Tatsache ist: Hätte man mich damals als Vierzehnjährige gefragt, was ich später gerne werden würde, hätte ich - wenn ich denn ehrlich gewesen wäre - geantwortet: “Ich möchte gerne kriminell werden. Ja. Ich möchte eine Meisterdiebin sein, die schön, beweglich und stark ist, und mit meiner Gang sämtliche reiche Museen oder Leute ausrauben und durch die Armenhäuser verteilen. Gerne behalte ich auch das eine oder andere schöne Schmuckstück für mich. Von irgend etwas müssen wir uns ja die High-Tech Utensilien für unsere kriminellen Wohltaten finanzieren, finden Sie denn nicht, lieber Interviewer?” - “Ja”, hätte er wohl geantwortet. “Gewiss, Frau Sherry. Was für ein guter Mensch Sie doch sind. Und so abenteuerlustig und idealistisch.” Was hätte er sonst antworten sollen? “Ist doch einfach nur edel mein Berufswunsch, oder?”, hätte ich damals gedacht. Ich war komplett davon überzeugt, dass das Geld von extrem reichen Menschen niemals in einer angemessenen Relation zu ihrer Arbeit stehen konnte. Soviel kann ein Mensch gar nicht arbeiten, als dass er als Milliardär ein Existenzrecht hätte. Schon gar nicht, wenn andere neben ihm hungern und verzweifelt nach den 10$ suchen, die sie und ihre Kinder satt machen. Arbeitete dieser Mensch denn soviel weniger? Die geschwielten Hände sprachen meist eine andere Sprache.
Denke ich heute wirklich anders? Wenn ich Euch sagen würde, dass ich es nicht tu’, würdet Ihr mich für moralisch verdorben halten? Wenn ja, sei es drum. Denn würde mich heute jemand fragen, was ich denn gerne tun würde, wenn ich könnte, ich würde - wäre ich denn ehrlich - die selbe Antwort geben. “Ich möchte gerne kriminell werden.”
Ich wollte immer werden wie der hier, nur in weiblich, schön und mit langen, schwarzen Haaren. Genießt dieses Stück meiner geheimen Jugendträume. Es ist wirklich eine Gute-Laune-Szene:
Die Menschen verändern sich im Laufe ihres Lebens. Sie lassen einander im besten Fall allein - im schlimmsten Fall aber ins offene Messer laufen. Die Entfremdung von damals nahestehenden Personen, mit denen man alles geteilt hat, erleidet man oft stumm, um sich windend und einsam. “Bloß nicht darüber sprechen”, denkt man sich und hält dem darauf folgenden Gedanken schon den Mund brutal zu: “Wffwfffwfffffawaff Hmmmpffff” (”Was, wenn ich mir das nämlich doch nicht nur einbilde und so eine “Aussprache” mit dem anderen genau das bestätigt, was ich denke und fühle? - Nämlich, dass wir nichts mehr miteinander anfangen können?”) - Ja, vermutlich käme man in einem Dialog zu genau diesem Ergebnis. Und das will man nicht. Zumindest noch nicht. Nicht, bevor man nicht einen anderen Weg gefunden hat, mit dieser Entfremdung klar zu kommen. Also geht man auf die Suche nach dem großen Verbandskasten, der einem die alte, heile Welt ins neue Leben zurück bringt. Und dann scheitert man. Man gibt nicht auf und scheitert wieder.
