Suche
Dezember, 2007
You always save me from myself…
Ich habe soviel Musik, dass ich das Meiste im Grunde noch gar nicht gehört habe. Das hier habe ich vorhin entdeckt. Ich glaube, diese Lady hat mir den Text geklaut - oder mindestens meine Gedanken - und einfach ein Lied drauf komponiert… Unglaublich. Und wenn Du heute nach Hause kommst, hören wir das zusammen, was sie ihrem Mann gesungen hat, was eigentlich von mir für Dich gedacht war. Einwenig chaotisch, ich weiß, Schatz. Aber das kennst Du ja von mir. 
 
 
Click: ~ Save Me From Myself ~ 
 
It’s not so easy loving me 
It gets so complicated 
All the things you’ve gotta be 
Everything’s changin 
But you’re the truth 
I’m amazed by all your patience 
Everything I put you through 
 
When I’m about to fall 
Somehow you’re always waitin 
With your open arms to catch me 
You’re gonna save me from myself 
From myself, yes 
You’re gonna save me from myself 
 
My love is tainted by your touch 
Cuz some guys have shown me aces 
But you’ve got that royal flush 
I know it’s crazy everyday 
Well tomorrow may be shaky 
But you never turn away 
 
Don’t ask me why I’m cryin 
Cuz when I start to crumble 
You know how to keep me smilin 
You always save me from myself 
From myself, myself 
You’re gonna save me from myself 
 
I know it’s hard, it’s hard 
But you’ve broken all my walls 
You’ve been my strength, so strong 
 
And don’t ask me why I love you 
It’s obvious your tenderness 
Is what I need to make me 
A better woman to myself 
To myself, myself 
You’re gonna save me from myself 
 
 
:rose:
Sway…
Click: Dean Martin - Sway (Bitte hören, sonst versteht Ihr gar nichts!) 
 
Dada hat mich letztens mit einem elektronischem Zettelchen (SMS) wieder an dieses Lied erinnert - “Sway” von Dean Martin gesungen. Sie weiß, was sie dabei ausgelöst hat, aber erklären könnte ich es nicht. Niemandem. Ich habe versucht, es meiner Freundin in ein paar Worte zu quetschen, aber es ging nicht. Ich werde alle Versuchsansätze hier reinschreiben, das Gefühl zu erklären, das dieses Lied in mir auslöst. 
 
 
An V. 
 
Fühlst Du Dich bei dem Lied nicht auch irgendwie komisch in der Bauchgegend? So ein kleiner Schmerz mit Flattern - wie das erste Mal heftiges Verliebtsein. Kennst Du diese Art von Verliebtsein, bei dem alles so Gaga ist und bebt, dass Dir fast übel wird und Du Dich übergeben musst? Das ist aber nicht unangenehm, sondern… Du willst einfach ohnmächtig werden vor… OHNMACHT. 
 
Ich weiß noch genau, als ich mich damals in Pepe verliebt habe, konnte ich nicht mehr arbeiten. Ich saß an meinem Schreibtisch dort und hab’ nur total kopfschüttelnd aus dem Fenster gestarrt und gedacht: “Ach Du Scheiße. Wie konnte das bloß einfachso passieren, Sherry?” (Ich hatte manchmal Brechreiz. Sehr schmeichelnd, ich weiß.) 
 
Oder bei meiner ersten Liebe Michael. Ich bin gestorben, so schlimm war das Gefühl, verliebt zu sein. Und dieses Lied bewirkt bei mir genau dieses Gefühl. Diese Machtlosigkeit, die mich dann einfach nur dazu zwingt, aufzustehen und die Hüften zu schwingen, weil man sonst innerlich platzt. (Nein, es ist kein Schwingen. Es ist ein “Schweben” und währenddessen die Welt zu umarmen… Verliebt zu umarmen.) 
 
