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Mai, 2008
Der Vogel
Manchmal, wenn ich meinen inneren Selbstgesprächen unterliege und wirklich nicht von irgendwelchen eigentlich sonst angenehmen Begegnungen unterbrochen oder gestört werden will, verlasse ich das Haus durch den Keller, in den Hinterhofgarten unserer Siedlung und erkämpfe mir von dort aus den Weg nach Hause zu meiner Familie. Wir leben in einer ruhigen Insel und begegnen überrascht immer wieder mal selbst in der Straße wandernden Entenpaaren, die sich verlaufen haben, nächtlich rumwuselnden Igeln und einigen schwer um ihr Revier kämpfenden Katern. 
 
Gestern war wieder einer dieser Tage, an denen ich meinen Gedanken nachhing und man fast meinen könnte, ich sei einer mathematischen Problemlösung auf die Spur, die die Menschheit für immer verändern würde, bis ich, auf den Boden blickend, aus dem Seitenblick einen schwarzen Vogel entdeckte. Leider habe ich mich in meinem Leben schon mit diversen Bereichen beschäftigt, aber nicht mit Vögeln, also konnte ich die Vogelart leider nicht ausmachen, aber das war unwichtig, nachdem ich die ängstlichen Augen des Vogels sah, der mich gehetzt ansah und versuchte, von der Stelle zu kommen. Der Anblick brach mir das Herz, denn so oft es auch humpelnd zum Fliegen ansetzte, es wollte ihm nicht gelingen, wie gewohnt in die Höhe zu schwingen, um sich vor mir in Sicherheit zu bringen. Ich blieb stehen, darauf bedacht, Abstand zu ihm zu halten, damit ich seine Paniksituation nicht noch verstärkte und überlegte, wie ich ihm helfen kann, ohne ihm weh zu tun. Ich wusste nicht, was ich tun sollte. Er schien sich verletzt zu haben, am Flügel oder am Füßchen, ich weiß es einfach nicht - und ich wagte auch nicht, ihm mit meiner Näherung noch mehr Angst zu machen.  
 
Also fing ich verzweifelt an, leise mit ihm zu reden und ihm bei bleibendem Abstand zu versprechen, ja inbrünstig zu versprechen auf alles was mir heilig ist, dass ich ihm nichts tun würde und dass ich nur wissen will, ob ich irgendetwas für ihn tun könnte. Aber er verstand mich einfach nicht und wurde bei meinem kontinuierlichen Blickkontank immer verzweifelter in seinen Versuchen, starten und fliegen zu wollen. Ich schwieg und sah ihn traurig an und versuchte, zu akzeptieren, dass ich nichts tun kann. Dass ich loslassen muss (eines meiner größten und sich immer wiederholenden Prüfungen in meinem Leben, die mich in den verschiedensten Situationen zum Loslassen auffordern, mich quasi lehren wollen, wie man loslässt) und weitergehen muss. 
 
Ich drehte mich um, schluckte den Kloß in meinem Hals runter und ging hoch zu meiner Familie. Oben angekommen, setzte ich mich hin und überlegte noch, ob ich ihm nicht etwas Brot runterwerfen solle - aber ich dachte mir, wenn er bald sterben müsse, dann sollte ich ihn nicht weiter künstlich am Leben erhalten. Ich hoffte, dass diese Vogelart irgendwie solidarisch war und dieser Vogel nicht allein verenden würde und glitt immer tiefer in irgendwelche Kombinationen von Möglichkeiten…  
 
Irgendwann landete ich bei einer alten Erinnerung von mir. Ich muss ungefähr 10 Jahre alt gewesen sein, als mir genau so ein Vogel auf dem Spielplatz begegnet war und der panisch versuchte vor der Menge an Kindern wegzuhumpeln. Ich hatte Angst, sie würden den Vogel zertreten, außerdem wirbelten die Kinder soviel Staub und Sand auf, dass ich Angst hatte, der Vogel würde sich daran verschlucken. Unwissend - und weitaus unbedachter als gestern - nahm ich diesen Vogel in die Hand und nahm ihn mit nach Hause. Ich hielt ihn meinen Eltern hin und sagte: “Papa, Mama, dieser Vogel ist verletzt. Wir müssen ihn pflegen.” - Entgegen der typisch orientalischen Mentalität, sind meine Eltern Gott sei Dank keine Menschen, die an Tieren etwas “Schmutziges” sehen, das nicht ins Haus gehört. Sie wussten zwar wahrscheinlich von Anfang an, dass diesem Vogel nicht zu helfen war und überlegten wahrscheinlich noch in der selben Nacht, wie sie mir das erklären sollten, aber sie ließen mich erst einmal machen. 
 
