“Wenn Sie nächsten Freitag kommen würden, würde ich mich sehr freuen, Giti Khanum (Frau Giti)”, sage ich mit freundlicher Stimme, obwohl ich innerlich vor Wut am platzen bin.
“Nächste Woche ist schlecht, da sind wir schon eingeladen”, tönt es zuckersüß aus dem Hörer gerade heraus in mein genervtes Ohr. Gutgläubig - und der rhetorischen Feinheiten der persischen Konversation nicht wirklich habhaftig (sie waren mir einfach zu kompliziert) - schaue ich gehetzt in meinen Notizkalender, um einen anderen freien Tag für diese “Pflichtveranstaltung” zu suchen.
Warum ich mir das überhaupt antue, werde ich mich erst später fragen, doch die Antwort kenne ich schon: Ehre, Pflicht, das Wahren des Gesichtes. Es ziemt sich für eine Iranerin einfach nicht, der Pflicht auszuweichen, nur weil der potenzielle Gast mir nicht sonderlich wohl gesonnen ist und vor ein paar Monaten noch versucht hat, Unruhe in meiner Familie zu stiften, weil sie sich durch irgendein falsches Wort im falschen Moment beleidigt gefühlt hat und daraus eine unendliche Geschichte geflochten hat.
“Und am Samstag?”, höre ich mich selbstverständlich fragen. “Wir würden uns sehr freuen, wenn Sie uns am Samstag zum Abendessen die Ehre Ihrer Anwesenheit erweisen würden.” - und verdrehe dabei meine Augen über meine eigene, unerträgliche Verlogenheit.
Schon sehe ich in meinem geistigen Auge Großmutters Augenbraue zuckend hochgehen und ein vehementes “Naaa, Azizam…” (Nein, mein Liebling) sagen. “Yadet bashe, Mehmun habibe khodast!” (”Vergiss nicht, der Gast ist Gottes Liebling.”) “Du musst Deine Pflicht erfüllen, egal, was vorgefallen ist. Sie sollen sehen, dass wir uns von soetwas nicht verändern lassen und Gesicht und Höflichkeit wahren, weil wir ehrenwerte Menschen sind.”
Ich seufze. Hat Oma nun Recht oder nicht? Was ist wichtiger: Ehrlichkeit und Offenheit oder die Erfüllung traditioneller Pflichten? Während ich noch grübele, fällt mir ein, dass ich immer noch auf die Antwort Giti Khanum warte.
“Samstag? Hm. Das weiß ich noch gar nicht. Ich werde meinen Mann fragen, ob wir da nichts vorhaben, ich werde Sie anrufen und Bescheid geben.”
“In Ordnung, so machen wir das.”, antworte ich einverstanden, als hätten wir soeben eine verbindliche Vereinbarung getroffen. Und während ich tatsächlich über eine Woche auf ihren Anruf warte, “übersetzt” mir meine Oma in einem Gespräch ganz nebenbei, dass die Antwort, die ich am Telefon erhalten hatte, eigentlich eine klare Absage ist. Schockiert, aber doch nicht wirklich überrascht über meine Unfähigkeit, soetwas richtig zu deuten, stelle ich wie so oft fest, dass ich in einer rein iranischen Gesellschaft ohne “Übersetzer” vermutlich gegen sämtliche Wände laufen würde.
Wie kann es sein, dass persisch zwar meine Muttersprache ist, aber ich Vieles nicht verstehe? Ich habe keine Antwort darauf und zerstreue diese Frage recht schnell.
Zwei Wochen später. Das Telefon klingelt und ich werde - als Zeichen der Großzügigkeit von Giti Khanum - unschuldig, freundlich, selbstlos und herzlich eingeladen. Diese Einladung ist keineswegs eine freundliche Geste - habe ich gelernt - sondern dient eher dazu, mir zu zeigen, dass sie “nach allem, was ich ihr angetan habe”, trotzdem ein so “großes und reines Herz” hat, dass sie mich einlädt. Würde ich hingehen, sie würde gerade mich besonders aufopferungsvoll bedienen und verwöhnen wollen und ihren Bekannten zuzwinkern, die sie raunend bewundern würden ob ihres reinen, guten Herzens, da sie alle schon von dem, “was ich ihr alles schon angetan habe”, wüssten - wahrscheinlich in allen dramatischen, abenteuerlichen Ausführungen die es gibt. “Nein, danke!”, denke ich. Oh nein, sage ich.