 
[…]
 
 
 
 
An Dada 
 
“Dance with me… Make me sway… *seufz* Dieses Lied ist wie die erste Liebe zum Leben. Ein völlig anderes Leben war das… :( 
 
Damals bot sich die Schönheit des Lebens förmlich an, selbst in unseren depressiven Phasen. Heute wringen wir sie aus, zerren und quetschen an ihr.. Und wenn dann doch mal ein Tropfen rauskommt, verfehlt sie unsere Zungen…”
 
 
 
Dieses Lied trägt die ersten Liebesgefühle dem Leben und den Menschen gegenüber, die ich als kleines Mädchen empfand. Es war ein Gefühl von “Ich zerspringe gleich in der Luft, aber das ist nicht schlimm, das Leben sammelt mich auf…” Ich war weiser damals als heute. Ich vertraute dem Leben, ich vertraute Gott und war der festen Überzeugung, dass alles gut wird. Dass letztendlich alles gut wird. Ich zog einfach meinen großen, langen, weißen Rock an und wartete auf die Rhythmen meines Papa’s und auf Onkel’s Gitarrenbegleitung, damit ich barfuß mit dem stürmischen Tanzen und Drehen beginnen konnte… Ich wirbelte um mich und alle anderen herum, so dass der Raum kein Raum mehr war, sondern eine offene Atmosphäre, durch die ich schweben und fliegen konnte. Die Rhythmen wurden schneller, und ich hörte sie alle lachen und mich irgendwann atemlos auf dem Boden kichern. Ich lag auf dem Rücken, alles drehte sich - und selbst die Übelkeit war mir willkommen, denn sie war ein Beweis dafür, dass ich mich wieder selbst überboten hatte. Keine zehn Sekunden später hüpfte ich wieder auf und schrie: “NOCHMAL PAPAAAAAAAAAAAAAA!” 
 
 
…und alles fing von vorne an… 
 
 
Das war meine erste Liebe. Nicht Elvis, nicht Dean Martin, nicht Michael - sondern das Leben selbst. Wann hat das alles aufgehört? Wie konnte es geschehen? Wann färbten sich meine Augen so müde und schattig, dass ich mich an solche Zeiten nur noch erinnern kann wie an einen längst vergangenen Traum aus einer anderen Zeit? Ich weiß, wann es anfing und ich weiß, wann ich es den Höhepunkt erreichte, doch darüber will ich nicht berichten. 
 
Manchmal erwische ich mich wieder beim kichern. Aber bin ich dann wirklich ich in meiner jetzigen Form, wenn ich das tu’? Und bin ich dann wirklich in dieser Zeit, wenn ich das tu’? Bin ich dann wirklich bei den realen Personen in meiner Umgebung, wenn ich das tu’? Ich weiß es nicht. Und ich weiß auch nicht, warum ich diese Frage nicht beantworten kann. Warum ich die Vorhänge der chronologischen Etappen meines Lebens in solchen Momenten nicht mehr in einer Reihenfolge sehe, sondern alles ineinanderfließt? Und das, ohne sich unnatürlich anzufühlen? Warum beschleicht mich in solchen Momenten immer das Gefühl, dass es eine Lüge oder ein Trick unseres Gehirns ist, die Zeit in einer Reihenfolge “abzubilden”? Was, wenn wir eigentlich überall sind? Was für ein Unsinn… (Danke Gehirn, Du hast mich wieder entwirrt. Guter Junge.) 
 
Dean Martins Stimme schwebt und rutscht auf Eis, deshalb liebe ich seine Stimme so. Es gibt heute kaum noch jemanden, der so singen kann. Auch Sinatra konnte es nicht. Auch Benett nicht oder Michael Bublé. Das kann nur Dean Martin, Viguen, Papa… Ich liebe die Welt nicht mehr so bedingungslos wie damals. Und ich achte das Leben nicht mehr so sehr wie damals, weil wenn ich es achte, habe ich immer so schrecklich viel zu verlieren. Das Leben ist ein schlechter Witz, über den man dennoch immerwieder herzlich lachen muss - und deshalb höre ich mir diesen schlechten Witz immer und immerwieder gerne an. Und wenn ich “Sway” von Dean Martin höre, versöhne ich mich kurz mit dem Leben… 
 
 
Lass’ uns kurz Frieden schließen, Du undankbares Ding… 
 
 
Dada an mich: 
 