Ich baute dem Vogel ein kleines Nest aus einem größeren Karton, einem Bereich mit weichem Kissen und Gras, etwas Brot, Wasser und einigen Würmern, die ich ihm gesammelt hatte. Jeden Tag nach der Schule kam ich nach Hause und sah nach ihm. Er wurde trotz meiner liebevollen Fürsorge irgendwie immer dünner und müder, aber ich redete mir ein, dass er müde ist, weil sein Körper sich anstrengt, wenn es gesund werden muss - so wie beim Fieber. Eines Tages kam ich nach Hause und der Vogel war nicht mehr in seinem kleinen offenen Karton. Meine Eltern kamen zu mir und sagten, er sei weggeflogen, er habe sich wohl endlich gesund genug dazu gefühlt. 
 
Ich war traurig und erleichtert zugleich. Ich würde ihn so vermissen, aber auf der anderen Seite: Was war ein schöneres Geschenk als die Freiheit und die Gesundheit dieses Vogels? 
 
Ich war zufrieden mit der Welt. Sie schien mir gerecht, gut, heilbar. Erst gestern begriff ich zum ersten Mal, dass meine Eltern mich wohl angelogen hatten, um mir die Natur dieser Welt noch vorzuenthalten. Ich könnte sie heute noch danach fragen, aber ich werde es nicht tun. Denn insgeheim hoffe ich noch immer, dass der Vogel von damals tatsächlich noch weiterleben durfte…
“Shir Ali Mardan”
Ich bin einfach sprachlos. Wie kann ein Mann sich auf die Art und Weise bewegen und dabei so stolz und männlich wirken? Für mich ist er in diesem Auftritt der Inbegriff von Ästhetik, Leidenschaft und Stolz. 
 
Sturm
Es ist so dunkel hier. Der Sturm fletscht seine Zähne gegen die Zeit - und die vorhin noch großen Bäume biegen sich wie nach einer Invasion zu einer erzwungenen Verbeugung, um in dieser dunklen, drohenden Gebärde des Windes nicht ihr Leben lassen zu müssen. 
 
Blätter peitschen gegen mich, vorhin erbarmungslos vom Körper der verbeugenden Häupter abgerissen. Ich ertappe mich dabei, wie ich mir vorstelle, wie es wohl wäre, eines dieser grünen Giganten auf die Knie fallen zu sehen, entwurzelt, enthauptet, gedemütigt auf mich stürzend - und mich mit in den gestampften Boden reißend. 
 
“Das Leben ist nur ein Spiel” - immer wieder erwische ich mich bei diesem Gedanken. Er gibt mir Ruhe. Das Leben nicht allzu ernst zu nehmen, obwohl es greifbar alles ist, was wir haben, verleiht dieser Gedanke einem kurz - wirklich nur kurz - die Möglichkeit, in nie dagewesener Leichtigkeit durchzuatmen. 
 
Ich wünschte, auch mich würde der Sturm jetzt in die Knie zwingen, ich würde nicht sicher auf dem Balkon stehen und wieder zurück in mein Gefängnis können, das man in der Zivilisation “Wohnung” nennt. Wie gerne würde ich mich mitten in diesem naturgewaltigen Schauspiel als unwichtiges Element fühlen, dessen Existenz innerhalb eines Augenblickes ein Ende gesetzt werden kann. Wie nichtig, wie irrelevant mir all meine kleinen Sorgen vorkommen würden. So nichtssagend, so abseits und farblos, dass ich endlich wüsste, was Freiheit ist… 
 
Freiheit ist nicht, alles zu haben und alles zu können. Freiheit ist, sich von sich selbst zu befreien. Freiheit ist die völlige Enteignung seiner Selbst in einem Moment der Erkenntnis, die Dir sagt, dass Du so vorübergehend bist wie ein unwichtiger Gedanke an einem Tag voll von nebulöser Langeweile…
Wir und die Liebe
Werde ich diese Pest, namens “Fernbeziehung” eigentlich vermissen, wenn wir zusammen gezogen sind? Mein erster Gedanke schreit laut durch meine Nasenlöcher in die griesgrämige Atmosphäre - gedankenverseucht von mir und meinem Pessimismus - und entlädt sich in einem riesen Schnaufen, das ein “NEIN!” darstellen soll. - Nein, natürlich nicht. Nein, natürlich nicht.  
 