“Bitte?”, fragt sie nach.
“Nein, danke.”, wiederhole ich mich und versuche mich aus dem konventionell falschen Verhalten rauszumanövrieren. Mein Gehirn läuft auf Hochtouren, meine Wangen werden rot, ich überlege, wie ich das noch retten kann und was meine Oma wohl tun würde… Doch dann werde ich wütend und werfe das Handtuch.
“Ich möchte nicht kommen. Immerhin sind Sie auch nicht zu uns gekommen. Sie haben noch nicht einmal angerufen wie verabredet, um mir bescheid zu sagen, ob Sie nun kommen und wann Sie nun kommen. Ich mag keine Ungenauigkeiten. Ich finde klare Fragen und Antworten angenehmer. Und ich finde es viel besser, wenn wir uns streiten würden, anstatt uns freundlich anzulächeln und Tarofs (Höflichkeitsfloskeln) zu verteilen, aber trotzdem zu verachten. Wollen Sie denn wirklich, dass ich zu Ihnen komme?”
“Wie können Sie soetwas sagen? Was habe ich Ihnen denn getan, außer Ihnen Liebenswürdigkeit entgegen zu bringen? Ich lade Sie doch ein - aus tiefstem Herzen - natürlich möchte ich Sie hier haben, sonst würde ich Sie doch nicht einladen. Ich bin kein Tarof-Mensch, müssen Sie wissen.”
Ich verdrehe die Augen. Ich glaube, sie hört das sogar, denn ich höre ihr Entsetzen. Ich atme tief durch und antworte mit ruhiger und nicht unfreundlicher Stimme:
“Ich komme nicht. Ich sage hiermit offiziell ab.” - Ich höre meine Oma empört aufschreien “Azizam! Liebling! Sag’ ihr wenigstens, Du seiest krank, Du hättest die Grippe, einen Unfall gehabt, einen Pickel oder sonst etwas, aber doch nicht die Wahrheit! Das gleicht einer Beleidigung!” Ich stottere innerlich, entscheide mich dennoch wieder für meinen Weg und füge hinzu:
“Ich sage ab, weil ich möchte, dass wir uns vorher einmal richtig aussprechen. Warum sollen wir einander etwas vormachen? Es sind doch gewisse Dinge zwischen uns passiert, jeder redet darüber! Wäre es nicht besser, einander irgendwann einzuladen, ohne mit den Zähnen zu knirschen?”
Sie stellt sich dumm: “Was soll denn zwischen uns passiert sein? Wer erzählt denn etwas? Ich hab’ Sie sehr gern. Sehr, sehr gern und ich möchte, dass Sie uns die Ehre erweisen.” Ich überlege kurz und entscheide mich bei der Sinnlosigkeit dieses Gesprächs einfach für Omas Version:
“Sie haben ja Recht, man sollte nicht jedem, der redet, glauben. Ich würde sehr gerne kommen, aber ehrlich gesagt, ich habe eine Magen-Darm-Grippe, die noch mindestens eine Woche ansteckend ist. Das möchte ich Ihnen und Ihren Gästen vorenthalten.”, lächle ich gequält.
Mit dieser Lüge scheint mein Gegenüber nun endlich glücklich zu sein. Sie sagt, wie sehr sie das bedaure, wünscht mir gute Besserung und spricht ihre Hoffnung aus, mich bald - nach meiner Genesung - wiedersehen zu dürfen. Ich bestätige ihr, dass es so sein wird und verabschiede mich freundlich. Ich lege auf und merke, wie anstrengend und kräftezehrend dieses Gespräch für mich war. “Es ist zwecklos”, denke ich. Ob es mir passt oder nicht, die persische Sprache allein reicht nicht aus, um all diese Feinheiten immer richtig zu verstehen. Vor allem die ältere Generation - die, in der all die alten gesellschaftlichen Konventionen fest verankert sind - gibt mir manchmal Rätsel auf.
