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“Tarof”: Persisch ist meine Muttersprache - aber ich verstehe kein Wort!
“Wenn Sie nächsten Freitag kommen würden, würde ich mich sehr freuen, Giti Khanum (Frau Giti)”, sage ich mit freundlicher Stimme, obwohl ich innerlich vor Wut am platzen bin. 
 
“Nächste Woche ist schlecht, da sind wir schon eingeladen”, tönt es zuckersüß aus dem Hörer gerade heraus in mein genervtes Ohr. Gutgläubig - und der rhetorischen Feinheiten der persischen Konversation nicht wirklich habhaftig (sie waren mir einfach zu kompliziert) - schaue ich gehetzt in meinen Notizkalender, um einen anderen freien Tag für diese “Pflichtveranstaltung” zu suchen.  
 
Warum ich mir das überhaupt antue, werde ich mich erst später fragen, doch die Antwort kenne ich schon: Ehre, Pflicht, das Wahren des Gesichtes. Es ziemt sich für eine Iranerin einfach nicht, der Pflicht auszuweichen, nur weil der potenzielle Gast mir nicht sonderlich wohl gesonnen ist und vor ein paar Monaten noch versucht hat, Unruhe in meiner Familie zu stiften, weil sie sich durch irgendein falsches Wort im falschen Moment beleidigt gefühlt hat und daraus eine unendliche Geschichte geflochten hat. 
 
“Und am Samstag?”, höre ich mich selbstverständlich fragen. “Wir würden uns sehr freuen, wenn Sie uns am Samstag zum Abendessen die Ehre Ihrer Anwesenheit erweisen würden.” - und verdrehe dabei meine Augen über meine eigene, unerträgliche Verlogenheit.  
 
Schon sehe ich in meinem geistigen Auge Großmutters Augenbraue zuckend hochgehen und ein vehementes “Naaa, Azizam…” (Nein, mein Liebling) sagen. “Yadet bashe, Mehmun habibe khodast!” (”Vergiss nicht, der Gast ist Gottes Liebling.”) “Du musst Deine Pflicht erfüllen, egal, was vorgefallen ist. Sie sollen sehen, dass wir uns von soetwas nicht verändern lassen und Gesicht und Höflichkeit wahren, weil wir ehrenwerte Menschen sind.” 
 
Ich seufze. Hat Oma nun Recht oder nicht? Was ist wichtiger: Ehrlichkeit und Offenheit oder die Erfüllung traditioneller Pflichten? Während ich noch grübele, fällt mir ein, dass ich immer noch auf die Antwort Giti Khanum warte. 
 
“Samstag? Hm. Das weiß ich noch gar nicht. Ich werde meinen Mann fragen, ob wir da nichts vorhaben, ich werde Sie anrufen und Bescheid geben.” 
 
“In Ordnung, so machen wir das.”, antworte ich einverstanden, als hätten wir soeben eine verbindliche Vereinbarung getroffen. Und während ich tatsächlich über eine Woche auf ihren Anruf warte, “übersetzt” mir meine Oma in einem Gespräch ganz nebenbei, dass die Antwort, die ich am Telefon erhalten hatte, eigentlich eine klare Absage ist. Schockiert, aber doch nicht wirklich überrascht über meine Unfähigkeit, soetwas richtig zu deuten, stelle ich wie so oft fest, dass ich in einer rein iranischen Gesellschaft ohne “Übersetzer” vermutlich gegen sämtliche Wände laufen würde. 
 
Wie kann es sein, dass persisch zwar meine Muttersprache ist, aber ich Vieles nicht verstehe? Ich habe keine Antwort darauf und zerstreue diese Frage recht schnell. 
 
Zwei Wochen später. Das Telefon klingelt und ich werde - als Zeichen der Großzügigkeit von Giti Khanum - unschuldig, freundlich, selbstlos und herzlich eingeladen. Diese Einladung ist keineswegs eine freundliche Geste - habe ich gelernt - sondern dient eher dazu, mir zu zeigen, dass sie “nach allem, was ich ihr angetan habe”, trotzdem ein so “großes und reines Herz” hat, dass sie mich einlädt. Würde ich hingehen, sie würde gerade mich besonders aufopferungsvoll bedienen und verwöhnen wollen und ihren Bekannten zuzwinkern, die sie raunend bewundern würden ob ihres reinen, guten Herzens, da sie alle schon von dem, “was ich ihr alles schon angetan habe”, wüssten - wahrscheinlich in allen dramatischen, abenteuerlichen Ausführungen die es gibt. “Nein, danke!”, denke ich. Oh nein, sage ich. 
 
“Bitte?”, fragt sie nach. 
 
“Nein, danke.”, wiederhole ich mich und versuche mich aus dem konventionell falschen Verhalten rauszumanövrieren. Mein Gehirn läuft auf Hochtouren, meine Wangen werden rot, ich überlege, wie ich das noch retten kann und was meine Oma wohl tun würde… Doch dann werde ich wütend und werfe das Handtuch. 
 
“Ich möchte nicht kommen. Immerhin sind Sie auch nicht zu uns gekommen. Sie haben noch nicht einmal angerufen wie verabredet, um mir bescheid zu sagen, ob Sie nun kommen und wann Sie nun kommen. Ich mag keine Ungenauigkeiten. Ich finde klare Fragen und Antworten angenehmer. Und ich finde es viel besser, wenn wir uns streiten würden, anstatt uns freundlich anzulächeln und Tarofs (Höflichkeitsfloskeln) zu verteilen, aber trotzdem zu verachten. Wollen Sie denn wirklich, dass ich zu Ihnen komme?” 
 
“Wie können Sie soetwas sagen? Was habe ich Ihnen denn getan, außer Ihnen Liebenswürdigkeit entgegen zu bringen? Ich lade Sie doch ein - aus tiefstem Herzen - natürlich möchte ich Sie hier haben, sonst würde ich Sie doch nicht einladen. Ich bin kein Tarof-Mensch, müssen Sie wissen.” 
 
Ich verdrehe die Augen. Ich glaube, sie hört das sogar, denn ich höre ihr Entsetzen. Ich atme tief durch und antworte mit ruhiger und nicht unfreundlicher Stimme: 
 
“Ich komme nicht. Ich sage hiermit offiziell ab.” - Ich höre meine Oma empört aufschreien “Azizam! Liebling! Sag’ ihr wenigstens, Du seiest krank, Du hättest die Grippe, einen Unfall gehabt, einen Pickel oder sonst etwas, aber doch nicht die Wahrheit! Das gleicht einer Beleidigung!” Ich stottere innerlich, entscheide mich dennoch wieder für meinen Weg und füge hinzu: 
 
“Ich sage ab, weil ich möchte, dass wir uns vorher einmal richtig aussprechen. Warum sollen wir einander etwas vormachen? Es sind doch gewisse Dinge zwischen uns passiert, jeder redet darüber! Wäre es nicht besser, einander irgendwann einzuladen, ohne mit den Zähnen zu knirschen?”  
 
Sie stellt sich dumm: “Was soll denn zwischen uns passiert sein? Wer erzählt denn etwas? Ich hab’ Sie sehr gern. Sehr, sehr gern und ich möchte, dass Sie uns die Ehre erweisen.” Ich überlege kurz und entscheide mich bei der Sinnlosigkeit dieses Gesprächs einfach für Omas Version: 
 
“Sie haben ja Recht, man sollte nicht jedem, der redet, glauben. Ich würde sehr gerne kommen, aber ehrlich gesagt, ich habe eine Magen-Darm-Grippe, die noch mindestens eine Woche ansteckend ist. Das möchte ich Ihnen und Ihren Gästen vorenthalten.”, lächle ich gequält. 
 
Mit dieser Lüge scheint mein Gegenüber nun endlich glücklich zu sein. Sie sagt, wie sehr sie das bedaure, wünscht mir gute Besserung und spricht ihre Hoffnung aus, mich bald - nach meiner Genesung - wiedersehen zu dürfen. Ich bestätige ihr, dass es so sein wird und verabschiede mich freundlich. Ich lege auf und merke, wie anstrengend und kräftezehrend dieses Gespräch für mich war. “Es ist zwecklos”, denke ich. Ob es mir passt oder nicht, die persische Sprache allein reicht nicht aus, um all diese Feinheiten immer richtig zu verstehen. Vor allem die ältere Generation - die, in der all die alten gesellschaftlichen Konventionen fest verankert sind - gibt mir manchmal Rätsel auf.  
 
