Moral ist lediglich eine Art von intelligenter, effizienzfördender Bequemlichkeit. Anstatt jede Sekunde um seinen Besitz und sein Leben gegen andere zu kämpfen, sperrt die Moral diesem Spiel einen mehr oder weniger festen Riegel vor, indem sie sagt: “Mensch, in Deiner Ur-Form bist Du falsch. Wenn Du Dich nicht zügelst, schließen wird Dich aus, sperren wir Dich ein, töten Dich gar.”
Das war der Anfang. Der Anfang von Adipositas, Depressionen, Hysterie und Angststörungen - anders ausgedrückt: Der Zivilisation. Yeah.
Letzte Nacht. Irgendwo einsam im Netz sucht eine schlaflose junge Frau nach Zeilen in anderen virtuellen Tagebüchern, die ihr wirklich etwas zu sagen haben. Zeilen, die es schaffen, die Skurrilität der Existenz am Schopf zu packen und - wenn auch nur kurz - zu schütteln und zu rütteln, zu beherrschen und zu zähmen. Alles hätte sie für dieses kurze Szenario gegeben. Jemand tritt all den Grenzen und Determinanten von Erschaffung und Zerstörung, dem Kreislauf des Lebens und dem Tod - und Gottes Gesetzen so dermaßen in den Allerwertesten, dass man die Sterne hätte lachen hören können. Aber sie hat nichts gefunden. Nichts, außer tausend Floskeln des Alltags, die sich Menschen gegenseitig in die Hand drücken, um sich selbst und ihrem ratsuchenden Mitmenschen die Illusion von Kontrolle über ihre skurrile Existenz zu geben.
“Wenn Du fest an etwas glaubst, dann passiert es auch.”
“Glaube versetzt Berge.”
“Wenn Du wirklich willst, dann schaffst Du es auch.”
“Es liegt vollkommen an Dir, Dich zu entscheiden. Du hast Dein Leben in der Hand.”
“Der Geist ist frei.”
Die junge Frau schüttelte den Kopf. Gab es denn niemanden, der wirklich klug und weise war? Der unbeeindruckt war, ohne die starke innere Verzweiflung der Mitmenschen zu passieren als seien sie nicht existent oder gar lächerlich? Weisheit bedeutete nicht, an der Absurdität des Lebens zu zerbrechen, sondern sie hinzunehmen. Weisheit bedeutet, dass selbst wenn man weiß, dass man mitten in einem unkontrollierten Schlachtfeld voneinander bedingender Ursache-Wirkungs-Interaktionen steht und in diesem Dominofeld eine von vielen Ursachen und Wirkungen zugleich ist ohne das Geringste dagegen tun zu können, dennoch milde über das Leben lächeln, Freude empfinden und Kraft spenden kann.
Alles, was sie tun - diese Menschen - tun sie letztendlich als eine Reaktion auf Ursachen, um zeitgleich als Ursache für andere Wirkungsketten zu dienen. Resignieren manche, dann sollen sie resignieren. Kämpfen die anderen, dann sollen sie kämpfen. Sie könnten gar nicht anders. Die Persönlichkeit und die Sozialisation (Ursachen) haben ihn vollends erschaffen. Alles, was sie gegen den Strom tun und was sie mit dem Strom fühlen, kommt nicht pur aus ihnen selbst heraus, sondern aus allem anderen - nur nicht aus ihnen selbst. Es ist die Kombination dieser Ursachen, die einen Menschen einzigartig macht und nicht sie selbst. Und der Mensch, der mit dieser Erkenntnis leben kann, ohne sich doch noch eine freie Existenz einzureden, der ist weit. Wenn er es dabei schafft, nicht kaltherzig und verkopft zu werden, ist er weise. Weise und so ‘frei’, wie ein Mensch frei sein kann.
So einen suchte die junge Frau letzte Nacht. Was sie stattdessen fand waren Fabelwesen, Aufforderungen, Jesus zu folgen, Tipps und Tricks für guten Sex, Kochrezepte, Beschreibungen von Swingerclub-Erlebnissen und Eso-Hotlines.
Ein paar gute Tagebücher hat sie sich notiert und für später aufgehoben für eine Nacht, in der sie wieder auf dem Boden des Lebens stand und nicht etwa versuchte, das Leben zu beherrschen. Denn was sie auch wusste war, dass sie nicht immer in dieser Stimmung bleiben würde. Das sind die Regeln des Universums. Veränderung innerhalb eines unveränderbaren Systems, die man im Rahmen seiner Gesetzmäßigkeiten erleben darf. Selbst, wenn man diese auch nicht mitgestalten kann, so hat man doch wenigstens das Gefühl, es zu tun. Und manchmal reicht dieses Gefühl. Nur letzte Nacht eben nicht. Nicht bei der jungen Frau.
