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The Laserdance
Tatsache ist: Hätte man mich damals als Vierzehnjährige gefragt, was ich später gerne werden würde, hätte ich - wenn ich denn ehrlich gewesen wäre - geantwortet: “Ich möchte gerne kriminell werden. Ja. Ich möchte eine Meisterdiebin sein, die schön, beweglich und stark ist, und mit meiner Gang sämtliche reiche Museen oder Leute ausrauben und durch die Armenhäuser verteilen. Gerne behalte ich auch das eine oder andere schöne Schmuckstück für mich. Von irgend etwas müssen wir uns ja die High-Tech Utensilien für unsere kriminellen Wohltaten finanzieren, finden Sie denn nicht, lieber Interviewer?” - “Ja”, hätte er wohl geantwortet. “Gewiss, Frau Sherry. Was für ein guter Mensch Sie doch sind. Und so abenteuerlustig und idealistisch.” Was hätte er sonst antworten sollen? “Ist doch einfach nur edel mein Berufswunsch, oder?”, hätte ich damals gedacht. Ich war komplett davon überzeugt, dass das Geld von extrem reichen Menschen niemals in einer angemessenen Relation zu ihrer Arbeit stehen konnte. Soviel kann ein Mensch gar nicht arbeiten, als dass er als Milliardär ein Existenzrecht hätte. Schon gar nicht, wenn andere neben ihm hungern und verzweifelt nach den 10$ suchen, die sie und ihre Kinder satt machen. Arbeitete dieser Mensch denn soviel weniger? Die geschwielten Hände sprachen meist eine andere Sprache.  
 
Denke ich heute wirklich anders? Wenn ich Euch sagen würde, dass ich es nicht tu’, würdet Ihr mich für moralisch verdorben halten? Wenn ja, sei es drum. Denn würde mich heute jemand fragen, was ich denn gerne tun würde, wenn ich könnte, ich würde - wäre ich denn ehrlich - die selbe Antwort geben. “Ich möchte gerne kriminell werden.” 
 
Ich wollte immer werden wie der hier, nur in weiblich, schön und mit langen, schwarzen Haaren. Genießt dieses Stück meiner geheimen Jugendträume. Es ist wirklich eine Gute-Laune-Szene: 
 
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Die Zeichnung
Sie nahm ihr Tagebuch wie so oft mit raus und ging ziellos durch den Lärm der Großstadt. Sie liebte das Treiben der Menschen und die Gesprächsfetzen, die sie mit ihren scharfen Sinnen aufnahm. Jede Belanglosigkeit ihrer Gespräche war wie ein kleiner Hauch auf ihren müden Wangen, die lange nicht mehr gelächelt hatten. Vernahm sie in der Geräuschkulisse Einzigartiges oder auch nur Rares, verfolgte sie die Fährte der Stimmen, näherte sich ihrer Quelle, hielt die Luft an, machte sich unsichtbar und horchte. So lief das immer. Es war ihre scheue Art, mit anderen Menschen zusammen zu sein. 
 
Sie hatte einige Tage in ihrem Schlafzimmer verbracht. Die Fenster waren abgedunkelt, ihr Kopf schmerzte und ihre Erinnerungen ließen nicht von ihr ab. An vielen Tagen war sie sich ihrer selbst so überdrüssig, dass nicht einmal ihre geplante Weltreise ihr genug Zuflucht bot. Sie wusste, egal wohin sie auch gehen würde, ihrer Selbst würde sie sich niemals entledigen können. Doch genau das brauchte sie: Nicht mehr sie selbst sein. Einfach nicht mehr sie selbst sein. Also stürmte sie kopfüber raus aus ihrer Einzimmerwohnung und suchte – ja was eigentlich? Sie wusste es nicht. 
 
Draußen vernahm sie diesmal nichts Besonderes. Vielleicht lag es am Wetter. Es war zu sonnig, die Menschen zu sorglos und die Gespräche zu oberflächlich. Man diskutierte über Bier und in welcher Temperatur es am besten schmeckte. Die jungen Frauen kokettierten mit ihren bunten, kurzen Kleidern und ihren gebräunten Beinen. Eine wohlige Faulheit übergoss sich über ihre Köpfe, man genoss wort- und sorglos, lust- und genussvoll den Tag - und alle dachten, das Leben würde von nun an immer so sein. 
 
Sie setzte sich müde auf die Bank der kleinen Allee mit den einander überragenden Bäumen. Alte Pflastersteine karierten den Weg der Passanten. Mit ein wenig Fantasie hätte man jeden Moment Pferdehufen und Kutschen erwarten können - und sie hatte viel Fantasie. Sie schloss die Augen und roch statt der Sommerblüten den Herbst. Wie sehr sie sich nach ihm sehnte, dem guten, treuen Herbst. Schwer fallende Blätter knisterten unter ihren Schritten. Sie war in rot, organge und gelb eingehüllt wie eine Waldfee mitten im Oktobergold einer milden Sonne.  
 