Doch auch diese Generation ist es, die besonders liebenswert und weise ist. Die stolz und bescheiden zugleich sein kann. Die, die die besten und spannendsten Geschichten erzählt und uns mit ihren festen Wurzeln wieder zurückbringt. Vielleicht missverstehe ich Tarof - wie viele unserer jüngeren Generation auch - indem ich ihm einfach nur die Eigenschaft der Unehrlichkeit zuweise. Vielleicht ist Tarof aber viel mehr, vielleicht hat sie ihren Ursprung aus der edlen Absicht, auch seinen “Feinden” Respekt und Gastfreundschaft erweisen zu wollen, damit niemals alle Brücken zurück zu einem möglichen Frieden in Zukunft abgerissen werden. Vielleicht halten diese festen Konventionen Menschen zusammen, die im ersten Anflug von Wut und Hass, schon längst auseinandergerissen wären und nie wieder einen Weg zurück zueinander gefunden hätten, gäbe es da nicht Tarof. Vielleicht ist Tarof für eine so vielschichtige und vielseitige Gesellschaft wie die von Iran wichtig, um auf einer Ebene miteinander reden zu können, die uns verbietet, trotz so verschiedener Meinungen und Interessen, trotz des zu groß geratenen Stolzes und der Rechthaberei, Grenzen des Anstands zu wahren. Tarof ist viel mehr als eine Höflichkeitsfloskel. Richtig angewandt, rettet sie nicht nur das eigene Gesicht, sondern das Gesicht aller Beteiligten. Falsch angewandt, dient sie zur Unklarheit, Lüge, Verwirrung und noch mehr Abneigung. 
 
Ich sehe meine Oma zufrieden nicken. “Diese Regeln sind wichtig, Azizam. Sie wahren das Gesicht, indem sie bewirken, dass wir nicht zuerst aus Wut und Hass handeln, sondern diese Gefühle unter der Höflichkeit brodeln lassen, bis sie durch unseren eigenen Anstand besänftigt werden. Diese Regeln sind wichtig, mein Liebling. So sind Iraner, musst Du wissen.”
Die soziale Evolution und ihre Fettsäcke
Wir schreiben das Jahr 2008. Die Menschen sprechen von “großen Fortschritten” und “sozialer Evolution”. “Menschenrechte” werden in fettgedruckter Schrift plakativ und hoch gepriesen an unsere Hochhäuser gepflastert, hinter deren Wänden eine alte, verlassene Mutter schon viele Tage tot in ihrem Erbrochenen liegt, bis der penetrante Verwesungsgeruch den Nachbarn belästigt. Ja, belästigt. Darin sind die kleinkarierten Mitgenossen hier ganz gut: Den Zeigefinger zu erheben, wenn sie sich belästigt fühlen, aber konsequent wegzuschauen, wenn eine junge Frau in der S-Bahn von einem Betrunkenen vergewaltigt wird. 
 
“Ich weiß nicht genau, ich habe das letzte Mal vor vier Monaten mit meiner Mutter telefoniert. Ich habe mich auch gewundert, dass sie sich nicht mehr meldet, aber ich hatte soviel um die Ohren, Sie wissen schon, Verpflichtungen.”, antwortet der junge, vielbeschäftigte Vater ratlos und weiß in dem Moment noch nichts von dem ähnlichen Schicksal, das ihn ereilen wird in der Einsamkeit der Stunde seines Todes, weil in dieser „humanen“ Gesellschaft Väter und Söhne miteinander brechen, als würden sie sich einer abgetragenen Unterhose entledigen. “Ja, natürlich. Ich verstehe schon. Verpflichtungen”, nickt der Beamte mechanisch, ohne dabei einen Gedanken darüber zu verschwenden, die tote Mutter hätte wenn schon nicht zur Kategorie „Liebe & Familie“, dann doch wenigstens zur Kategorie „alltägliche Verpflichtungen“ gehören können – nein müssen
 
Die Wissenschaft wird hoch gelobt. Die “Wunder der Medizin” häufen sich von Tag zu Tag, Genmanipulation, Gentechnik, Krebsforschung – wundervolle Aussichten werden raus geschrien wie auf dem Bazar: “Alterungs-Gen wurde entdeckt und kann entschlüsselt werden – ist das die Realisierung der ewigen Jugend?” Wohlhabende Menschen schließen groteske Verträge ab, in denen besiegelt wird, dass sie nach ihrem Ableben ihren Kopf abtrennen und einfrieren lassen für den Fall, dass die Medizin in zig Jahren so weit ist, dass sie es schafft, den Kopf auf einen neuen (am besten jungen und makellosen) Körper eines nicht so gut situierten Unfallopfers anzunähen und ihn wieder zum Leben zu erwecken. Die richtig Reichen suchen sich die angenehmere Variante aus und lassen sich ganz-körper einfrieren. 
 
Ein verrückter Professor macht derweil schon seine ersten Experimente in dieser Richtung – mitten in seinem Grusellabor, legt er zwei halb-narkotisierte Schimpansen nebeneinander und vertauscht ihnen die amputierten Köpfe, um zu sehen, ob es denn “theoretisch” möglich wäre, einen Organismus auf diese Art und Weise weiter am Leben – entschuldigen Sie – atmen zu erhalten. “Alles eine Sache der Technik. Eine Sache der Wissenschaft - bald sind wir soweit, meine Damen und Herren, dass die Schimpansen dabei nicht nur halb-komatös und schmerz-gepeinigt auf dem OP-Tisch liegen, sondern richtig munter rumhüpfen.”  
 
“Das Universum ist unendlich - und wir haben die Macht!” - immer wieder neue Sensationen, immer wieder neue Wundermittel - und synchron dazu immer wieder neue Krankheiten, Plagen, unaufhaltsame Epidemien - wie zum Beispiel das „Altern“.  
 
Wie unglücklich die Pharma-Mafia - ich meine die Industrie - doch wäre, gäbe es keine Krankheiten in gut-situierten Gesellschaften. Wie sehr würde das Geschäft darunter leiden? “Arbeitet diese Industrie wirklich an den Gegenmitteln oder doch schon an der der Konstruktion der Krankheiten von morgen?” Die Frage wird immer offen bleiben - die Antwort stets versiegelt. Nach zwei Sekunden schon – nach recht gut konditionierter Manier – tun wir unsere Gedanken als Paranoia ab. Und wenn uns nicht gleich etwas zu Konsumierendes wie Sex, Gewalt, Drogen, menschliche Schicksale, Handys oder Schokolade über den Weg läuft, bleibt sogar doch noch der bittere Nachgeschmack der subtilen Zweifel länger an uns haften, als eigentlich von “da oben” aus den Zentren des “demokratisch-liberalen Staates” gedacht war. Doch Zweifel können sogar bei den Hellsichtigen durch einwenig „Fun“ verschwinden, sogar noch dann, während man nebenbei aus irgendeinem der vielseitigen Medien entnimmt, dass die Pharma-Industrie keine AIDS-Medikamente an afrikanische Länder verkauft, weil das Geschäft sich nicht als rentabel genug erweisen würde.  
 
