Ich muss eigentlich lernen. Am Montag fängt schon die erste, unmenschliche Klausur an und ich weiß nicht, wie ich sie meistern soll. Aber ich lerne nicht. Ich lerne nicht, weil ich etwas nicht aus meinem Kopf kriege. Denn…
Meine Liebe sitzt gerade nicht nur in meinem Herzen, sondern in meinem Kopf und will mit mir tanzen. Sie zwickt und kneift mich schüchtern und liebevoll und will mit meinen strengen Gedanken Hand in Hand, Eins in Eins zusammen sein und sie aufweichen. Ich lächele sehnsuchtsvoll und streichele den Kopf meiner Liebe. “Weißt Du noch jene Zeiten”, sage ich… “Jene Zeiten, in denen Du nicht im totalen Widerspruch zu dieser Welt standest, weil Du für mich die Welt warst? Weil Du mein Gott warst?” Meine Liebe nickt traurig und hält ihre Augen zu, schmiegt sich an die Grenzen meines Kopfes und klopf hoffnungslos an die gut strukturierten Wände der Logik. “Was hat sich verändert? Bin ich Dir nichts mehr wert?” - Die Stimme meiner Liebe ertrinkt in ihrer eigenen Unschuld. Wie ein Kind, wie ein verlassenes Kind, schaut sie mich an und bittet darum, wieder nach Hause zu dürfen. Ich versinke in Scham vor soviel Schönheit und drücke meine verwahrloste Liebe sanft an meine Brust. “Meine Liebe… Es hat sich nichts verändert. Ich musste nur eine Welt in der realen Welt erschaffen - nur für Dich - um Dich weiter unberührt zu halten. Denn hier passt Du mit Deiner Reinheit nicht hin. Sie besudeln Dich, beschimpfen Dich als naiv, als unwahr, als unmöglich - ja, sogar auf Chemie, Biologie und Evolution reduzieren sie Dich. Du brauchst Schutz. Wir brauchen Schutz, meine Liebe.”
Meine Liebe seufzt und küsst meine Stirn. Jetzt bin ich ihr Kind und sie die große Mutter. “Denkst Du, ich bin so leicht unterzukriegen? Du hast vergessen, wer ich bin und aus welchem Stoff ich bin. Ich gehöre nicht nur Dir, Du kannst mich nicht einschließen. Lass mich überall hin, weil ich alles bin. Genauso gehöre ich nicht nur der Chemie, der Biologie, der Industrie und der Evolutionstheorie. Ich bin der Stoff, der kein Stoff ist, sondern in allem weilt. Ich bin das, was die Welt zusammen hält. Lass mich raus aus Deiner kleinen Welt, schließ mich aus Deinem Kopf nicht aus, ich verweile nicht nur in Deinem Herzen, sondern bin der Grund jedes Gedanken, den Du hegst. Selbst, wenn Du hasst, hasst Du durch mich - Deiner Liebe - heraus.”
Die Stimme meiner Liebe ist wie ein Lied - eine Melodie, mit der ich aufgewachsen bin. Die Melodie, die mit der Stimme meines Vaters, der meiner Mutter, der meines Großvaters, der meines Gottes gesungen wurde. Die Stimme aller Völker und Sternenvölker, die ein und das selbe Gefühl kennen und sich danach sehnen. Ob als Liebespaar, in Freundschaft, in Agape oder in spiritueller Liebe. Ich habe diese Melodie vermisst, denn ich hörte nur noch die Stimme der Vernunft und die Stimme der Verpflichtungen. Und jetzt, wo sie zu mir wieder spricht, schlafe ich gleich auf ihrem Schoß ein und lausche ihrer Sanftmut und Bestimmtheit, anstatt zu lernen. Dabei lerne ich soviel von ihr…
“Eine Form Deiner Kunst”, sage ich leise zu ihr, “ist der Mann, den Du zu mir geführt hast. Du hast zwei Widersprüche - ihn und mich - miteinander in verschlungener Harmonie vereint - und ich frage mich heute noch wie…”
“Nichts einfacher als das…”, summt sie weiter. “Ich bin das, was alles zusammen hält. Selbst, wenn Du hasst, hasst Du durch mich. Und was gibt es Unvereinbareres als Liebe und Hass?”