Doch auch diese Generation ist es, die besonders liebenswert und weise ist. Die stolz und bescheiden zugleich sein kann. Die, die die besten und spannendsten Geschichten erzählt und uns mit ihren festen Wurzeln wieder zurückbringt. Vielleicht missverstehe ich Tarof - wie viele unserer jüngeren Generation auch - indem ich ihm einfach nur die Eigenschaft der Unehrlichkeit zuweise. Vielleicht ist Tarof aber viel mehr, vielleicht hat sie ihren Ursprung aus der edlen Absicht, auch seinen “Feinden” Respekt und Gastfreundschaft erweisen zu wollen, damit niemals alle Brücken zurück zu einem möglichen Frieden in Zukunft abgerissen werden. Vielleicht halten diese festen Konventionen Menschen zusammen, die im ersten Anflug von Wut und Hass, schon längst auseinandergerissen wären und nie wieder einen Weg zurück zueinander gefunden hätten, gäbe es da nicht Tarof. Vielleicht ist Tarof für eine so vielschichtige und vielseitige Gesellschaft wie die von Iran wichtig, um auf einer Ebene miteinander reden zu können, die uns verbietet, trotz so verschiedener Meinungen und Interessen, trotz des zu groß geratenen Stolzes und der Rechthaberei, Grenzen des Anstands zu wahren. Tarof ist viel mehr als eine Höflichkeitsfloskel. Richtig angewandt, rettet sie nicht nur das eigene Gesicht, sondern das Gesicht aller Beteiligten. Falsch angewandt, dient sie zur Unklarheit, Lüge, Verwirrung und noch mehr Abneigung.
Ich sehe meine Oma zufrieden nicken. “Diese Regeln sind wichtig, Azizam. Sie wahren das Gesicht, indem sie bewirken, dass wir nicht zuerst aus Wut und Hass handeln, sondern diese Gefühle unter der Höflichkeit brodeln lassen, bis sie durch unseren eigenen Anstand besänftigt werden. Diese Regeln sind wichtig, mein Liebling. So sind Iraner, musst Du wissen.”
Ich bin einfach sprachlos. Wie kann ein Mann sich auf die Art und Weise bewegen und dabei so stolz und männlich wirken? Für mich ist er in diesem Auftritt der Inbegriff von Ästhetik, Leidenschaft und Stolz.
“Zu den denkwürdigsten Geschichten meiner Großmutter gehörten die von einem frostigen Wintertag im Zweiten Weltkrieg, als ein Schiff eine Gruppe polnischer Frauen und Kinder in den Hafen von Anzali brachte:
‘An jenem Tag war Euer Großvaterganz aufgeregt nach Hause gekommen. Er bat mich, schnell Nahrungsmittel und ein paar Teller und Besteckt zusammenzupacken. Er wollte, dass ich mitkomme, für den Fall, dass sie Probleme hätten, die sie mit den Männern nicht besprechen könnten. Er sagte auch, ich solle ein paar von meinen Kleidern und auch ein paar Kleidungsstücke der Mädchen mitbringen.
Auch Gholam, der Lehrling Eures Großvaters, war gekommen. Ich hatte einige Marmeladenbrote geschmiert und sogar eingepackt, was noch vom Abendessen übrig war, und wir haben uns auf den Weg gemacht. Euer Großvater war losgelaufen, um Seyed Hashem, den Stadtmullah, zu holen und ihn zu fragen, was wir tun sollten…
Als wir dort ankamen, war es so herzzerreißend: Schöne Frauen und junge Mädchen wie Blumen mit grauen und blauen Augen, aber sie sahen aus, als kämen sie direkt aus einer Kohlengrube… Sie waren hungrig, durstig und voller Flöhe… Der einzige Arzt in der Stadt war gerufen worden, und einige Zelte wurden vom Rathaus herübergebracht. Der Doktor bat uns Frauen, ihm zu helfen und sie mit Soblimeh-Seife zu waschen. Ihr könnt Euch das Durcheinander gar nicht vorstellen, die ganze Stadt war auf den Beinen und holte Sachen aus den Läden.