“Humanismus schön und gut - aber warum den Preis senken und an das Land anpassen, wenn wir dafür mehr verdienen können?” - Ohne, dass man selber merkt, welchem Denkschema wir inzwischen verfallen sind, beruhigen wir uns noch selbst: “Klar, ist verständlich. Jeder muss das tun, was ihm am meisten Profit bringt. Was soll man machen?” – Der selbe große Mann (Bush Junior), der diesbezüglich gegenüber etlichen AIDS-Waisen und Kranken für die freie Marktwirtschaft stand und die Aussage der Pharma-Industrie verteidigte, kam irgendwann auf die Idee, für seine 15 Mrd. Dollar Aids-Initiative zu werben (natürlich aus rein selbstlosen Motiven und nicht etwa, weil er die US-Position und die Stellung amerikanischer Konzerne in Afrika auf Kosten imperialistischer Rivalen und ideologischen Brüdern wie Frankreich stärken will.). Im vielleicht widerlichsten Moment einer zynischen und holly- oder bollywoodhaften Tour umarmt er vor laufenden Kameras Aids-Waisen, während seine Frau plakativ Tränen vergießt. “Und? Schon geknipst? Oke, nächstes Bündel Kinder bitte.” Dass seine Aids-Initiative sich schon dann als Farce erwies, während er noch für die Fotos posierte, indem seine republikanische Partei die Zahlungen für den Fonds um mehr als eindrittel kürzte, tat nichts mehr zur Sache. Die wundervoll sentimentalen Fotos eines strahlenden Bush’s mit dem Elend von Waisen in seinen trostspendenden Armen, waren dienlich genug. Immerhin musste die Kriegsausrüstung aktualisiert werden - Thema abgehakt. Man hat immerhin sein Bestes gegeben. „Dabei ist alles“. 
 
Die Menschenliebe ist groß. So groß, so atemberaubend groß, dass man sogar bereit ist, für die Ausbreitung der herrlichen Ideologie der „Demokratie und Menschenrechte“, den Weltfrieden und nicht zuletzt für die Sicherheit der “zivilisierten Welt” die eigenen, geliebten und ehrwürdigen Soldaten zu opfern. Für ein höheres Ziel zu kämpfen, das heilige Gottesland USA gegen all die niederträchtigen Neider zu verteidigen – das ist doch jedem patriotischen Amerikaner eine Ehre. Andere Länder zu zerbomben, menschliche Körper in Fetzen zu reißen - natürlich aus völlig legitimen Gründen – das muss doch jedem Humanisten klar sein – ist eine notwendige Maßnahme zur Einführung edler Werte. 
 
Massenvernichtungswaffen, Kooperationen mit irrsinnigen Terroristen, Menschen, die die gottgegebene Herrlichkeit Amerikas antasten wollen müssen doch auf der Stelle gestoppt werden. „Oh my God!“ Nachdem das Geschäft erledigt, die Leichenberge groß, die elternlosen Kinder verhungert sind und das orientierungslose Kind auf der Straße von einem US-Soldaten einen Happy-End-Lolli überreicht bekommt, erinnert man sich irgendwann wieder an den eigentlichen Grund dieser gut gemeinten Invasionen und stellt sich die Frage: “Und wo sind jetzt die Massenvernichtungswaffen?” - “Öhm, die Massenvernichtungswaffen haben wir immer noch nicht gefunden - die befinden sich in ‚metaphysischer’ Form jetzt sicher im Iran. Lasst uns mal rüberschielen gehen, Jungs!”  
 
Doch all die Widersprüche interessieren den gewöhnlichen Couch-Potato nicht, wenn er doch die einmalige Chance bekommt, sich von den „Medien“ die Angst einpflanzen zu lassen, die dazu benötigt wird, um den nächsten militärischen Anschlag “da hinten wo die Barbaren leben” anzupeilen. „Ach, Tote. Tote habe ich auch im letzten Action-Thriller gesehen. Außerdem handelt es sich um Notwehr! So ist das Leben! Sollen die uns doch in Ruhe lassen, selbst Schuld. Amerika antwortet eben nur!”  
 
Schweißgebadet durch die Vorstellung, dass jede Sekunde so ein verrückter Terrorist (”Was überhaupt wollen die von uns? Was haben wir ihnen getan? Sind sie neidisch auf unsere Schönheit? Unsere halbnackten Frauen?”) die eigenen vier Wände völlig willkürlich und ohne ersichtlichen Grund in die Luft sprengen könnte, lässt er sich durch jede Rede über „Die Lage der Nation“ wie ein kleines Baby beruhigen und schmiegt sich an die potente, phallus-strotzende Drohgebärde seines Vaterlandes und summt die Nationalhymne, bis er in Disney-World seine Träume findet. “Wie gut es ist, ein Amerikaner zu sein…”, brabbelt er und schläft sich in der Geborgenheit seines Rechtes auf „The American Way Of Life“ die Sorgen aus dem Leib.  
 
Auf die Idee, dass der Fettsack fett sein kann, weil andere Teile der Welt mit struktureller Gewalt, einem organisiertem Mangel und Verschuldungen in Milliardenhöhen in der Gosse gehalten werden, kommt man erst gar nicht. Dass der Fettsack fett sein kann, weil in seinem göttlichen Land die Herrscher sich empört fragen “Was die verdammten Schwarzköpfe da hinten” denn mit ihrem Öl machen und dieser Gedanke sie auf die abartigsten Ideen bringt, um das ihnen eigentlich “zustehende”, schwarze Gold letztendlich doch noch zu erlangen (”Gott muss sich einfach bei der Verteilung der Ressourcen geirrt haben. Wir sind doch die Guten - das hat Hollywood doch schon längst herausgefunden!”), kommt man erst gar nicht.  
 
Ja, die Regionen dieser Welt beneiden Miniröcke, Hamburger, Bier und Wurst, denkt sich der Fettsack aus Europa und USA, dessen größte Sorge der nächste Gang auf’s Klo ist, weil er nicht einschätzen kann, ob die Werbung auch wirklich länger läuft, als er kacken muss - aber auf die Idee, dass die Barbaren da hinten einfach satt sein wollen und sich fragen, wie es denn sein kann, nichts zu haben, obwohl man zu den ressourcen-reichsten Ländern gehört, fragt sich der Fettsack nicht. Er frisst einfach nur und merkt nicht, wie ihm das Blut jener „von dahinten“ von den Mundwinkeln runter trieft. Pikiert schüttelt er während dessen den Kopf darüber, dass die “Araber” Israel vernichten wollen - ein kleiner Blick weiter nach rechts der Nah-Ost-Karte hätte ihn vielleicht daran erinnert, dass sein Vaterland Afghanistan regelmäßig zurück in die Steinzeit gebombt hat, jedes mal ein Stückchen mehr. Oder war es jetzt Irak? Huch, das weiß er jetzt nicht mehr so ganz genau – er hat so viele Kriegsfilme gesehen, dass er nicht mehr zwischen Hollywood und den seriösen Nachrichtenagenturen unterscheiden kann, die Dich den Krieg jedes Mal gespannt mitverfolgen lassen.  
Der Couch-Potato ist unbekümmert. Für ihn ist der “Dreck”, der Staub, das Blut an der Haut dieser Menschen ein weiterer Beweis dafür, dass es sich dabei nicht um Menschen handelt, sondern eben um Barbaren. In modernen, liberalen Zeiten tötet und profitiert man doch nicht aufgrund von Religionen - das ist etwas für die Rückständigen da hinten. Heute macht man das auf der Basis anderer, progressiver Ideologien: Der Wirtschaftspolitik. Diese Ideologie ist viel standfester und hat alle Märkte fest im Griff - keiner wagt, den Mund auf zu machen, denn alle würden bei der kleinsten Revolte unter einem Crash leiden, der ihnen die Hosen ausziehen würde - und jeder, wirklich jeder braucht doch Geld. Auf Gott und Religion kann man verzichten, sie anzweifeln - Propheten kann man abwinken und für verrückt erklären - aber das gute Geld ist eine Realität, die unumgänglich ist. Die Wahrheit überhaupt. Unser Recht, unser Lebenselixier, der Stoff, aus dem unsere Freiheit erschaffen wurde und aus dem unsere Träume sich erheben und als Realität manifestieren. 
 
Der Fettsack greift in seine Chipstüte, bestellt sich eine Pizza, den nächsten Kriegsfilm und eine Prostituierte. Und für diese Dienste und für diese Freiheit steht seine Freiheitsstatue erhobenen Hauptes stolz in der Nation und gibt allen anderen, zivilisierten Fettsäcken einen Vorgeschmack von Moral, Anstand, Vaterland, der Prostitution und der Gottesfurcht.  
 