Ich habe Zeit, meine Gedanken schweifen zu lassen - und lande wieder bei der Psychophysik, dem Versuch, Wahrnehmung zu messen und zu formalisieren - und wie es sein kann, dass es immer mehr gelingt, um dann bei jedem Erfolg zehntausend neue Fragen aufzuwerfen. In den Prüfungsphasen denkt man nur an sein Fach, weil man ständig Wissen am verdauen ist - und wir scheinen ständig in einer zu sein. Meine Gedanken springen zur ROC-Kurve, Signalentdeckungstheorie, Retina, Fovea, Corpus geniculatum lateralis… Meine Augen werden müde. Im Schlaf sortiert es sich besser, weiß man. Ich muss lächeln, denn ich sterbe zwar wegen des Stress und des Leistungsdrucks, aber ich liebe es auch. Alles, was ich lese und lerne, erstaunt mich jedesmal auf’s Neue. Und ich bin sicher, dass das niemals enden wird. Niemals.
Die Musik holt mich ein, ich lande in einer angenehmen, warmen Gefühlsdunkelheit und fange an, in Gedanken mit dem Schlagzeuger um die Wette zu rennen. Augen zu, Klappe auf - die Farben kommen:
Zwischen dem 15. und 19. Lebensjahr muss ich meine mutigste, kopfloseste und draufgängerischste Phase gehabt haben. Ich hantierte erstmals mit 16 Jahren mit den Schminkutensilien meiner kleinen Schwester rum, die wohlgemerkt 8 Jahre jünger ist als ich. Sie war von Anfang an kreativer an sich selbst. Kein Wunder. Bei der Schönheit, die sie damals schon besaß, handelte es sich zwar nur noch um Nuancen, die es heimlich außerhalb von Papas Sichtweise zu verschönern galt, aber diese Nuancen ließen einen damals schon erahnen, wie atemberaubend ihr Porzellangesicht heute sein würde. Und es kam, wie es alle erahnten.
Ungeschickt zeichnete ich mir Linien auf mein Augenlid. “Wie macht Nadja das immer?”, fragte ich mich und versuchte, es ihr gleich zu tun.
Nadja. Sie war damals in meiner Parallelklasse. Eine Deutsche, die absolut Undeutsch aussah, weil sie ungarische Vorfahren hatte. Sie war eine erst unscheinbare, dann immer scheinbarere besondere Persönlichkeit, die jedoch dazu neigte, durch ihren Hang zum Wahnsinn, dem Wunsch nach ordinärer Normalität nachzukommen. Normalität hieß damals, dass sie rumlief, wie eine überaus knackige, prallbusige Tussi mit einem leichten Asislang und einer Goldkette, die den Blick der anderen direkt in ihr Dekolleté führte.
Wie wir uns kennenlernten? Ich wurde von meiner Lehrerin - mal wieder - aufgrund eines nicht mehr zu kontrollierenden Lachanfalls aus der Klasse gebeten. Als ich rauskam, sah ich, wie Nadja gegen die Tür ihrer eigenen Klasse trat und “FICK DICH” brüllte. Ohne je wirklich miteinander geredet zu haben, gingen wir aus unerklärlichen Gründen im schnellen Schritt aufeinander zu, sahen uns an und sie fing an, zu reden. Sie erzählte mir, wie ihr Klassenkamerad… ich weiß es nicht mehr genau. Aber ich erinnere mich daran, dass sie ihm die Eier abreißen wollte, wenn die Stunde vorbei war. Ich lachte lauthals und musste mich erst einmal auf den Boden setzen und mich ausruhen. Sie bäumte sich stehend vor mir auf und sah mich mit wütendem Gesicht von oben herab an und fauchte bedrohlich:
“Was gibt es denn da zu lachen, Sherry? Nimmst Du mich nicht ernst?”
