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September, 2009
Achromasie
Hier ein paar Eindrücke in Grau. Ich habe noch einige andere Bilder in Sepia, die ich eigentlich sehr schön finde, aber aus bestimmten Gründen möchte ich sie erstmal nicht Online stellen. Schade, dass ich keine Portraits hiereinstellen kann. Die sind meistens viel schöner als diese Objekt- und Straßenfotografie. 
 
Fotografieren und vor allem die Nachbearbeitung von Bildern macht mir unheimlich viel Spaß. Ich merke aber, dass ich mit meinem Standard-Objektiv wirklich an gewisse Grenzen stoße. Ich habe auch nichts mehr reingestellt, weil ich in der letzten Zeit nur Fotos von den persischen Gerichten geschossen habe, die ich gekocht habe. Vielleicht stelle ich sie bald auch rein. 
 
Warum grau? - Ich weiß es nicht. Besonders Portraits sehen in Grau so dermaßen sinnlich und ästhetisch aus, dass ich Lust hatte, alles Andere auch zu ver-grauen. Bei meinem Samsung Netbook konnte ich nicht umhin, einwenig Farbe reinzulassen. Die rosa Steinchen in den Blüten sind einfach zu (auf)-reizend. 
 
Die grauen Fotos habe ich an Tagen geschossen, an denen ich besonders gut gelaunt war. Ich wollte weder irgendeine dunkle Stimmung in mir “veranschaulichen”, noch irgendetwas besonders traurig oder schwer darstellen. Ich hatte einfach Appetit auf Grau. Und wenn ich sage Appetit, dann meine ich das auch so. Achromatisch ist auch aromatisch. 
 
Bhf 
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Wünsche
Ich war lange fort von hier, weil ich nicht wusste, was ich schreiben soll. Ich konnte bei all den Ereignissen und dem inneren Verstrickungen von Glück, Freude, Trauer, Verzweiflung und Hoffnung einfach nicht entscheiden, welchem dieser Oberbegriffe an Emotionen, die in sich verschachtelt noch unendlich viele Nuancen aufweisen, ich meine “poetische” Aufmerksamkeit schenken soll. Zudem kommt noch, dass mein Studium mir jeglichen Sinn für Romantik und sherry-typischer, farbig-schwammiger Satzkompositionen nimmt, obwohl es nur diese Art des Ausdruckes mich befreit - wenigstens annähernd befreit von all den Regeln und Gesetzmäßigkeiten dieser Welt, die sich alle so schön “formalisieren” lassen. 
 
Iran und das, was mit ihr geschieht (Iran ist für mich feminin, also verzeiht mir den “grammatikalischen Fehler”), hat meinem Mund und meinem Herzen dann komplett den Riegel vorgeschoben. Jede potenzielle Explosion implodierte in mir und strickte mir ein Seil um meine Kehle, das sich aber jetzt langsam lockert. Ich möchte etwas schreiben, das vielleicht die meisten in mir regierenden Gefühle, Subgefühle und Sub plus Sub plus Subgefühle in sich vereinigen kann und zumindest die meisten einander verzehrenden Widerspruchsemotionen miteinander in einem harmonischen Bild versöhnen kann. Deshalb will ich über den Menschen schreiben. Und wenn ich über ihn schreibe, dann schreibe ich vielleicht auch über meine imaginäre Hassliebe zu einem imaginären Gott, weil er den Menschen nun einmal nicht so erschaffen hat, wie es sich jedes gesunde Menschenherz ersehnt. Und wenn ich über ihn schreibe, schreibe ich auch über mich und über mein menschliches Versagen. Wenn ich über den Menschen schreibe, dann schreibe ich über meine tiefsten Wünsche, die ich für ihn - den Menschen - habe. Ich wünsche mir. Ich wünsche mir…  
 