Aber ist es wirklich so? Ich habe überlegt, ja. Manchmal tu’ ich das. Und da fielen mir einige Dinge ein, einige Dinge, die wahrscheinlich aus einer ganz normalen Beziehung, eine hautverbrennende, herzzerschmetternde, aber auch unsagbar tief(e)(wundige) Liebe gemacht haben.  
 
Allein das Ineinanderklammern- und Keilen und miteinander Seufzen und Tränen lassen, das Schweigen, das Hoffen, das Zählen der Tage bis zum nächstmöglichen Treffen - allein das Suchen und das Finden all der noch so kleinen Möglichkeiten, um mehr und mehr und immer mehr voneinander zu haben, trotz all der Hürden, die sich gegen einen stellen, verändern die Art des Liebens. Oft, wenn ich mir “normale Beziehungen” ansehe, beneide ich sie - und wenn ich mich dann schon bald in ihre Routine hineinversetze, frage ich mich, ob es das ist, was ich will. Will ich das? - Die Antwort lautet: Ja. Trotz all der ungewöhnlich intensiven Momente, die gerade wegen der Entfernung entstanden, sehne ich mich genau nach dieser Routine in ihrer liebevolleren Variante. Ich weiß nämlich, dass Du und Ich uns jede Nacht daran erinnern werden, wie es war, als wir wussten, es ist die letzte Nacht für viele Tage - viele Tage, von denen nur Gott wusste, wieviele es sein würden. Doch selbst, wenn es bei uns soweit ist und wir uns in die Routine des Alltags werfen - ja, endlich die Möglichkeit haben, unser Zusammensein als Alltäglichkeit zu empfinden, weiß ich, dass wir nachts wie aus einer Natürlichkeit heraus klammernd einschlafen und klammernd aufwachen werden - und uns erst nach dem ersten bewussten Moment des Wachwerdens daran erinnern, dass wir nicht mehr aufeinander warten müssen, kein Abschied folgen wird, keine Tränen, keine alles vernichtende Sehnsucht - nichts, außer der Stille, der Ruhe des Zusammenseins - und ja, vielleicht auch die Routine. Eine liebevolle Routine, die mehr Sicherheit und Innigkeit ist, als Langeweile.  
 
Letztens erzählte ich nebenbei, wir würden bald heiraten. Sarkastisch warf ich ein: “Ja, ausgerechnet jetzt, da ich die Liebe nicht mehr mag, heirate ich.” - Die Antwort kam wie aus der Pistole geschossen: “Ach Quatscht, Du liebst die Liebe. Ich wünsche Euch alles Gute.” - Die Person hatte Recht, ich liebe die Liebe, aber ich habe es mir abgewöhnt, auf die Weise über sie zu reden, wie ich es damals tat, weil ich es Leid bin, als Naivchen angesehen zu werden, das mit einer Rosa-Roten Brille durch die Welt läuft. Irgendwie ist mir dieses Bild zuwider - und deshalb habe ich mich für die ruhigere ent-mystifiziertere Form entschieden, auch wenn eine handvoll Menschen genau wissen, was ich unter Liebe eigentlich verstehe und dass sie in meiner “Welt” kaum noch etwas Weltliches an sich hat… 
 
 
Nachtrag: 
 
Ja, ich mag Rosa. Und Photoshop ist so toll! 
 
Freundschaft, Empathie und Aufopferung
Ich habe einen wundervollen Trick zur Konfliktvermeidung entdeckt: Das Schweigen. Immer wieder komme ich zu diesem Phänomen meiner eigentlich redseligen Persönlichkeit zurück und frage mich immer öfter, ob es nicht vielleicht doch die beste Tugend an schweren Tagen ist, die man sich aneignen kann, um weiteren “Enttäuschungen” vorzubeugen. 
 
Jeder Mensch hat eine Zeit, in der er für seine Verhältnisse unsagbar leidet. Das kann bei einer verhauenen, aber für die Zukunft sehr wichtigen Klausur anfangen und bei dem Verlust eines unendlich wichtigen Menschen aufhören. Und jeder wünscht sich in diesen Zeiten, von seinen Freunden nicht nur im ersten Augenblick aufgefangen zu werden, sondern solange, bis die Belastungen und Schübe von innerem Wahn und Lebensmüdigkeit von einem ablassen, die die Tragik eines Ereignisses und die wie verflucht aufeinander folgenden Katastrophen mit sich bringen können. In solchen Momenten erinnert man sich gerne an die großen Freundschaftsschwüre, die man einander gegeben hat und die man von seinen engsten Freunden immer und immer wieder in nahen, emotionalen Momenten gehört hat. Man baut auf sie. Einfachso, weil man sie glauben will, weil man keine andere Wahl hat. 
 