Als unser Mullah Seyed Hashem ankam, erklärte er, es sei unsere religiöse Pflicht, für diese Leute zu sorgen, die bei uns Zuflucht suchten. ‘Behandelt sie mit absolutem Respekt’, sagte er. ‘Es ist egal, wenn sie nicht das glauben, was Ihr glaubt… Behandelt sie wie Gäste in Eurem Haus… Verteilt sie auf die einzelnen Häuser, aber trennt die Kinder nicht von ihren Müttern. Nun holt heißes Wasser…’
Das Geschrei der Menschen, die heißes Wasser von zu Hause an den Strand brachten… All die Barbiere der Stadt, die den von Flöhen gepiesackten Polinnen die Haare abschnitten. Und wir brachten sie in die Zelte und wuschen sie, trockneten sie ab und kleideten sie an. Ihr habt keine Vorstellung, wie schön sie waren, als sie gewaschen waren!
Am nächsten Tag sagte Seyed Hashem in der Moschee: ‘Dies sind ehrenhafte Frauen. Sie haben mich gebeten, bekannt zu machen, dass sie nähen, stricken und sticken und gern dafür bezahlt werden würden. Schickt Eure Mädchen zu ihnen in die Lehre und bezahlt sie, damit sie auf eigenen Füßen stehen können.’
Meine Großmutter schickte meine Mutter zu Marous in die Lehre, die ihr Spitzhäkeln, Sticken und Perlenarbeiten beibrachte. Alle Mädchen in Anzali ließen ihre Aussteuer besticken. Und die Bräute in vielen Familien waren jene blonden, blauäugigen Schönheiten. Als ich in der Grundschule war, hatten Houma und ein anderes Mädchen, Maryam, ihre schönen blauen Augen von ihren polnischen Großmüttern geerbt. Und jedes Mal, wenn ich ihnen in die Augen schaute, erinnerte ich mich an die Geschichten meiner Großmutter über jenen Tag…
Aber da ist eine große Frage, die mich quält: suchen nicht auch zwei Millionen Afghanen im Iran eine sichere Zuflucht? Sind wir nicht dasselbe Volk? Glaubte nicht Seyed Hashem, der alte Stadtmullah, an dasselbe wie unsere derzeitigen Herrscher? Was ist mit uns geschehen? Was haben sie uns angetan?”
Atomkrise? “Geisel”-Drama (GEISEL Drama?), “Nicht ohne meine Tochter” und “300″? Der Tropfen, der das Fass zum Überlaufen brachte, ist flach, plump, ohne jegliche tiefere Moral und heißt schlicht und einfach “300″.
Snyders Kino-”Knüller” “300″ hat die persische Seele zutiefst verletzt. Wo bei jeder anderen Volksgruppe oder Nation ein Aufschrei nachvollziehbar gewesen wäre bei solch’ grotesken Darstellungen einer alten Hochkultur; und selbst andere Nationen in die Empörung mit eingestimmt hätten, stößt der Aufschrei der Iraner auf Unverständnis - selbst in den eigenen Reihen.
Natürlich liegt man richtig in der Annahme, wenn man von verletztem Stolz, einem schwachen Selbstbewusstsein und von Identitätsproblemen der Iraner spricht - doch abgesehen davon, dass es völlig normal ist in der psychosozialen Entwicklung eines Menschen, dass sein Selbstbild unter anderem sehr stark von der Reflektion seiner sozialen Umgebung geprägt wird, wird durch diese Argumentation ein anderer Punkt in den Hintergrund gerückt, der das hauptsächliche Problem und die hauptsächliche Angst der Iraner darstellt: Die momentane weltpolitische Situation Irans - vorallem auch im Hinblick seiner kulturellen und politischen Tendenzen, deren schlechte Stellung einem Iraner die dunkle Ahnung vermittelt, als Unmenschen gesehen zu werden, die man beseitigen darf, nein sogar beseitigen muss.