Sollten Sie sich noch immer nicht angesprochen fühlen, dann ändern Sie das bitte jetzt. Ich muss da nämlich jetzt auch durch. 
 
 
 
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Anmerkung: Hierbei handelt es sich um eine bissige Satire, die sich der Übertreibung, Pauschalisierung und Zwei- bis Mehrdeutigkeiten bedient. Prostitution steht hier auch als Synonym für den Verrat an jene Menschen, die die Idee der Demokratie, Freiheit und Menschenrechte mit ihrem Leben verteidigt haben. Die Kritik an dieser Ideologie ist nicht die Ablehnung liberaler, demokratischer Werte, sondern das, was aus ihnen gemacht wurde.
Iraner in Deutschland: “Das Land der grauen Tristesse”
Die Diskussionen, die um den Wahlkampf um Roland Koch entstanden sind, fanden nicht nur in den Medien statt, sondern auch sehr intensiv in vielen Migranten-Communities - auch und verstärkt in iranischen Communities, in denen sehr differenziert und tiefgründig alles hinterfragt worden ist, was mit dem Begriff “Integration” und “eigene, kulturelle Identität” zu tun hat. Selbst bei den eigentlich sehr integrationsbereiten Iranern machte sich eine Art Trotzreaktion gegenüber der deutschen Definition von Integration breit. 
 
Vor allem Migranten, die aus islamisch geprägten Regionen kommen, scheinen sich in den letzten Jahren zunehmend mit einem anderen Spiegelbild wahrnehmen zu müssen, das ihnen die deutsche Gesellschaft - gehetzt von den einseitigen Medienberichten - vorsetzt: Das Spiegelbild des angstauslösenden, unberechenbaren “Islamisten”, in dem die Bombe quasi schon einsatzbereit tickt und der nur auf die nächst beste Gelegenheit wartet, die Werte einer “verhassten”, liberalen Gesellschaft demonstrativ in die Luft zu sprengen. 
 
 
Kleiner Exkurs 
 
Beobachtet man nun die Entwicklung von vor allem türkisch- und arabischstämmigen Jugendlichen in den letzten Jahren, so wird man die Konsequenzen von verstärkten Stigmatisierungen seitens der Medien deutlich erkennen, die sich gleich einer selbsterfüllenden Prophezeiung im rasenden Tempo dem Bild zu gleichen beginnen, das von den Medien so einseitig dargestellt wird. Die natürliche Konsequenz einer skeptischen und leicht feindlichen Betrachtungsweise gegenüber Migranten bedingt eine Radikalisierung seitens der türkisch- und arabischstämmigen Migranten. “Lehnt ihr uns ab, lehnen wir Euch noch stärker ab.” Das Ergebnis sieht man dann in den Straßen von Großstädten oder in Jugendzentren, in denen der Neuanlauf von Jugendlichen erst einmal von den “kleinen Herrschern” mit einer direkten Frage dahingehend geprüft wird, ob er Moslem ist oder nicht. Ist er keiner, ist er ein Feind; ist er einer, ist er ein Bruder. Ein immer schlechter werdendes Deutsch und die radikale Ablehnung jeglicher pädagogischer Angebote und Förder-Institutionen für Jugendliche und auch ältere Migranten, die einmal die Sprache und einmal die Einsicht über die Werte und Normen jener Gesellschaft fördern sollen - in der die eigenen Eltern die Existenz aufgebaut haben, weil sie sie in der Vergangenheit für eine bessere Zukunft hielten - werden mit einem übersteigerten Traditionalismus und Nationalstolz niedergedrückt. Vor lauter “Aufklärungslust” der Medien ist nun eine kulturelle Polarität entstanden, die Pessimisten die Prognose einer unschönen Entladung befürchten lässt. 
 
Man kann die Ursachen für die Entwicklung nicht allein bei den Medien, der falschen Integrationspolitik und den “gutgläubigen” Deutschen suchen, sondern eindeutig auch bei den sich damals schon isolierenden, türkischstämmigen Migranten, die sich in ihrem übersteigerten Nationalgefühl ob bewusst oder unbewusst jeglicher Art der Integration, Anpassung und Konformität im Rahmen demokratisch-liberaler Gesellschaftswerte entzogen, da sie sie als Demütigung der eigenen Identität empfanden. Die Gründe für diese Empfindungen sind einmal in der zugegeben kalten und herabwürdigenden Umgangsart in deutschen Ämtern und angeblichen “sozialen Institutionen” begründet und einmal in der zugegeben tunnelblickgleichen Verbohrtheit von über-traditions- und nationalbewussten Migranten. Hinzu kommt noch die uneindeutige, linienschwache Integrationspolitik Deutschlands. Aus lauter Angst, politisch unkorrekt zu handeln und wieder dem Bild des bösen Nazideutschlands zu entsprechen, verzichtete man auf eindeutige Leitforderungen gegenüber Migranten. Zwar wird man sehr oft bei Amtsgängen mit einer gewissen Arroganz behandelt als “Schwarzkopf” und beschwert sich über die mangelnden Sprachkenntnisse eines Migrantenvolkes, das schon in der dritten Generation in Deutschland lebt - doch andererseits findet man überall im Alltag ganze “Gebrauchsanweisungen” - sei es nun in den Wartezimmern der Ämter, in den Vordrucken für Formulare oder am Fahrscheinautomaten - in türkischer Sprache, so dass die existenzielle Notwendigkeit eines anständigen Spracherwerbs als wichtigste Voraussetzung für Integration quasi ausfällt. 
 
 
Und was geht die Iraner das jetzt an? 
 
Warum ist das nun auch ein Problem für Iraner? Die Iraner sind einer der best-integrierten Migrantengruppe in Deutschland. Verglichen mit den türkischstämmigen Migranten ist die Akademikerrate sehr hoch, die Kriminalitätsrate niedrig und die Integrationsbereitschaft stark - vielleicht sogar einwenig zu stark - vorhanden. Sie sind der deutschen Sprache mächtig, erkennen die staatlichen Gesetze Deutschlands an, können mit un-islamischen und weniger dogmatischen Gesellschaften mehr anfangen als mit Islamischen, sind nur auf dem Papier oder nur sehr “frei” religiös. Wo nun das Problem liegt? - Genauso, wie jeder Asiate für ein ungeübtes Auge aussieht wie ein Chinese, so sieht der Iraner genauso aus wie jene Migrantengruppen, die sich schlecht integrieren und als “Problemherd” betrachtet werden. Zudem kommt, dass sie aus einem Land stammen, dessen Präsident mit Negativschlagzeilen auffällt und gerne als globaler Feind hochstilisiert wird. Und hier beginnt der Konflikt zwischen Iranern und der deutschen Gesellschaft - samt der oben genannten Migrantengruppen. 
 
 
“Ich tu’ doch alles - warum werde ich noch immer behandelt wie ein ‘Kanake’?” 
 
Die Iraner haben auf eine jahrtausende alte Kultur zurück zu blicken, in der einige Grundsteine der heutigen Wissenschaft, Medizin, Kultur, Kunst, Musik und Religion gesetzt worden sind, von der gerade der “zivilisierte Teil” der Welt seinen Nutzen zieht. Obwohl gerade in Deutschland die Antike in den Schulen sich ausschließlich hellenistischer Quellen bedient, in denen die “alten Perser” nicht unbedingt vorteilhaft dargestellt werden oder im Rahmen des Lehrprogramms gar nicht erst auftauchen, blicken vor allem Exil-Iraner mit einem unsicheren und deshalb vielleicht auch manchmal übersteigertem Stolz in die Vergangenheit ihres Landes, die ihr einziger Anhaltspunkt dafür ist, dass die Zukunft ihres Landes sich vielleicht bessert. 
 
Aufgrund der letzten 28 Jahre islamischer Theokratie und der Flucht der Iraner ins Exil, hat das iranische Selbstbewusstsein einen großen, unheilbar wirkenden Riss erlitten. Der Stolz eines alten Weltreiches mit einem großen, kulturellen Erbe für die Welt wird 1979 innerhalb kürzester Zeit stark verunsichert. Es entstand eine schizophrene Haltung zwischen übersteigertem Stolz und einer übermotivierten Assimilation bezüglich ihres Gastlandes (in diesem Fall Deutschland), die die Iraner in einen Identitätskonflikt stürzte, der sich heute noch abzeichnet. 
 