Sie erschrak kurz, als eine Gruppe junger Menschen sie freundlich anstubsten und an ihr vorbei gingen. Ihre Klamotten erinnerten sie daran, dass sie sich im Hochsommer befanden. Der Blick eines jungen Mädchens blieb zuerst an ihrem Tagebuch und dann auf ihrem Gesicht haften. Sie hatte lebhafte, dunkle Augen, lächelte sie direkt an und verweilte einen Tick länger als normal auf der jungen Frau auf der Bank mit den seltsam ineinander gefalteten Händen und dem Buch auf ihrem Schoß. Ihre Blicke hingen aneinander nach, die junge Frau auf der Bank errötete, doch lächelte sie zaghaft zurück und sah ihr und der Gruppe solange nach, bis sie nicht mehr zu sehen war.  
 
Sie fing an, in ihr Tagebuch zu zeichnen. Ein Lächeln, zarte Grübchen, dunkle, lebhafte Augen umrahmt von dichten, langen Wimpern und einer latenten Güte in ihrer Haltung, die sie irritierte. Vorhin schon, als sie an ihr vorbeiging und auch jetzt, wo sie diese wieder auf ihrer Zeichnung entdeckte. Sie hatte ihre Besonderheit für diesen Tag gefunden, auch wenn ihr nicht das Glück beschert worden war, sie bei einem Gespräch auszuhorchen. Also gab sie sich bei ihrer Zeichnung besonders viel Mühe, um mit ihrer Liebe zum Detail jedes Gespräch zu überbieten, das hätte das Wesen des Mädchens auffangen können. Jede Regung ihrer Grübchen und der freundliche Mund mussten den einen Augenblick festhalten, in dem sie an ihr passierte und sie mit einem Blick beschenkte, der wirklich auf und in sie sah und nicht einfach vorbei.  
 
Als sie fertig war, kritzelte sie wie immer ihren Namen unter das Bild und schrieb einen Satz darunter, den sie erst dann zu denken begann, als er schon unter dem Bild stand: “Wenn die Liebe an Dir vorbeigeht und Du sie erkennst, kommt sie zu Dir zurück.” 
 
Sie küsste das Mädchen auf ihrer Zeichnung, legte ihr Buch offen auf ihren Schoß und lehnte sich in einer angenehmen Mattigkeit in die Banklehne zurück. Ihr steifer Nacken lockerte sich allmählich, nachdem sie ihn nach hinten fallen ließ und zufrieden in den blauen Sommerhimmel schaute. Sie lächelte und wünschte sich ausnahmsweise nicht den Herbst herbei. Die sie umarmende Sonne war genau richtig. Sie fuhr mit ihren Fingerspitzen den Spuren ihrer Zeichnung nach ohne drauf zu schauen und versuchte zu erraten, an welcher Stelle des Mädchengesichtes sie sich befand. Als sie ihr Lächeln erreichte, lächelte sie selbst als Antwort noch einmal und schloss die Augen. Einige Augenblicke - oder auch Stunden – vergingen, als eine erstaunte Stimme leise vorlas, was in ihrem Buch stand: “Wenn die Liebe an Dir vorbeigeht und Du sie erkennst, kommt sie zu Dir zurück.” 
 
Die junge Frau setzte sich auf und sah das Mädchen, das sie zuvor gemalt hatte, neben sich auf der Bank sitzen und sie ansehen. Sie blieb sprachlos sitzen und schaute den erstaunten, offen stehenden Mund des Mädchens stumme Fragen stellen. 
 
“Woher wusstest Du denn, dass ich zurückkommen würde?” 
 
Die junge Frau rang nach Luft, ver-atmete sich kurz, versuchte das durch einen noch tieferen Atemzug auszugleichen und sagte dann: “Weil… Ich Dich erkannt habe.”, sagte sie leise, aber so klar wie Kristall. 
 