Jeder Exiliraner weiß um die Vorurteile, gegen die er Zeit seines Lebens zu kämpfen hat. Angefangen mit dem “brutalen” Schah, der vom guten Westen in Zusammenarbeit mit jungen, idealistischen Iranern als Diktator enttarnt und abgesetzt wurde, bishin zu Khomeini, Betty Mahmoody und ihr brutaler Ehemann, dunklen, verschleierten Frauen, Ahmadinedschads Aussagen über das Existenzrecht Israels - die seltsamerweise erst heute solche Empörung hervorrufen, obwohl sie zu Lebzeiten Khomeini’s schon das Sprachrohr verließen -, einer eigentlich völlig legitimen in Gewahrsamnahme von 15 britischen Soldaten, die man uns in den Medien aber als “Geisel-Drama” verkaufen will (weil jedes Land seine Grenzen schützen darf, aber Iraner eben nicht), während im Irak ein Gebäude gestürmt wird und einfach 10 Iraner festgenommen werden, von denen man immernoch nicht genau weiß, was sie eigentlich angestellt haben – bishin zu den bösen, missgestalteten Monster-Persern mit ihrem durch und durch gepiercten, größenwahnsinnigen, blutrünstigen König Xerxes im Film „300“.
Nun kommt genau zu diesen Zeiten, in denen einerseits die Sturheit und der Konfrontationskurs der IRI und andererseits die Drohgebärden Bushs die Sorge um die “Unversehrtheit” Irans einen Iraner von morgens bis abends beschäftigt, ein “harmloser” Kino-Knüller, der den alten Persern eine hässliche Fratze verleiht, gegen die man mit bloßen Argumenten nicht mehr ankommt. Bilder prägen sich nun einmal mehr ein als der gescheiterte Versuch eines Iraners, in der seit solanger Zeit schon miserablen Situation seiner Heimat doch noch wenigstens das Bild der alten, zivilisierten Perser aufrechtzuerhalten. Es geht um den Kampf darum, irgendwann noch soviel Wert zu sein, dass es zu internationalen Protesten kommt, wenn Iran militärisch angegriffen wird. Es geht darum, gerade als eine Nation, die im Laufe ihrer Geschichte schon so oft durch Zensur, politische Propaganda und Gehirnwäsche mit der Hilfe von inländischen sowie ausländischen Medien ruhiggestellt oder aufgestachelt worden ist, die Kraft von Medien nicht zu verharmlosen. Wir haben das Recht, uns aufzuregen, wenn eine “witzige” Comic-Verfilmung über Spartaner und Iraner - zu diesen Zeiten der weltpolitischen Krisenherde in Nah-Ost - in der mit der Rhetorik eines Bushs jongliert wird und die Welt der Perser “dahinten” als die Welt der Sklavenhalter und Abergläubigen beschrieben wird, die es gilt, für Sparta und die Zukunft der Welt zu bekriegen, soviel Anklang findet.
Man kann es drehen und wenden wie man will, diesen Film als Fantasy Comic abtun, ihre verschwörungstheorien-belasteten Absichten als null und nichtig hinstellen, die Annahme, es handele sich bei diesem Film um anti-iranische Darstellungen auf eine emotionale Reaktion reduzieren – aber man kommt nicht umhin, sich zu fragen, warum eine Fantasy-Comic Story reale, volksbezeichnenden Begriffe wie “Perser” oder “Spartaner” gebraucht und sich nicht einfach irgendwelcher “Herr der Ringe” Begriffe.
Was ich damit sagen will: Nicht die Iraner sind es hier, die einen Film politisieren, sondern die Iraner sind es, die einen schon längst politisierten Film mit ihrem Protest ein Gegengewicht bieten. Und das ist das gute Recht der Iraner.
Zu guter Letzt möchte ich einen kleinen emotionalen Einblick in die iranische Seele geben, indem ich meine Antwort auf einen deutschen Mitmenschen aus einer Diskussion um den Film “300″ zitiere, der den “Aufstand der Iraner” um den Film nicht nachvollziehen konnte. Ich hoffe, ich kann auf diesem Wege sovielen Menschen wie möglich erklären, warum dieser Film weh tut und warum er mehr ist als nur eine wirklich schlecht gelungene Darstellung.