Was sich einerseits als die best integrierte Migrantengruppe mit der höchsten Akademikerrate manifestiert hat, zeigt sich auf der anderen Seite der Medaille auch als Identitätskonflikt. Wie sieht es wirklich in der iranischen Selbstwahrnehmung aus? Wer oder was will der Iraner sein? Was stellt er dar und wie fühlt er sich neben dem, was er darstellt wirklich? Aus einem Gefühl der Demütigung heraus, die aus der Angst, Schande und Scham für die vergangenen, gegenwärtigen und noch zukünftigen Gegebenheiten, die mit dem Namen “Iran” gefallen sind und noch fallen werden, vollzogen die Iraner in Deutschland einen zu inbrünstigen Integrations- und Assimilationsprozess. Als seien sie in einer ständigen Rechtfertigungsposition dafür, was in ihrem Herkunftsland geschieht und welches ideologische Gesicht es angenommen hat, entstehen bei einer erwähnenswerten Anzahl von Iranern eine so starke Integrationssehnsucht, dass es fast an Selbstverleugnung grenzt. Was “Die Zeit” hier als sehr positiv darstellt, zeigt eigentlich eine starke Tendenz der Akkulturation¹, die aber nicht auf jeglicher psychosozialer Ebene stattfindet, sondern nur als Image, während die Psyche selbst einen Kampf mal um und gegen die eigene Herkunftsidentität ausfechtet. 
 
“Eine Einwanderergruppe, in der es einen Markt für solche Karten gibt, scheint nicht schlecht zurechtzukommen. Aber was heißt überhaupt Gruppe? Die Iraner in Deutschland waren immer ein wenig stolz auf ihre Unauffälligkeit. Die überwältigende Mehrheit der etwa 120.000 Migranten aus Iran kommt in ihrer neuen Heimat so gut zurecht, dass sie als Gruppe kaum wahrgenommen wird. Die Deutsch-Iraner – mehrheitlich Muslime – sind lebende Beweise dafür, dass der Integrationserfolg weniger mit der Religionszugehörigkeit als mit Bildungsorientierung und einer positiven Haltung zum Einwanderungsland zu tun hat. Keine andere Migranten-Community hat so viele Ärzte, so viele Unternehmer und Ingenieure hervorgebracht. Seit dem Jahr 2000 haben sich unter dem neuen Staatsbürgerschaftsrecht über 50.000 Iraner einbürgern lassen – eine stille Erfolgsgeschichte.” (Aus “Die Zeit”)  
 
Das größte Bestreben einiger Iraner scheint es zu sein, in seiner Umwelt zu erfahren, dass es auch zum zivilisierten und unauffälligen Teil dieser liberalen Welt gehört und dass eine eindeutige Abgrenzung zwischen ihm und dem entsteht, was in den Medien über sein Herkunftsland berichtet wird. “Iraner” und “Iranerin” wird durch “Perser” und “Perserin” ersetzt, die Religion, mit der man aufgewachsen ist und gegen die man vermutlich ohne die islamische Revolution und deren Folgen in Form eines Gottesstaates mit klerikalen Herrschern nicht als herbe Enttäuschung empfinden würde, gibt man eine untergeordnete bis gar keine Rolle mehr. Täglich ist der Iraner darauf erpicht, seiner Umwelt zu beweisen, dass die Werte der liberalen und demokratischen Welt voll und ganz von ihm einverleibt worden sind und es nun endlich an der Zeit sei, ihn als volles und achtenswertes Mitglied der leistungsorientierten Gesellschaftsdynamik an zu erkennen. In übersteigerter Form kann das darin ausarten, dass die Frage nach der Herkunft vereinzelt auch mal mit “Italien” oder “Spanien” beantwortet wird und der “Spitzname” wie alles andere klingt, nur nicht persisch. Als ortsversetzte Trotzreaktion gegen die strengen Sitten des Herkunftslandes, präsentiert sich die “Perserin” und der “Perser” besonders aufreizend gestylt, einige phänotypische Erscheinungsformen eines typisch iranischen „Wesens“ werden unterdrückt. 
 
Trotz all dieser genannten Punkte wurden und werden Iraner im Laufe ihres ehrgeizigen Integrationsprozesses immer wieder durch Vorurteile und gezielte Fragen fast drangsaliert. Angefangen von Betty Mahmoody’s “Nicht ohne meine Tochter” und der Frage, ob iranische Männer ihre Frauen wirklich so brutal schlagen und man “dahinten wirklich Käfer isst” bis hin zur Verknüpfung mit den Aussagen des heutigen Präsidenten und der Frage, “ob man sich denn mit ihm identifiziere und auch den Israelis die Vernichtung wünsche”, wird den Iranern noch immer das Gefühl gegeben, rückständig und skepsiswürdig zu sein. Hinzu kommt die Assoziation mit anderen Migrantengruppen wie türkischstämmigen und arabischstämmigen Migranten, die in Relation zu Iranern eine hohe Kriminalitäts- und Arbeitslosenrate aufweisen und bezüglich des Bildungsstandes und der Integrationsbereitschaft zu den “Problemfällen” gehören. Meint man es in der Begegnung mit einem Iraner als Deutscher sehr gut und ist erfreut über die “Ausnahme und die Seltenheit”, die er als “Ausländer”, “Kanake” und “Schwarzkopf” mit seinen hervorragenden Deutschkenntnissen und seinem Bildungsstand darstellt, wird dem Iraner in so einer peinlichen Situation erneut bewusst, dass er trotz seines eigeninitiativen und ehrgeizigen Spagats zwischen Identität und Anpassung immer noch in den selben Topf geschmissen wird wie jene anderen Migrantengruppen, die tatsächlich - ohne der Maske der politischen Korrektheit in der Artikulation ergeben zu sein - problematische Tendenzen aufweisen. 
 
Das Resultat endet darin, dass optimal integrierte Iraner mit einer depressiven Verstimmung in Deutschland sitzen und mal wütend mal seufzend sagen: “Was wollen die von mir? Ich habe alles gegeben. Ich habe besser deutsch gelernt, als die Deutschen selbst. Meine Abschlüsse sind besser als ihre eigenen. Ich bin selbständig und sorge für Arbeitsplätze, ich bin erfolgreich, ich bin integriert - aber ich werde immer noch behandelt wie ein ungebildeter ‘Kanake’, dessen Gene per se mit ‘Barbarismus’, ‘Terrorismus’ und ‘Fundamentalismus’ bestückt zu sein scheinen. Deutschland ist ein kaltes Land, ein graues Land, nicht meine Heimat - das Land der grauen Tristesse.” Die zornige Variante könnte so lauten: “Als mein Land schon über eine Hochkultur verfügte, lebten die Menschen hier noch wie Affen auf den Bäumen! Man macht mich im Sozialamt nach der Insolvenz meiner Firma doof an, dabei lebt Deutschland von iranischem Öl von iranischem Blut meines Volkes! Milliardengeschäfte mit den Mullahs und fette Waffenlieferungen an den Irak während des Krieges stabilisierten die jetzige Regierung! Die sollen mir mal nicht mit Moral und Arroganz kommen!” Doch echte Fluchtmöglichkeiten im Alltag gibt es wenige, denn im Zuge der Akkulturation fingen Iraner durch ihre schizophrene Haltung an, sich und ihre eigene Migrationsgruppe abzulehnen. Übrig bleibt eine oberflächliche Zusammenkunft von einem Haufen Individualisten auf diversen Parties, die erleichtert sind, wenn sie aus ihren “eigenen Reihen” raus sind und sich zu Hause wieder dem berufs- und karriereorientierten Alltag widmen können. 
 