“Dein Herz ist halt Toppoli…” (Toppoli ist ein liebevoller, persischer Ausdruck für “mollig”)
 
 
 
Bei Dir war es anders…
Ich habe Dich entdeckt. Dich und Deine verschlossene, skeptische Seele. Dich und Deine Vorsicht, Deine Bedachtheit in Allem, was Du tust. Dich und Deine stets gerunzelte Stirn, die immer irgendwo versunken lag - wo, das wollte ich wissen. Wo, das will ich heute noch wissen. Ich habe Dich gefunden, bevor Du mich überhaupt wahrgenommen hast. Und ich beschloss, Dein zu sein, bevor Du mich überhaupt ernstgenommen hast. Unsere Dialoge glichen denen eines kleinen Mädchens, das an Deinem Hemd rumzerrte und Dir mit großen Augen Fragen stellte. Deine Antworten glichen denen eines gutmütigen, großen Freundes, der milde lächelnd seine Gedanken zu erklären suchte. Ich habe mich schon an Deiner Seite gesehen, als Du Dich gerade erst fragtest, woher ich kam und was ich denn wollen könnte, und ich habe Dich verzaubert, bevor Du wagtest, an Magie zu glauben. Als Du plötzlich zielstrebig und bestimmt auf mich zukamst und meine Hand in Deine Richtung zogst, um mir wortlos meinen Platz im Leben zu zeigen, gehörtest Du schon längst mir. Als ich schüchtern “Ja” sagte, hattest Du noch gar nicht gefragt, was Dir schüchtern auf den Lippen lag. 
 
Bei Dir war es anders, mein Baby. Nie war ich es, die auf einen Mann zugegangen ist, die ihn entdeckt und an sich gezogen hat. Doch bei Dir war es anders. Ich sah Dich und wusste, Du bist mein.
Tatort Base-Shop und die drei Hühner
Click: La Sonora Dinamita - El Canario 
 
Ich frage mich immernoch, wie der heutige Tag passieren konnte. Imi und Ich - komplett in die Pubertät zurückgestolpert - mussten uns mit Gewalt auf die Stufe meiner Geschwister (16 und 18) halten, um nicht noch weiter zurück zu fallen - wohlmöglich noch bishin ins frühkindliche Gelalle. Ich dachte, I break together, als wir von einem fast tödlichen Lachkrampf in den Nächsten fielen. 
 
Alles fing damit an, dass Imi mich heute Morgen aufgeregt anrief. “Blabla, blabla, blabla, Karte gesperrt, blabla. Nase voll von Base blabla SHERRY blaaabla… Was wird aus unseren nächtlichen SMS Orgien, bei denen eh die Hälfte der SMS verlorengehen? Blahblah!” (Dezente Anmerkung am Rande: Imi und ich sehen uns alle zwei Tage, und an den Tagen, an denen wir uns nicht sehen, machen wir Base-Terror)  
 
Ehrlichgesagt wusste ich nicht, wie lange das so weiterging - also wie lange Imi da noch blahte, weil ich währenddessen schon mit den Gedanken bei einer Lösung war und die aufgebrachte, kleine Ägypterin einfach weiterreden ließ. Die intelligenteste, vernünftigste, ökonomischste und vorallem schnellste Lösung war es, einen neuen Base-Vertrag zu machen. 
 
“Heute, halb 6, an meiner Bahnhaltestelle, ok Schatz?”, sagte ich bestimmt. 
“Boah, boah. Boah, Sherry, oke!”, antwortete sie aufgeregt und setzte wieder zum “Blablablabla” an - ich weiß aber nicht mehr, worum’s ging, was sie später bei unserem Treffen auch empört feststellte und mir Tritt Nummer 100 an dem Abend verpasste. Ich durfte mir wieder anhören, dass sie ja nichts dagegen habe, dass ich manchmal sehr männliche Charakterzüge habe - aber warum zum Teufel würde ich immer die schlechten Züge inne haben? Frauengequatsche durch’s Gehirn sieben lassen und dabei wie’n Fragezeichen gucken, bei Konflikten Gesprächen aus dem Weg gehen, extreme Sturheit, unmögliche, wirklich unmögliche Kraftausdrücke, wenn’s mit Arschis zu Konfrontationen kommt und der pms-bedingte Trouble-Maker in meinem Blick, der wirklich jedes Wesen der Unterwelt um eine dumme Pöbelei anfleht, damit ich mich richtig austoben kann in einer Prügelei. (Sherry, im Ernst. Dir ist nicht mehr zu helfen) 
 