Mir gingen tausend Gedanken durch den Kopf. Ich fühlte mich plötzlich in meiner Kämpferinnen-Ehre verletzt. Keine Mädchen wagte es, mir so die Stirn zu bieten - sogar die Jungs überlegten sich soetwas zehn Mal. Ich saß wie angewurzelt da und erwiderte ihren harten Blick, stand dabei langsam auf, ohne meine Augen von ihren abzuwenden und horchte ihrem Atem. Alles war still um uns herum. Ihr Blick hatte etwas von Wahnsinn. Mein Körper zerriss vor Verspannung, weil er vorbereitet war für den Fall, dass sie plötzlich zuschlagen wollte. Ihre Kiefermuskeln zuckten.
Ich weiß nicht, wie lange dieser Augenblick anhielt. Aber sie atmete plötzlich auf und fing an, zu lächeln. Schüchtern zu lächeln, und setzte damit eine so tiefe Melancholie in ihr Gesicht und in die Luft, die ich atmete, frei, dass ich mich augenblicklich freundschaftlich in sie verliebte. Erschrocken darüber, dass ich die Regung ihrer Seele sofort aufgefangen hatte, wich sie einen Schritt zurück. Ich tat es ihr gleich, doch dann machte ich einen Satz zu ihr und umarmte sie. Fest. Innig. Bindend. Einfachso.
Ob wir redeten, weiß ich nicht mehr. Eine von uns wurde von der Lehrerin reingerufen. Später erfuhr ich von ihr, dass sie danach die ganze Stunde lang ruhig in der Klasse saß und sogar diesem Idioten, der in ihrer Fantasie schon seine Eier verloren hatte, verziehen hatte.
Wir wurden Freundinnen. Wir hingen nicht den ganzen Tag miteinander ab, sondern nur sehr selten. Aber diese seltenen Treffen hatten die Magie unserer ersten Begegnung. Jedesmal. Nadja war ein sehr tiefer Mensch, der so liebte, dass es sie selbst zerfleischte. Doch sie hatte auch immer, solange ich denken kann, mit ihren grausamen Seiten zu kämpfen, die sie unterdrücken oder anders kanalisieren musste. Doch niemals war sie grausam gegen mich. Schwor sie Loyalität, so war sie es auch. Bis zur letzten Konsequenz.
Kopfloser als sie ging es nicht. Sie schmiss sich von einer Leidenschaft in die Nächste, von einer Enttäuschung in die andere, wog je nach Laune zwischen fünfzig und fünf-und-achtzig Kilo und ging sehr schamlos damit um. Sie ist die Einzige, die sich nie daran hielt, wenn ich sagte, ich mag keine spontanen Besuche. Sie klingelte Sturm, kam rein und machte sich in meinem Leben breit - egal, womit ich gerade beschäftigt war. Ob mit fluchen, aufräumen, weinen oder scheißen.
Ich erinnere mich noch, als wir BH’s anprobierten. Sie kam auf mich zu, packte in meine Brüste und sagte: “Ich will auch solche.” - Ich lachte, denn sie hatte eine herrliche Figur. Sie legte auf mein Lachen nur ihren Kopf schief und nickte mir zu.
Bei ihrem nächsten Besuch hatte sie größere Brüste und zeigte sie mir samt der kleinen OP-Narben.
Nadja liebte Kinder, wollte aber nie welche haben. “Meine Beziehungen sind zu krank”, sagte sie immer. “Außerdem wäre ich keine gute Mutter.” In dem Satz lag eine unüberwindbare, subjektive Wahrheit, die niemand zerütten konnte und die uns beide bedrückte.