Keine Ahnung, warum ich dieses Video nicht schon vor langer Zeit hierein gesetzt habe. Aber jedesmal, wenn ich es sehe, egal wie’s mir geht, liege ich flach auf dem Boden vor Lachen.
Die Menschen verändern sich im Laufe ihres Lebens. Sie lassen einander im besten Fall allein - im schlimmsten Fall aber ins offene Messer laufen. Die Entfremdung von damals nahestehenden Personen, mit denen man alles geteilt hat, erleidet man oft stumm, um sich windend und einsam. “Bloß nicht darüber sprechen”, denkt man sich und hält dem darauf folgenden Gedanken schon den Mund brutal zu: “Wffwfffwfffffawaff Hmmmpffff” (”Was, wenn ich mir das nämlich doch nicht nur einbilde und so eine “Aussprache” mit dem anderen genau das bestätigt, was ich denke und fühle? - Nämlich, dass wir nichts mehr miteinander anfangen können?”) - Ja, vermutlich käme man in einem Dialog zu genau diesem Ergebnis. Und das will man nicht. Zumindest noch nicht. Nicht, bevor man nicht einen anderen Weg gefunden hat, mit dieser Entfremdung klar zu kommen. Also geht man auf die Suche nach dem großen Verbandskasten, der einem die alte, heile Welt ins neue Leben zurück bringt. Und dann scheitert man. Man gibt nicht auf und scheitert wieder.
Das kennt Ihr doch auch. Ihr schildert einem alten Freund markerschütternde Gefühle, ohne dieses Gefühl selbst in seiner eigenen Dimension offenbaren zu können. Von Euch selbst weggespalten, hantiert Ihr mit Händen, Füßen und Mimik, um einen nicht-begreifbaren Zustand Eures Gemüts begreifbar zu machen - und erkennt mitten in Eurem Vorhaben, wie sinnlos das ist. Denn damals hat er Euch ohne all diese Hampeleien verstanden. Keine Worte zu finden, war kein Problem - im Gegenteil - sie zu finden, störte das Einvernehmen von Herz zu Herz viel mehr als blick- und bedeutungsschwangeres Schweigen. - Ihr wehrt den Gedanken ab. In der Erwartung dieser vertrauten, verständnisvollen Umarmung ferner Zeiten, strampelt Ihr weiter. Mit geschlossenen Augen rennt Ihr. Alles Reale verneinend und alles Illusionsbestätigende fixierend, hechtet Ihr in die Richtung dieser wohligen, vertrauten Umarmung Eures Freundes und scheitert an hartem Beton. Schreckgepeinigt öffnet Ihr Eure Augen und seht keine Regung in seinem unwissenden Gesicht. Nicht aus Böswilligkeit oder harter Ignoranz, sondern aufgrund der Tatsache, dass einmal Ihr und einmal Euer Freund sich verändert hat. Seine Fühler greifen nicht mehr nach Eurem Atem - und Euer Atem weht in eine völlig andere Richtung, nur nicht zu ihm. Ihr-und-Er-Passung, die damals funktionierte wie ein Schlüssel zum Schloss, sind verschoben, verschroben, verrückt und ver-allest. Keine Passung, keine Begegnung. Keine Begegnung, keine Umarmung.
Ein paar Mal macht Ihr das mit. Dann ergebt Ihr Euch dieser Entfremdung. Bei neuen Bekanntschaften, bricht man sie einfach ab. Daran ist nichts schwer. Bei uralten Freunden jedoch verweilt man in der Misere, denn die Liebe diktiert Euch, an Eurem Platz zu bleiben. Stille Vorwürfe gegen die andere Person werden mal größer, mal kleiner. Aber tendenziell immer barscher, wenn auch leiser (weil sinnloser). Man will weder bleiben, noch gehen. Aber Bleiben ist noch einwenig erträglicher. Also verweilt man, sieht ratlos aneinander vorbei, schweigt sich weiter tratschend an und erträgt kauernd die durch Mark und Bein ziehende Brise zwischen zwei Herzen, die einst aneinander gelabt waren. Und friert. Immer in der Hoffnung, dass es irgendwann ein Zurück geben wird. Wenn das nicht Freundschaft ist - was dann?