Das kennt Ihr doch auch. Ihr schildert einem alten Freund markerschütternde Gefühle, ohne dieses Gefühl selbst in seiner eigenen Dimension offenbaren zu können. Von Euch selbst weggespalten, hantiert Ihr mit Händen, Füßen und Mimik, um einen nicht-begreifbaren Zustand Eures Gemüts begreifbar zu machen - und erkennt mitten in Eurem Vorhaben, wie sinnlos das ist. Denn damals hat er Euch ohne all diese Hampeleien verstanden. Keine Worte zu finden, war kein Problem - im Gegenteil - sie zu finden, störte das Einvernehmen von Herz zu Herz viel mehr als blick- und bedeutungsschwangeres Schweigen. - Ihr wehrt den Gedanken ab. In der Erwartung dieser vertrauten, verständnisvollen Umarmung ferner Zeiten, strampelt Ihr weiter. Mit geschlossenen Augen rennt Ihr. Alles Reale verneinend und alles Illusionsbestätigende fixierend, hechtet Ihr in die Richtung dieser wohligen, vertrauten Umarmung Eures Freundes und scheitert an hartem Beton. Schreckgepeinigt öffnet Ihr Eure Augen und seht keine Regung in seinem unwissenden Gesicht. Nicht aus Böswilligkeit oder harter Ignoranz, sondern aufgrund der Tatsache, dass einmal Ihr und einmal Euer Freund sich verändert hat. Seine Fühler greifen nicht mehr nach Eurem Atem - und Euer Atem weht in eine völlig andere Richtung, nur nicht zu ihm. Ihr-und-Er-Passung, die damals funktionierte wie ein Schlüssel zum Schloss, sind verschoben, verschroben, verrückt und ver-allest. Keine Passung, keine Begegnung. Keine Begegnung, keine Umarmung.
Ein paar Mal macht Ihr das mit. Dann ergebt Ihr Euch dieser Entfremdung. Bei neuen Bekanntschaften, bricht man sie einfach ab. Daran ist nichts schwer. Bei uralten Freunden jedoch verweilt man in der Misere, denn die Liebe diktiert Euch, an Eurem Platz zu bleiben. Stille Vorwürfe gegen die andere Person werden mal größer, mal kleiner. Aber tendenziell immer barscher, wenn auch leiser (weil sinnloser). Man will weder bleiben, noch gehen. Aber Bleiben ist noch einwenig erträglicher. Also verweilt man, sieht ratlos aneinander vorbei, schweigt sich weiter tratschend an und erträgt kauernd die durch Mark und Bein ziehende Brise zwischen zwei Herzen, die einst aneinander gelabt waren. Und friert. Immer in der Hoffnung, dass es irgendwann ein Zurück geben wird. Wenn das nicht Freundschaft ist - was dann?
Ich habe Zeit, meine Gedanken schweifen zu lassen - und lande wieder bei der Psychophysik, dem Versuch, Wahrnehmung zu messen und zu formalisieren - und wie es sein kann, dass es immer mehr gelingt, um dann bei jedem Erfolg zehntausend neue Fragen aufzuwerfen. In den Prüfungsphasen denkt man nur an sein Fach, weil man ständig Wissen am verdauen ist - und wir scheinen ständig in einer zu sein. Meine Gedanken springen zur ROC-Kurve, Signalentdeckungstheorie, Retina, Fovea, Corpus geniculatum lateralis… Meine Augen werden müde. Im Schlaf sortiert es sich besser, weiß man. Ich muss lächeln, denn ich sterbe zwar wegen des Stress und des Leistungsdrucks, aber ich liebe es auch. Alles, was ich lese und lerne, erstaunt mich jedesmal auf’s Neue. Und ich bin sicher, dass das niemals enden wird. Niemals.
Die Musik holt mich ein, ich lande in einer angenehmen, warmen Gefühlsdunkelheit und fange an, in Gedanken mit dem Schlagzeuger um die Wette zu rennen. Augen zu, Klappe auf - die Farben kommen:
Zwischen dem 15. und 19. Lebensjahr muss ich meine mutigste, kopfloseste und draufgängerischste Phase gehabt haben. Ich hantierte erstmals mit 16 Jahren mit den Schminkutensilien meiner kleinen Schwester rum, die wohlgemerkt 8 Jahre jünger ist als ich. Sie war von Anfang an kreativer an sich selbst. Kein Wunder. Bei der Schönheit, die sie damals schon besaß, handelte es sich zwar nur noch um Nuancen, die es heimlich außerhalb von Papas Sichtweise zu verschönern galt, aber diese Nuancen ließen einen damals schon erahnen, wie atemberaubend ihr Porzellangesicht heute sein würde. Und es kam, wie es alle erahnten.