Sie heiratete einen Türken, den sie vielleicht zwei Monate kannte. Diesmal kämpfte niemand um sie, wie es sonst der Fall war, sondern sie um jemanden. Deshalb wollte sie ihren neuen Besitz gleich mit dem Trauschein besiegeln - und er, verzaubert von ihr, sagte Ja. Damals war sie 19 Jahre alt, ich war ihre Trauzeugin. Neun Monate später kamen Zwillinge auf die Welt - die wohl Hübschesten, die ich jemals gesehen hatte. Ich wollte immer glauben, alles sei in Ordnung, doch so war es nicht. Nach ein paar Monaten trennten sich die Zwei “für einige Zeit”, hieß es am Anfang. Bis ich eine SMS bekam: “Ich glaube, er hat bemerkt, dass ich jemand anderen habe. Er hat die Kinder mitgenommen, ich glaube, er kommt jetzt hierhin, Sherry und bringt mich um.”
Ich rannte los, wie immer ohne Orientierungssinn und Auto, und versuchte ihre Wohnung zu erreichen. Angekommen, klingelte ich Sturm, schrie panisch, man solle die Tür aufmachen oder ich würde die Bullen rufen. Ich rannte ihre Treppen hoch, stieß die offene Türe auf, hechtete rein, sah Nadja im Schlafzimmer, sah ihren Mann vor mir - sah wieder Nadja und realisierte, dass sie auf dem Boden lag und aus irgendeiner Stelle blutete. Ich schubste ihn heftig weg und lief zu ihr hin. Sie war völlig niedergeschlagen, aber beschimpfte die Familie ihres Mannes, ohne jegliche Regung der Angst zu zeigen. Er kam bedrohlich schnell auf uns zu schlug auf sie ein. Ich sprang auf, packte ihn von hinten und wollte ihn zurückziehen - doch ich war nicht stark genug. Also packte ich ihn mit beiden Händen an seinen langen Haaren hoch und er zog mit dem Kopf mit in meine Richtung. Ich stieß ihn zu Boden, schrie ihn an, schrie schrie und schrie, er solle aufstehen, die feige Ratte solle aufstehen und kämpfen, wenn er kämpfen will!
“WENIGSTENS STEHE ICH NOCH, DU FEIGE RATTE! ALSO LOS!”
Ich bekam eine Backpfeiffe, die mich in die Ecke des Zimmers torkeln ließ. Ich war unglaublich glücklich darüber, Blut zu schmecken, das mir aus der Oberlippe auf die Zunge fiel, denn jetzt hatte ich eine Berechtigung, ihn wie ein wildes Tier anzugreifen. Und ich tat es. Ich weiß nicht mehr genau, was ich tat. Ich weiß nur, dass ich irgendwann seinen Kragen in den Händen hielt und Knöpfe auf den Boden fielen. Ich weiß noch, dass ich ihn immer wieder gegen die Wand knallte. Den ganzen Weg zur Haustür knallte ich ihn gegen irgendeine Wand und schmiss ihn raus. Ich überragte ihn nicht durch meine Kraft, doch er schien geschockt gewesen zu sein, gelähmt von soviel kranker Wut, dass er irgendwann aufgehört haben muss, Widerworte oder Gegenwehr zu leisten. Er schützte sich nur noch. Nadja hörte ich auch leise sagen.
“Wenn Du sie anpackst, bringe ich Dich um. Hörst Du?”
Wir schmissen in aus der Wohnung. Sie mit ihrer ernstgemeinten Drohung, ich mit meiner ungebändigten Wut. Als er draußen war, knallte ich die Tür zu, ging auf Nadja zu und gab ihr eine Backpfeiffe:
“Du dämliche Nutte. Kaum trennt Ihr Euch, holst du Dir einen Neuen ins Haus? Was ist mit den Zwillingen? Schämst Du Dich gar nicht?”