Beide lächelten erleichtert. Nach einigen Minuten des Schweigens und der neugierigen Erkundung der Augen der Anderen, erzählten sie einander ihr Leben, als hätten sie nur darauf gewartet, endlich die eine Freundin zu finden, auf der sie sich, ihr Leid, ihre geheimen Träume und ihr ganzes Wesen voller Hingabe ergießen konnten, ohne die Angst, jemals zurückgestoßen oder verlassen zu werden. Denn Freundschaft ist Liebe. Und kein Bisschen weniger. 
Zahnräder
Letzte Nacht. Irgendwo einsam im Netz sucht eine schlaflose junge Frau nach Zeilen in anderen virtuellen Tagebüchern, die ihr wirklich etwas zu sagen haben. Zeilen, die es schaffen, die Skurrilität der Existenz am Schopf zu packen und - wenn auch nur kurz - zu schütteln und zu rütteln, zu beherrschen und zu zähmen. Alles hätte sie für dieses kurze Szenario gegeben. Jemand tritt all den Grenzen und Determinanten von Erschaffung und Zerstörung, dem Kreislauf des Lebens und dem Tod - und Gottes Gesetzen so dermaßen in den Allerwertesten, dass man die Sterne hätte lachen hören können. Aber sie hat nichts gefunden. Nichts, außer tausend Floskeln des Alltags, die sich Menschen gegenseitig in die Hand drücken, um sich selbst und ihrem ratsuchenden Mitmenschen die Illusion von Kontrolle über ihre skurrile Existenz zu geben. 
 
“Wenn Du fest an etwas glaubst, dann passiert es auch.” 
“Glaube versetzt Berge.” 
“Wenn Du wirklich willst, dann schaffst Du es auch.” 
“Es liegt vollkommen an Dir, Dich zu entscheiden. Du hast Dein Leben in der Hand.” 
“Der Geist ist frei.” 
 
Die junge Frau schüttelte den Kopf. Gab es denn niemanden, der wirklich klug und weise war? Der unbeeindruckt war, ohne die starke innere Verzweiflung der Mitmenschen zu passieren als seien sie nicht existent oder gar lächerlich? Weisheit bedeutete nicht, an der Absurdität des Lebens zu zerbrechen, sondern sie hinzunehmen. Weisheit bedeutet, dass selbst wenn man weiß, dass man mitten in einem unkontrollierten Schlachtfeld voneinander bedingender Ursache-Wirkungs-Interaktionen steht und in diesem Dominofeld eine von vielen Ursachen und Wirkungen zugleich ist ohne das Geringste dagegen tun zu können, dennoch milde über das Leben lächeln, Freude empfinden und Kraft spenden kann.  
 
Alles, was sie tun - diese Menschen - tun sie letztendlich als eine Reaktion auf Ursachen, um zeitgleich als Ursache für andere Wirkungsketten zu dienen. Resignieren manche, dann sollen sie resignieren. Kämpfen die anderen, dann sollen sie kämpfen. Sie könnten gar nicht anders. Die Persönlichkeit und die Sozialisation (Ursachen) haben ihn vollends erschaffen. Alles, was sie gegen den Strom tun und was sie mit dem Strom fühlen, kommt nicht pur aus ihnen selbst heraus, sondern aus allem anderen - nur nicht aus ihnen selbst. Es ist die Kombination dieser Ursachen, die einen Menschen einzigartig macht und nicht sie selbst. Und der Mensch, der mit dieser Erkenntnis leben kann, ohne sich doch noch eine freie Existenz einzureden, der ist weit. Wenn er es dabei schafft, nicht kaltherzig und verkopft zu werden, ist er weise. Weise und so ‘frei’, wie ein Mensch frei sein kann. 
 
So einen suchte die junge Frau letzte Nacht. Was sie stattdessen fand waren Fabelwesen, Aufforderungen, Jesus zu folgen, Tipps und Tricks für guten Sex, Kochrezepte, Beschreibungen von Swingerclub-Erlebnissen und Eso-Hotlines.  
 
Ein paar gute Tagebücher hat sie sich notiert und für später aufgehoben für eine Nacht, in der sie wieder auf dem Boden des Lebens stand und nicht etwa versuchte, das Leben zu beherrschen. Denn was sie auch wusste war, dass sie nicht immer in dieser Stimmung bleiben würde. Das sind die Regeln des Universums. Veränderung innerhalb eines unveränderbaren Systems, die man im Rahmen seiner Gesetzmäßigkeiten erleben darf. Selbst, wenn man diese auch nicht mitgestalten kann, so hat man doch wenigstens das Gefühl, es zu tun. Und manchmal reicht dieses Gefühl. Nur letzte Nacht eben nicht. Nicht bei der jungen Frau.
Entfremdung
Die Menschen verändern sich im Laufe ihres Lebens. Sie lassen einander im besten Fall allein - im schlimmsten Fall aber ins offene Messer laufen. Die Entfremdung von damals nahestehenden Personen, mit denen man alles geteilt hat, erleidet man oft stumm, um sich windend und einsam. “Bloß nicht darüber sprechen”, denkt man sich und hält dem darauf folgenden Gedanken schon den Mund brutal zu: “Wffwfffwfffffawaff Hmmmpffff” (”Was, wenn ich mir das nämlich doch nicht nur einbilde und so eine “Aussprache” mit dem anderen genau das bestätigt, was ich denke und fühle? - Nämlich, dass wir nichts mehr miteinander anfangen können?”) - Ja, vermutlich käme man in einem Dialog zu genau diesem Ergebnis. Und das will man nicht. Zumindest noch nicht. Nicht, bevor man nicht einen anderen Weg gefunden hat, mit dieser Entfremdung klar zu kommen. Also geht man auf die Suche nach dem großen Verbandskasten, der einem die alte, heile Welt ins neue Leben zurück bringt. Und dann scheitert man. Man gibt nicht auf und scheitert wieder. 
 