 
Der Endeffekt 
 
Die aktuelle weltpolitische Situation, in der Iran eingeflochten ist, ist zugegeben keine einfache; und vor allem keine, die die Entflechtung von Vorurteilen und Offenheit Iranern gegenüber fördert. Dennoch ist die Situation zwischen Iranern und Deutschen alles andere als aussichtslos, denn eigentlich verstehen sich beide Völker sehr gut. Erstrebenswert wäre jedoch eine klare und öffentliche Differenzierung zwischen den Migrantengruppen in Deutschland, damit spezifischere Integrationskonzepte entworfen werden können. 
 
Es entspricht einfach nicht der Wahrheit, wenn man von den “Integrationsproblemen der Migranten” spricht, anstatt die Alltags- und Integrationsprobleme differenziert und spezifisch zu betrachten. Nur so ist eine realistische Problemlösung möglich und Migrantengruppen, die nicht betroffen sind, fühlen sich nicht zu Unrecht stigmatisiert, so wie es bei Iranern der Fall ist. Sicher ist es schwer für ein Land mit einer faschistischen Vergangenheit seine Überbesorgtheit bezüglich solcher konkreten Aussagen über Migrantengruppen zu vernachlässigen, doch im Endeffekt erhöhen solche politischen “Schüchternheiten” ein zielloses Umherwüten und Sündenbock-Suchen der deutschen Gesellschaft. Solange Probleme nicht konkretisiert werden, wird man sie einer allgemeinen dumpfen Masse namens “Ausländer” aufstülpen - und eigentlich unbeteiligte oder gar vorbildliche Migranten werden zu Unrecht mit kritisiert. Selbst bei den Problemherden sei gesagt: Es gibt keinen Sündenbock, es gibt nur Probleme, die gelöst werden müssen. Dafür braucht man aber eine Feststellung und Benennung spezifischer und differenzierter Inhalte.  
 
Eine vehementere Erwartungshaltung gegenüber Migranten sollte artikuliert werden - der Spracherwerb als mindeste Zusage und Pflichterfüllung sollte gefordert werden, da die Sprache die primäre Voraussetzung für eine erfolgreiche Integration ist, die allen Beteiligten – Gesellschaft und Migranten – von großem Nutzen ist. 
 
Bezogen auf die Iraner sollte eine eindeutige positive Stellungnahme zu ihren Leistungen gemacht werden, damit auch bei ihnen keine Trotzreaktion und Radikalisierung entsteht. “Selbsterfüllende Prophezeiungen”, die sich bei iranischen Jugendlichen immer mehr zeigen, indem sie anfangen, sich mehr mit muslimischen, türkischen, arabischen “Ghetto-Boys-Subkulturen” zu identifizieren, müssen ein Stopp geboten werden. 
 
Und Iraner selbst sollten sich über Einiges bewusst werden und dafür möchte ich Sie jetzt direkt ansprechen, liebe Landsleute: 
 
Sie haben ihr gutes Benehmen, Ihren Hang zur Höflichkeit und zur Etiquette nicht erst in Deutschland erlernt. Der Wissensdurst, die Begeisterung für Wissenschaft, Mathematik, Medizin und Bildung ist nicht erst entstanden, seit Sie in Deutschland sind. Geschäftstüchtigkeit und Fleiß, Ehrgeiz und Zielstrebigkeit ist kein ausschließlich “ausländisches” Gut, sondern integraler Bestandteil einer typisch iranischen Erziehung - und das wissen Sie. Die eigene Identität muss nicht bekämpft und verleugnet werden, damit eine Integration hier stattfinden kann, da die eigene Identität in den existenziellen Bereichen überhaupt nicht im Widerspruch zu den deutschen Werten steht. Sie mussten sich nicht erst durch Selbstgeißelung den “Barbarismus” aus dem Leib erziehen, um hier als richtiger, zivilisierter Mensch neugeboren zu werden - eine ständige Rechtfertigungshaltung aufgrund der momentanen Regierung Ihrer Heimat ist überhaupt nicht nötig. Sie dürfen nicht nur, Sie sollten eine starke Community bilden und Ihre spezifischen Interessen vertreten, damit man sieht, wofür Sie stehen und wofür Sie nicht stehen, damit man Ihnen keine demoralisierenden Fragen mehr stellt. Sie brauchen sich nicht zu verstellen, denn was Sie leisten - in und für Deutschland, ist lobenswert. Eine Selbstverleumdung ist nicht nötig, liebe Landsleute, es schwächt nur das Selbstwertgefühl und bedingt die Heimsuchung immer wieder kehrender Depressionen, zu denen Sie neigen. Ein Spagat ist verschwendete Energie, weil er nichts, aber auch gar nichts ändert - Sie werden von den selben “Idioten” immer noch als das gesehen, als das man Sie sehen will, doch das sollte Sie nicht weiter tangieren und Sie weiter in eine Selbstdarstellung beugen, die Sie nicht nötig haben und die Ihnen schadet. 
 
Seien Sie, wie Sie sind. Sie dürfen das. Sie sollen das sogar, aber verlieren Sie niemals einen gesunden, kritischen Blick auf sich selbst und Ihre wahren Schwächen, nicht auf die, die Sie sich selbst einbilden. 
 
 
 
© Sherry / INN 
 
 
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¹ Der Begriff Akkulturation bezeichnet das Hineinwachsen einer Person in ihre kulturelle Umwelt. In der Regel bezieht sich der Begriff auf Heranwachsende, also Kinder und Jugendliche in der Phase der Adoleszenz. Es kann aber auch der Assimilationsprozess Erwachsener gemeint sein, die sich als Immigranten mit einer ihnen fremden Kultur vertraut machen. 
{Kommentar zum Spiegel-Artikel}: “Der verletzte Stolz der Iraner”
Atomkrise? “Geisel”-Drama (GEISEL Drama?), “Nicht ohne meine Tochter” und “300″? Der Tropfen, der das Fass zum Überlaufen brachte, ist flach, plump, ohne jegliche tiefere Moral und heißt schlicht und einfach “300″. 
 
Snyders Kino-”Knüller” “300″ hat die persische Seele zutiefst verletzt. Wo bei jeder anderen Volksgruppe oder Nation ein Aufschrei nachvollziehbar gewesen wäre bei solch’ grotesken Darstellungen einer alten Hochkultur; und selbst andere Nationen in die Empörung mit eingestimmt hätten, stößt der Aufschrei der Iraner auf Unverständnis - selbst in den eigenen Reihen. 
 
Natürlich liegt man richtig in der Annahme, wenn man von verletztem Stolz, einem schwachen Selbstbewusstsein und von Identitätsproblemen der Iraner spricht - doch abgesehen davon, dass es völlig normal ist in der psychosozialen Entwicklung eines Menschen, dass sein Selbstbild unter anderem sehr stark von der Reflektion seiner sozialen Umgebung geprägt wird, wird durch diese Argumentation ein anderer Punkt in den Hintergrund gerückt, der das hauptsächliche Problem und die hauptsächliche Angst der Iraner darstellt: Die momentane weltpolitische Situation Irans - vorallem auch im Hinblick seiner kulturellen und politischen Tendenzen, deren schlechte Stellung einem Iraner die dunkle Ahnung vermittelt, als Unmenschen gesehen zu werden, die man beseitigen darf, nein sogar beseitigen muss. 
 
Jeder Exiliraner weiß um die Vorurteile, gegen die er Zeit seines Lebens zu kämpfen hat. Angefangen mit dem “brutalen” Schah, der vom guten Westen in Zusammenarbeit mit jungen, idealistischen Iranern als Diktator enttarnt und abgesetzt wurde, bishin zu Khomeini, Betty Mahmoody und ihr brutaler Ehemann, dunklen, verschleierten Frauen, Ahmadinedschads Aussagen über das Existenzrecht Israels - die seltsamerweise erst heute solche Empörung hervorrufen, obwohl sie zu Lebzeiten Khomeini’s schon das Sprachrohr verließen -, einer eigentlich völlig legitimen in Gewahrsamnahme von 15 britischen Soldaten, die man uns in den Medien aber als “Geisel-Drama” verkaufen will (weil jedes Land seine Grenzen schützen darf, aber Iraner eben nicht), während im Irak ein Gebäude gestürmt wird und einfach 10 Iraner festgenommen werden, von denen man immernoch nicht genau weiß, was sie eigentlich angestellt haben – bishin zu den bösen, missgestalteten Monster-Persern mit ihrem durch und durch gepiercten, größenwahnsinnigen, blutrünstigen König Xerxes im Film „300“. 
 