Ich wünsche mir den Tag herbei, an dem ich nicht aufwache und mich frage, welchen Sinn es macht, seinen Liebsten alles zu geben, was man hat und sie dann durch eine Krankheit, einen Unfall oder eine Dummheit zu verlieren. Ich wünsche mir den Tag herbei, an dem ich nicht auf der Hut vor anderen Mitmenschen sein muss, weil sie jederzeit etwas missverstehen können und Rache ausüben, indem sie Dir schaden. Ich wünsche mir den Tag herbei, an dem ich denken kann, dass all die Errungenschaften, auf die wir heute aus Luxusgründen nicht verzichten können, endlich dazu genutzt werden, um Menschen zu helfen, die noch nicht einmal ein Mindestmaß an menschenwürdigen Zuständen haben. Ich wünsche mir den Tag herbei, an dem nicht die eine Hälfte der Welt an Verfettung, Übergewicht und den Folgen dieser krepiert, während die andere Hälfte Steine essen muss, damit das Hungergefühl kurz verschwindet. Wissen wir, was Hunger ist, außer dem lächerlichen Hunger, den man empfindet, wenn man eine Diät hält oder religiös “fastet”? Wissen wir, was und wie man Hunger erleben muss, um ihm eine Bezeichnung zu geben wie “Der Dämon” oder “Das Monster”? Man benennt ihn in solchen Ländern nicht mal beim Namen (weil er noch grausamer ist), man hat einen neuen für ihn erfunden, man personifiziert ihn, weil er ein Feind ist, gegen den man täglich zu kämpfen hat. Wissen wir, was ein kleines Mädchen durchmacht in dem Moment, in dem sie beschnitten wird? Ihre Klitoris und ihre innere, komplette Blume amputiert und der Schoß, aus dem Leben wächst, zugenäht wird? Wissen wir, was es bedeutet, eine Hochzeitsnacht zu erleiden, in der der Mann die Naht mit einem Messer öffnet und mit Gewalt in das zugewachsene Gewebe eindringt? Wissen wir, was es für neunjährige Mädchen bedeutet, wenn man sie per Religion für heiratsfähig erklärt und sie einem fünfzigjährigen Perversling als Ehefrau verkauft? Wissen wir, wie Frauen und Männer in dem Moment fühlen, wenn sie auf den ersten, großen Stein schauen, der geradewegs auf sie prallt, weil sie homosexuell oder verliebt waren? Oder einfach einen hasserfüllten Ehemann hatten, der zum Richter ging und über die “Rumhurerei” seiner Ehefrau erzählt hat? Wissen wir denn wirklich, was einem normalen, zukunftsträumenden Menschen, der auf der Straße für sein Recht auf Freiheit protestiert, widerfährt, wenn wir darüber lesen, dass er festgenommen und zu Tode vergewaltigt worden ist? Seine inneren Organe vom After bis in die Gedärme verletzt und zerfetzt worden sind? Die Gebärmutter gebär-tot gequält worden ist, so dass niewieder Leben darin wachsen kann? Wissen wir, was so ein Mensch fühlt, wenn er seinen Kopf auf den Boden wirft - mit letzter Kraft - weil er keine Kraft mehr hat, sich mit seinen eigenen Händen zu töten nach solchen Demütigungen? Wir wissen nichts. Denn wir halten Distanz beim Lesen, wir halten Distanz, wenn unsere Fantasien zu rattern anfangen - die Empfindlichsten von uns gehen sich schnell übergeben und abkühlen und versuchen sich mit Essen, Alkohol, Talkshows oder sonst etwas abzulenken. Vielleicht geht er auch auf die Straße, macht ein paar Obdachlosen ein Sandwich und fühlt sich danach besser, um seine eigene Nutzlosigkeit, Feigheit und sinnlose Existenz zu verdrängen. Wir wissen nichts und wollen auch nichts wissen. Die noch Guten unter uns beten für all die maltratierten, von Mensch und Gott gedemütigten, vergessenen, gefolterten Menschen und schlafen dann ein. Die Verzweifelteren unter uns erleiden nachts Panikattacken, weil sie ihre Fantasie nicht unter Kontrolle kriegen, knipsen das Licht wieder an und hören Popmusik oder schauen sich eine Komödie an und schlafen dabei ein. Aber wissen tun sie nichts. Und wir wollen auch nichts wissen. 
 