Ungeschickt zeichnete ich mir Linien auf mein Augenlid. “Wie macht Nadja das immer?”, fragte ich mich und versuchte, es ihr gleich zu tun.
Nadja. Sie war damals in meiner Parallelklasse. Eine Deutsche, die absolut Undeutsch aussah, weil sie ungarische Vorfahren hatte. Sie war eine erst unscheinbare, dann immer scheinbarere besondere Persönlichkeit, die jedoch dazu neigte, durch ihren Hang zum Wahnsinn, dem Wunsch nach ordinärer Normalität nachzukommen. Normalität hieß damals, dass sie rumlief, wie eine überaus knackige, prallbusige Tussi mit einem leichten Asislang und einer Goldkette, die den Blick der anderen direkt in ihr Dekolleté führte.
Wie wir uns kennenlernten? Ich wurde von meiner Lehrerin - mal wieder - aufgrund eines nicht mehr zu kontrollierenden Lachanfalls aus der Klasse gebeten. Als ich rauskam, sah ich, wie Nadja gegen die Tür ihrer eigenen Klasse trat und “FICK DICH” brüllte. Ohne je wirklich miteinander geredet zu haben, gingen wir aus unerklärlichen Gründen im schnellen Schritt aufeinander zu, sahen uns an und sie fing an, zu reden. Sie erzählte mir, wie ihr Klassenkamerad… ich weiß es nicht mehr genau. Aber ich erinnere mich daran, dass sie ihm die Eier abreißen wollte, wenn die Stunde vorbei war. Ich lachte lauthals und musste mich erst einmal auf den Boden setzen und mich ausruhen. Sie bäumte sich stehend vor mir auf und sah mich mit wütendem Gesicht von oben herab an und fauchte bedrohlich:
“Was gibt es denn da zu lachen, Sherry? Nimmst Du mich nicht ernst?”
Mir gingen tausend Gedanken durch den Kopf. Ich fühlte mich plötzlich in meiner Kämpferinnen-Ehre verletzt. Keine Mädchen wagte es, mir so die Stirn zu bieten - sogar die Jungs überlegten sich soetwas zehn Mal. Ich saß wie angewurzelt da und erwiderte ihren harten Blick, stand dabei langsam auf, ohne meine Augen von ihren abzuwenden und horchte ihrem Atem. Alles war still um uns herum. Ihr Blick hatte etwas von Wahnsinn. Mein Körper zerriss vor Verspannung, weil er vorbereitet war für den Fall, dass sie plötzlich zuschlagen wollte. Ihre Kiefermuskeln zuckten.
Ich weiß nicht, wie lange dieser Augenblick anhielt. Aber sie atmete plötzlich auf und fing an, zu lächeln. Schüchtern zu lächeln, und setzte damit eine so tiefe Melancholie in ihr Gesicht und in die Luft, die ich atmete, frei, dass ich mich augenblicklich freundschaftlich in sie verliebte. Erschrocken darüber, dass ich die Regung ihrer Seele sofort aufgefangen hatte, wich sie einen Schritt zurück. Ich tat es ihr gleich, doch dann machte ich einen Satz zu ihr und umarmte sie. Fest. Innig. Bindend. Einfachso.
Ob wir redeten, weiß ich nicht mehr. Eine von uns wurde von der Lehrerin reingerufen. Später erfuhr ich von ihr, dass sie danach die ganze Stunde lang ruhig in der Klasse saß und sogar diesem Idioten, der in ihrer Fantasie schon seine Eier verloren hatte, verziehen hatte.