Zum ersten Mal senkte sie ihr Haupt und weinte bitterlich. So bitterlich, wie ich bis heute selten jemanden hab’ weinen hören. Ich hielt ihre Reue nicht aus, denn Nadja bereute nie. Ich hielt sie fest und weinte mit. So saßen wir gemeinsam da auf dem Boden, vor ihrem Kleiderschrankspiegel und redeten über alles. Gott, den Teufel, die Welt. Von ihrer Ehe, ihrer Unfähigkeit, eine gute Mutter zu sein, obwohl sie die Kinder liebte, von ihrem Mann, der sie zwar gerade verprügelt hatte, den sie aber immer noch liebte, von ihrem Entschluss, sich trotzdem scheiden zu lassen und ihm die Kinder zu überlassen.
All das geschah auch in den folgenden Monaten. Eine Nadja. Ein Wort. Sie trieb sich noch Jahre in irgendwelchen Versuchen, Fuß zu fassen, ohne dabei ihre Jugend und Wildheit zu verlieren. Und immer wieder kam sie zu mir zurück, um zu berichten, was sie erlebt hatte. Jedesmal sah sie ausgelaugter, trauriger, hoffnungsloser aus - aber immer hatte sie diesen Wahnsinn und dieses neckische Lächeln in ihrem schönen Gesicht. Und noch immer war sie eine sehr attraktive Frau. Jede Kurve an ihr ließ nicht zu, dass man ihr lange genug in die melancholischen Augen schaute. Und das machte sie unglücklich. Und je unglücklicher sie war, desto mehr takelte sie sich auf.
Die letzte Geschichte, die ich von ihr hörte war, dass sie sich in einen Iraner verliebt hatte, den sie - egal, was sie tat - einfach nicht rumkriegte. Das war für sie eine neue Erfahrung, die sie verunsicherte. Ich sollte ihr persisch beibringen, was ich auch tat. Aber es wollte ihr nicht gelingen, ihn zu bezirzen. Drei Monate nach dem gescheiterten Versuch, rief sie mich an und sagte mir, sie sei jetzt in einer psychosomatischen Klinik. Sie müsse wieder zu sich kommen und würde sich lange nicht mehr melden, weil sie Kontakt zu den Menschen abbrechen müsse, die bei ihr extreme Gefühle auslösten. Und ich sei so einer. Wir legten beide auf. Ich weinte - und ich weiß, dass auch sie weinte.
Seitdem habe ich niewieder von ihr gehört.
Dieses Lied widme ich Dir, Nadja. Es sollte nicht “Gloria” heißen, sondern Nadja. Wochenlang höre ich es und frage mich, woran mich dieser Song erinnert. Heute Nacht bekam ich die Antwort. An Dich.
Bitte komm’ zu mir zurück - gerne auch unangemeldet. Ich bin heute etwas langweiliger als damals, vernünftiger, ängstlicher. Aber Du wirst mich wieder daran erinnern, wie ich damals war, als ich noch nicht über die Konsequenzen meines Verhaltens nachdachte. Lass uns wieder alles um uns herum ins Chaos stürzen, um dann wieder liebevoll Neues zu erschaffen, Nadja. Ich warte auf Dich.
Ich habe damals immer die “Liebe” gepredigt. Ich war so überzeugt davon, dass jeder Mensch die Liebe verdient hat und Liebe verschenken kann. Ich war davon überzeugt, dass der Kern eines jeden Menschen gut ist und nur die “Umstände” einen Menschen schlecht machen. Ich war damals der Überzeugung, dass jeder Mensch mit einigen innigen, seelentiefen Umarmungen zu ändern ist - einfach zu ändern ist, indem man ihn berührt und ihm sagt, dass er etwas wert ist. Soviel wert ist.
Man kann sich gar nicht vorstellen, wie sehr ich davon überzeugt war. Während manche dachten, ich sei bescheuert, naiv oder leide an einem Helfersyndrom (ich will ja nichts davon leugnen), dachte ich, ich habe die allgemeingültige Wahrheit über das Universum gefunden: Die Liebe. Es ging soweit, dass für mich Gott & Liebe ein und das Selbe waren. Das Leben war damals schön, egal wie schwierig die Phasen sein konnten - mit der Einstellung war alles erträglich. Alles war mit einem Lächeln der Vorfreude auf später zu ertragen. Mein Fundament war so sicher, obwohl es so weich und schwebend war.