Ich habe meine Wünsche verschluckt, weil sie zu groß waren. Mein Wunsch ist es, dass jeder dieser Menschen jetzt sofort befreit wird und alles, was ihm angetan wurde, vergisst. Einfach vergisst, hinter sich lässt und neu anfängt. Dieser Wunsch ist mehr als utopisch, denn solange der Mensch das Tier in Gewissenlosigkeit übertrifft, wird nichts aus dieser Welt. Deshalb möchte ich bescheiden anfangen und eine andere Wunschliste hiereinstellen. Ich bitte jeden, der diese Liste liest, ab heute zu versuchen, mir, sich selbst und seinen Mitmenschen diese Wünsche zu erfüllen. Bitte lasst es uns versuchen: 
 
Ich sehne mir den Tag herbei, an dem ich Dir sagen kann, was mich an Dir verletzt, weil ich Dich - meinen Freund oder meine Freundin - geschwisterlich liebe und mir eine inniger Beziehung zu Dir wünsche, ohne dass Du hinter meinem Rücken Gerüchte köcheln lässt, um es mir auf indirektem Wege heimzuzahlen. 
 
Ich sehne mir den Tag herbei, an dem weder ich noch Du lügen müssen, weil wir Angst voreinander haben und vom anderen denken, er könne ein grausames Spiel mit all den intimen Gefühlen und Geheimnissen, von denen der Andere weiß, veranstalten. 
 
Ich sehne mir den Tag herbei, an dem wir einen Menschen, der Hilfe braucht, nicht ignorieren, weil wir uns mit aufmüpfiger Selbstgerechtigkeit selbst einreden, selber genug Probleme zu haben. 
 
Ich sehne mir den Tag herbei, an dem Dein oder mein Neid uns eher dazu verleitet, uns zu bessern und höhere Ziele zu setzen, anstatt dem, dem wir neiden, sein Glück nicht zu gönnen oder ihm dieses sogar zerstören zu wollen. 
 
Ich sehne mir den Tag herbei, an dem wir nicht predigen müssen, was wir selber täglich verraten, nur um uns und unser verlogenes Gesicht zu verdecken. 
 
Ich sehne mir den Tag herbei, an dem wir unser “Schatz, Azizam, Liebste, Schwester, Freund” ehrlich meinen ohne Schnick, Schnack und Bekleidung. 
 
Ich sehne mir den Tag herbei, an dem Du auf mein Wohl schaust und ich auf Deines. Den Tag, an dem wir uns für jeden Menschen - egal ob Familie oder Fremder - verantwortlich fühlen aufgrund der einfachen Tatsache, dass auch der Fremde ein Mensch ist, also auch ein Teil von Dir und mir ist. 
 
Ich sehne mir den Tag herbei, an dem ich Dich - Du Mensch - bedingungslos lieben kann, ohne dass Du mich auslachst und ohne dass ich Bedingungen für meine Zuneigung zu Dir stelle. 
 
Ich sehne mir den Tag herbei, an dem ich meine Wohnung nicht mehr zuschließen muss aus Angst, ausgeraubt werden, damit Du, wenn Du Obdach, Brot und Wasser suchst, Dich in einer kalten Winternacht an meinem Tisch bedienen kannst, während ich schlafe. Und Dich auf meine Couch legen kannst, um durch die kalte Nacht zu schlafen. 
 
Ich sehne mir den Tag herbei, an dem Du mir näher bist als ich mir selbst, um mir zu sagen, dass ich so schlecht gar nicht bin. 
 
Und wo ich gerade von den kleinen Wünschen sprechen wollte, merke ich, dass ich noch immer von den Großen spreche. Viel zu große Wünsche, die trotzdem das Mindeste sind, was eine Spezies mit dieser Intelligenz und dieser großen Fähigkeit, zu lieben, zu Stande bringen sollte. Also lasst uns einander überfordern, damit wir dieses Mindestmaß an Schönheit irgendwann erreichen. 
 
Das wünsche ich mir. Versteht Ihr? Verstehst Du, Sherry?