Auszug aus einer Diskussion:
“Ich bewundere Deinen kühlen Kopf und Deine Distanz, die Du für Dich erleben kannst, weil Dein Land und Deine Kultur die Geschichte ‘bergauf’ geht, während mein altes, schönes Land seit vielen Jahren bergab fällt. Ich beneide Dich darum, dass Du dazu erzogen wurdest, Deutschland nicht zu sehr zu lieben, da es einst Schande über Euch bereitet hat - diese, jene Liebe zur Heimat. Ich freue mich ernsthaft für Dich, dass Du heute mit Gelassenheit dabei zuschauen kannst, wie aus einer noch sehr jungen, grässlichen Vergangenheit, ein sicheres, gut organisiertes und verhältnismäßig betrachtet reiches und sicheres Land entstanden ist. Zugegeben eines, das genauso einen Scheiß Dreck gibt auf Menschenrechte außerhalb der eigenen Hemisphäre - aber immerhin sind hier die Gesetze im Land selbst menschenfreundlich (auch gegen Kinderschänder), wenn auch etwas härter zu Finanzamt-Betrügern - aber lassen wir das. Wie dem auch sei, ich freue mich für Dich, mein Freund.
Aber weißt Du was, mein Freund? Ein Iraner - die erste Hälfte seines Lebens von seinen eigenen Herrschern gedemütigt, die zweite Hälfte gedemütigt durch die Ignoranz der ganzen Welt gegenüber allen Schönheiten, die es einst mal vollbracht hat und auf eine dunkle Epoche und islamischen Fanatismus reduziert, seiner Freiheit stets durch gierige Pranken von “da draußen”, den zivilisierteren, hellhäutigeren, saubereren Menschen beraubt, einhergehend mit einer Droge besudelt, die sich religiöser Fanatismus und Geld(gier) nennt, leidend an einer schizophrenen Beziehung zu sich selbst, seinem Volk, seiner Sexualität, seinem Geschlecht, seiner Geschichte - kann diese erhabene Distanz nicht aufbringen. Kann sie nicht - schon gar nicht im Exil, mein Freund.
Schau’, mein Freund - lass’ es mich Dir bildlich erklären: Der Sturz eines Königs vom Thron lässt ihn Zeit seines Lebens wahnsinnig werden und auf seinen alten Platz starren - oder er wird gegen jeden wild und zähnefletschend kämpfen, der ihm die Erinnerung und damit jeden vorhandenen Beweis einer glorreichen Zeit seines Lebens rauben will. Mein Freund, ich beneide Dich um Deine Ruhe, um Deine weniger pathetischen und verzweifelten Gefühle; aber bitte sei so fair, mein Freund, und verlange sie nicht von ein paar gebeutelten Iranern, die jetzt nicht nur damit beschäftigt sind, das Wort Iran und das Volk Iraner zu verteidigen und in großen Ausführungen und wilder Gestik klarzumachen, dass man selbst kein Diktator ist, kein Menschenrecht-Übertreter, kein Aggressor, kein Barbar ist - sondern viel mehr die alten Werte der alten Perser in sich trägt und alles Gute und Schöne in seinen Erinnerung wach hält, um es eines Tages wieder erschaffen zu können - cool und relaxed zu bleiben, wenn wir heute jetzt sogar beim Wort ‘Perser’ erneut Energie verschwenden müssen, um mit beschränkten Worten und noch beschränkterer Zeit erklären zu können, was die Perser waren und was sie nicht waren.
Verzeih’, mein Freund. Aber erst Iran, Iraner, dann Mullahs, dann noch schnell die Perser - und irgendwann, wenn man Glück hat, kommt man zu den großen arabisch-islamischen Wissenschaftlern, die man eben durch historische Belege, die man nun mal nicht immer intus hat, wieder iranisieren muss in einem netten, kleinen Plauschgespräch, in dem man die normale Frage gestellt bekommt: ‘Woher kommst Du?’. Was ich sagen will, mein Freund: Es sind keine arabischen Zahlen, es sind Iranische. Und da das niemand weiß, mein Freund, muss ein Iraner brüllen.
Verzeih’ uns das, mein Freund. Wir beneiden Dich um Deine Coolness - aber verlange sie nicht von uns ab, denn das schaffen wir nicht. Heute schon gar nicht. Die Menschen wollen die Barbaren (mein Volk) angreifen - und wir können nichts dagegen tun, weil die Welt definiert hat, dass wir zu sein haben, was wir nicht sind: Eben Barbaren.”