Nun kommt genau zu diesen Zeiten, in denen einerseits die Sturheit und der Konfrontationskurs der IRI und andererseits die Drohgebärden Bushs die Sorge um die “Unversehrtheit” Irans einen Iraner von morgens bis abends beschäftigt, ein “harmloser” Kino-Knüller, der den alten Persern eine hässliche Fratze verleiht, gegen die man mit bloßen Argumenten nicht mehr ankommt. Bilder prägen sich nun einmal mehr ein als der gescheiterte Versuch eines Iraners, in der seit solanger Zeit schon miserablen Situation seiner Heimat doch noch wenigstens das Bild der alten, zivilisierten Perser aufrechtzuerhalten. Es geht um den Kampf darum, irgendwann noch soviel Wert zu sein, dass es zu internationalen Protesten kommt, wenn Iran militärisch angegriffen wird. Es geht darum, gerade als eine Nation, die im Laufe ihrer Geschichte schon so oft durch Zensur, politische Propaganda und Gehirnwäsche mit der Hilfe von inländischen sowie ausländischen Medien ruhiggestellt oder aufgestachelt worden ist, die Kraft von Medien nicht zu verharmlosen. Wir haben das Recht, uns aufzuregen, wenn eine “witzige” Comic-Verfilmung über Spartaner und Iraner - zu diesen Zeiten der weltpolitischen Krisenherde in Nah-Ost - in der mit der Rhetorik eines Bushs jongliert wird und die Welt der Perser “dahinten” als die Welt der Sklavenhalter und Abergläubigen beschrieben wird, die es gilt, für Sparta und die Zukunft der Welt zu bekriegen, soviel Anklang findet. 
 
Man kann es drehen und wenden wie man will, diesen Film als Fantasy Comic abtun, ihre verschwörungstheorien-belasteten Absichten als null und nichtig hinstellen, die Annahme, es handele sich bei diesem Film um anti-iranische Darstellungen auf eine emotionale Reaktion reduzieren – aber man kommt nicht umhin, sich zu fragen, warum eine Fantasy-Comic Story reale, volksbezeichnenden Begriffe wie “Perser” oder “Spartaner” gebraucht und sich nicht einfach irgendwelcher “Herr der Ringe” Begriffe. 
 
Was ich damit sagen will: Nicht die Iraner sind es hier, die einen Film politisieren, sondern die Iraner sind es, die einen schon längst politisierten Film mit ihrem Protest ein Gegengewicht bieten. Und das ist das gute Recht der Iraner. 
 
Zu guter Letzt möchte ich einen kleinen emotionalen Einblick in die iranische Seele geben, indem ich meine Antwort auf einen deutschen Mitmenschen aus einer Diskussion um den Film “300″ zitiere, der den “Aufstand der Iraner” um den Film nicht nachvollziehen konnte. Ich hoffe, ich kann auf diesem Wege sovielen Menschen wie möglich erklären, warum dieser Film weh tut und warum er mehr ist als nur eine wirklich schlecht gelungene Darstellung. 
 
 
Auszug aus einer Diskussion: 
 
“Ich bewundere Deinen kühlen Kopf und Deine Distanz, die Du für Dich erleben kannst, weil Dein Land und Deine Kultur die Geschichte ‘bergauf’ geht, während mein altes, schönes Land seit vielen Jahren bergab fällt. Ich beneide Dich darum, dass Du dazu erzogen wurdest, Deutschland nicht zu sehr zu lieben, da es einst Schande über Euch bereitet hat - diese, jene Liebe zur Heimat. Ich freue mich ernsthaft für Dich, dass Du heute mit Gelassenheit dabei zuschauen kannst, wie aus einer noch sehr jungen, grässlichen Vergangenheit, ein sicheres, gut organisiertes und verhältnismäßig betrachtet reiches und sicheres Land entstanden ist. Zugegeben eines, das genauso einen Scheiß Dreck gibt auf Menschenrechte außerhalb der eigenen Hemisphäre - aber immerhin sind hier die Gesetze im Land selbst menschenfreundlich (auch gegen Kinderschänder), wenn auch etwas härter zu Finanzamt-Betrügern - aber lassen wir das. Wie dem auch sei, ich freue mich für Dich, mein Freund. 
 
Aber weißt Du was, mein Freund? Ein Iraner - die erste Hälfte seines Lebens von seinen eigenen Herrschern gedemütigt, die zweite Hälfte gedemütigt durch die Ignoranz der ganzen Welt gegenüber allen Schönheiten, die es einst mal vollbracht hat und auf eine dunkle Epoche und islamischen Fanatismus reduziert, seiner Freiheit stets durch gierige Pranken von “da draußen”, den zivilisierteren, hellhäutigeren, saubereren Menschen beraubt, einhergehend mit einer Droge besudelt, die sich religiöser Fanatismus und Geld(gier) nennt, leidend an einer schizophrenen Beziehung zu sich selbst, seinem Volk, seiner Sexualität, seinem Geschlecht, seiner Geschichte - kann diese erhabene Distanz nicht aufbringen. Kann sie nicht - schon gar nicht im Exil, mein Freund. 
 
Schau’, mein Freund - lass’ es mich Dir bildlich erklären: Der Sturz eines Königs vom Thron lässt ihn Zeit seines Lebens wahnsinnig werden und auf seinen alten Platz starren - oder er wird gegen jeden wild und zähnefletschend kämpfen, der ihm die Erinnerung und damit jeden vorhandenen Beweis einer glorreichen Zeit seines Lebens rauben will. Mein Freund, ich beneide Dich um Deine Ruhe, um Deine weniger pathetischen und verzweifelten Gefühle; aber bitte sei so fair, mein Freund, und verlange sie nicht von ein paar gebeutelten Iranern, die jetzt nicht nur damit beschäftigt sind, das Wort Iran und das Volk Iraner zu verteidigen und in großen Ausführungen und wilder Gestik klarzumachen, dass man selbst kein Diktator ist, kein Menschenrecht-Übertreter, kein Aggressor, kein Barbar ist - sondern viel mehr die alten Werte der alten Perser in sich trägt und alles Gute und Schöne in seinen Erinnerung wach hält, um es eines Tages wieder erschaffen zu können - cool und relaxed zu bleiben, wenn wir heute jetzt sogar beim Wort ‘Perser’ erneut Energie verschwenden müssen, um mit beschränkten Worten und noch beschränkterer Zeit erklären zu können, was die Perser waren und was sie nicht waren. 
 
Verzeih’, mein Freund. Aber erst Iran, Iraner, dann Mullahs, dann noch schnell die Perser - und irgendwann, wenn man Glück hat, kommt man zu den großen arabisch-islamischen Wissenschaftlern, die man eben durch historische Belege, die man nun mal nicht immer intus hat, wieder iranisieren muss in einem netten, kleinen Plauschgespräch, in dem man die normale Frage gestellt bekommt: ‘Woher kommst Du?’. Was ich sagen will, mein Freund: Es sind keine arabischen Zahlen, es sind Iranische. Und da das niemand weiß, mein Freund, muss ein Iraner brüllen. 
 
Verzeih’ uns das, mein Freund. Wir beneiden Dich um Deine Coolness - aber verlange sie nicht von uns ab, denn das schaffen wir nicht. Heute schon gar nicht. Die Menschen wollen die Barbaren (mein Volk) angreifen - und wir können nichts dagegen tun, weil die Welt definiert hat, dass wir zu sein haben, was wir nicht sind: Eben Barbaren.” 
 