Das kennt Ihr doch auch. Ihr schildert einem alten Freund markerschütternde Gefühle, ohne dieses Gefühl selbst in seiner eigenen Dimension offenbaren zu können. Von Euch selbst weggespalten, hantiert Ihr mit Händen, Füßen und Mimik, um einen nicht-begreifbaren Zustand Eures Gemüts begreifbar zu machen - und erkennt mitten in Eurem Vorhaben, wie sinnlos das ist. Denn damals hat er Euch ohne all diese Hampeleien verstanden. Keine Worte zu finden, war kein Problem - im Gegenteil - sie zu finden, störte das Einvernehmen von Herz zu Herz viel mehr als blick- und bedeutungsschwangeres Schweigen. - Ihr wehrt den Gedanken ab. In der Erwartung dieser vertrauten, verständnisvollen Umarmung ferner Zeiten, strampelt Ihr weiter. Mit geschlossenen Augen rennt Ihr. Alles Reale verneinend und alles Illusionsbestätigende fixierend, hechtet Ihr in die Richtung dieser wohligen, vertrauten Umarmung Eures Freundes und scheitert an hartem Beton. Schreckgepeinigt öffnet Ihr Eure Augen und seht keine Regung in seinem unwissenden Gesicht. Nicht aus Böswilligkeit oder harter Ignoranz, sondern aufgrund der Tatsache, dass einmal Ihr und einmal Euer Freund sich verändert hat. Seine Fühler greifen nicht mehr nach Eurem Atem - und Euer Atem weht in eine völlig andere Richtung, nur nicht zu ihm. Ihr-und-Er-Passung, die damals funktionierte wie ein Schlüssel zum Schloss, sind verschoben, verschroben, verrückt und ver-allest. Keine Passung, keine Begegnung. Keine Begegnung, keine Umarmung.  
 
Ein paar Mal macht Ihr das mit. Dann ergebt Ihr Euch dieser Entfremdung. Bei neuen Bekanntschaften, bricht man sie einfach ab. Daran ist nichts schwer. Bei uralten Freunden jedoch verweilt man in der Misere, denn die Liebe diktiert Euch, an Eurem Platz zu bleiben. Stille Vorwürfe gegen die andere Person werden mal größer, mal kleiner. Aber tendenziell immer barscher, wenn auch leiser (weil sinnloser). Man will weder bleiben, noch gehen. Aber Bleiben ist noch einwenig erträglicher. Also verweilt man, sieht ratlos aneinander vorbei, schweigt sich weiter tratschend an und erträgt kauernd die durch Mark und Bein ziehende Brise zwischen zwei Herzen, die einst aneinander gelabt waren. Und friert. Immer in der Hoffnung, dass es irgendwann ein Zurück geben wird. Wenn das nicht Freundschaft ist - was dann?
Nichts hat sich geändert
Es gibt nichts Neues hier zu sagen. 
Noch immer kommen sie. 
Gehen sie. 
Und gehen dann 
in Särgen. 
 
Nichts hat sich geändert. 
Die Maus sitzt noch immer in der Falle. 
Ihr Nacken ist gebrochen. 
Doch noch immer zappelt sie 
Und hofft auf die Gnade einer 
Kralle. 
 
Es gibt nichts Neues hier zu sagen. 
Noch immer gehen sie. 
Kommen nicht mehr zurück. 
Doch vorher zerreißen sie Dich 
und Dein Leben  
in Stück’. 
 
Nichts hat sich sich geändert. 
Der alte Mann ist noch immer blind. 
Als er hoffte, er würde endlich Farben sehen, 
war er noch ein Kind. 
 
Es gibt nichts Neues hier zu sagen. 
Immer noch beten sie. 
Gehen aus dem Glauben in die Hölle. 
Kommen zurück als leere Hülle. 
 
Nichts hat sich geändert. 
Das Kind schreit nach der Mutter. 
Als es Schritte hört und inne hält und lachen will, 
waren es doch nur die Soldaten. 
 
Es gibt nichts Neues hier zu sagen.