Wir wurden Freundinnen. Wir hingen nicht den ganzen Tag miteinander ab, sondern nur sehr selten. Aber diese seltenen Treffen hatten die Magie unserer ersten Begegnung. Jedesmal. Nadja war ein sehr tiefer Mensch, der so liebte, dass es sie selbst zerfleischte. Doch sie hatte auch immer, solange ich denken kann, mit ihren grausamen Seiten zu kämpfen, die sie unterdrücken oder anders kanalisieren musste. Doch niemals war sie grausam gegen mich. Schwor sie Loyalität, so war sie es auch. Bis zur letzten Konsequenz.
Kopfloser als sie ging es nicht. Sie schmiss sich von einer Leidenschaft in die Nächste, von einer Enttäuschung in die andere, wog je nach Laune zwischen fünfzig und fünf-und-achtzig Kilo und ging sehr schamlos damit um. Sie ist die Einzige, die sich nie daran hielt, wenn ich sagte, ich mag keine spontanen Besuche. Sie klingelte Sturm, kam rein und machte sich in meinem Leben breit - egal, womit ich gerade beschäftigt war. Ob mit fluchen, aufräumen, weinen oder scheißen.
Ich erinnere mich noch, als wir BH’s anprobierten. Sie kam auf mich zu, packte in meine Brüste und sagte: “Ich will auch solche.” - Ich lachte, denn sie hatte eine herrliche Figur. Sie legte auf mein Lachen nur ihren Kopf schief und nickte mir zu.
Bei ihrem nächsten Besuch hatte sie größere Brüste und zeigte sie mir samt der kleinen OP-Narben.
Nadja liebte Kinder, wollte aber nie welche haben. “Meine Beziehungen sind zu krank”, sagte sie immer. “Außerdem wäre ich keine gute Mutter.” In dem Satz lag eine unüberwindbare, subjektive Wahrheit, die niemand zerütten konnte und die uns beide bedrückte.
Sie heiratete einen Türken, den sie vielleicht zwei Monate kannte. Diesmal kämpfte niemand um sie, wie es sonst der Fall war, sondern sie um jemanden. Deshalb wollte sie ihren neuen Besitz gleich mit dem Trauschein besiegeln - und er, verzaubert von ihr, sagte Ja. Damals war sie 19 Jahre alt, ich war ihre Trauzeugin. Neun Monate später kamen Zwillinge auf die Welt - die wohl Hübschesten, die ich jemals gesehen hatte. Ich wollte immer glauben, alles sei in Ordnung, doch so war es nicht. Nach ein paar Monaten trennten sich die Zwei “für einige Zeit”, hieß es am Anfang. Bis ich eine SMS bekam: “Ich glaube, er hat bemerkt, dass ich jemand anderen habe. Er hat die Kinder mitgenommen, ich glaube, er kommt jetzt hierhin, Sherry und bringt mich um.”
Ich rannte los, wie immer ohne Orientierungssinn und Auto, und versuchte ihre Wohnung zu erreichen. Angekommen, klingelte ich Sturm, schrie panisch, man solle die Tür aufmachen oder ich würde die Bullen rufen. Ich rannte ihre Treppen hoch, stieß die offene Türe auf, hechtete rein, sah Nadja im Schlafzimmer, sah ihren Mann vor mir - sah wieder Nadja und realisierte, dass sie auf dem Boden lag und aus irgendeiner Stelle blutete. Ich schubste ihn heftig weg und lief zu ihr hin. Sie war völlig niedergeschlagen, aber beschimpfte die Familie ihres Mannes, ohne jegliche Regung der Angst zu zeigen. Er kam bedrohlich schnell auf uns zu schlug auf sie ein. Ich sprang auf, packte ihn von hinten und wollte ihn zurückziehen - doch ich war nicht stark genug. Also packte ich ihn mit beiden Händen an seinen langen Haaren hoch und er zog mit dem Kopf mit in meine Richtung. Ich stieß ihn zu Boden, schrie ihn an, schrie schrie und schrie, er solle aufstehen, die feige Ratte solle aufstehen und kämpfen, wenn er kämpfen will!