Wie dem auch sei. Wir trafen uns pünktlich an meiner Haltestelle, ich nahm noch die Formulare für eine Vertragsübernahme von mir auf meine Schwester mit, weil ich für sie den Vertrag damals geschlossen hatte. Wir gingen zielstrebig Richtung Base Shop. Wo wir beim Thema Handies waren, erklärte ich Imi nebenbei, dass mein Checker-Bruder seit ein paar Wochen mit einem alten, rosa (ROSA!) Handy von mir rumlaufen müsse, weil seins kaputtgegangen sei, das aber nichts bringe, weil er seitdem gar nicht mehr per Handy erreichbar sei. Er geht einfach nicht dran, weil ihm das Rosa in meinem alten Handy etwas peinlich ist. Ich fuchtelte mit den Armen: “Wie kann man nur kein Rosa mögen?” - und ging im schnellen Schritttempo, während Imi Probleme hatte, mitzuhalten. In meinem Kopf klopfte ständig irgendein kleines Männchen, das wild mit den Armen gestikulierte. Es wollte mir sagen, dass ich etwas vergessen hatte. Ich grübelte, während Imi “Blabla” machte - ich starrte das kleine Männchen an und musste verärgert feststellen, dass auch er nur unidentifizierbares “Blabla” von sich brachte und ich einfach nicht verstand, worauf er hinauswollte. Je näher wir dem Base-Shop kamen, desto wilder gestikulierte er. Und als wir schon am Reingehen waren, patschte er sich auf die Stirn, ließ sich entnervt auf seinen Stuhl fallen und gab auf. Gleich würde ich wissen, was ich wohlerzogen verdrängt hatte. Ich machte die Ladentür auf, setzte meinen Fuß rein, als mich diese gottverdammte Lichtgestalt anlächelte. 
 
“Oh nein!”, patschte ich mir gedanklich auf die Stirn. “Oh nein! Den hatte ich ja total verdrängt. Natürlich hatte ich ihn total verdrängt, das war meine Pflicht als angehende, iranische Ehefrau mit dem zweitbesten iranischen Mann der Welt, diese diese diese… Lichtgestalt zu verdrängen!”  
 
Er war vielleicht 1,85m groß, Südländer (genauer gesagt Türke) mit einer unglaublich feinen Aura. Seine Augen waren absolut rein - und alles an ihm war lesbar wie aus einem Buch (Das war das eigentlich Faszinierende an ihm. Diese naive Offenheit). Ich musste innerlich schon schmunzeln, weil ich Imi’s offenen Mund und große Augen schreiend im Rücken spürte, bevor ich sie ansah. Ich wusste, wie sie gerade zu ihm hochschaute und sich dachte: “Oh mein Gott. Was ist das, Sherry? - eine Lichtgestalt!” 
 
Er lächelte freundlich und fragte, was er für uns tun könne. Ich musste kurz überlegen, vorallem weil ich Imi’s tötende Blicke von der Seite spürte. Sie würde mir gleich auch sagen, warum sie mich töten will, aber ich musste unsere Mission erst zu Ende bringen.  
 
“Erst einmal wollte ich Dir das Formular für die Vertragsübernahme abgeben, von mir auf meine Schwester. Und dann… und dann wollten wir ja noch einen neuen Base-Vertrag für meine Freundin machen.” - ich sah Imi an. Er nahm die Formblätter an und kopierte sie. Imi zog mich derweil zu den Handies mit dem tollen Satz: “Sherry, komm’ mal, ich muss Dir was zeigen.” Ich ging Richtung Handies, wo sie mich vorwurfsvoll ansah und ganz aufgebracht flüsterte: “Warum hast Du mir nicht gesagt, dass der hier ist? Bissu doof? Ich bin ungeschminkt gekommen. Und Du? Du findest Dich bestimmt ganz toll mit Deinen Deinen Deinen geschminkten Augen und rosa Lidschatten, ne?! Sherry, Sherry der heiratet Dich gleich!”, sie zupfte mir energisch am Ärmel. 
 