Ich war davon überzeugt, dass eines Tages alles gut wird. Ich war davon überzeugt, dass alle Wege zur Liebe (zu Gott) führen werden - manche gelangen durch Umwege dahin, manche direkt, wie in einem Labyrinth – wir suchten alle das Eine, und früher oder später würden wir es finden. Ich war davon überzeugt, dass Menschen nur füreinander da zu sein brauchen - und alles würde gut werden. Ich war davon überzeugt, wirklich davon überzeugt, ich war so überzeugt… Versteht Ihr? So tief darin verankert.
Viele Jahre sind vergangen zwischen meinem Weltbild und heute. Viele Krisen, Flüche gegen Gott, viel Wut, viel Zerstörung meiner Selbst, meiner Umgebung, meiner Cliquen - alles habe ich irgendwann kurz und klein geschlagen, weil ich es nicht mehr geschafft habe, so zu denken wie damals, weil ich zweifelte, weil ich schrie - vor Wut und Schmerz schrie und eine Antwort wollte. Eine gottverdammte Antwort. Ich wollte diese Antwort so sehr. Ich wollte, dass - wer auch immer für all das hier verantwortlich ist - sich seiner gottverdammten (nein göttlichen) Schuld stellt und Rechenschaft ablegt. Und nachdem ich ihm meine ganze Wucht in den göttlichen Bauch getreten hätte, wollte ich ihm verzeihen, ihm alles verzeihen und von ihm hören, dass er es ist. Das er da ist. Dass er die Liebe ist und ich immer Recht hatte. Dass er alles ist. Dass wir eines Tages trotzdem alle zu ihm nach Hause kommen werden, so wie ich mir das immer gewünscht habe. Er sollte meinen Kopf streicheln, während er auf seinem Schoß liegt, während ich bitterlich und doch vor Erleichterung weine. Er sollte mir sagen, dass er meine Wut versteht, aber ich irgendwann verstehen werde, warum alles so sein muss, wie es jetzt ist. Ich wollte, dass er mir erklärt, warum er zwar allmächtig ist, aber dennoch alles so erschaffen hat, wie es ist - nämlich paradiesisch und qualvoll zugleich.
Ich habe gewartet, um ihn zu schlagen um dann endlich von ihm liebevoll aufgenommen zu werden. Ich bin durch unendliche Wüsten von Zweifel und Qualen gelaufen. Ich bin aufgestanden, gegangen, in Gruben gefallen, darin erstickt - immer wieder erstickt - und habe mich wieder hoch gerangelt. Hoch gerangelt und gesagt: “Ok, ich versuche den Sinn darin zu erkennen, aber ich schaffe es nicht. REDE mit mir.”
Ich hörte nichts mehr - damals hörte ich ihn ständig - aber auf einmal war alles stumm. Stumm, und dieses Schweigen würgte mich. Würgte alles Schwarze von Außen in meine Innereien und alle Innereien würgte ich raus. Wie viele Tode starb ich? Wie viele Flüche ließ ich auf ihn los? Jede Nacht rannte ich Richtung Sterne, aber ich erreichte sie nie. Nie, sie waren unnahbar. Und ich glaubte nicht mehr. Ich glaubte nicht mehr, dass diese Sterne für uns erschaffen worden sind, damit sie unsere Herzen verzücken, damit sie uns lehren, was Schönheit ist. Und ich glaubte nicht mehr. Ich glaubte nicht mehr, dass wir erschaffen worden sind, um den Sternen Freude zu bereiten, ihnen zu zeigen, was sie aus ihren Körpern und Elementen erzeugt haben und wie schön das war, was sie aus sich herausgebiert hatten.