“WENIGSTENS STEHE ICH NOCH, DU FEIGE RATTE! ALSO LOS!”
Ich bekam eine Backpfeiffe, die mich in die Ecke des Zimmers torkeln ließ. Ich war unglaublich glücklich darüber, Blut zu schmecken, das mir aus der Oberlippe auf die Zunge fiel, denn jetzt hatte ich eine Berechtigung, ihn wie ein wildes Tier anzugreifen. Und ich tat es. Ich weiß nicht mehr genau, was ich tat. Ich weiß nur, dass ich irgendwann seinen Kragen in den Händen hielt und Knöpfe auf den Boden fielen. Ich weiß noch, dass ich ihn immer wieder gegen die Wand knallte. Den ganzen Weg zur Haustür knallte ich ihn gegen irgendeine Wand und schmiss ihn raus. Ich überragte ihn nicht durch meine Kraft, doch er schien geschockt gewesen zu sein, gelähmt von soviel kranker Wut, dass er irgendwann aufgehört haben muss, Widerworte oder Gegenwehr zu leisten. Er schützte sich nur noch. Nadja hörte ich auch leise sagen.
“Wenn Du sie anpackst, bringe ich Dich um. Hörst Du?”
Wir schmissen in aus der Wohnung. Sie mit ihrer ernstgemeinten Drohung, ich mit meiner ungebändigten Wut. Als er draußen war, knallte ich die Tür zu, ging auf Nadja zu und gab ihr eine Backpfeiffe:
“Du dämliche Nutte. Kaum trennt Ihr Euch, holst du Dir einen Neuen ins Haus? Was ist mit den Zwillingen? Schämst Du Dich gar nicht?”
Zum ersten Mal senkte sie ihr Haupt und weinte bitterlich. So bitterlich, wie ich bis heute selten jemanden hab’ weinen hören. Ich hielt ihre Reue nicht aus, denn Nadja bereute nie. Ich hielt sie fest und weinte mit. So saßen wir gemeinsam da auf dem Boden, vor ihrem Kleiderschrankspiegel und redeten über alles. Gott, den Teufel, die Welt. Von ihrer Ehe, ihrer Unfähigkeit, eine gute Mutter zu sein, obwohl sie die Kinder liebte, von ihrem Mann, der sie zwar gerade verprügelt hatte, den sie aber immer noch liebte, von ihrem Entschluss, sich trotzdem scheiden zu lassen und ihm die Kinder zu überlassen.
All das geschah auch in den folgenden Monaten. Eine Nadja. Ein Wort. Sie trieb sich noch Jahre in irgendwelchen Versuchen, Fuß zu fassen, ohne dabei ihre Jugend und Wildheit zu verlieren. Und immer wieder kam sie zu mir zurück, um zu berichten, was sie erlebt hatte. Jedesmal sah sie ausgelaugter, trauriger, hoffnungsloser aus - aber immer hatte sie diesen Wahnsinn und dieses neckische Lächeln in ihrem schönen Gesicht. Und noch immer war sie eine sehr attraktive Frau. Jede Kurve an ihr ließ nicht zu, dass man ihr lange genug in die melancholischen Augen schaute. Und das machte sie unglücklich. Und je unglücklicher sie war, desto mehr takelte sie sich auf.
Die letzte Geschichte, die ich von ihr hörte war, dass sie sich in einen Iraner verliebt hatte, den sie - egal, was sie tat - einfach nicht rumkriegte. Das war für sie eine neue Erfahrung, die sie verunsicherte. Ich sollte ihr persisch beibringen, was ich auch tat. Aber es wollte ihr nicht gelingen, ihn zu bezirzen. Drei Monate nach dem gescheiterten Versuch, rief sie mich an und sagte mir, sie sei jetzt in einer psychosomatischen Klinik. Sie müsse wieder zu sich kommen und würde sich lange nicht mehr melden, weil sie Kontakt zu den Menschen abbrechen müsse, die bei ihr extreme Gefühle auslösten. Und ich sei so einer. Wir legten beide auf. Ich weinte - und ich weiß, dass auch sie weinte.