“Quatsch, IMI! Hör’ auf. Ich hatte ihn voll verdrängt. Tut mir Leid!” Ich musste fast lachen, weil ich einfach ihren Ausdruck zum Schreien fand. Wie konnte man nur so große Augen machen und einen kleinen, sauren verkniffenen Schmollmund? Ich ging wieder an die Ladentheke, Imi tappelte mir hinterher, wir guckten, er sagte:  
 
“Ich brauche noch die EC-Karte Deiner Schwester. Hast Du sie dabei?” 
“Hm, nein. Die leider nicht. Muss das sein?” 
“Ja, leider.” 
 
Also rief ich meine Schwester an. Die kriegst Du im Leben nicht aus dem Haus, wenn sie sich erstmal in ihrem Zimmer breitgemacht hat, aber da sie durch die Vertragsübernahme ein neues Handy in Aussicht hatte, machte sie sich sofort auf den Weg und erschien im Laden. Und da fing der ganze Ärger erst richtig an. Ich weiß nicht, warum meine Schwester so ist mit ihrem kräftigen Organ, das sie von Papa geerbt hat, aber irgendwie eskalierte dann alles. 
 
Imi sprang Shabnam an! Knutsch-Mutsch-Umarmungen-Blabla-Getusse, ich stand da und wollte die Sache endlich hinter mich bringen, denn die Lichtgestalt wurde langsam anstrengend für meine synästhetischen Sinne, aber nein - die Rechnung hatte ich ohne diese zwei Hühner gemacht. Das Geflirte ging los. Was taten die da gerade? Waren sie dabei, mich zu blamieren, weil sie der festen Überzeugung waren, dass er ganz besonders meine Augen toll fand und an ihnen hing? Mein Gott. Damit sie aufhörten, spielte ich mit meinem Handy vor der Lichtgestalt rum, auf dem ein Foto von Pepe und mir drauf war, damit er seine angebliche Begeisterung für mich auf meine zwei Mädchen lenkte. Meine Schwester fing dann doch tatsächlich mit sehr harten Bandagen an und sagte: 
 
“JA, SHERRY! DU WOLLTEST DOCH HEUTE WIEDER ZU BUFFET CHANG! ALL U CAN EAT. Dabei warst Du doch gestern schon dort. Und vorgestern, wenn ich mich recht erinnere!” Ich hasste es, als verfressen dazustehen. Nichts ist schlimmer für eine Frau, als vor einer Lichtgestalt als verfressen zu gelten. Lichtgestalt lachte. Ich sah sie schockiert mit großen Augen an und verpasste ihr einen Tritt! Imi lachte sich tot, die Lichtgestalt auch - und leider sah ich in dem errötenden Moment wirklich aus wie eine All-U-Can-Eat Esserin, was ich furchtbar peinlich fand! Jeder weiß doch, wie ich immer gegen meinen Appetit kämpfen muss. Imi ließ auch irgendetwas ab, also baute ich irgendwann unauffällig ihre Bauchtanz-Aktion in meiner Bude in unsere Gespräche ein - und die Lichtgestalt lachte wieder laut auf. Als meine Schwester sich pudelwohl fühlte, während wir uns zu Tode blamierten, brachte ich ihr Vielfraßdasein mit ins Spiel. “…und wenn Du nichts zum Essen findest, dürfen Deine Fingernägel dran glauben, ne Schwesterherz?” (Ich glaube, niemand kann so verlegen lachen, wie meine Schwester) 
 
Jedenfalls war ich so doof und ließ mich auf dieses Spiel ein - und wir wirkten einfach irgendwann nur noch wie drei pubertierende Mädchen, die um die Gunst einer Lichtgestalt kämpfen - dabei wollte ich das überhaupt nicht. Die Lichtgestalt und sein Kollege amüsierten sich köstlich und hauten uns einen Tarif rein, der für uns noch günstiger war im Vertrag, ohne dass wir eigentlich die Berechtigung dazu hatten.  
 