Von Sherry 
 
 
©Iran-Now Network
Der Morgen danach
In den deutschen Medien ist der Streik der Busfahrer und die brutale Verhaftung von Menschen, die sich gegen die Islamische Republik Irans auflehnten, nicht zu finden - geschweige denn ein Bericht darüber, was den Insassen für Demütigungen und Folter bevorstehen, damit sie niewieder “zuviel reden”. Nicht einmal eine Meldung am Rande ist sie wert, vielleicht in der Unterkategorie der Unterkategorie der Unterkategorie der Unterkategorie der “Internationelen Nachrichten”? - Nein. Stattdessen wird der Dacheinsturz in Polen erwähnt und im Nachhinein zur Entspannung die neue Frisur von Bill von Tokio Hotel diskutiert. 
 
Aus diesem uns verzweifelnden und auch demütigenden Anlass heraus werden wir unsere Landsleute und anderen Iraninteressierten mit den aktuellen Ereignissen füttern, wie es nur geht. Sie aus jeder erdenklichen Perspektive, unter jeder Berücksichtigung, aus jedem noch so möglichen, wie auch unmöglichem Ansatz heraus, erklären. 
 
 
Der Morgen nach dem erstickten Streik 
 
Heute Morgen habe ich ein Interview auf “Radio Farda” gehört. In dem berichtet einer der Organisatoren des Streikes Yaghub Salimi mit verzweifelt bebender Stimme über die Ereignisse der Nacht zuvor. 
 
„Sie haben meine Frau und meine 10-jährige Tochter mit heftigen Tritten aus dem Schlaf geweckt und mit Schlagstöcken auf sie eingeschlagen. Meine Frau umarmte das 2-jährige Kind und sah einen Beamten mit einer Spraydose in der Hand vor sich“, erklärt Salimi mit verzweifelt zitternder Stimme. „Du willst Gas sprühen? Sprüh doch! Das Kind ist zwei Jahre alte, 2″, habe seine Frau gerufen. Daraufhin hätte der Beamte das Gesicht des Kindes besprüht und verletzt.  
 
Wissen Sie, wie ein 2 jähriges Kind aussieht, wenn es gerade aufwacht? Es hat rote, weiche Wangen und große glasige Augen. Es reibt sie sich mit seinem kleinen, geballten Fäustchen und schmiegt sich an die warme Brust der Mutter, um den anstrengenden Übergang zwischen Eindrücken der Nacht und dem hellen Morgen gut zu überstehen. Es wird langsam, aber sicher durch die vertraute Stimme der Mutter und ihren liebevollen Geruch beruhigt - und der Tag kann beginnen. 
 
Wissen Sie denn auch, liebe Leser und Leserinnen, wie ein 2 jähriges Kind aussieht, wenn es durch die Schmerzensschreie der Mutter aufwacht, weil sie gerade von einer Horde Basijis getreten wird? Wie dieses 2 jährige Kind aussieht, wenn diese Mutter schreiend und von Todesangst befallen ihre Kinder schützt und in ihrer Naivität und Hoffnung darauf hinweist, dass die Kleine in ihren Armen erst 2 Jahre alt ist? Und wissen Sie, wie das Gesicht eines 2 jährigen Kindes aussieht, das in dem Schockzustand durch die Schreie mitten in der Nacht um 4 Uhr auffwacht? Das Spray in Augen und Nase gesprüht bekommt und an einen “unbekannten Ort” verschleppt wird? 
 
Wissen Sie das, liebe deutsche Nachrichtenagenturen? Ist es Ihnen wirklich entfallen bei all den Recherchen darüber, wieviele deutsche Firmen tragischerweise aufgrund des störenden Atomkonfliktes nun auf der Kippe stehen? 
 
Yaghub Salimis Frau und seine zwei Töchter befinden sich gerade an einem “unbekannten Ort” - und das hier ist die Stelle, an der viele Menschen entweder schreiend fortlaufen möchten bei dem Gedanken, was ihnen gerade widerfährt oder eben weiterhin ohne große Regung und in Resignation verharrend gar nicht daran denken, sich die Ausmaße eines einzigen Einzelschicksales auszumalen - die tiefenpsychologischen Aspekte so einer Belastung berücksichtigend, kann man sogar auch dafür Verständnis aufbringen, aber das würde hier zu weit gehen. 
 
 
Cut 
 
Gestern rief ich aus einer Sorge meine Bekannten in Teheran an. Mit aufgeregter Stimme erzählte ich über die Ereignisse in Teheran und dass ich nur nachfragen wollte, ob es dem und dem gut ginge und was los sei draußen? Die Antwort war die Antwort eines ganzen Volkes, das schon längst aufgegeben hat: “Ach was! Soetwas gibt es immerwieder! Ihr Iraner im Ausland bewertet alles über und macht es groß, es ist alles ruhig und die Unruhen sind bald zu Ende. Nicht der Rede wert. Keine Sorge.” 
 
Was als Beruhigung dienen sollte, war für meine Wenigkeit mehr ein Schlag ins Gesicht. Wie abgestumpft ist das iranische Volk schon? Wie sehr haben sie schon auf das fundamentale Recht auf freie Meinungsäßerung, ein warmes Heim, ihren eigenen Wert vor dem Gesetz, vor dem Staat und den in der Gesellschaft schon aufgegeben? Aber was ist mit dem Recht darauf, homosexuell zu sein, ohne danach öffentlich am Kran gehängt zu werden? Was ist mit dem Recht eines Menschen, Fehler zu machen, ohne dabei gesteinigt zu werden? Was ist mit dem Recht eines Menschen, gegen die soziale Ungerechtigkeit zu kämpfen, ohne dabei “an einem unbekannten Ort” gefoltert zu werden und damit bedroht zu werden, dass “alle weiblichen Familienmitglieder vor den eigenen Augen vergewaltigt” werden? Um wieviel schlimmer müssen die Zustände werden, damit eine Schmerzgrenze erreicht ist, die alle aufschreien lässt? Kurzum: Was wird meine Bekannten in Teheran sagen lassen: “Die Lage ist wirklich besorgniserregend. Wir wissen selber nicht mehr weiter, aber es muss bald etwas geschehen. Bald, so geht das einfach nicht mehr. Wir können nicht mehr! Mein Mann hat 3 Jobs und ich arbeite auch, aber wir kommen gerade noch so über die Runden.” Was muss geschehen? 
 
Uns Iranern wird sehr oft vorgeworfen, dass wir xenophil (gharib-parast) sind. Diese Eigenschaft zieht sich durch die ganze Geschichte unserer Kultur durch und erlaubte einigen Völkern - nicht zuletzt den Arabern - uns auszubeuten und unserer Hochkultur ein groteskes Gesicht zu verleihen. Auch noch heute sieht man zu Aschura junge Menschen, die sich für Imam Hossein, einem Araber, geißeln - aus tiefer Trauer um seinen Tod vor mehr als 1000 Jahren. 
 
 
Cut 
 
Erinnern Sie sich an meine Beschreibung oben, liebe Leser, liebe Leserinnen? An das Gesicht des 2 jährigen Kindes, das gerade aufgewacht ist? Mit den weichen, roten Wangen und den glasigen Augen. Das Kind das versucht, sich in den Tag zu orientieren nach der langen Nacht und den liebevollen Geruch der Mutter sucht? Und erinnern Sie sich an die Männer, die ihr erbarmungslos das Spray in die großen Augen und in die kleine Nase gesprüht haben? Das waren Iraner! Die Männer, die Frau und Kinder aus dem Schlaf getreten haben, waren Iraner! Die Männer, die unsere Jugendlichen öffentlich an einen Kran erhängen, waren Iraner! 
 
Verstehen Sie jetzt, warum viele junge Menschen des iranischen Volkes xenophil sind? Warum einige von ihnen entweder insgeheim oder auch ganz offen auf den Einmarsch der Amerikaner hoffen? Die Antwort ist bitter: Weil sie selbst ihre internationalen Feinde für humaner halten als ihre “eigenen Landsleute”, als die eigenen “Volksvertreter” - selbst in einem möglichen Krieg gegen sie. 
 
Und jetzt hören Sie sich bitte das Interview an. Das geht vorallem an Sie, liebe deutsche Nachrichtenagenturen. Vielleicht ist es Ihnen dann doch eine Nachricht wert: Interview mit Yaghub Salimi 
 
 
© INN Redaktion