Ich glaubte nicht mehr - und ich tu’ es noch immer nicht, wie ich es sollte, wie ich es konnte, als ich noch in sehr reiner Form glücklich war. Doch egal, an welchen Punkt ich in meinem Leben gelange, ich komme irgendwie zurück. Ich stehe vor der Liebe - ob in personifizierter Form (Gott) oder in reiner Form - und klopfe an und will wissen. Einfach nur wissen. Ich will wissen, was es bedeutet, zu nach Hause zu kommen. In den Ursprung von allem hinein zu springen, in ihm zu ertrinken, alle Muskeln und Knochen erschlaffen zu fühlen, loszulassen, mich auf zu lösen, nicht mehr dieses belastende Ich zu sein, sondern nur ein Teil von allem. Ich will es wissen. Ich will wieder glauben, dass wir alle gut sind. Oder wenn auch nicht gut, dann doch richtig, wie wir sind. Oder wenn auch nicht richtig, so dann doch “so, wie es sein muss”…
Ich stehe vor Dir und will wieder an Dich glauben. Ich will, dass Du die Universalformel bist - die Weltformel - von der so viele reden. Ich will, dass Du dazu da bist – dass Du überhaupt bist. Ich will, dass Du mehr bist als nur ein biochemischer / hormongesteuerter Prozess in unseren Leibern. Ich will, dass Du mehr bist als nur ein aus evolutionsbiologischer Sicht vorteilhafter Trieb, um soziale Gruppen zu bilden.
Ich will, dass Du das Größte bist. Du sollst das Größte sein… Einfach das Größte, liebe Liebe.
Ich stehe vor Dir. Also mach’ auf. Und sag’ nicht, ich soll Dir aufmachen. Und wenn es doch an mir liegen sollte, dann hilf’ mir, aufzumachen. Ich stehe vor Dir… Ich warte hier. Bitte nimm’ mich auf…
Hatte ich Dir schon gesagt, dass ich Deinen Hals unwiderstehlich finde? Ich brauche ihn nur länger als zwei Sekunden anzusehen und meine Knie werden weich - und wenn ich nicht aufpassen würde, ich würde jedesmal vor Verlegenheit lachen. Ich zeige das nicht, aber Du merkst es immer daran, wenn ich Deine Fragen und Anmerkungen plötzlich nicht mehr beantworte und Dich nur anstarre. “Hallo?” höre ich Dich dann immer von weitem sagen, aber ich sehe Dich nur verwirrt an und reagiere “leicht” zeitverzögert mit einem “Ja?”.
Hatte ich Dir schon gesagt, dass - wenn ich abends auf Deiner Brust liege und ich kurz den Kopf hebe, um in Dein Gesicht zu schauen - ich in einer Perspektive liege, in der Deine Lippen und Deine stolzen Augenbrauen und dichten, geschlossenen Wimpern mir den Atem rauben? Du atmest ruhig und Deine Brust hebt und senkt sich und lädt mich wieder ein, mich drauf zu legen. Du machst die Augen auf und sagst: “Schatz, was schaust Du mich so an?” - Ein leises “Nichts” kommt aus mir heraus - manchmal antworte ich sogar gar nicht und lege mich einfach wieder auf Deine Brust und beschäftige mich mit dem Foto, das ich mit meinem inneren Auge von Dir “geknipst” habe, als ich meinen Kopf noch oben hielt und Deine Lippen, Deine Augenbrauen und diese geschlossenen Augen sah. Während Du schläfst und ich auf Dein Herz lausche, flüstere ich tausend und tausende Liebesschwüre, mache die skurrilsten gedanklichen Höhenflüge und die hellsten Zukunftspläne… Und während ich noch sage “Morgen erzähle ich ihm davon”, schlafe ich ein und erinnere mich am nächsten Tag nur noch daran, dass ich die Nacht zuvor irgendetwas schönes geträumt haben muss.
Hatte ich Dir schon gesagt, dass ich Dich immer ganz genau beobachte, wenn Du Dich um meine Familie kümmerst und die Rolle eines “ältesten Sohnes” einnimmst? Und wie sehr ich es genieße, dass Dich alle Menschen, die mir wichtig sind, einfach nur lieben? Ich bin so stolz auf Dich…
An Tagen, an denen Du nicht bei mir bist, liebe ich Dich zwar nicht mehr als sonst, aber die Gründe, warum ich es tu’, werden mir dann sehr bewusst.