Das geht meistens einige Zeit lang gut. Vielleicht drei Tage, vielleicht eine Woche, vielleicht sogar zwei Monate. Aber irgendwann haben sich Eure engsten Freunde an Eure Situation gewöhnt. Natürlich haben sie das, weil sie irgendwann aus einer Art “Selbstschutz” oder Egoismus heraus (berechtigt?) aufhören, sich in Dich hineinzuversetzen und kein Gefühl mehr für Deine Belastbarkeitsgrenzen haben. Es kann durchaus sein, dass Du ihnen dann einen Tag vorher von Dingen erzählst, die für sie selber schier unerträglich gewesen wären, aber sie am Tag darauf schon die banalsten Dinge von Dir verlangen, so als seist Du in einer völlig stabilen Situation. Es kann vorkommen, dass sie sich einfach drei Wochen nicht zurückmelden und nicht erreichbar sind. Auch kann es in solchen Situationen zu Grundsatzdiskussionen kommen (nennen wir’s Streit), in denen man Dich ob Deiner “emotionalen Verfassung” anprangert. Einem bleibt dann nur noch eines: Entweder schreien und aggressiv zurückschlagen oder fassungslos mit offenem Mund dastehen und sagen: “Wie kannst Du all das von mir fordern? Wie all das von mir verlangen, wo Du doch meine Situation genauestens kennst?” - Die Enttäuschung ist in dem Moment dann keine Enttäuschung mehr, sondern ein zusätzlicher Schmerz, der Dir den Atem kappt. Warum? Weil Du in dem Moment zu der Erkenntnis kommst, dass Du im Grunde niemanden hast, der wie eine abgeschwächte Form eines mutterartigen Wesens alles dransetzt, dass Du schlicht und einfach nicht untergehst. All die intimen Momente voller Liebesgeständnisse, freundschaftlicher Treueschwüre und pathetischer Kampfansagen gegen die Welt siechen in einem einzigen Augenblick mit Deinem dicken Kloß in Deinem Hals direkt in Deinen Bauch und verhärten sich dort zu bitterem Kummer. Alles fühlt sich an wie purer Verrat. Immer wieder gehen Dir die selben Gedanken durch den Kopf: “Er / Sie weiß doch, was ich gerade durchmache, warum tut er / sie das dann? Bin ich ihm / ihr sowenig wert? Fühlt er / sie mich denn nicht? Was muss ich noch tun, damit er / sie sieht, dass ich einfach nicht mehr kann?” 
 
 
Cut. 
 
 
Und hier nun meine phänomenale Lösung: Nun, wir wissen, dass wir unsere Freunde, egal wie sehr sie uns auch enttäuschen (oder auch wie sehr wir sie auch enttäuschen) dennoch weiterhin lieb haben, es geht nicht anders. Genauso wie die Liebe in einer Beziehung lassen sich auch die Gefühle in einer Freundschaft nicht einfach abwürgen. Jahrelange Loyalität und gemeinsames Kämpfen, Bangen und Feiern binden die Menschen aneinander, deshalb sticht der Weg mit dem absoluten Rückzug oder des Kontaktabbruches auch oft ins eigene Fleisch, außer man sieht wirklich nichts Gutes mehr an der Freundschaft.  
Der andere Weg? Nun gut: Man fragt Dich, wie es Dir geht und Dir geht’s eigentlich schrecklich? Antworte dennoch einfach mit: “Mir geht’s gut, danke!” Warum mir das hilft? Solange mein Gegenüber der Annahme ist, mir ginge es gut und ich sei normal belastbar, kann ich ob seines “unpassenden” Verhaltens mir gegenüber nicht mehr so eine große, tiefsitzende Enttäuschung verspüren, weil? - Na weil Du Dir dann einreden kannst, dass Dein Gegenüber gar nicht entsprechend auf Dich reagieren kann, wenn er doch nicht weiß, wie es Dir wirklich geht. Die Unwissenheit Deines Gegenübers schützt einmal Dich vor der Enttäuschung der fehlenden Aufopferung, Empathie und letztendlich der “Liebe” in Deiner Freundschaft und dann aber auch Dein Gegenüber vor Deinen möglichen Vorwurfsattacken und Ausrastern - und alles ist paletti.  
 
Ist das nicht eine fantastische Lösung? (Ich nannte sie damals schon “Lächeltherapie”. Geklaut von John aus “Ally McBeal”. Yeah.)