Seitdem habe ich niewieder von ihr gehört.
Dieses Lied widme ich Dir, Nadja. Es sollte nicht “Gloria” heißen, sondern Nadja. Wochenlang höre ich es und frage mich, woran mich dieser Song erinnert. Heute Nacht bekam ich die Antwort. An Dich.
Bitte komm’ zu mir zurück - gerne auch unangemeldet. Ich bin heute etwas langweiliger als damals, vernünftiger, ängstlicher. Aber Du wirst mich wieder daran erinnern, wie ich damals war, als ich noch nicht über die Konsequenzen meines Verhaltens nachdachte. Lass uns wieder alles um uns herum ins Chaos stürzen, um dann wieder liebevoll Neues zu erschaffen, Nadja. Ich warte auf Dich.
Ich habe damals immer die “Liebe” gepredigt. Ich war so überzeugt davon, dass jeder Mensch die Liebe verdient hat und Liebe verschenken kann. Ich war davon überzeugt, dass der Kern eines jeden Menschen gut ist und nur die “Umstände” einen Menschen schlecht machen. Ich war damals der Überzeugung, dass jeder Mensch mit einigen innigen, seelentiefen Umarmungen zu ändern ist - einfach zu ändern ist, indem man ihn berührt und ihm sagt, dass er etwas wert ist. Soviel wert ist.
Man kann sich gar nicht vorstellen, wie sehr ich davon überzeugt war. Während manche dachten, ich sei bescheuert, naiv oder leide an einem Helfersyndrom (ich will ja nichts davon leugnen), dachte ich, ich habe die allgemeingültige Wahrheit über das Universum gefunden: Die Liebe. Es ging soweit, dass für mich Gott & Liebe ein und das Selbe waren. Das Leben war damals schön, egal wie schwierig die Phasen sein konnten - mit der Einstellung war alles erträglich. Alles war mit einem Lächeln der Vorfreude auf später zu ertragen. Mein Fundament war so sicher, obwohl es so weich und schwebend war.
Ich war davon überzeugt, dass eines Tages alles gut wird. Ich war davon überzeugt, dass alle Wege zur Liebe (zu Gott) führen werden - manche gelangen durch Umwege dahin, manche direkt, wie in einem Labyrinth – wir suchten alle das Eine, und früher oder später würden wir es finden. Ich war davon überzeugt, dass Menschen nur füreinander da zu sein brauchen - und alles würde gut werden. Ich war davon überzeugt, wirklich davon überzeugt, ich war so überzeugt… Versteht Ihr? So tief darin verankert.
Viele Jahre sind vergangen zwischen meinem Weltbild und heute. Viele Krisen, Flüche gegen Gott, viel Wut, viel Zerstörung meiner Selbst, meiner Umgebung, meiner Cliquen - alles habe ich irgendwann kurz und klein geschlagen, weil ich es nicht mehr geschafft habe, so zu denken wie damals, weil ich zweifelte, weil ich schrie - vor Wut und Schmerz schrie und eine Antwort wollte. Eine gottverdammte Antwort. Ich wollte diese Antwort so sehr. Ich wollte, dass - wer auch immer für all das hier verantwortlich ist - sich seiner gottverdammten (nein göttlichen) Schuld stellt und Rechenschaft ablegt. Und nachdem ich ihm meine ganze Wucht in den göttlichen Bauch getreten hätte, wollte ich ihm verzeihen, ihm alles verzeihen und von ihm hören, dass er es ist. Das er da ist. Dass er die Liebe ist und ich immer Recht hatte. Dass er alles ist. Dass wir eines Tages trotzdem alle zu ihm nach Hause kommen werden, so wie ich mir das immer gewünscht habe. Er sollte meinen Kopf streicheln, während er auf seinem Schoß liegt, während ich bitterlich und doch vor Erleichterung weine. Er sollte mir sagen, dass er meine Wut versteht, aber ich irgendwann verstehen werde, warum alles so sein muss, wie es jetzt ist. Ich wollte, dass er mir erklärt, warum er zwar allmächtig ist, aber dennoch alles so erschaffen hat, wie es ist - nämlich paradiesisch und qualvoll zugleich.