In den deutschen Medien ist der Streik der Busfahrer und die brutale Verhaftung von Menschen, die sich gegen die Islamische Republik Irans auflehnten, nicht zu finden - geschweige denn ein Bericht darüber, was den Insassen für Demütigungen und Folter bevorstehen, damit sie niewieder “zuviel reden”. Nicht einmal eine Meldung am Rande ist sie wert, vielleicht in der Unterkategorie der Unterkategorie der Unterkategorie der Unterkategorie der “Internationelen Nachrichten”? - Nein. Stattdessen wird der Dacheinsturz in Polen erwähnt und im Nachhinein zur Entspannung die neue Frisur von Bill von Tokio Hotel diskutiert.
Aus diesem uns verzweifelnden und auch demütigenden Anlass heraus werden wir unsere Landsleute und anderen Iraninteressierten mit den aktuellen Ereignissen füttern, wie es nur geht. Sie aus jeder erdenklichen Perspektive, unter jeder Berücksichtigung, aus jedem noch so möglichen, wie auch unmöglichem Ansatz heraus, erklären.
Der Morgen nach dem erstickten Streik
Heute Morgen habe ich ein Interview auf “Radio Farda” gehört. In dem berichtet einer der Organisatoren des Streikes Yaghub Salimi mit verzweifelt bebender Stimme über die Ereignisse der Nacht zuvor.
„Sie haben meine Frau und meine 10-jährige Tochter mit heftigen Tritten aus dem Schlaf geweckt und mit Schlagstöcken auf sie eingeschlagen. Meine Frau umarmte das 2-jährige Kind und sah einen Beamten mit einer Spraydose in der Hand vor sich“, erklärt Salimi mit verzweifelt zitternder Stimme. „Du willst Gas sprühen? Sprüh doch! Das Kind ist zwei Jahre alte, 2″, habe seine Frau gerufen. Daraufhin hätte der Beamte das Gesicht des Kindes besprüht und verletzt.
Wissen Sie, wie ein 2 jähriges Kind aussieht, wenn es gerade aufwacht? Es hat rote, weiche Wangen und große glasige Augen. Es reibt sie sich mit seinem kleinen, geballten Fäustchen und schmiegt sich an die warme Brust der Mutter, um den anstrengenden Übergang zwischen Eindrücken der Nacht und dem hellen Morgen gut zu überstehen. Es wird langsam, aber sicher durch die vertraute Stimme der Mutter und ihren liebevollen Geruch beruhigt - und der Tag kann beginnen.
Wissen Sie denn auch, liebe Leser und Leserinnen, wie ein 2 jähriges Kind aussieht, wenn es durch die Schmerzensschreie der Mutter aufwacht, weil sie gerade von einer Horde Basijis getreten wird? Wie dieses 2 jährige Kind aussieht, wenn diese Mutter schreiend und von Todesangst befallen ihre Kinder schützt und in ihrer Naivität und Hoffnung darauf hinweist, dass die Kleine in ihren Armen erst 2 Jahre alt ist? Und wissen Sie, wie das Gesicht eines 2 jährigen Kindes aussieht, das in dem Schockzustand durch die Schreie mitten in der Nacht um 4 Uhr auffwacht? Das Spray in Augen und Nase gesprüht bekommt und an einen “unbekannten Ort” verschleppt wird?
Wissen Sie das, liebe deutsche Nachrichtenagenturen? Ist es Ihnen wirklich entfallen bei all den Recherchen darüber, wieviele deutsche Firmen tragischerweise aufgrund des störenden Atomkonfliktes nun auf der Kippe stehen?
Yaghub Salimis Frau und seine zwei Töchter befinden sich gerade an einem “unbekannten Ort” - und das hier ist die Stelle, an der viele Menschen entweder schreiend fortlaufen möchten bei dem Gedanken, was ihnen gerade widerfährt oder eben weiterhin ohne große Regung und in Resignation verharrend gar nicht daran denken, sich die Ausmaße eines einzigen Einzelschicksales auszumalen - die tiefenpsychologischen Aspekte so einer Belastung berücksichtigend, kann man sogar auch dafür Verständnis aufbringen, aber das würde hier zu weit gehen.