Imi suchte sich dann ein Handy aus, wir verabschiedeten uns peinlich berührt, doch die Lichtgestalt wollte uns nicht einfachso gehen lassen. Er fragte grinsend: “Habt Ihr Hunger?” (Ich dachte, ich werd’ nicht mehr. 15 Minuten waren wir nur in dem Laden - und schon wusste die ganze Welt, dass wir einfach gerne essen!) Wir natürlich alle Drei: “Nein, nein. Wir doch nicht.” Aber er musste grinsen und nahm eine Hand voll Süßigkeiten und legte sie uns in die Tüte. Wir verabschiedeten uns hastig und peinlich berührt und wollten nur schnell durch die Tür. Ich glaube, unsere drei Hintern verfingen sich nochmal kurz im Türrahmen, aber der Laden spuckte uns dann doch noch irgendwie aus. 
 
Draußen angekommen, schlugen die beiden mich erstmal ausgiebig. Es prasselte Vorwürfe von beiden Seiten: 
 
“Sherry, wie konntest Du mir nur nicht sagen, dass er so gut aussieht? Ich bin total ungeschminkt! Toll jetzt, ne?! Du mit Deinen Kimper-Augen und Deiner Maskara natürlich wieder!”, fuchtelte Imi. 
“Das sage ich Pepe, Sherry! Du bist rot geworden! Was bedeutet das?” (Na, dass Ihr mir peinlich gewesen seid, Ihr Hühner!) 
“Und wie konntest Du meine Fingernägel ins Spiel bringen?” 
“Und Du dumme Kuh? Musstest Du mit Buffet Chang und All U Can Eat ankommen? Dummsau!” 
“Selber!” 
 
Imi kniff mich nebenbei und sagte: “Alles war ruhig, bis Deine Schwester kam! Wäre sie nicht gekommen, wir hätten uns wenigstens erst danach die Köpfe eingeschlagen und nicht schon im Laden! Ich hetzte die Beiden dann aufeinander und hatte kurz meine Ruhe. Wir lachten laut auf der Straße, weil wir uns absolut pubertär fühlten, die kalte Luft trug uns einfach. 
 
Imi beschloss kurzerhand, meinem Bruder das Handy zu schenken. “Das kann man dem Armen auch nicht zutrauen, Sherry. Rosa Handy. Hallo? Das in seiner Position als Obermacker-Stylo-Checker. Untragbar.”  
 
Imi freute sich schon auf Bruders Gesicht, wenn sie ihm das Handy überreichen würde. Ich dachte nur, dass das pädagogisch alles nicht gut sei, weil er einen Tag vorher schon sein Nintendo Wii bekommen hatte, aber was soll’s - es war eh “Weihnachten”. Als wir hoch gingen, kam mein Bruder abgefuckt verschlafen aus seinem Zimmer. Imi überreichte ihm das Handy mit den Worten: “Guck’ mal, Bibi, hier ich schenke Dir ein Handy.” Seine Antwort war sehr ehrlich: “Ach Du Scheiße.”, dröhnte es aus seiner Bassstimme, und er schloss die Zimmertür. Er machte sie wieder auf und meinte: “Ich bin sofort da.”, zog sich an und kam stolpernd wieder raus: “Oke, jetzt nochmal, Imi…” Sie überreichte ihm mit strahlenden Augen das neue Handy. Mein Bruder konnte dazu nur sagen: 
 
“Das ist mir alles unheimlich. Erst das Nintendo Wii, nachdem ich 2 Jahre danach lächzte - und jetzt muss ich nicht einmal mehr mit diesem rosa Handy…” - er schüttelte sich, ich schmollte, er kniff meine Wange, alles war perfekt. 
 