Ich habe gewartet, um ihn zu schlagen um dann endlich von ihm liebevoll aufgenommen zu werden. Ich bin durch unendliche Wüsten von Zweifel und Qualen gelaufen. Ich bin aufgestanden, gegangen, in Gruben gefallen, darin erstickt - immer wieder erstickt - und habe mich wieder hoch gerangelt. Hoch gerangelt und gesagt: “Ok, ich versuche den Sinn darin zu erkennen, aber ich schaffe es nicht. REDE mit mir.”
Ich hörte nichts mehr - damals hörte ich ihn ständig - aber auf einmal war alles stumm. Stumm, und dieses Schweigen würgte mich. Würgte alles Schwarze von Außen in meine Innereien und alle Innereien würgte ich raus. Wie viele Tode starb ich? Wie viele Flüche ließ ich auf ihn los? Jede Nacht rannte ich Richtung Sterne, aber ich erreichte sie nie. Nie, sie waren unnahbar. Und ich glaubte nicht mehr. Ich glaubte nicht mehr, dass diese Sterne für uns erschaffen worden sind, damit sie unsere Herzen verzücken, damit sie uns lehren, was Schönheit ist. Und ich glaubte nicht mehr. Ich glaubte nicht mehr, dass wir erschaffen worden sind, um den Sternen Freude zu bereiten, ihnen zu zeigen, was sie aus ihren Körpern und Elementen erzeugt haben und wie schön das war, was sie aus sich herausgebiert hatten.
Ich glaubte nicht mehr - und ich tu’ es noch immer nicht, wie ich es sollte, wie ich es konnte, als ich noch in sehr reiner Form glücklich war. Doch egal, an welchen Punkt ich in meinem Leben gelange, ich komme irgendwie zurück. Ich stehe vor der Liebe - ob in personifizierter Form (Gott) oder in reiner Form - und klopfe an und will wissen. Einfach nur wissen. Ich will wissen, was es bedeutet, zu nach Hause zu kommen. In den Ursprung von allem hinein zu springen, in ihm zu ertrinken, alle Muskeln und Knochen erschlaffen zu fühlen, loszulassen, mich auf zu lösen, nicht mehr dieses belastende Ich zu sein, sondern nur ein Teil von allem. Ich will es wissen. Ich will wieder glauben, dass wir alle gut sind. Oder wenn auch nicht gut, dann doch richtig, wie wir sind. Oder wenn auch nicht richtig, so dann doch “so, wie es sein muss”…
Ich stehe vor Dir und will wieder an Dich glauben. Ich will, dass Du die Universalformel bist - die Weltformel - von der so viele reden. Ich will, dass Du dazu da bist – dass Du überhaupt bist. Ich will, dass Du mehr bist als nur ein biochemischer / hormongesteuerter Prozess in unseren Leibern. Ich will, dass Du mehr bist als nur ein aus evolutionsbiologischer Sicht vorteilhafter Trieb, um soziale Gruppen zu bilden.
Ich will, dass Du das Größte bist. Du sollst das Größte sein… Einfach das Größte, liebe Liebe.
Ich stehe vor Dir. Also mach’ auf. Und sag’ nicht, ich soll Dir aufmachen. Und wenn es doch an mir liegen sollte, dann hilf’ mir, aufzumachen. Ich stehe vor Dir… Ich warte hier. Bitte nimm’ mich auf…