Hatte ich Dir schon gesagt, dass ich heute zwei Stunden mit Deiner Mama telefoniert habe und sie von den selben negativen Eigenschaften von Dir genervt ist wie ich? Deine guten Eigenschaften sind aber so herzverzückend, dass wir über die Schlechten nur glücklich lachen konnten.
Hatte ich Dir schon gesagt, dass ich Dich… Ja, das hatte ich schon.
Denkst Du, ich vergesse all die Tage, an denen wir schweigend durch den Regen liefen und einander wortlos Fragen stellten, von denen wir wussten, dass keiner von uns sie je in Worte pressen, geschweige denn beantworten könnte? Hoffnungsvoll schautest Du mich dennoch bei jeder nicht ausgesprochenen Frage an - in der Hoffnung, ich sei wirklich so weise, wie Du immer dachtest. Doch ich bin nicht weise, sonst würde ich nicht fragen. Fragen, wie Du diese Tage nur vergessen konntest.
Deine wilden Locken passten sich immer Deiner Stimmung an. Wenn Du aus Nachdenklichkeit in Dir versunken warst, sanken Deine Locken mit und legten sich eng an Dein Haupt. Warst Du traurig, hingen sie matt, erschlafft und dennoch ruhelos Dein Gesicht herunter. In Deiner Freude wippten und glänzten sie wie Deine Augen - und in Deiner Wut brausten sie auf und schlugen wie wild um sich.
Denkst Du, ich vergesse all die Tage, in denen wir Stunden um Stunden Zukunftspläne schmiedeten, um unserer Gegenwart zu entkommen? Nein, das waren keine Pläne, das waren Kunstwerke, die wir malten. Wir klatschten Farben auf eine große Spielwiese, hockten uns rein, schmierten und gaben unseren Träumen Formen und wilde Farben, die wir lachend wieder verwischten, um neue zu malen. Am Ende lagen wir mittendrin, kurz der Illusion verfallen, schon morgen unser gemaltes Morgen haben zu dürfen. Wälzten wir uns nicht in den Farben rum, sogar dann noch, wenn wir erwachten und merkten, wie wir im dunklen Dreck lagen? - Doch lachend weinten wir. Denn lachend weinten wir…
Denkst Du, ich vergesse das Spiel unserer tanzenden Augen, wie sie miteinander spielten - selbst, wenn wir mürrisch und sauer aufeinander nebeneinander saßen und Deine kleinen Hände meine Sturheit rüttelten, “Sherryyy” riefen und forderten, ich solle wieder reden? Ich sah ich Dich nicht immer pseudo-genervt an und drückte müde lächelnd Deine Hand?
Denkst Du, ich denke nicht einen einzigen Tag daran, dass Du kurz nach dem Schwarz meines Lebens das Schwarz Deines Lebens erlebtest und wie auch ich heute noch davon geschlagen und getreten wirst? Denkst Du, ich vergesse?
Nein. Ich vergesse nicht. Aber Du. Du vergisst. Du drehst Dich um, gehst, verlierst kein Wort, schaust nicht zurück - und wenn, dann lässt Du es mich nicht sehen. Du vergisst, Du kehrst mir den Rücken und verlässt immer und immer wieder Deine kleinere Heimat. Du vergisst - Du vergisst einfach, wie wir unsere Hände miteinander verglichen und darüber lachten, wie klein sie sind und wie fordernd sie umher durch das Leben greifen (und sich immer wieder verbrennen) - nicht wie die Hände einer eitlen, herrschsüchtigen Frau, sondern wie die Hände eines Kindes. Du vergisst.
Doch ich, ich vergesse nicht. Weder all die gemeinsamen Fluchtversuche durch den Regen tief in unsere Farben hinein, noch Deinen Verrat. Noch Deinen Verrat. Ich vergesse nicht…