Danach gingen wir zu Viert zum… nicht zu Buffet Chang, aber zum McDonalds und lachten die ganze Filiale hell. Ich sag’ nur Schokoladenkuchen und Orgasmus. Der Abend war schön, und Imi versetzte mir bis zuletzt noch vor der letzten Bahn Tritte wegen der Lichtgestalt und dass sie skandalöserweise nicht geschminkt war zu diesem Anlass. Und wie sinnlos es doch sei, dass er Augen für mich hatte, wo ich doch unsterblich an Pepe vergeben war. Ihr Vortrag endete mit einem “Blablabla”, dem ich mit großen Fragezeichen in den Augen folgte… 
 
 
Und, Pepe? Willst Du mich immernoch heiraten?
Der dreieckige Raum
Ein stockdunkler, dreieckiger Raum ist für mich Orientierungslosigkeit und Angst pur. Stell’ Dir vor, Du erwartest eine Strecke, doch der schräge Wandstrang drückt Dich immer mehr zum Rauminneren, vor dem Du Angst hast, weil Du nicht weißt, was Dich dort erwartet. Vorallem, wenn Deine verzweifelt greifenden Hände die Wand zu verlieren drohen. Deine Nägel krallen sich in die kreidige Wand. Es quietscht, es bröckelt, Du greifst in die Leere und fällst. Du hast schon bemerkt, dass der Raum nicht ein weites Rechteck ist, sondern eine uneben wirkende Gestalt, in dessen Magen Du liegst. Jeder Schritt kann Dich Dein Leben - oder noch schlimmer - Deinen Verstand kosten. Es ist stockdunkel, aber Du siehst ein giftiges gelb-grün. Dein Kopf droht zu zerbersten, die Stimmen werden lauter in Deinem Kopf, und in Deiner Panik ertrunken, suchst Du in der drohenden Mitte des dreieckigen Raumes nach einem Gegenstand, obwohl Du seine Mitte fürchtest. Selbst wenn er stumpf ist, kann er Dich retten. Du kannst ihn verschlucken, so dass Du an ihm erstickst. Das ist immernoch einfacher, als sich selber zu erwürgen, denn Deine Reflexe lassen soetwas nicht zu. Für die Meisten ist der Tod die größte Angst. Für einen Gefangenen aber nicht. Merk’ Dir das. 
 
Beim Suchen stößt Du an diese unnatürlich spitzwinklige Stelle, die Dich schrecklich erschreckt und wieder wegdrückt. Alles, was nicht rechteckig ist, ist unerwartet und bedrohlich. Das Giftgelb wird zur pochenden Sirene in Rot, und Du suchst weiter. Zitternd. Weinend. Flehend. Doch es bleibt dunkel und kalt. Dein Schrei hallt gegen die schrägen Wände und schlägt auf Dich zurück. Du wirst leider nicht ohnmächtig. Deine Arme zittern zwar, aber den einen Versuch, Dich selbst zu erwürgen, lässt Du trotz besseren Wissens nicht aus. 
 
Das ist der dreieckige Raum. Ein Teil der persönlichen Hölle. Ein Übergewicht in der Gefühlswelt isolierter Menschen. Vielleicht gleich ein Nachbar von Dir, vielleicht auch Deine Freundin oder Deine Schwester - weilt in ihr. Bitte hör’ einfach besser hin. Poch’ nicht darauf, ihr / ihm klarmachen zu wollen, dass der Raum gar nicht dreieckig ist. Für sie ist der Raum dreieckig, egal wie wohlüberlegt Deine Argumente sind. Wenn Du sie schon übersiehst, übergehst, überfliegst wie eine Meldung aus der Klatschspalte - dann gib’ Ihr wenigstens den stumpfen Gegenstand, wenn schon nicht Deine offene Hand. Wenn sie redet, sieh’ nicht nur Dich und Deinen eigenen Kreis mit lauter Ich’s in Deinen Gedankenblasen, sondern halte sie fest - und wenn nicht, dann sieh’ sie fest an. Ihr Raum ist dunkel und dreieckig. Die Winkel spitz und erdrückend, ihre inneren Stimmen erschöpft, hämisch und krank.  
 
Hol’ sie da raus. Und vorallem: Tu’s sofort. Warte nicht.