Cut
Gestern rief ich aus einer Sorge meine Bekannten in Teheran an. Mit aufgeregter Stimme erzählte ich über die Ereignisse in Teheran und dass ich nur nachfragen wollte, ob es dem und dem gut ginge und was los sei draußen? Die Antwort war die Antwort eines ganzen Volkes, das schon längst aufgegeben hat: “Ach was! Soetwas gibt es immerwieder! Ihr Iraner im Ausland bewertet alles über und macht es groß, es ist alles ruhig und die Unruhen sind bald zu Ende. Nicht der Rede wert. Keine Sorge.”
Was als Beruhigung dienen sollte, war für meine Wenigkeit mehr ein Schlag ins Gesicht. Wie abgestumpft ist das iranische Volk schon? Wie sehr haben sie schon auf das fundamentale Recht auf freie Meinungsäßerung, ein warmes Heim, ihren eigenen Wert vor dem Gesetz, vor dem Staat und den in der Gesellschaft schon aufgegeben? Aber was ist mit dem Recht darauf, homosexuell zu sein, ohne danach öffentlich am Kran gehängt zu werden? Was ist mit dem Recht eines Menschen, Fehler zu machen, ohne dabei gesteinigt zu werden? Was ist mit dem Recht eines Menschen, gegen die soziale Ungerechtigkeit zu kämpfen, ohne dabei “an einem unbekannten Ort” gefoltert zu werden und damit bedroht zu werden, dass “alle weiblichen Familienmitglieder vor den eigenen Augen vergewaltigt” werden? Um wieviel schlimmer müssen die Zustände werden, damit eine Schmerzgrenze erreicht ist, die alle aufschreien lässt? Kurzum: Was wird meine Bekannten in Teheran sagen lassen: “Die Lage ist wirklich besorgniserregend. Wir wissen selber nicht mehr weiter, aber es muss bald etwas geschehen. Bald, so geht das einfach nicht mehr. Wir können nicht mehr! Mein Mann hat 3 Jobs und ich arbeite auch, aber wir kommen gerade noch so über die Runden.” Was muss geschehen?
Uns Iranern wird sehr oft vorgeworfen, dass wir xenophil (gharib-parast) sind. Diese Eigenschaft zieht sich durch die ganze Geschichte unserer Kultur durch und erlaubte einigen Völkern - nicht zuletzt den Arabern - uns auszubeuten und unserer Hochkultur ein groteskes Gesicht zu verleihen. Auch noch heute sieht man zu Aschura junge Menschen, die sich für Imam Hossein, einem Araber, geißeln - aus tiefer Trauer um seinen Tod vor mehr als 1000 Jahren.
Cut
Erinnern Sie sich an meine Beschreibung oben, liebe Leser, liebe Leserinnen? An das Gesicht des 2 jährigen Kindes, das gerade aufgewacht ist? Mit den weichen, roten Wangen und den glasigen Augen. Das Kind das versucht, sich in den Tag zu orientieren nach der langen Nacht und den liebevollen Geruch der Mutter sucht? Und erinnern Sie sich an die Männer, die ihr erbarmungslos das Spray in die großen Augen und in die kleine Nase gesprüht haben? Das waren Iraner! Die Männer, die Frau und Kinder aus dem Schlaf getreten haben, waren Iraner! Die Männer, die unsere Jugendlichen öffentlich an einen Kran erhängen, waren Iraner!
Verstehen Sie jetzt, warum viele junge Menschen des iranischen Volkes xenophil sind? Warum einige von ihnen entweder insgeheim oder auch ganz offen auf den Einmarsch der Amerikaner hoffen? Die Antwort ist bitter: Weil sie selbst ihre internationalen Feinde für humaner halten als ihre “eigenen Landsleute”, als die eigenen “Volksvertreter” - selbst in einem möglichen Krieg gegen sie.
Und jetzt hören Sie sich bitte das Interview an. Das geht vorallem an Sie, liebe deutsche Nachrichtenagenturen. Vielleicht ist es Ihnen dann doch eine Nachricht wert: Interview mit Yaghub Salimi