstellung vom “temporär Effektivem” im Sinne unserer Konsum- und Triebbefriedigungen ist und universell betrachtet aber nur die Zerstörung bedingt? 
 
 
Was zum Teufel sind Gut und Böse?
Augen

Sherry Auge

 
 
Fels
Ich vermisse Dich. Wenn Du bald hier bist, will ich mit Dir Musik hören, soviel Musik hören, etwas trinken, vor Deinen Augen im Rausch aufgehen oder eingehen, tanzen und fallen, endlich den Schutz spüren, den ich all die letzten Wochen so dermaßen brauchte. Du weißt, ich bin ein großes, tapferes Mädchen. Stark und kämpferisch, wenn es sein muss. Trotz meiner viel zu weichen Ansichten und zerbrechlichen Glasblumen in mir, stehe ich wütend im Sturm da und biete jedem die Stirn, der es nur wagt, der es nur wagt, der es nur wagt, böse Absichten gegen uns zu denken.  
 
Doch bei Dir… Bei Dir bin ich schwach und weine, jammere, wüte, schlage, lass mich fallen. Ich frage mich wirklich, wie Du mich erträgst. Ich frage mich das wirklich. Wenn Du öfter hier wärst, jede Nacht meine Wangen Deine Brust zum Gefährten hätten, wäre alles soviel einfacher. Aber bis dahin müssen wir noch einwenig ausharren, den ewigen Kampf des Lebens geschwächter führen. Verletzlicher führen.  
 
Ohne Dich wäre ich schon längst nicht mehr ich. Die ganzen, letzten drei Jahre hätten mich verschlungen. Von mir wäre nichts mehr übriggeblieben. Nichts, nichts, nichts. Du selbst hast nach Allem immernoch nicht begriffen, aus welchem gelb-grünen, reißerischen Fluss Du mich in letzter Sekunde rausgezogen hast. Erinnerst Du Dich noch anfangs an Deinen Traum? Wie ich im Ozean versank, Du von der Klippe reingesprungen bist, um mich zu retten, es aber nicht geschafft hattest? Lass’ Dir gesagt sein, dass Du es vielleicht im Traum nicht geschafft hast, aber im richtigen Leben sehr wohl. Danke, mein Baby. Danke. Du bist verdammtnochmal ein Fels der Ruhe und der Sicherheit in diesen unsicheren Zeiten.