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Alltag & Stunk
Geschützt: Herz- und Kopfraub

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Perfekt im Takt
Blinde Gesichter, grau in grau - ich sehe sie nicht. Ihre Mimik wie eingemeißelt, schwach lächelnd und doch betrübt schauen sie starr durch mich durch und haften am Beton unserer Stadt. Lichter flitzen wie gejagt durch die Nacht. Selbst der Nachthimmel hat sein Schwarz verloren und ergibt sich einem leblosen Grau. Das einzige Grün, das ich sehe, sprüht ein leidenschaftsloser Junge an die Wand. Damals schrieb er noch “Ich war hier.” - heute steht auf dem Fleck einstigem Idealismus “War ich überhaupt jemals?” - Identitätslose Geister bewegen sich mechanisch auf ihr Ziel zu. Und ich bewege mich mit - perfekt in ihrem Takt - Schritt für Schritt. Das Ziel heißt “Endstation” - und der Weg heißt “Sinnlosigkeit”.
Belangloses
Es würde viel zu berichten geben, wenn ich zum berichten käme. Deshalb berichte ich jetzt einfach, dass zwar theoretisch viel News-Stoff vorhanden ist (zumal ich ja seit Ewigkeiten nicht mehr wirklich schreibe, zumindest nicht hier), aber ich zu nichts mehr komme. Deshalb erzähle ich mal Belangloses. 
 
Peyman hat mir jetzt ein winziges, hübsches, schneeweißes Diktiergerätchen gekauft, weil ich inzwischen in den Vorlesungen sitze und Hausaufgaben erledige oder für anstehende Prüfungen lerne, anstatt zuzuhören, aber wegen der Anwesenheitspflicht eben anwesend sein muss. Um die Vorlesung dann doch irgendwann zwischen der Pforte der Wachheit hin zum süßen Schlaf hören zu können, habe ich jetzt Madame Noghli mit Stöpsel und MP3 Player Specials an meiner Seite. Als er damit ankam, die Hübsche aus ihrer Packung holte, strahlte ich über beide Ohren aber zeigte ihm auch gleichzeitig den Vogel mit der bedeutenden Frage: “Wie bitte soll das winzige, hübsche Ding in einem stinkenden, lauten Vorlesungssaal die dünne, piepsige Stimme der Dozentin aufnehmen?” “Das geht schon. Wart’s ab. Versuch’s gleich morgen.”  
 
Gesagt, getan. Es klappt. Ich glaube, ich habe sogar den schleichenden Furz eines Kommilitonen drauf. Man hört regelrecht, wie er sich Mühe gegeben hat, den lauten Furz in einer komplexen Muskelentspannungsakrobatik (immer nur ein bisschen, aber bloß nicht zuviel loslassen) sanft rausgleiten zu lassen und nicht mit vollster Durchschlagkraft wie es sonst Männer gerne tun. Soll ich weiter erzählen? Nicht? Na gut. 
 
Etwas Witziges ist heute passiert, und ich würde endlich gerne wissen (nach ungefähr 100 solcher Fälle), wie man soetwas erklären kann: Ich habe eine Kommilitonin, die mir sympathisch ist, aber mit der ich eigentlich überhaupt nichts zu tun habe, zumal wir jetzt im 2. Semester keinen einzigen gemeinsamen Kurs haben. Ohne mich mit ihr in diesem Semester unterhalten zu haben, träumte ich am Wochenende von ihr. Im Traum war sie hochschwanger. So penetrant, wie ich nun mal bin, sehe ich sie heute in der Uni, gehe auf sie zu, grüße sie und sage ihr:  
 
“Ich habe am Samstag von Dir geträumt.” 
“Echt? Von mir? Was denn?” 
“Dass Du hochschwanger bist.” 
 
Die Kommilitonin wird blass. Ich schaue sie verstört an. Sie schaut verstörter zurück. Reißt die Augen auf, formt ihren Mund zu einem o, ich übernehme den “Dialog” und sage etwas sehr Intelligentes wie: 
 
“Sag bloß…” 
Sie schweigt. 
“Im Ernst?”, frage ich laut. 
Sie nickt. 
“Woher weiß ich das?”, frage ich. 
“KEINE AHNUNG WOHER WEISST DU DAS?” 
 
Ö.  
 
8-O  
 
Gute Nacht.
Was mir die Tage versüßt
Für solche Sätze liebe ich meine Dada: 
 
“Hab’ grad’ ‘nen Nudelauflauf gemacht. Ich könnt’ mich reinsetzen und mich damit einreiben.”
 
 
Und das Schöne ist, wir schreiben einander mindestens 30 SMS am Tag. Peyman macht sich schon über uns lustig. “Hat die Nachrichtenzentrale sich wieder gemeldet? Und? Wann war sie denn nun auf Klo?” Oder “Wie? Du hast ihr nicht gesagt, dass Du Dir gerade die Zehennägel lackierst? Hol’ das schnell nach, sonst weiß sie nicht bescheid.” - Dass ich darauf panisch reagiere und die SMS tatsächlich nachhole, die ich unbedachterweise versäumt hatte, versteht er natürlich nicht. 
 
Männer verstehen soetwas einfach nicht. Sie verstehen nicht, dass der neue Kirschrot-leicht-pink-nuancierte Nagellack auf den Zehen verdammt wichtig ist! Die haben eh nur Technik und Sex im Kopf. Wobei beides für sie das Selbe ist - aber dann nicht verstehen, warum Essen und Sex für uns das Selbe ist - und noch einwenig mehr. Vor allem mit Sex zusammen, aber schweifen wir mal nicht ab. 
 
Seht Ihr? All diese Ergüsse nur deshalb, weil ich alles tun will, nur nicht lernen. Erinnert mich bitte am Sonntag noch einmal daran, dass ich die Klausur läppisch nannte, weil mich da wieder meine Selbstvorwürfe und “Asche-auf-Dein-Haupt-Sherry”-Sessions nicht aufhören wollen. Weil das eben der einzige Weg sein wird, mein Gewissen noch zu erleichtern, ohne zu lernen. Im Sinne von: “Wenigstens hast Du Dich ja dafür bestraft.” 
 
Kann es sein, dass ich oft abschweife? Tut mir Leid. Ich geh’ mal Essen. Ich habe Hunger auf Nudelauflauf. Woher kommt das bloß wieder… Achja, Dada.
Selbstgespräche
Mir gehen im Moment ziemlich viele Gedanken durch den Kopf über alle möglichen Themen. Aber die Zeit erlaubt mir nicht, sie zu ordnen und nieder zu schreiben, wir sind in der Prüfungsphase - und mein kompletter “Lernaufwand” war wieder einmal Selbstbetrug. 
 
Ich sage alle Treffen ab, verbuddel mich zu Hause ein, mache einen “Lernplan” (einen sehr strikten) und markiere entschlossen den Soll, den ich schaffen will, aber ich habe danach so sehr das Gefühl, soviel allein dadurch schon gemacht zu haben, dass ich wieder zwei Tage nur “legitimiert” rumwusele und vom Lernen rede und intensiv um meine Prüfungen besorgt bin, aber aktiv werde ich immer erst ein bis zwei Tage vorher. Ein bis zwei Tage vorher reichen aber bei diesem Studiengang nicht aus. Schon gar nicht, wenn ich mein Master machen will. 
 
Also nochmal, Fräulein: Hier läuft es anders als beim letzten Studium. Es geht hier nicht nur darum, die Scheine zu kriegen und nur zu bestehen, sondern Deine Bestleistung muss her. Dein Master darfst Du nur machen, wenn Du einen bestimmten Notendurchschnitt erreicht hast. Dieser Notendurchschnitt wird nicht etwa vom Psychologischen Institut festgelegt, sondern vom Notendurchschnitt Deines “Jahrgangs”. Dein Jahrgang besteht aus Abiturienten/innen, die ein Einser-Abi im oberen Bereich haben, sonst wären sie nicht für Psychologie zugelassen worden. Diese Abiturienten sind einmal frischer im Kopf als Du, sind einwenig sorgloser als Du und wahrscheinlich neben ihrem Fleiß um Einiges intelligenter und aufnahmefähiger als Du. Zudem haben sie schon in der Schule gelernt, wie man lernt, weil sie’s getan haben, während Du die Schwänzerin No. 1 gewesen bist. Ok? 
 
Dieses Studium bedeutet Dir viel. Zum ersten Mal in Deinem Leben gehst Du zum Unterricht, zur Vorlesung, zum Seminar und kommst befriedigt wieder raus, auch wenn Du denkst “Au Backe, wie krieg ich all das wertvolle Zeug jetzt in mein Gehirn gepresst?” - das ist aber unwichtig und die Tatsache, dass diese Selbstzweifel und das Gefühl von Überforderung Dir Deine Begeisterung für das, was Du täglich lernst nicht nehmen können, ist wertvoller, als Du Dir das jetzt vorstellen kannst. Wenn Du irgendwann hiermit fertig bist und in Deinem Beruf aufgehst und nicht täglich das große Kotzen kriegst beim Gedanken an Deine Arbeit, wie bei vielen Deiner Bekannten, Verwandten und Freunde - erst dann wirst Du verstehen, was ich jetzt zu Dir sage. Ok? 
 
So, nun zum eigentlichen Problem: Ist das Führen von Selbstgesprächen eigentlich krank?